Grenzen der Aneignung - worüber "dürfen" Autoren schreiben und worüber nicht?

  • Gestern fand in Hamburg die Premiere der Literaturvernetzungsreihe "Hamburger Schreibtisch" statt, veranstaltet u.a. von Verena Hagedorn und Simone Buchholz (ich kann leider nichts Genaueres dazu sagen - ich kenne nur die dazugehörigen Facebook-Postings von Verena). Dabei wurde die Frage diskutiert, welche Themen sich Autoren "aneignen" dürfen, obwohl sie kulturell, ethnisch, geschlechtlich usw. nicht zur betroffenen Gruppe gehören. Ich finde, dass das eine sehr, sehr interessante Frage ist. Sogar eine essentielle, denn eine Verneinung käme einem Arbeitsverbot gleich. In der "Zeit" vom 5.2.2020 findet sich auch ein Kommentar hierzu, den ich inhaltlich teilen würde:


    https://www.zeit.de/2020/07/ku…ins-american-dirt-debatte

  • Wenn ich einen Roman aus Sicht eines Alligators schreiben möchte, dann darf ich das nicht, weil ich kulturell oder ethnisch nicht zu der Gruppe der Krokodile gehöre?


    Muss ich ab sofort alle weiblichen Protagonisten aus meinen Texten streichen, weil ich geschlechtlich nicht dazu gehöre?


    Ich finde die Fragestellung schon abstrus.

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Sagen & Legenden aus Franken

    ASIN/ISBN: 3955403602


    Mit Büchern können Sie meistens nicht viel verdienen. Aber ich komme in Kontakt mit anderen Menschen, und Buchveranstaltungen sind sehr viel besser als Rockfestivals.


    Billy Bragg (* 1957)

    Süddeutsche Zeitung Nr. 281 – 4. Dezember 2020, S. 26

  • Ja, aber sie wird immer häufiger diskutiert. Auch im Rahmen der Diskussionen rund ums "Sensitivity Reading" und um internalisierte Diskriminierungen wird häufig behauptet, dass es in solchen Fragen "Berechtigtere" gibt - und weniger Berechtigte. In vielen Autorencommunities ist Konsens, dass man "darf", wenn man der jeweiligen Fragestellung gerecht wird, was allerdings ein sehr diffuser Maßstab ist. Andere sehen das anders. Es gibt Meldungen über Opposition gegen Romane, die aus der Sicht "marginalisierter Gruppen" verfasst sind oder von diesen erzählen, ohne dass die Verfasser diesen Gruppen angehören.


    Die Diskussion um den Roman "American Dirt" von Jeanine Cummings, der in den U.S. of A. ein Beststeller ist und von Oprah herself geweiht wurde, hängt sich an der Behauptung auf, die Autorin würde die Sicht der Figuren verfälschen, sich auf Klischees kaprizieren und die ethnischen Hintergründe der ganzen Angelegenheit ... unangemessen darstellen. Cummings ist gebürtige Spanierin, "American Dirt" handelt von einer mexikanischen Frau, die mit ihrem Kind auf der Flucht ist.


    ASIN/ISBN: 3499276828

  • Ich würde mal gerne eine Aufstellung von Romanen sehen, die nicht geschrieben worden wären, wenn die Verfasser sich nach solchen Forderungen hätten richten müssen ...


    Allein die Forderung, ein Thema „angemessen“ zu beackern, ist absurd. Es brächte nur normierte, schablonenartige Texte hervor. Texte, die niemanden stören und niemanden aufregen. Jedenfalls nicht die, die gerade bestimmen, wo‘s langgeht.


    Und das meine ich, obwohl ich ein Befürworter von Texten mit der Art von Bodenständigkeit bin, die entsteht, wenn der Verfasser weiß, wovon er spricht. Bloß ist dafür nicht Voraussetzung, selbst betroffen zu sein.


    Zudem: Was ist mit den „Randgruppen“, die nicht für sich selbst sprechen können? Darf man über die dann nicht schreiben?

