Eine Kurzgeschichte beginnen

  • Hier in Paderborn gibt's eine ausgegliederte städtische IT-Bibliothek. Mit allen möglichen und unmöglichen Sprachen.

    Aber seit mir kürzlich jemand erzählt hat, dass er mittlerweile mit virtuellen Rechnern programmieren muss, die nach Projektende firmenintern eingestampft werden, um Fehler zu vermeiden, habe ich jegliches Interesse am Fachbereich verloren. ^^


    Das war mehr oder weniger Off-topic, shame on me. Aber die Frage wurde ja bereits beantwortet. :)

  • Hallo Isabel,

    das ist spannend. Ich glaube auch, dass das mit Romanen und Kurzgeschichten grundlegend anders läuft.

    Bei Kurzgeschichten reicht mir häufig eine Idee, eine Person, eine Szene, vielleicht eine komische Verknüpfung oder sowas. Und genau wie du es beschrieben hast - ich setze mich hin und schreibe was und dann entsteht die Geschichte fast wie von selbst. Meistens hängt dann nach ein paar Tagen ein Projekt halbfertig in der Luft und ich muss ein bisschen puzzeln, um das eine schlüssige Ende zu finden, das da irgendwo verborgen liegt, und dann mache ich es fertig. Meistens jedenfalls. Ich habe auch noch eine Menge halbfertiger Projekte in der Schublade.


    Romane sind anders. Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass Romane etwas für Menschen sind, die auch aus eigenem Antrieb ihre Steuererklärung rechtzeitig fertig machen. Ich bin nicht so.

    “Life presents us with enough fucked up opportunities to be evaluated, graded, and all the rest. Don’t do that in your hobby. Don’t attach your self worth to that shit. Michael Seguin

    2 Mal editiert, zuletzt von Nils () aus folgendem Grund: Schiefe Bilder, Rechtschreibfehler und so weiter.

  • Romane sind anders. Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass Romane etwas für Menschen sind, die auch aus eigenem Antrieb ihre Steuererklärung rechtzeitig fertig machen. Ich bin nicht so.

    Ich bekomme meine Steuererklärung immer erst auf den letzten Drücker fertig und oft genug brauche ich dazu noch Hilfe (und wenn es der berühmte Arschtritt ist). Romane habe ich aber auch schon fertig bekommen. Daran kann es allerdings nicht liegen. Ich meine - da solltest Du Deine Haltung noch einmal überprüfen. Wenn man immer wieder vor einer Mauer steht, auf dem Weg, den man langwill, wird es Zeit, einmal über alternative Wege nachzudenken.

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Sagen und Legenden aus Baden

    ASIN/ISBN: 3955403823


    Wir haben sogar Bücher zuzm Totlachen aufzuweisen, von denen ich wünschte, dass die Verfasser die erste Probe an sich gemacht hätten!.
    Carl Julius Weber

    aus: Demokritos


  • da solltest Du Deine Haltung noch einmal überprüfen

    Ist gut und ist auch richtig.

    Sorry Isabel, ich wollte den Thread nicht kapern. Nur etwas scherzen.

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  • Kurzgeschichten sind keine leichteren Romane. Die Form ist anders und auf andere Weise anspruchsvoll. Und einen Roman muss man ja nicht innerhalb weniger Tage fertigschreiben - es gibt Leute, die arbeiten jahrelang an Langtexten, die leben für lange Zeit mit ihren Figuren und schöpfen genau daraus Kraft. Andere brauchen drei Wochen für vierhundert Seiten. Aber es ist nicht die Länge, die einen Roman ausmacht. Oder ihn von einer Kurzgeschichte unterscheidet. Jedenfalls nicht nur. Romane sind keine langen Kurzgeschichten, und umgekehrt.

  • Sorry Isabel, ich wollte den Thread nicht kapern. Nur etwas scherzen.

    hehe. Ich freue mich, dass meine Frage hier zu einer regen Diskussion angestoßen hat.

    Romane sind keine langen Kurzgeschichten, und umgekehrt.

