Jury zieht Entscheidung für Nelly-Sachs-Preis zurück

  • "(...) Mit Ihrem Votum für die britische Schriftstellerin Kamila Shamsie als Trägerin des Nelly-Sachs-Preises 2019 hat die Jury das herausragende literarische Werk der Autorin gewürdigt. Zu diesem Zeitpunkt war den Mitgliedern der Jury trotz vorheriger Recherche nicht bekannt, dass sich die Autorin seit 2014 an den Boykottmaßnahmen gegen die israelische Regierung wegen deren Palästinapolitik beteiligt hat und weiter beteiligt. (...)"


    Stellungnahme der Stadt Dortmund

    Es gibt drei Regeln, wie man einen Roman schreibt. Unglücklicherweise weiß niemand, wie sie lauten. (William Somerset Maugham)

  • Die Einwände kann ich durchaus nachvollziehen (es ist auch *etwas schwierig*, einer Anti-Israel-Person einen jüdischen Preis zu verleihen), dennoch sollte man Werk und Künstler auch trennen können. Man muss als Künstler nicht zwangsweise ein guter Mensch sein, um großartige Kunst zu erschaffen.


    Wenn man jemand für sein/ihr "herausragendes literarisches Werk" auszeichnen möchte, sollte meines Erachtens in erster Linie ebendieses herausragende literarische Werk ausschlaggebend sein.

  • Wenn man jemand für sein/ihr "herausragendes literarisches Werk" auszeichnen möchte, sollte meines Erachtens in erster Linie ebendieses herausragende literarische Werk ausschlaggebend sein.

    Da frage ich mich, ob das schon jemals so gestimmt hat. Früher war halt weniger über die Autoren bekannt. Aber heute? Dank Internet sind Zusatzinformation immer nur einen Mausklick weit entfernt.

    Ich weiß auch nicht, ob diese Trennung von Person und Werk so sinnvoll ist. Im Unterhaltungsbereich geht das vielleicht noch, aber der Trend geht nach meinen Gefühl immer mehr in Richtung Komplettpaketbetrachtung, was für mich eine Grund ist, warum viele Menschen, die es über die mediale Wahrnehmungsschwelle geschafft haben, plötzlich sehr vorsichtig agieren.

  • Die Stadt Dortmund schreibt: "Mit dem Literaturpreis sollen Persönlichkeiten geehrt und gefördert werden, welche überragende schöpferische Leistungen auf dem Gebiet des literarischen und geistigen Lebens hervorbringen und die insbesondere eine Verbesserung der kulturellen Beziehungen zwischen den Völkern zum Ziel haben, die sich der Förderung der zwischenstaatlichen Kulturarbeit als eines neuen und verbindenden Elementes zwischen den Völkern besonders angenommen haben, die in ihrem Leben und Wirken die geistige Toleranz und Versöhnung unter den Völkern verkündet und vorgelebt haben."

    Es gibt drei Regeln, wie man einen Roman schreibt. Unglücklicherweise weiß niemand, wie sie lauten. (William Somerset Maugham)

  • Sicherlich ist es schwer, Künstler und Werk voneinander zu trennen. Da geht es mir nicht anders als euch. Aber wird ein Werk weniger herausragend, nur weil sein Verfasser (überspitzt ausgedrückt) ein Arschloch ist oder dazu mutiert?


    Wenn es nicht um einen speziellen Preis wie den Nelly Sachs-Preis gehen würde, würde ich Dir zustimmen. Allerdings kann ich in der Mitgliedschaft einer antisemitisch angehauchten Bewegung und einer Verbesserung kultureller Beziehungen unter Völkern nicht erkennen. Schlimmer noch. Der Terror der Hamas wird von den Anhängern dieser Bewegung ausgeblendet oder heruntergespielt. Und diese Bewegung macht auch nichts anderes als im 3. Reich die Schildaufsteller der SA mit "Kauft nicht bei Juden". Wo erkennst Du da eine Verbesserung einer Völkerverständigung? Oder ein aufeinanderzugehen? Meiner Meinung nach wäre es ein Hohn gewesen, wenn diese Dame den Preis erhalten hätte.

  • Eine "antisemitisch angehauchte Bewegung", so so. Immerhin hat ja eine Mehrheit des Bundestages entschieden, den BDS als antisemitisch einzustufen, und was soll man gegen eine Bundestagsmehrheit auch sagen, oder? Mehrheiten haben schließlich immer recht. Hat sich hier jemand mit den Aussagen und Zielen des BDS intensiv auseinandergesetzt oder ist das alles nur Medienhalbwissen, das nachgeplappert wird? Ich bin kein Sympathisant dieser Leute, obwohl ich einige Kritikpunkte durchaus als bedenkswert empfinde, aber diese Unsitte, jedem, der einem querkommt, einfach irgendeinen Ismus überzustülpen, das ist nichtswürdig. Und diese Dortmunder Leute sind nichts weiter als feige.