  • Da käme aber ein ziemlicher Einheitsmatsch raus, wenn man gar nicht mehr über den Tellerrand hinaus schreiben dürfte. Historische Romane müssten ganz gestrichen werden, es sei denn, jemand könnte seine Reinkarnation belegen.
    Geschichten aus der Sicht eines Mörders wären durchaus kritisch. Woher weiß der Autor, was in so einem Menschen vorgeht, wenn nicht aus eigener Erfahrung - zumindest nach dieser Logik, dass man nur schreiben darf, was man persönlich kennt.

    Wintertee im kleinen Strickladen in den Highlands, HarperCollins

    Die Kaffeedynastie - Tage des Aufbruchs, Paula Stern, HarperCollins

  • Wir sollten sowieso nur noch Tagebuch schreiben. Und Bücher mit fiktiven Personen gehören verboten. Wo kämen wir denn hin, wenn Arztsöhne und Professorentöchter über Hartz IV-Empfänger schreiben würden? Oder Lebende über Tote?

    Aber mal ganz im Ernst gefragt: Muss ich jetzt erst jemanden umbringen, bevor ich einen Krimi schreiben darf?


    Ein Empathievermögen deutlich über Normalpegel zählt für mich zu den wichtigsten Qualitäten eines Autors. Und eine besonders gründliche Recherche in allen Fällen, in denen ein Autor über Menschen schreibt, die einem anderen Kulturkreis oder einem anderen sozialen Milieu angehören, oder was auch immer ihn von diesen Menschen unterscheiden mag, setze ich als selbstverständlich voraus. Unter diesen Voraussetzungen darf dann sogar ein alter, weißer Mann über Menschen jenseits seines Stammtischs schreiben.:evil

    Was mich an diesen unsäglichen Debatten besonders nervt, ist das, was der Autor des Artikels an dessen Ende herausstellt, indem er Steve Bannon zitiert, dass es dabei fast immer nur um Rasse und Identität geht. Dieser Tunnelblick nervt nicht nur, nein, er beunruhigt mich zutiefst, und zwar aus denselben Gründen, die auch der Autor in seinem Kommentar benennt. Wenn es für einen Mann vom Kaliber eines Steve Bannon gar nicht genug solcher Debatten geben kann, dann sollte vielleicht jeder, der sich politisch eher links verortet, der sich selbst als weltoffenen Humanisten wahrnimmt, zuerst einmal ganz tief in sich gehen, bevor er die nächste Debatte über dieses Thema vom Zaun bricht.


    Guter Artikel. Danke für den Link, Tom.

  • Ja, ich fand den Artikel auch lesenswert und richtig. Obwohl ich schon glaube, dass man mit einer anderen Intensität über Erfahrungen schreibt, die man wenigstens ansatzweise selbst gemacht hat. Die ersetzt auch noch so gründliche Recherche und Empathie nicht. Aber was dieses "ansatzweise" konkret bedeutet, ist natürlich schwer einzugrenzen. Gerade habe ich mit Begeisterung Daniel Kehlmanns "Ich und Kaminski" gelesen, eine Satire auf den Kulturbetrieb. Weder der Ich-Erzähler noch Kaminski sind ein Alter Ego des Autors, und auch die Schauplätze waren, glaube ich, von Kehlmanns Aufenthaltsort beim Schreiben weit entfernt. Aber die tollsten Szenen sind schon die, die spürbar von seinen eigenen Erfahrungen getragen werden.

  • …. Aber die tollsten Szenen sind schon die, die spürbar von seinen eigenen Erfahrungen getragen werden.

    Und das kann man objektiv feststellen?

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    Billy Bragg (* 1957)

    Süddeutsche Zeitung Nr. 281 – 4. Dezember 2020, S. 26

  • steputat: Thomas Glavinic, ein Spezi Kehlmanns, hat zu der Zeit, als Kehlmann mit "Die Vermessung der Welt" gerade zum Weltbestseller wurde, eine Satire auf Kehlmann und sich selbst (und den Literaturbetrieb) verfasst, "Das bin doch ich", mit dem er auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis war. Nach meinem Gefühl waren die besten Passagen darin diejenigen, in denen Handlung und Figuren wahrscheinlich ausgedacht waren.


