Jury zieht Entscheidung für Nelly-Sachs-Preis zurück

  • Du bist auch so ein kleiner Master of Self-Righteousness, oder, Siegfried? ;) "Wenn das kein Rassismus ist". Aber hallo. Jemand lehnt einen Staat als Institution, wie sie sich derzeit darstellt, ab, und ist deshalb gegen die Ethnie oder Glaubensgemeinschaft, die dort überwiegend lebt oder vorherrscht, und zwar im Sinne einer qualitativen Mindereinstufung. Das ist eine originelle Hinleitung zum bzw. Definition des Rassismus (oder, konkreter, Antisemitismus). Eine, die jedwede Kritik an Staatengefügen verbietet.

    Die Schwierigkeit beim Begriff "Rassismus" liegt natürlich darin, dass wir heute davon ausgehen, dass es bei Menschen gar keine Rassen gibt. Deshalb wird der Begriff heute meist dann gebraucht, wenn Menschengruppen aufgrund als gemeinsam unterstellter Merkmale als Kollektiv abwertend behandelt oder beschrieben werden. Diese Definition kann man noch feinjustieren. Wahrscheinlich sind viele sich gar nicht darüber im Klaren, was sie eigentlich meinen. Denn meiner Ansicht nach werden die Begriffe "Rassismus" oder "rassistisch" heute eher inflationär verwendet.


    So hat sich doch zum Beispiel Justin Trudeau kürzlich dafür entschuldigt, weil er sich vor 18 Jahren (!) bei einem Kostümball (!) das Gesicht braun geschminkt hat und ein orientalisches Kostüm trug, - und zwar: weil das rassistisch gewesen sei, wie er heute einsieht. Oh my god! Tschuldigung aber so etwas ist lächerlich und ein Affront gegenüber Leuten, die wirklich rassistisch angegangen werden.


    Wie komme ich nun dazu, das Verhalten von Frau Shamsie als Rassismus zu bezeichnen? Wenn sie untersagt, dass ihre Bücher ins Hebräische übersetzt werden, dann richtet sich das eben nicht gegen die israelische Regierung, sondern gegen alle Israelis. Sie werden als Kollektiv für unwürdig befunden, ihre Bücher zu lesen.


    Ich persönlich lehne beispielweise das totalitäre Regime im Iran und seine religiöse Ideologie zutiefst ab, fände es aber indiskutabel deshalb eine Übersetzung meiner Bücher ins Persische abzulehnen. Ich kann eine Regierung oder eine Staatsverfassung oder eine Ideologie oder eine Partei ablehnen und sogar bekämpfen, ohne rassistisch zu sein. Ich kann eine Regierung sogar im Interesse der Menschen, die unter ihr leiden, bekämpfen. Aber wenn ich alle Bürger eines Landes ablehne, dann nenne ich das rassistisch. Und wenn das nicht rassistisch sein soll, dann können wir den Begriff wirklich einstampfen.

  • Hallo, Siegfried.


    Frau Shamsie hat nirgendwo und an keiner Stelle erklärt, dass sie alle Israelis als "unwürdig" empfindet, ihre Bücher zu lesen. Sie hat erklärt, dass sie das nicht möchte, weil - Zitat - "ich keinen Verleger fiktionaler Werke auf Hebräisch kenne, der nicht Israeli ist, und weil ich davon ausgehe, dass es keinen israelischen Verlag gibt, der völlig losgelöst vom Staat ist."


    Aber das endet irgendwann bei Wortklauberei.

  • Warum lässt du es nicht einfach gut sein, Tom? Das hat doch überhaupt keinen Sinn. Egal, wie sachlich man sich dem Thema Palästina/Israel auch annähert, es wird in Windeseile emotionalisiert.

    Wenn man heutigentags in Israel Wahlen damit gewinnt, dass man weitere völkerrechtswidrige Annektionen, vulgo Landraub, (Jordantal) verspricht, erübrigt sich wohl jede weitere Diskussion darüber, ob Gegner dieser "Politik" böse oder doch eher vernünftig sind.

  • Äh, Lakedaimon,


    (Du bist auch ein Foren-Wiedergänger, oder? ;) )


    ich finde, Diskussionen erübrigen sich (fast) nie. Wenn wir aufhören, miteinander und über etwas zu sprechen, negieren wir einen sehr relevanten Lernerfolg der menschlichen Art.


    Es geht mir - hier - auch keineswegs darum, den Staat Israel oder dessen Legislative zu bewerten oder zu beurteilen. Es geht mir nur um das Verhalten dieser Literaturpreisjury einer Autorin gegenüber, der erst ein Preis - ein Nominierungspreis! - zu- und dann wieder aberkannt wurde. Es geht mir um die (aus Sicht der Jury nachträgliche) Kategorisierung der Autorin als Antisemitin und (Siegfrieds Terminus) Rassistin. Es geht mir um das Wie, nicht so sehr um das Was. Wobei man das Was natürlich nicht ganz ausklammern kann.


    Kamila Shamsie nimmt eine sehr unversöhnliche Position dem Staat Israel gegenüber ein, und sie erklärt, dass alle Institutionen, offizielle wie nichtoffizielle, nicht vom Gefüge getrennt zu betrachten sind, deshalb verbietet sie die Publikation ihrer Bücher dort. Das ist die klassische Sippenhaft, aber es ist kein Rassismus. Man kann dem gegenüberstehen, wie man möchte, und ich bin ganz persönlich meistens kein großer Freund davon, ein Volk leiden zu lassen, dessen Führer man verurteilt (wobei sich das Leid der hebräischsprachigen Bevölkerung Israels in Grenzen halten dürfte, Kamila Shamsie nicht lesen zu können), aber die Kategorisierung und die damit einhergehende Begründung des Vorgehens der Jury sind auf jeden Fall diskussionswürdig.