  • Tja, dann empfehle ich Dir lieber Tom, die Webseite der BDS-Kampagne zu öffnen. Da ist aktuell zu lesen:


    "Keine Straflosigkeit für ethnische Säuberungen in Jerusalem – Sofortiger Boykott Israels!"

    "Netta Barzilai, Kulturbotschafterin für Israels Regime der Besatzung und Apartheid"


    Nicht antisemitisch?

  • Antizionismus ist wohl das Stichwort.


    Zitat

    "Keine Straflosigkeit für ethnische Säuberungen in Jerusalem – Sofortiger Boykott Israels!"

    Und was sollte dagegen sprechen? Ethnische Säuberungen sind für mich immer "verurteilungswürdig".

    Ob es sich im Sinne der Definition tatsächlich um eine handelt, ist eher die Frage, die untersucht gehörte.

  • Du willst untersuchen, ob in Jerusalem "ethnische Säuberungen" durchgeführt werden oder ob die Regierung das tut?


    Fein, und danach untersuchen wir gleich noch, ob der menschengemachte Klimawandel die Scharlatanerie einer Weltverschwörung ist, bestehend aus Wissenschaftlern, die die Herrschaft an Lord Voldemort übertragen wollen.

    Es gibt drei Regeln, wie man einen Roman schreibt. Unglücklicherweise weiß niemand, wie sie lauten. (William Somerset Maugham)

  • Du willst untersuchen, ob in Jerusalem "ethnische Säuberungen" durchgeführt werden oder ob die Regierung das tut?


    Das ist in Insrael selbst ein Thema.


    Allerdings gibt es auch den Vorwurf ethnischer Säuberungen für die andere Seite.


    Mit Antisemitismus hat das anschauen solcher Fragen zunächst überhaupt nichts zu tun. Man muss aber vorsichtig sein, weil solche Argumente gerade für antisemitische Zwecke gerne missbraucht werden. Dass die BDS-Kampagne auf solche Hintergründe bereits abgeklopft wurde ist ja bekannt und deshalb die Entscheidung der Dortmunder nachvollziehbar. Ich sehe nicht, dass sie eingeknickt sind.

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    ASIN/ISBN: 3955404021


    Verengung des freien geistigen Horizontes ist eine Gefahr in Zeiten des Massenkultes.
    Emanuel von Bodmann


  • Wenn man der Kausalkette folgt, dass Israel der Staat der Juden ist und die Regierung Israels alle Juden repräsentiert und deshalb eine Kritik an Israel bzw. der Politik der israelischen Regierung immer auch sofort eine (unberechtigte) Kritik an allen Juden ist, die außerdem Verachtung und Ablehnung der Repräsentierten ausdrückt, dann liegt zweifelsohne Antisemitismus vor. So, wie zweifelsohne Rassismus vorliegt, wenn man sich gegen die Omnipräsenz der Dealer im Berliner Görlitzer Park ausspricht, die zufällig überwiegend ähnliche ethnische Abstammungen haben.

    Aber ich wollte dieses dünne Eis nicht einmal in Sichtweite haben. Stimmt schon alles. Machen wir jede Kritik mundtot, indem wir die Kritiker einfach sofort und umgehend stigmatisieren. Damit wird es vollständig unmöglich gemacht, in einen differenzierten Diskurs einzutreten, aber wer braucht den schon?

    Ich halte von der BDS-Kampagne nicht viel, nicht zuletzt (aber nicht nur), weil es unter den BDS-Befürwortern einige gibt, die sogar das Existenzrecht Israels anzweifeln. Aber die Kampagne kritisiert das in den Augen einiger durchaus völkerrechtswidrige Vorgehen des Staates und seiner Institutionen. Sie tut das mit harten Worten, ohne Zweifel, aber wer die Antisemitismuskeule auf diese Weise abnutzt, ebenso, wie das außerdem mit Seximus- und Rassimuskeule geschieht, der nimmt ihr/ihnen langfristig die Schlagkraft. Nebenbei bemerkt frage ich mich, wie man eine Gruppe ernsthaft als antisemitisch bezeichnen kann, die u.a. mit jüdischen Organisationen zusammenarbeitet.


    Unabhängig hiervon bleibe ich bei der in meinem Posting von gestern geäußerten Auffassung.