    Ich bin der Meinung, dass es gute Autoren ausmacht, vollständige Fiktion so erscheinen zu lassen, als wäre es die vergangene Realität. Das Zauberwort wurde ja schon genannt, "Empathie". Dazu kommen dann noch Fantasie und Ausdrucksvermögen. Sehr viele sehr große Autoren haben über Dinge geschrieben, die ihnen nie auch nur mittelbar begegnet oder geschehen sind (ihr Vorteil ist aber auch, dass es den meisten Lesern ebenso geht).


    Realitäts- oder Tatsachennähe sind für mich keine Qualitäten eines Romans. Das Recht, über Menschen mit bestimmten/besonderen/irgendwelchen Eigenschaften zu schreiben, haben aber nicht nur diese Menschen selbst. Wenn sich dieser Gedanke durchsetzt, bekommen wir ein ernsthaftes Problem.

  • Mit elf war ich auf Maria Adorf sauer, weil der Ntschotschi umgebracht hat (in Winnetou I, als Santer). Etwas älter geworden habe ich dann gelernt, den Schauspieler nicht mit seiner Rolle zu verwechseln. Es gibt aber genügend Leute, die können das bis ins hohe Alter nicht. Bei Büchern ist es ähnlich: Jeder Roman wird als autobiografisch angesehen und alles was drinsteht, den Autorinnen und Autoren angelastet und wenn dann herauskommt, dass sie das alles gar nicht selbst erlebt haben, dann werden sie angegiftet. Etwas differenzierter, aber doch diese Haltung schwingt in der Diskussion mit, ob Autoren berechtigt sind, über dieses und jene Thema zu schreiben. Und das unglaubliche dabei ist, dass diese Leute, selbst keine Ahnung von den Um- und Zuständen haben, über die da geschrieben wird, sich aber anmaßen, darüber zu befinden, ob der Autor oder die Autorin darüber schreiben dürfen soll.

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    Billy Bragg (* 1957)

    Süddeutsche Zeitung Nr. 281 – 4. Dezember 2020, S. 26

  • Diese Diskussion gab es in der Vergangenheit schon immer wieder mal. Spontan fällt mir der damalige Hype von Afrika-Romanen ein. Ich persönlich finde diese Frage als eine sehr schwierige. Es geht ja nicht um solche Dinge, wie "Darf ich einen Krimi aus der Sicht eines Mörders schreiben, ohne vorher mal gemordet zu haben?". Auch nicht um weiblich, männliche ... Protagonisten. Nicht um das Schaffen von Fiktion als solche. Sondern eher um eine Verantwortung, welches Bild ich von einer Gruppe, einer Ethnie etc. ich mit meinem Roman weitergebe/vermittle und ob dieses Bild der Realität so gerecht wird, dass ich nicht mitverantwortlich für Rassismus werde. Und bevor wieder einer mit Karl-May kommt: Ja, aber heutzutage sind wir einen Schritt weiter in unserem Bewusstsein, wie die Welt tickt und wie schnell es zu Diskriminierung, Verachtung und Verfolgung kommt und wie tief Rassismus in den Köpfen verankert ist. Nicht nur aufgrund von Machtverhältnissen, sondern auch aufgrund von Vorurteilen und falschen Bildern. Und an diesen falschen Bildern möchte ich persönlich nicht mitwirken. Aus meiner privilegierten weißen Sozialisierung hat die Fähigkeit, sich in bestimmte Schicksale einzudenken auch als Schriftstellerin eine Grenze. Mein Blick erschließt mir nicht alle Winkel des menschlichen Fühlens und Denkens.

    Wenn Autoren sich einem solchen Thema nähern möchten, dann besteht in der Regel auch eine Möglichkeit, es auf andere Weise zu tun als sich in die völlig fremde Seite einzudenken und aus deren (angeblicher oder angenommenen) Perspektive zu schreiben. Ich denke z.B. an einem Film über das Thema Grenze USA/Mexiko bzw. Süd-Nord-Flucht (Leider fällt mir der Titel grad nicht ein). In diesem Film wurde eine neue Realität als Welt etabliert. Als Fakt, ohne Große Erklärung oder Herführung. Und dann spielte die Geschichte in dieser neuen Realität. Menschen aus Europa und Nordamerika mussten in den Süden flüchten. Der Flüchtlingsstrom ging nun umbekehrt. Alle Einzelheiten waren die gleichen, wie sie jetzt zu beobachten sind, nur halt umgekehrt. Dieser Film hat die bestehenden Ungerechtigkeiten viel stärker verdeutlicht, als es der Regisseur jemals gekonnt hätte, wenn er bei unserer Realität geblieben wäre und die Geschichte aus der Sicht der tatsächlich heutzutage Flüchtenden erzählt hatte.

