Wertschätzung und Wertschöpfung in der Buchbranche

  • Ich bin da pessimistisch, ich glaube nicht, dass das mit dem Umbau des Systems funktioniert. Insbesondere in dem Bereich der kleinen Verlage und der ehrenamtlichen Literatur-AktivistInnen existiert kein Markt für die Publikationen. Es gibt kaum Abnehmerinnen für die Bücher. Schreibende, die nicht bekannt sind, schreiben auf ihre eigene Verantwortung. Es hat sie niemand darum gebeten. Also können sie auch keine Bezahlung verlangen. Ich sehe es sogar so, dass Corona das letzte Bisschen Markt für die Kleinen ganz kaputt macht. Das Buch aus einem Kleinverlag wird vom allgemein gebildeten Verbraucher nicht als "systemrelevantes" Produkt angesehen. Das Angebot an Literarischem ist beliebig und unübersichtlich geworden, einen Wiedererkennungswert fürs Publikum haben nur Bestseller und Autoren, die zur Marke geworden sind. Als unbekannter Autor kann man nicht damit rechnen, dass die Bücher gekauft und die Texte gelesen werden, die man publiziert hat. Der Markt, der sich an einigen wenigen Größen orientiert, wird nach Corona noch unerbittlicher werden, denn der Virus wird dann noch einige kleine Buchhandlungen und Verlage mit sich in den Tod gerissen haben.

  • Von denen, die da am Anfang dieser Wertschöpfungskette stehen, nämlich uns, gibt es mehr als genug, und nur wenn man auf alles, was jedermann so fabriziert, rasch das Etikett "Kunst!" klebt und das mit einer wie auch immer gearteten wirtschaftlichen Absicherung versieht, verändert man das krasse Missverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage nicht - aber genau das ist die Sollbruchstelle des Systems, die Ursache für die Schwierigkeiten im Verhältnis zwischen wirtschaftlich und künstlerisch Agierenden. Das Etikett würde auch qualitativ nichts an diesem Missverhältnis ändern, also der Tatsache, dass nicht jeder, der zu schreiben vorgibt, das auch beherrscht.

    Wir haben schon die Buchpreisbindung. Wir haben diverse Mechanismen. Aber wir haben vor allem ein Überangebot. Masse verringert Sichtbarkeit, und dann letztlich auch diejenige des wirklich Guten.

    Es ist grausig, dass jetzt sogar Verträge rückabgewickelt werden, zu denen es längst fertige Manuskripte gibt. Aber es gab auch vorher schon einfach zu viele Bücher, möglicherweise auch zu viele schlechte. Ich halte das für ein größeres Problem als (fraglos ebenfalls würdelose und dumme) Angebote wie Leseflatrates, Bezahlung nach konsumierten Buchseiten und ähnlichen Scheiß.

    Wir Autoren sind (zum größten Teil) Fußsoldaten. Isso. :achsel

  • Das Problem, das Susanne anspricht, tangiert das Überangebot nicht in der Hauptsache. Klar, das ist nicht wegzureden, aber in diesem Überangenot haben die großen besser Möglichkeiten und Mechanismen, als die kleinen Verlage. Und das Publikum schaut über alles Kleine gern hinweg. So verstehe ich Susannes Klage.


    Vor einem halben Jahrhundert gab es Bibby Wintjes im Pott, der mit seinem Ulcus Molle Info auf die vielen Klein- und Kleinstverlage hinwies und ihnen auf diese Weise eine Stimme und ein bisschen Aufmerksamkeit gab, das auch Publikum anzog. Einige schafften es aus dieser Nische heraus etwas mehr Aufmerksamkeit zu erlangen, etwa der Maro-Verlag oder Frank Göhre. So etwas wie das Ulcus Molle Info fehlt uns heute leider.


    Bei Günther Emig gibt es derzeit eine Publikation zu dieser Zeit.

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Dunkle Geschichten aus Würzburg

    ASIN/ISBN: 3831333580


    "Einen Roman zu schreiben bedeutet vor allem einen massiven Organisationsaufwand."


    Zadie Smith

    SZ Nr. 144, 26./27.6.2021, S. 56

  • Hallo Tom, hallo Horst-Dieter,

    danke, dass ihr auf meinen Beitrag Bezug genommen habt. Ja, an Josef Wintjes kann ich mich auch noch erinnern! Heute gibt es die Kurt Wolff Stiftung, die ist auch eine Hilfe für die Kleinen. Das Allgemeinpublikum liest die Veröffentlichungen mit kleineren Auflagen trotzdem kaum.

    Das mit dem Überangebot an Publikationen stimmt, und hinzu kommt, dass das Buch als relevantes Medium einfach schwächer geworden ist. Ich hatte durch Corona auf so eine Art Graswurzelrevolution gehofft, aber das war ein Irrtum. Die alte Klassengesellschaft im Literaturbetrieb besteht weiter. Es sind nur wenige, die sich Gehör verschaffen können. Und die Stimmen von Schriftstellern im Allgemeinen sind es jetzt auch nicht unbedingt, nach denen die Öffentlichkeit gerade verlangt (eher die der Journalisten, denen der Aufwind ja auch mal ganz gut tut). Ich sehe auch nicht, dass es nach Corona besser wird für die Schriftsteller (eher vielleicht für die IT-Spezialisten oder Mediziner & Pfleger, denen das ja auch zu gönnen ist), weil einfach der ganze Berufsstand sehr an "Systemrelevanz" verloren hat, und die unbekannteren sind dann ganz weg vom Fenster.