Grenzen der Aneignung - worüber "dürfen" Autoren schreiben und worüber nicht?

  • Danke Tom, für die Verlinkung.

    Ist ja auch mein Thema, ich fürchte - falls ich dieses Buch, an dem ich gerade arbeite, fertig schreibe, werde ich aus solchen Gründen keinen Verlag finden oder falls doch, mir viel Ärger einhandeln. Seufz.

    "Eine Geschichte darf unwahrscheinlich sein, aber sie darf nie banal sein. Sie sollte dramatisch und menschlich sein. Das Drama ist ein Leben, aus dem man die langweiligen Momente herausgeschnitten hat." Alfred Hitchcock

  • Eine Einzelfallentscheidung zu treffen, finde ich sehr simpel, eine generelle Aussage über Grenzen oder Nicht-Grenzen innerhalb der Schreiberei dagegen mega schwierig.

    Cordula: Dein Beispiel eines Bildhauers passt in meinen Augen überhaupt nicht. Gerade der Bildhauer zeigt mit seiner Arbeit, wie ER die Figur sieht. Es ist seine Wahrnehmung und seine Darstellung, die in meinen Augen auch keine Begrenzung erfahren darf. In dieser Diskussion geht es aber eher darum, dass jemand die Innensicht und das Innenleben einer Person (schreibend) einnimmt, die er nach seinem eigenen Lebens-, Erfahrungs-, Bildungs- und Bewusstseinsraum eigentlich unmöglich einnehmen kann, selbst wenn er mega empathisch und sensibel ist. Es bleibt also immer auch - wenigstens in Teilen - bei der Außensicht, die er aber seiner Leserschaft als Innensicht der Figuren "verkauft". Da sehe ich die Problematik!

    In meinen Augen kann und darf es keine verallgemeinernde Beschränkung aller Schriftsteller und Schriftstellerinnen geben. Aber im Einzelfall, finde ich, dass es diese geben sollte und wenn nur aus der eigenen Verantwortung heraus oder aber - wenn diese fehlt - dann aus dem Munde der Kritiker.


    Horst-Dieter: "nicht das Gefühl, dass unsere Gesellschaft weiter ist als vor 100 Jahren". Da hast Du Recht. Ich bezog es eher auf die heute vorhandenen Informationen und Kenntnisse.


    Tom: Ich denke, es wäre blauäugig zu glauben, dass wenn z.B. Du einen Roman über einen afrikanischen Flüchtling übers Mittelmeer schreiben würdest (aus dessen Perspektive), dass es möglich wäre, der Leser- und Kritikerschaft zu vermitteln, dass Du doch nur diesen einen Menschen meinst und nicht etwa die Mittelmeer-Flüchtenden im Allgemeinen. Selbst, wenn Du als Autor diese Intention verfolgen würdest, ist ein Außenvorlassen der jeweiligen Betroffenen-Gruppe, in meinen Augen völlig undenkbar. Dabei wird die "Gruppe" jeweils neu definiert durch die Einzelheiten der Geschichte.

    Wenn Du die Geschichte eines Europäers erzählst, der - aus welchen Gründen auch immer - unfreiwillig die Flucht mitmachen muss, gelingt Dir dagegen möglicherweise ein Bestseller. Oder vielleicht auch, wenn Du eine Romanbiografie eines Geflüchteten schreibst.

  • Horst-Dieter: "nicht das Gefühl, dass unsere Gesellschaft weiter ist als vor 100 Jahren". Da hast Du Recht. Ich bezog es eher auf die heute vorhandenen Informationen und Kenntnisse.

    Welche Informationen und Kenntnisse meinst du?


    Ich sehe, dass unsere demokratische Landschaft in Europa immer weiter degeneriert. Polen, Ungarn, Großbritannien sind nur drei auffällige Beispiele. Das auseinanderbrechen von Staaten wegen erstarkendem Nationalismus auf dem Balkan und diese Gefahr in Frankreich, Spanien, Großbritannien sind ein weiterer Punkt. Bei uns in der BRD sind die rechtsnationalistischen Bestrebungen so stark geworden, dass sie wichtige demokratische Prozesse stören (siehe Tühringen). Und große Gruppen laufen lieber einem Kriminellen hinterher (Pegida), als etwas für die Stärkung der Demokratie zu tun.


    Über das was andernorts in der Welt vorgeht will ich noch gar nicht reden.