    So hatte ich es bisher auch verstanden. Quasi zwei paar Schuhe - und beides will geübt sein. Zu der Frage, wie ich einen Roman anfange, komme ich dann, wenn es soweit ist ;)

  • Was danach geschieht, entzieht sich überwiegend (> 85%) meiner bewussten Kontrolle.

    Ich habe den Beitrag vor allem wegen dieses Zitates geliked. Das ist doch eigentlich eine unerhörte Sache! Und das stimmt auch irgendwie. Es ist jetzt nicht so, dass da Sätze ganz von selbst auf dem Papier erscheinen, oder dass man da gar nicht mehr nachdenken müsste. So Sachen wie "automatic writing" halte ich für eine ganz gute Kreativitätstechnik, aber so entstehen auch bei mir keine brauchbaren Kurzgeschichten.


    Trotzdem läuft das meiste ohne direkte vernunftgeleitete Planung. Bei mir ist es eher so, dass ich viele Optionen im Kopf durchspiele und immer schaue, welche davon richtig erscheint. Aber was das jetzt heißt - richtig - das ist Gefühlssache. Was auch bedeutet, dass ich mich nachher manchmal den eigenen Geschichten nähern kann wie einer fremden Story und mich nach dem tieferen Sinn fragen. Fast so etwas wie "Was wollte ich damit eigentlich ausdrücken?". Das macht oft besonders Spaß. Manchmal ist mir das dann aber im Nachhinein auch peinlich, wenn der "tiefere Sinn" ein ganzes Stück offensichtlicher ist, als ich eigentlich gedacht hatte.

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  • Manchmal ist mir das dann aber im Nachhinein auch peinlich, wenn der "tiefere Sinn" ein ganzes Stück offensichtlicher ist, als ich eigentlich gedacht hatte.

    Das ist aber mal schön gesagt, das kenne ich nur zu gut! Deshalb mag ich (aktiv wie passiv) Geschichten mit mehreren Sinnebenen am liebsten, die sich eben nicht auf "die eine" Aussage festnageln lassen. Und diese etwas Komplexeren lassen sich (aktiv) wohl nicht mehr mit dem "eben mal hin Rotzen" fertigen, ist mir jedenfalls noch nicht gelungen. Nicht mal angestrebt.

  • Hallo,

    den Thread muss ich nochmal hochholen, das finde ich spannend.

    Denn ich glaube, das ist eine total wichtige Frage, auf die man unbedingt eine Antwort finden muss, weil das einfach so grundlegend ist. Wenn man sich und seine Schreiberei irgendwie so halbwegs ernst nimmt, dann will man ein wiederholbares Verfahren, eine Methode um an Text zu kommen. Vielleicht sogar an brauchbaren.

    Bei mir fängt es ebenfalls mit einer Idee an, irgendwas hat mein Interesse geweckt und mein Gefühl sagt mir, dass da noch mehr ist, also dass mir dazu ziemlich viel einfallen wird. Da ist dann auch so eine gewisse Aufregung dabei, so ein Gefühl, dass jetzt gleich etwas total tolles passieren wird. Zum ersten Mal mit der neuen Freundin schlafen, so ungefähr. Zu diesem Zeitpunkt denke ich noch nicht über Handlung oder Figuren nach, sondern bleibe bei der Idee und recherchiere. Das mache ich ziemlich gründlich. So gründlich, dass ich sicher bin, dass mir meine Unwissenheit beim Schreiben nicht mehr in die Quere kommen wird. Manchmal sind dann Figuren da, manchmal reden sie auch, und das ist ein sehr gutes Zeichen, denn genau das will ich ja.

    Dann folgen mehrere Tage, in denen ich versuche, nicht mehr an das alles zu denken. Falls es trotzdem hochkommt, ist das ok, aber ich lasse mich nicht drauf ein. Ja und danach ist die Kurzgeschichte normalerweise fertig, manchmal fehlt das Stück vor dem Ende, der Höhepunnkt quasi, aber das ist egal. Jetzt haue ich in die Tasten und eine Stunde später habe ich dann meine Geschichte.