  • Ja, das ist der Gedanke, um den es im Kern geht, Cordula. Und dessen Konsequenz und Tenor lauten: Wenn Du über Leute, die zugleich z.B. Angehörige einer Ethnie sind, schreiben willst, dann besteht die Gefahr - wie im Fall von Jeanine Cummings, aber auch vielen anderen -, dass Dir jemand unterstellt, Du würdest durch die Darstellung dieser Menschen Rassismus und andere Formen von Diskriminierung befördern, weil Du entweder (aus Sicht der anderen, realen Angehörigen dieser Ethnie) nicht objektiv warst oder sogar Klischees und Vorurteile transportiert hast. Aus Sicht der/aller Angehörigen irgendeiner Gruppe wird es ohnehin kaum möglich sein, mit jeder künstlerischen Annäherung deren Interessen gerecht zu werden (genauso wie es keinem Autor jemals gelingen kann, mich als Person zu befriedigen, die zugleich zufällig ein Deutscher ist (dem es am Arsch vorbeigeht, Deutscher zu sein)), aber das hier geht ja noch einen Schritt weiter. Und es geht nicht nur um den Fall, dass man über Menschen schreibt als Angehörige irgendeiner Gruppe. Sondern darum, dass unterstellt wird, man würde immer die Gruppe mitmeinen, wenn jemand erwähnt wird, der ihr angehört.


    Du hast ohne Zweifel recht, das ist eine schwierige Frage. Aber, nein, es geht auch um die großen Größenordnungen. Möglicherweise nicht um Mörder oder Mordopfer, aber "schon" bei den Geschlechtern steht die Frage auch im Raum.

  • Ergänzung: Es schwingt bei alledem die - m.E. mitunter böswillige - Unterstellung mit, man würde immer die Gruppe mitmeinen, wenn man über jemanden spricht oder schreibt, der irgendeiner Gruppe angehört. Ich halte das für einen paradigmatischen Fehler. Und einen Neckbreaker für die innergesellschaftliche Kommunikation. Und die Kunst sowieso.

  • …Und bevor wieder einer mit Karl-May kommt: Ja, aber heutzutage sind wir einen Schritt weiter in unserem Bewusstsein, wie die Welt tickt und wie schnell es zu Diskriminierung, Verachtung und Verfolgung kommt und wie tief Rassismus in den Köpfen verankert ist.

    So viel weiter sind wir nicht, wenn gleich wieder solche Vorurteile kolportiert werden. Man ist heute nicht weiter als damals, und damals war mancher Autor schon weiter als alle anderen. Karl May zum Beispiel. Als nach dem Boxeraufstand in China und der Hunnenrede von Wilhelm II. (Pardon wird nicht gegeben, Gefangene werden nicht gemacht) der Verleger Kürschner ein großangelegtes Werk über China plante im Sinne des deutschen Kaisers, lud er auch den damals sehr bekannten Schriftsteller Karl May ein, einen Abenteuerroman dazu beizutragen. Der sagte zu, und lieferte. Portionsweise, wie es damals üblich war, bei solchen Lieferungswerken. Und als Kürschner erkannte, was May da ablieferte, war es zu spät, dem Einhalt zu bieten. Statt eines Abenteuerromans hatte May einen Roman geliefert, in dem es um Völkerverständigung ging, jenseits von Rassenideologien: Et in terra pax, später in seine Gesammelten Werke eingereiht, etwas erweitert unter dem Titel: "Und Friede auf Erden".


    Ich habe nach dem was in Hanau passiert ist, und zuvor an vielen anderen Stellen, nicht das Gefühl, dass unsere Gesellschaft weiter ist als vor 100 Jahren.