    Und wo steht die Kunst? Wo die Literatur? Wo werden positive Gesellschaftsentwürfe gezeigt? Selbstverständlich ist es wichtig, auf die Schattenseiten unserer Gesellschaft aufmerksam zu machen, aber so etwas wie eine mögliche positive Perspektive darf nicht beschrieben werden? Vielleicht habe ich ja etwas übersehen - über Hinweise, die mich zur Korrektur meiner derzeit leider eher negative Sicht auf die Zukunft bewegen könnten, bin ich immer dankbar.

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Dunkle Geschichten aus Würzburg

    ASIN/ISBN: 3831333580


    "Einen Roman zu schreiben bedeutet vor allem einen massiven Organisationsaufwand."


    Zadie Smith

    SZ Nr. 144, 26./27.6.2021, S. 56

  • Danke Tom, für die Verlinkung.

    Ist ja auch mein Thema, ich fürchte - falls ich dieses Buch, an dem ich gerade arbeite, fertig schreibe, werde ich aus solchen Gründen keinen Verlag finden oder falls doch, mir viel Ärger einhandeln. Seufz.

    Mit dem Ärger magst du Recht haben, aber einen Verlag wirst du finden. Garantiert!

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    Horst-Dieter Radke: Dunkle Geschichten aus Würzburg

    ASIN/ISBN: 3831333580


    "Einen Roman zu schreiben bedeutet vor allem einen massiven Organisationsaufwand."


    Zadie Smith

    SZ Nr. 144, 26./27.6.2021, S. 56

  • Hallo, Cordula.


    Ich denke, es wäre blauäugig zu glauben, dass wenn z.B. Du einen Roman über einen afrikanischen Flüchtling übers Mittelmeer schreiben würdest (aus dessen Perspektive), dass es möglich wäre, der Leser- und Kritikerschaft zu vermitteln, dass Du doch nur diesen einen Menschen meinst und nicht etwa die Mittelmeer-Flüchtenden im Allgemeinen.

    Ist das Dein Ernst? :huh:


    Damit verbietest Du Dir die Annäherung an sämtliche Themen, die nicht ausschließlich Dich und nur Dich selbst direkt betreffen. Außerdem, mit Verlaub und am Rande bemerkt, rechtfertigt das, wenn man es zuendedenkt, eine gewisse Vorurteilskultur. Ich finde das ein bisschen irritierend.

    Aber es ist auch ein Kernproblem in der Wahrnehmung. Nein, wenn eine Person schwul ist, von der ich erzähle, schreibe ich keineswegs über alle Schwulen, sondern nur über diese Person, die u.a. schwul ist, was im Kontext der Erzählung eine Bedeutung haben kann, aber nicht muss. Ich kann mir nicht anmaßen, über alle Schwulen zu schreiben, nicht nur, weil ich selbst nicht schwul bin, sondern weil ich keineswegs alle kenne. Ich würde aber auch verneinen, dass alle Schwulen eigenschaftlich mehr vereint als gerade mal die sexuelle Präferenz. Deshalb halte ich es auch für sehr fraglich, ob ein Schwuler über oder für alle Schwulen spricht, wenn er über Schwule schreibt. Dasselbe gilt, obwohl es natürlich nicht dasselbe ist, für Menschen, die die Flucht übers Mittelmeer angetreten haben. Unter diesen befinden sich alle möglichen Schicksale und Charaktere. Natürlich schreibe ich, wenn ich das wage, thematisch über den Vorgang, und wenn ich mir nicht vorwerfen lassen will, ein schlechter Schriftsteller zu sein, recherchiere ich so ausgiebig wie möglich. Aber die Figuren eines Romans sind keineswegs Archetypen bezogen auf den Konfliktkontext. Das wäre doch blanker Wahnsinn.

  • Tom. Wir reden ein wenig aneinander vorbei. Keineswegs kannst Du aus meinen Worten lesen, ich sei dafür, einem Schriftsteller "die Annäherung an sämtliche Themen, die nicht ausschließlich Dich und nur Dich selbst direkt betreffen zu verbieten".

    Auch das Beispiel mit den Schwulen trifft keineswegs meine Aussage. Denn was unterscheidet Dich von einem Schwulen? Das ist bezogen auf das, wovon ich spreche, ein winziges Detail, nämlich deine sexuelle Orientierung. Aber sonst?