    Ich glaube, Erzählen ist nicht so sehr eine Tätigkeit des logisch denkenden Verstandes (Recherche aber schon), sondern mehr des Gefühls. Des Gefühls für Proportionen beispielsweise. Niemand zählt Wörter, um herauszufinden, wie lang eine Beschreibung sein muss. Man merkt eben einfach, wann man genug gesagt hat. Hoffentlich. Man entwickelt ein Gefühl dafür. Und auch bei Figuren geht es mehr darum, ein Gefühl für sie zu entwickeln, dafür, wie sie sich verhalten und wie sie denken. Das will ich als Leser übrigens auch. Ich will ein Gefühl für die Figur bekommen und auch die Welt, in der sich die Figur bewegt, da will ich eher fühlen als faktenbasiert wissen.


    Wir brauchen einen Thread darüber, wie ihr an Romane herangeht.


    Christoph

  • Denn ich glaube, das ist eine total wichtige Frage, auf die man unbedingt eine Antwort finden muss, weil das einfach so grundlegend ist. Wenn man sich und seine Schreiberei irgendwie so halbwegs ernst nimmt, dann will man ein wiederholbares Verfahren, eine Methode um an Text zu kommen.

    Ja, dass ist der berechtigte Wunsch, eine Antwort auf eine Frage zu bekommen, vielleicht sogar eine allgemeingültige. Möglicherweise sogar die Antwort auf alle Fragen?! ;)


    Wiederholbare Verfahren sind ebenso ein berechtigter Wunsch, aber schwierig im kreativen Bereich zu realisieren. Eher ist es so, dass man im Laufe der Zeit und mit ausreichender Übung eine "Palette an Verfahren" entwickelt, die aber so nur Gültigkeit für einen selbst haben. Man kann von diesen Erfahrungen sprechen (sollte man auch!) und andere können probieren, ob sie die gleichen Erfahrungen mit diesen Methoden machen - letztendlich schafft sich aber jeder seine eigene Zusammensetzung des nötigen Werkzeugkastens.

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    Carl Julius Weber

    aus: Demokritos


  • Bei mir gibt es ein wiederholbares Verfahren. Ich brauche immer eine Heraus- oder Aufforderung von außen, so ist auch die Teddy-Liebesgeschichte entstanden, die heute im Blog erschienen ist. Ingrid, unsere damalige Blogcheffin, hat vorgeschlagen, passend zur Jahrszeit eine Reihe mit Liebesgeschichten zu veröffentlichen, Höchstumfang: drei Seiten. Zuerst denke ich noch, nee, Liebesgeschichte? interessiert mich nicht. Doch dann fühle ich mich am Ehrgeiz gepackt und lege los. Zuerst suche ich ein Sujet, das darf gern etwas schräg sein. Neue Personen muss ich mir nicht ausdenken, ich fahre gern das bewährte Personal aus anderen Geschichten auf. Dann geht die Suche nach dem ersten Satz los, den ich meistens beim improvisierenden Schreiben am Laptop finde oder besser umgekehrt: er findet mich, er trifft mich blitzartig, dann weiß ich sofort: das isser. Wenn sich keiner meldet, mache ich meine Schreibbude dicht und mähe den Rasen. Von diesem ersten Satz aus ent-wickle ich die Geschichte, das Schreiben ist dann so ein Schweben zwischen geplanter Story und Improvisation. Wenn ich Glück habe, entsteht ein regelrechter Flow und die Muse flüstert mir Satz um Satz ins Ohr, so dass ich nur noch schnell genug mitkommen muss. Die Geschichte endet, wenn sie den letzten Satz erreicht, der in einer gewissen Korrespondenz zum ersten Satz steht, keine Ahnung. Mein Tagespensum drucke ich am Abend aus, denn ich kann sie am besten in vergegenständlichter und verselbstständigter Papierform überarbeiten. Am nächsten Tag pflegt ich die Änderungen ein, Ausdruck, Korrektur und so weiter. Das geht so lange, bis ich das sichere Gefühl habe, sie lässt sich nicht weiter bearbeiten, sie hat ihre (vorerst) endgültige Form erreicht. Wenn ich dann Pech habe, hat die Geschichte das Blogquorum von drei Seiten überschritten, wie bei meiner Liebesgeschichte mit Werwölfen geschehen, Arschkarte, nun muss sie selbst zusehen, wo sie unterkommen kann.:)