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  • Ergänzung: Es schwingt bei alledem die - m.E. mitunter böswillige - Unterstellung mit, man würde immer die Gruppe mitmeinen, wenn man über jemanden spricht oder schreibt, der irgendeiner Gruppe angehört. Ich halte das für einen paradigmatischen Fehler. Und einen Neckbreaker für die innergesellschaftliche Kommunikation. Und die Kunst sowieso.


    Vielleicht ist es aber auch die Absicht des Autors gewesen, um so über eine bestimmte Gruppe herzuziehen zu können und wenn er darauf festgenagelt wird, geht er in die Opferhaltung. Da könnte man zum Beispiel die AfD nehmen. Was rassistisches raushauen und dann behaupten, man wäre auf der Maus ausgerutscht und hätte es NIIIIIEE so gemeint. Dann Schmollmund ziehen und wie ein Lamm in die Kamera gucken.

    Irgendwas hat sich der Autor schließlich dabei gedacht etwas zu schreiben. Ein Teil unserer Gesellschaft ist sensibler (manche übersensibel) geworden, während ein anderer Teil noch im gestern (oder noch weiter zurück) festsitzt.

  • Wie homogen sind denn eigentlich die Gruppen von Menschen, um die es in all diesen Diskussionen geht? Wie viel hat zum Beispiel ein syrischer Kriegsflüchtling mit einem Afrikaner gemeinsam, der sich auf der Suche nach einer besseren Lebensperspektive auf den Weg nach Europa gemacht hat? Oder der nigerianische Student der Elektrotechnik mit seinem Landsmann, der seit Jahren mit anderen dieser vergessenen Unglücklichen in einer römischen Industrieruine haust? Sie alle sind Migranten. Und falls sie sich über ihr eigenes Schicksal hinausgehend schreibend dem Thema Migration zu nähern versuchen: Ist dann ihre Verantwortung, kein falsches Bild weiterzugeben von jeder Gruppe, über die sie schreiben, einschließlich ihrer eigenen, nicht exakt dieselbe wie die von Autorinnen und Autoren, die in den Genuss einer privilegierten weißen Sozialisierung gekommen sind, die überdies, nur weil sie „weiß“ ist, nicht schon zwangsläufig privilegiert gewesen sein muss?

    Aus Sicht der/aller Angehörigen irgendeiner Gruppe wird es ohnehin kaum möglich sein, mit jeder künstlerischen Annäherung deren Interessen gerecht zu werde

    So ist es. Das ist die Krux mit allen fiktiven Geschichten, die im Namen einer Gruppe oder über eine Gruppe erzählt werden: Sie werden der Gruppe in ihrer Gesamtheit niemals gerecht. Es ist unmöglich. Selbst die beste Absicht vermag daran nichts zu ändern. Und das gilt auch dann, wenn Autorin und Autor Angehörige der Gruppe sind, über die sie schreiben.

    Ergänzung: Es schwingt bei alledem die - m.E. mitunter böswillige - Unterstellung mit, man würde immer die Gruppe mitmeinen, wenn man über jemanden spricht oder schreibt, der irgendeiner Gruppe angehört. Ich halte das für einen paradigmatischen Fehler. Und einen Neckbreaker für die innergesellschaftliche Kommunikation. Und die Kunst sowieso.

    Und diese intellektuelle Unredlichkeit killt irgendwann jede Diskussion über dieses Thema.


    Herzliche Grüße,


    Jürgen

  • Schreiben ist Kunst. Würde man von einem Maler verlangen, nur noch Bilder zu malen, die seiner Ethnie entsprechen? Einem männlichen Bildhauer vorschteiben er dürfe keine weiblichen Akte mehr schaffen? Was ist mit Musik?

    Kunst bedeutet doch gerade, Gefühle zum Ausdruck zu bringen, Szenen im Leben ganz subjektiv gefärbt zum Ausdruck zu bringen.

    "Man muss immer noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können." Nietzsche

  • Ein Teil unserer Gesellschaft ist sensibler (manche übersensibel) geworden, während ein anderer Teil noch im gestern (oder noch weiter zurück) festsitzt.