    Dagegen kannst Du - Recherche hin oder her - dich dem Schicksal einer Person in bestimmten Bereichen Afrikas mit einem Hintergrund vielleicht eines Dorfes abseits jeder Technik und modernen Kommunikationsmitteln, nur äußerst vage nähern. Und mit was willst Du Dich nähern? Mit deinem europäischen Denken und Fühlen, denn ein anderes hast du nie erlebt. Klar, Du kannst dich einlesen, recherchieren. Leider kommen allerdings die Quellen eher aus Deinem Umfeld als aus dem Umfeld der Betroffenen ;). Empathie hat Grenzen dann, wenn Gedanken und Gefühle so anders sind, dass sie nicht vorstellbar, nicht nachfühlbar sind. Vielleicht gelingt es sogar Dir als Autor, durch deine Recherchen näher an die Figur heranzukommen. Aber Deinen Lesern? Sie nehmen in Außensicht das wahr, was Du ihnen über diese Person vermittelt hast und stoßen auf die gleichen, in ihrem Fall zwangsläufig noch engeren, Grenzen. Sie bauen sich ein Bild und - wenn sie dein Buch toll fanden - verinnerlichen sie es, bewusst oder unbewusst.


    Aber egal. Niemand verbietet Dir zu schreiben, über was Du schreiben willst. Ich sowieso nicht und ich sehe auch niemand anderes, der das könnte. Nur musst Du Dir auch gefallen lassen, wenn später Menschen möglicherweise fragen: Warum eigentlich hat der diese Geschichte geschrieben? Wer im Rahmen eines gesellschaftlich und/oder politisch aktuellen Thema eine Geschichte schreibt, muss damit rechnen, dass sie in einem größeren Kontext gesehen und beurteilt wird.

  • Wenn Du damit Herrn Sarrazin oder Herrn Pirinçci oder einen ihrer Doppelgänger meinst, dann kann man das "Vielleicht" auch weglassen, und diese Leute machen ja auch keinen Hehl daraus, wie sich ihre Feindbilder gestalten. Aber - ist das nicht ein bisschen mühevoll, einen ganzen Roman zu schreiben, um indirekt über eine Gruppe herziehen zu können, aber auch nur so verklausuliert, dass es nicht beim ersten Blick erkennbar wird? Wer agiert so? Hast Du Cummings' Roman gelesen? Wüsstest Du ein zutreffendes Beispiel? Und weiß die Person, die das geschrieben hat, das auch?


    Da fällt mir auf Anhieb Peter Handke ein. Er bezieht Stellung für eine Seite (Serbien) und lässt dann die verübten Kriegsverbrechen weg und leugnet sie sogar noch. Und die Diskussion hatten wir hier ja auch schon mal.

  • Und zurück zum Thema: Ich lasse mir vorwerfen, schlecht recherchiert, unzutreffend wiedergegeben, versehentlich karikiert zu haben, wenn ich über Menschen geschrieben habe, die Probleme haben, die ich nicht aus erster Hand kenne. Ich lasse mir vorwerfen, schlecht geschrieben zu haben, oder langweilig oder sonstwie misslingend. Aber ich lasse mir nicht vorwerfen, das Recht nicht zu haben, den Versuch zu unternehmen, mich in Menschen einzufühlen, mich einer Problematik anzunehmen, meine Sicht und meine Lösungsoptionen anzubieten.


    Das kann eben böse ausgehen, wenn man schlecht recherchiert oder es falsch wiedergegeben hat, aber hättest Du nicht dann zu recht einen verbal auf die Mütze verdient? Es verbietet Dir ja keiner, darüber zu schreiben. Du musst dann halt eben mit dem Echo von da draußen klar kommen. Dir steht es ja frei, mit einem offenen Brief oder mit Interviews Deine Fehler richtig zu stellen. Wenn Du aber miserabel recherchiert hast und dann auf Tauchstation gehst oder herumdruckst oder Dein Heil in der Eskalation suchst, dann erweckst Du den Eindruck es mit Absicht gemacht zu haben (Handke-Stil). Das ist wie bei einem BT, nur das dann die Kritiker von da draußen kommen und die haben ihre Sicht der Dinge. Daher muss da großmöglichste Sorgfalt an den Tag gelegt werden. Soll heißen: nicht nur Bücher, sondern auch Interviews oder eine Zusammenarbeit mit einem Insider, denn dann kannst Du Dich in einer Stellungnahme darauf beziehen, wenn es Deiner Meinung nach falsch aufgefasst wurde. So wie Du Dich auf das Recht der Kunst berufst, berufen sich Deine Leser auf ihre Rechte. Das der Kritik. Ein Buch ist ein öffentliches Werk. Du kannst Dich auch im Museum vor ein Bild stellen und es rassistisch, kindlich oder krank finden und Deine Meinung auf den Künstler niederprasseln lassen.