  • …Arschkarte, nun muss sie selbst zusehen, wo sie unterkommen kann.:)

    Muss sie nicht. Steht ja im Laber-Fred, wo sie hinkan.

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  • so ist auch die Teddy-Liebesgeschichte entstanden, die heute im Blog erschienen ist.

    Die übrigens wunder-wunderschön ist, muss ich mal ganz off-topic bemerken. Unbedingt lesen!

    Die Geschichte endet, wenn sie den letzten Satz erreicht, der in einer gewissen Korrespondenz zum ersten Satz steht

    Oder den vorletzten. Konnte ich bei Teddy nicht entdecken, die Korrespondenz … 8oMusste trotzdem gar sehr lachen!


    Christoph: Ich habe deinen Beitrag u.a. geliked, weil deine Rangehensweise so dermaßen anders ist als meine, wodurch sich wieder mal zeigt, dass es auf völlig und komplett unterschiedliche Weisen funktioniert.

  • Jürgen: Kristins Anmerkungen zu deiner Teddy-Liebesgeschichte schließe ich mich voll und ganz an. Bereits die Originalität der Idee ist bemerkenswert. Eine wirklich hinreißende Geschichte, Jürgen.:thumbup:

    Wir brauchen einen Thread darüber, wie ihr an Romane herangeht.

    Absolut dafür. Der Gedanke beschäftigt mich schon eine Weile. Falls also auch andere hier Interesse daran haben, würde ich gerne Christophs Anregung aufgreifen und in einem eigenen Thread die hier gestellten Fragen bezogen auf Romane diskutieren wollen. Unter Umständen könnte daraus sogar eine Sammlung von Ideen und Erfahrungsberichten entstehen, die der einen und dem anderen möglicherweise als Inspiration dienen kann, wenn es wieder mal nicht so recht weitergehen will. Ist nur so ein Gedanke.

  • Wiederholbare Verfahren sind ebenso ein berechtigter Wunsch, aber schwierig im kreativen Bereich zu realisieren. Eher ist es so, dass man im Laufe der Zeit und mit ausreichender Übung eine "Palette an Verfahren" entwickelt, die aber so nur Gültigkeit für einen selbst haben.

    HD, du bist ein kleiner Klugscheißer. Aber ein netter.:)

    "Man" hat vielleicht so eine Palette, das kann sein. Ich habe (genau wie Jürgen und vermutlich auch noch andere) ein wiederholbares Verfahren für mich zusammengeschustert. Du glaubst nicht, dass du das besser weißt als ich selbst, oder?

  • Christoph

    Es gibt die zwei Bezeichnungen "Schuhmacher" und "Schuster". Letzte Bezeichnung hat etwas anrüchiges. Wenn jemand sagt, dass etwas "zusammengeschustert" wurde, dann soll meist damit angedeutet werden, dass es sich nicht um Qualität, nicht um echtes Handwerk handelt. :brille


    <klugscheißer-modus aus>


    Klar hat jeder seine Verfahren, mit denen er gut arbeiten kann. Schrieb ich ja auch sinngemäß. Und selbstverständlich ist es gut, mit anderen den Austausch darüber zu suchen. Man lernt ja nie aus - oder? Wer sich nur auf die immer wieder genutzten Verfahren verlässt und Neues scheut, ist kein Klug- sondern ein Hosenscheißer ;)=)

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  • Technisch: Ich habe eine Idee, denke eine Weile darüber nach, und dann schreibe ich die Kurzgeschichte, fertig.

    Ohne Rasenmähen?

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