    Setzt voraus, dass "der Teil der Gesellschaft, der sensibler geworden ist" vorher nicht sensibel war. Kolportiert die Meinung, dass es heute besser ist, als es früher einmal war, wobei unklar ist, wann "früher" war.


    Ich bin nicht überzeugt, dass man das so einfach sagen kann. Und ob die "übersensiblen" die bessere gesellschaftliche Lösung bieten, bezweifle ich auch.

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    Mit Büchern können Sie meistens nicht viel verdienen. Aber ich komme in Kontakt mit anderen Menschen, und Buchveranstaltungen sind sehr viel besser als Rockfestivals.


    Billy Bragg (* 1957)

    Süddeutsche Zeitung Nr. 281 – 4. Dezember 2020, S. 26

  • Hallo, Christian.


    Vielleicht ist es aber auch die Absicht des Autors gewesen, um so über eine bestimmte Gruppe herzuziehen zu können und wenn er darauf festgenagelt wird, geht er in die Opferhaltung.

    Wenn Du damit Herrn Sarrazin oder Herrn Pirinçci oder einen ihrer Doppelgänger meinst, dann kann man das "Vielleicht" auch weglassen, und diese Leute machen ja auch keinen Hehl daraus, wie sich ihre Feindbilder gestalten. Aber - ist das nicht ein bisschen mühevoll, einen ganzen Roman zu schreiben, um indirekt über eine Gruppe herziehen zu können, aber auch nur so verklausuliert, dass es nicht beim ersten Blick erkennbar wird? Wer agiert so? Hast Du Cummings' Roman gelesen? Wüsstest Du ein zutreffendes Beispiel? Und weiß die Person, die das geschrieben hat, das auch?


    Ansonsten beförderst Du damit, wie ich finde, die Unterstellungs-, Spekulations- und Verschwörungskultur, die es ja nicht nur weit rechts gibt, und die gerade an unserer Sozialstruktur nagt: Im Zweifel gegen den Angeklagten. Nehmen wir das Böseste an und schieben wir, wenn es gar nicht anders geht, irgendwann eine lahme Entschuldigung hinterher, wenn sich die giftige Unterstellung als voreilig, falsch, sogar dumm herausgestellt hat. Das beschädigte Autorendasein wird sich schon wieder fangen. Möglicherweise.


    Die "Sensitivity Reader" legen nahe, zu prüfen, ob die klassische Hauptfiguren-Besetzung aus westlichweißen Heterohauptfiguren mit christlichem Sozialsationshintergrund, die der mittelhalbprivilegierten Mittelschicht entstammen, immer sein muss, ob es keine Alternativen gibt, um die Farbigkeit und multikulturelle Beschaffenheit der Gesellschaft zu reflektieren. Alle Menschen hätten das Recht, sich in Geschichten wiederzufinden, schreiben die Betreiberinnen von "sensitvity-reading.de" beispielsweise (wobei ich nicht sicher bin, ob sie nicht sogar "Anspruch" gemeint haben).

    Nun wird diesem interessanten und durchaus zustimmungsfähigen Gedanken derjenige gegenübergestellt, dass die Aneignung ihre strikten Grenzen hat, dass man, wie Cordula schreibt, sich in eine "völlig fremde Seite eindenken" muss und dabei - das schwingt mit - eigentlich nur verlieren kann (die Empfindlichkeitsleserinnen gehen einen Schritt weiter und erklären, dass sich Autoren kein Thema greifen sollten, das sie nicht betrifft, und "die Bühne räumen" sollten für die Betroffenen, was wirklich eine radikale Forderung darstellt). Ist das wirklich so? Gibt es diese Gruppen als Gruppen überhaupt? Wer repräsentiert sie? Und wer entscheidet das? Sind nicht alle Menschen zuerst und zuvorderst Menschen mit solchen Eigenschaften, die alle Menschen einen und verbinden, aber auch trennen und isolieren (denn Arschlöcher z.B. gibt es in allen Gruppen), und erst frühestens in zweiter Linie gruppenidentitäre Repräsentanten, weil sie mehr oder weniger zufällig über irgendeine Eigenschaft verfügen, die meistens andere Menschen als Merkmal ausgemacht haben, das ihrer Identität vermeintlich zugrundeliegt? Wie soll ich als Autor, Künstler, Kulturschaffender überhaupt noch an eine Gesellschaft herangehen, die aus dieser Perspektive eine kritische, aber auch eine positive Auseinandersetzung verneint, weil das Recht verneint wird, über Individuen zu schreiben, ohne immer die Gruppe mitzumeinen? Bin ich umgekehrt immer zuvorderst Zielscheibe für Diskriminierungen, wenn ich einer Gruppe angehöre, die Diskriminierungen erleben muss? Reduziert das nicht das Menschsein ganz erheblich?