  • Da fällt mir auf Anhieb Peter Handke ein. Er bezieht Stellung für eine Seite (Serbien) und lässt dann die verübten Kriegsverbrechen weg und leugnet sie sogar noch. Und die Diskussion hatten wir hier ja auch schon mal.

    Eben, das hatten wir schon mal. Seine Stellung pro Serbien ist unbestritten. Aber die Leugnung der Kriegsverbrechen ist Propaganda der anderen Seite. Das Beispiel zeigt sehr schön, wie schnell solche Diskussionen unsachlich werden.

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  • Hallo, Cordula.


    Es ging mir nicht um die Technik der Annäherung, sondern um Deine Behauptung, man würde immer automatisch über alle schreiben, wenn man über eine Person schreibt, die irgendwie einer Gruppe angehört. Das kann ich so nicht nachvollziehen. Wenn ich einen authentischen und glaubwürdigen Roman über die Fluchtsituation rund ums Mittelmeer schreiben wollen würde, und die Geschichten der Leute, die darin vorkommen, von A bis Z in nachvollziehbarer Weise wiedergeben will, dann habe ich recherchemäßig den Kopf voll, ohne Frage. Aber trotzdem würde ich dann nicht über alle Menschen schreiben (und urteilen, das schwingt ja mit), die sich in dieser Situation befinden. Sondern höchstens über die Situation.

  • Christian

    Hinter deinem Link finde ich auch keine Leugnung der Kriegsverbrechen.


    Ich verstehe Handke mit seinem Einsatz für Serbien auch nicht und finde es befremdend, deshalb muss ich ihm aber nichts andichten wie Leugnung der Kriegsverbrechen.

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  • Sehr spannendes Thema, das wurde auch bei Montsegur diskutiert. Allerdings weiß ich nicht, wie es ausgegangen ist, denn da ist gerade "Baustelle".


    Ich bin der Meinung: Jeder sollte frei sein, über das zu schreiben, was er mit seiner Empathie verantworten kann. Er soll nur darauf achten, nicht jemandem, der selbst betroffen ist, sein Bild überzustülpen. Umgekehrt sollten SchriftstellerInnen, die selbst einer Betroffenen-Gruppe angehören, auch die Freiräume und den Respekt bekommen, über "ihre" Themen zu schreiben, ohne dafür in eine Minderheiten-Schublade gesteckt zu werden.

  • Ich empfinde die um dieses Thema kreisenden Diskussionen zunehmend als aberwitzig, nicht zuletzt auch wegen ihrer Häufung. Primär geht es dabei immer um die Frage, wer worüber was mit welcher Berechtigung schreiben darf. Aber diese Frage ist nicht einmal einer Antwort wert. Sie ist einfach nur lächerlich.

    Anders verhält es sich mit der Frage danach, inwieweit wir überhaupt in der Lage sind, über ein bestimmtes Thema angemessen schreiben zu können. Zum Teil wurde darüber ja auch hier in diesem Thread diskutiert. Wobei wir dann natürlich wieder darüber streiten könnten, was als angemessen gelten kann.

    Aber in dem von Tom verlinkten Kommentar ging es ja hauptsächlich um das Dürfen. Eine der für mich wichtigsten Schlussfolgerungen aus diesem Kommentar ist die, dass wir uns zu nützlichen Idioten der Wirtschaftseliten machen, solange wir uns auf das konzentrieren, was Menschen voneinander unterscheidet, anstatt den Fokus auf das Gemeinsame zu richten.


    Wenn aus den der Autorin Jeanine Cummins gemachten Vorwürfen allgemein anerkannte Maßregeln abgeleitet werden, sieht es für die meisten Kulturschaffenden in der Tat schon bald zappenduster aus.