    Und ich empfehle jedem, sich mit der Definition solcher Begriffe wie "Antisemitismus" auseinanderzusetzen, wie Siegfried das ja auch geraten hat. Natürlich sind solche Definitionen in ständiger Bewegung - wir erleben das auch bei anderen Ismen -, aber Kern und Ursprung bleiben hiervon weitgehend unberührt.

  • Wenn euch dir mein Name nicht gefällt, nennt mich Ismael. ;)


    Zum Vorwurf gegen Shamsie: "Ausgrenzung oder kauft nicht bei Juden" habe ich unten ein Foto angehängt.

  • Hey, Lakedaimon.


    Dein Beispiel soll zeigen, dass die - auch nicht gegen Selbstgerechtigkeit immunisierte - "andere Seite" selbst zu solchen Instrumenten greift, aber das tut es nur, wenn man es sehr oberflächlich betrachtet. Die Firma Biomare hat ganz klare Richtlinien für sich selbst und ihre Partner definiert, sie agiert auf einer nachvollzieh- und -lesbaren ethischen Grundlage, und die Schlagworte sind u.a. Nachhaltigkeit, Achtsamkeit, Fairness, Umweltschutz und viele andere aus dieser Reihe. Wenn der Eigentümer eines Zulieferbetriebs AfD-Funktionär ist, dann ist er Funktionär in einer Partei, die diese Werte leugnet und aktiv bekämpft, und zwar mit allen Mitteln. Es würde der Glaubwürdigkeit und möglicherweise sogar der Existenz von Biomare schaden, sich von diesem Laden weiter beliefern zu lassen. Aber das ist kein "Kauft nicht bei"-Aufruf. Es verdeutlicht lediglich, dass das Konzept, das für das eigene Unternehmen gilt, auch bei Zulieferern verwirklicht oder zumindest anerkannt werden soll, weil es sonst unglaubwürdig ist.


    Natürlich schwingt bei dieser Form von Öffentlichmachung auch der Wunsch mit, andere würden dem Beispiel folgen und also den Zulieferer boykottieren oder wenigstens meiden. Und das fällt dann wohl tatsächlich in die Kategorie "Selbstgerechtigkeit". Jedenfalls möglicherweise. Man muss solche Entscheidungen ja irgendwie kommunizieren, denn wenn man es ohne Öffentlichkeit macht, droht der Vorwurf, klammheimlich die ehemalige Zusammenarbeit vertuschen zu wollen. Jeder denkbare Weg bietet jemandem, der Böses will, entsprechende Möglichkeiten.


    Es gilt, wie bei vielen solchen Vorgängen, darunter auch demjenigen, der Thema dieses Threads ist, dass ein wenig Bereitschaft zu Differenzierung sehr dabei helfen kann, eine weitere Verhärtung der ohnehin hochdichten Fronten zu vermeiden. ;)

  • Es gilt, wie bei vielen solchen Vorgängen, darunter auch demjenigen, der Thema dieses Threads ist, dass ein wenig Bereitschaft zu Differenzierung sehr dabei helfen kann, eine weitere Verhärtung der ohnehin hochdichten Fronten zu vermeiden. ;)

    Das ist so richtig, das unter Anwendung dieser Differenzierung es sogar möglich gewesen wäre, Frau Shamsie den Preis zu geben, wenn nämlich angemessen auf ihre Boykott-Haltung eingegangen wäre VOR der Preisvergabe mit dem Hinweis, das man diese Haltung NICHT teilt, die Person und ihr Werk als Ganzes aber deshalb nicht vom Preis ausschließen möchte. Das hätte vermutlich trotzdem böses Blut gegeben, aber die Entscheidung an sich wäre nicht angreifbar gewesen.

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Sagen und Legenden aus Baden

    ASIN/ISBN: 3955403823


    Wir haben sogar Bücher zuzm Totlachen aufzuweisen, von denen ich wünschte, dass die Verfasser die erste Probe an sich gemacht hätten!.
    Carl Julius Weber

    aus: Demokritos


  • Ich differenziere auch noch mal: "Kauft nicht bei Juden/Moslems/Finnen ..." knüpft an die Geburt als etwas an. Ähnlich wäre es bei "Bespuckt alle Blauäugigen / Menschen über 1,80 Metern". Das sind Eigenschaften, die man nicht ändern kann. Das ist bei Meinungen anders.

    Es gibt drei Regeln, wie man einen Roman schreibt. Unglücklicherweise weiß niemand, wie sie lauten. (William Somerset Maugham)

  • Deshalb ist es auch schwierig, etwas, das sich gegen eine Herkunft gerichtet hat, also im Kern rassistisch bzw. antisemitisch war, mit etwas zu vergleichen, dass sich gegen ein Staatsgefüge richtet. Nur, weil es eine ähnliche Art von Maßnahme ist, lässt das nicht unbedingt auf die Gesinnung derjeniger schließen, die die Maßnahme propagieren. An dieser Stelle hat das Biomare-Beispiel dann wieder Sinn.