  • Kurz noch eine Biege zurück zum Kommentar in der "Zeit". Ich teile die Meinung unbedingt, dass die Aufweichung und Ausdehnung des Rassismus-Begriffs - unter anderem auf die Kultur - letztlich den Rechten in die Hände spielt und die Spaltung der Gesellschaft vorantreibt.


    Das RBB-Politikmagazin "Kontraste" hat im Herbst vergangenen Jahres eine sehenswerte Reportage über die Geschehnisse im Kreuzberger "Görlitzer Park" produziert, der zu bestimmten Tageszeiten von Drogendealern dominiert wird, die auch junge Schulkinder offen auf der Straße ansprechen, um ihnen Dope zu verticken. Die Situation wird geduldet, die Polizei ist weitgehend entmachtet, der selbsternannte und, sorry, strammlinke "Park-Rat" hat sogar versucht, ein Fußballturnier zwischen Anwohnern und Dealern zu organisieren, sozusagen zu integrativen Zwecken (das aber meines Wissens nicht stattgefunden hat). Über all das kann man dieser oder jener Meinung sein, aber es gibt eine Szene im Beitrag, in der eine Anwohnerin, die sich selbst links verortet, sehr irritiert und entrüstet davon erzählt, dass sie energisch und wiederholt als Rassistin beschimpft worden ist, weil sie etwas gegen die Dealer gesagt hat - die überwiegend aus nordafrikanischen Ländern stammen. Damit sind wir wieder bei der jederzeit mitschwingenden Unterstellung, dass man immer gegen die Gruppe spricht, wenn man Individuen aus einer marginalisierten Gruppe kritisiert. Der Rassismusbegriff wird auf alle ausgedehnt, die selbst keiner betroffenen marginalisierten Gruppe angehören. Und die echten Rassisten jubeln, sehen sich als Repräsentanten einer Mehrheit. (Aber all das hatten wir hier auch schon, etwa in dieser und in dieser Diskussion.)


    Und zurück zum Thema: Ich lasse mir vorwerfen, schlecht recherchiert, unzutreffend wiedergegeben, versehentlich karikiert zu haben, wenn ich über Menschen geschrieben habe, die Probleme haben, die ich nicht aus erster Hand kenne. Ich lasse mir vorwerfen, schlecht geschrieben zu haben, oder langweilig oder sonstwie misslingend. Aber ich lasse mir nicht vorwerfen, das Recht nicht zu haben, den Versuch zu unternehmen, mich in Menschen einzufühlen, mich einer Problematik anzunehmen, meine Sicht und meine Lösungsoptionen anzubieten. Natürlich mache ich das nicht, nachdem ich zwei Artikel bei Wikipedia über etwas gelesen habe, sondern nach Gesprächen, Materialsichtung, umfassender Lektüre. Persönliche Kontakte sind ohnehin das A und O.

    Aber. Es geht um die kreative, fiktionale, unterhaltende Verarbeitung unseres Daseins. Es geht auch um Subjektivität. Wir sprechen hier nicht über Gesetzgebung oder Verordnungsvorlagen für Strukturmaßnahmen, sondern über Kunst. Kunst hat übrigens auch das Recht, schlecht zu sein. Und jeder Rezipient hat das Recht, das festzustellen. Aber es hat niemand das Recht, mir als Künstler vorzuschreiben, wovon ich zu erzählen wage und wovon nicht. Punkt.