    Um das anhand eines prominenten Beispiels zu verdeutlichen: Der englische Filmemacher Ken Loach thematisiert in seinen Filmen vorwiegend soziale Missstände. Immer geht es dabei um Menschen, denen elementare Menschenrechte vorenthalten werden und deren Würde mit Füssen getreten wird. Aber er macht diese Themen nie aus prinzipiellen Erwägungen heraus an der Hautfarbe, der Religion, am Geschlecht oder an der sexuellen Orientierung der Betroffenen fest. Häufig sind die Protagonisten seiner Filme Angehörige der weißen englischen, schottischen und irischen Unterschicht, aber in anderen Filmen geht es um polnische und ukrainische Leiharbeiter oder generell um „illegale“ Arbeitsmigranten oder um eine „illegale“ mexikanische Migrantin in Los Angeles oder um eine vor der Gewalt in ihrer Heimat Nicaragua nach Großbritannien geflohene Musikerin. Aber will deshalb jemand allen Ernstes behaupten, Ken Loach hätte als weißer Mann und Bürger einer einstigen Kolonialmacht Filme wie Riff-Raff, It’s a Free World, Just a Kiss, Carla’s Song oder Bread and Roses niemals drehen dürfen?


    Ich bilde mir zumindest ein, Migranten in der Regel mit großer Empathie zu begegnen, wohingegen sich mein Empathievermögen für einen pädophilen Priester zunächst einmal in Grenzen hält. Aber gemäß der oben genannten Maßregeln stünde es mir zwar frei, über Letzteren einen Roman zu schreiben, Migrantenschicksale zu thematisieren hingegen nicht? Und das, obwohl ich mich, anders als im Falle der Pädophilengeschichte, bei den Migrantenschicksalen auf Informationen aus erster Hand stützen kann und die aktuellen Lebensumstände etlicher dieser sehr unterschiedlichen und aus sehr unterschiedlichen Herkunftsländern (Nordafrika, Westafrika, Naher Osten, Pakistan, Brasilien) stammenden Menschen aus eigener Anschauung kenne?


    Kopfschüttelnde Grüße,


    Jürgen

  • Okay, dann anders gefragt: Wie geht man mit dem Vorwurf um, man hätte sich - möglicherweise aus Sicht des Kritikers in unangemessener Weise - einer Thematik genähert, von der man besser die Finger gelassen hätte? Oder mit dem, man würde eine Gruppe diskreditieren oder deren Diskriminierung befördern, weil man ein vermeintliches Mitglied der Gruppe mit negativen Eigenschaften ausgestattet hat, die - je nach Auslegung - u.U. gängige Vorurteile befördern? Das ist schon eine schwierige Situation, die für jemanden, der schreibt und Geschichten erzählen will, mit deutlichen Risiken ausgestattet ist. Wie weiter oben zitiert - einige meinen sogar, man solle als Autor "die Bühne räumen", um jenen Chancen zu eröffnen, die "ein Recht darauf haben, dass ihre Geschichten erzählt werden", denen das aber bislang nicht gelingt, weil die Privilegierten die Kanäle verstopfen. Das ist nahe an einer (sehr komplexen) Quotenforderung. Und zwar eine, die Autoren, aber auch Thematiken und Protagonisten umfasst. Erzähl Du Deinen Scheiß und ich meinen, aber komm mir nicht in die Quere. Wir fragmentieren die Kunst nach identitätspolitischen Kategorien. Schluss mit dem Universalismus, mit der Empathie, mit Kunst als intersozialer Kommunikation, mit Standpunkten, mit Gesellschaftskritik. Her mit den Arche- und Stereotypen, mit Gruppendenken, mit Abschottung; weg mit der kulturellen wie sozialen Gemeinsamkeit. Und bestätigen wir die Behauptung, man würde immer auch für die Gruppe sprechen, der man zufällig angehört - und für keine andere. Das ist das Gegenteil von Inklusion. Das ist Spaltung. Und es ist anmaßend jedem Künstler, jedem Menschen gegenüber, denn es verneint Elementares.

    Das stimmt mich pessimistisch.

  • Als ich darüber nachgedacht habe, die Geschichte der Familie Meyer zu schreiben, habe ich mich auch gefragt, ob ich das darf und ob ich das kann.

    Kann ich als evangelische Deutsche die Geschichte einer jüdischen Familie schreiben? Würden mir nicht unweigerlich Fehler unterlaufen, würde ich nicht unweigerlich Dinge schreiben, die sehr konträr ausgelegt werden könnten?

    Würde ich nicht böse Kommentare von Juden und aber auch von sehr rechten Gruppen bekommen?


    Ich habe die Nachfahren gefragt, wie sie dazu stehen. Ich habe ihnen erklärt, dass zwar das Tagebuch und andere Berichte und Fakten den Romane zu Grunde liegen würden, sie dennoch zum größten Teil fiktiv sei.
    Die Familie hat mich unterstützt und sie sind sehr froh, dass ich die Bücher geschrieben habe.


    Es ist nicht nur möglich, Geschichten über Dinge zu schreiben, die wir nicht selbst erlebt und erfahren haben - es ist auch die Grundlage der Schriftstellerei, des Schreibens.
    Ich glaube kaum, dass ein Krimiautor gemordet hat - muss er auch nicht.

    Das einzige was wir als Autoren müssen, ist mit Herzblut zu schreiben - über was auch immer.
    Und ja - auch über Dinge außerhalb unseres eigenen Lebens - vielleicht gerade darüber besonders.


    PS: Ich bekomme viele, viele Leserbriefe. Auch Drohungen von Rechts. Aber auch viel Lob und vor allem viel Lob aus den jüdischen Gemeinden.

  • Zitat

    Es ist nicht nur möglich, Geschichten über Dinge zu schreiben, die wir nicht selbst erlebt und erfahren haben - es ist auch die Grundlage der Schriftstellerei, des Schreibens.

    Ich glaube kaum, dass ein Krimiautor gemordet hat - muss er auch nicht.

    Das einzige was wir als Autoren müssen, ist mit Herzblut zu schreiben - über was auch immer.

    Und ja - auch über Dinge außerhalb unseres eigenen Lebens - vielleicht gerade darüber besonders.

    Ich glaube, die dem verlinkten Artikel zugrundeliegende Frage geht über diese - tschuldigung, aber in diesem Zusammenhang platte Aussagen doch weit hinaus.

    Und ich empfinde einen Austausch, wie Tom ihn hier sucht und zu der er mehrfach seine Meinungen dazu konkretisiert hat, alles andere als "aberwitzig". Mit solchen Phrasen einen Austausch zwischen AutorInnen über diese Fragen des "Dürfens" und "Könnens" im Keim ersticken zu wollen, weil Kunst ja alles und keinerlei Beschränkungen erfahren dürfe, ist doch kein Deut besser als die im Artikel zitierten Vorwürfe. Ebenso das Wortspiel dürfen - können. Denn angenommen, man müsse zu dem Schluss kommen, dass AutorInnen nicht alles KÖNNEN, dann ist auch die Frage erlaubt, ob diejenigen, die es dann trotzdem tun, es auch DÜRFEN sollen ;)

  • Selbstverständlich darf ich auch tun, was ich nicht kann. Ich muss allerdings dann auch die Konsequenzen tragen, die aus diesem Tun folgen.


    Diese Frage liegt aber jenseits des Themas, ob man als Künstler sich mit etwas beschäftigen darf, was nicht der eigenen, direkten Lebenswirklichkeit entspricht.

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Dunkle Geschichten aus Würzburg

    ASIN/ISBN: 3831333580


    "Einen Roman zu schreiben bedeutet vor allem einen massiven Organisationsaufwand."


    Zadie Smith

    SZ Nr. 144, 26./27.6.2021, S. 56

  • Cordula

    An keiner Stelle habe ich behauptet, dass Kunst alles darf. Das ist eine andere Frage als die Frage danach, ob ich mir als Autor jedes Thema aneignen darf oder nicht. Aber allein um diese Frage ging es in dem von Tom verlinkten Artikel und nur auf diese Frage bezogen habe ich hier versucht, einige meiner Gedanken zu formulieren.

    Und eine Diskussion im Keim ersticken zu wollen, wäre das Letzte, was ich möchte. Das gilt für diese Diskussion wie für jede andere Diskussion.?(


    Wer will und wer kann sich anmaßen, darüber zu entscheiden, über welches Thema eine Autorin oder ein Autor schreiben darf und worüber nicht und vor allen Dingen, von welcher Prämisse ausgehend könnte er das mit Fug und Recht tun? Und das Wort dürfen habe nicht ich in die Diskussion eingeführt.


    Selbstverständlich darf ich auch tun, was ich nicht kann. Ich muss allerdings dann auch die Konsequenzen tragen, die aus diesem Tun folgen.

    Konsequenzen muss ich auch dann tragen, wenn ich etwas tue, das ich kann. Es wird immer jemanden geben, der die Arbeit eines anderen Menschen kritisiert oder gar in den Schmutz zieht. Davor sind noch nicht einmal Meisterwerke sicher.:)