Schatz, wir müssen reden!

  • Als Willy Brandt vor bald fünfzig Jahren vor dem Ehrenmal für die Opfer des Warschauer Ghetto-Aufstands niederkniete, kam es in der Folge jenes Ereignisses - zu dem Zeitpunkt war ich neunzehn - in meiner damaligen Freundesclique zu äußerst hitzigen Diskussionen, in deren Verlauf wir manchmal einander Ausdrücke an den Kopf warfen, die heutzutage viele Menschen als Beleidigung empfinden würden. Die Heftigkeit der Diskussionen war nicht zuletzt der Tatsache geschuldet, dass wir eine sehr heterogene Gruppe waren, in der von ziemlich weit rechts bis sehr weit links inklusive Anarchisten und Spontis das gesamte damalige politische Spektrum vertreten war. Und so war für die einen Willy Brandt ein Held, für andere ein Vaterlandsverräter und für wieder andere nur ein berechnender Schauspieler. Irgendwann im Verlauf einer solchen Diskussion mündeten Argumente und wechselseitige Unterstellungen in einen ermüdenden Kreisverkehr, bis jemand in die Runde fragte: „Wie isses, Leute, trinken wir erst hier noch ’n Bier oder gehn wir jetzt gleich in Theos Pinte ein Gyros essen?“ Ja, und von dem Moment an haben wir noch stundenlang über dieses und jenes gequatscht und gelacht, und keinem von uns wäre es in den Sinn gekommen, einem anderen die Freundschaft nur deshalb aufzukündigen, weil er hin und wieder eine andere Meinung vertrat.

    Solch heterogene Gruppen gibt es heute kaum noch. Stattdessen wird „geliked“, wer so denkt wie ich und ruckzuck „entfreundet“, wer vermittels einer abweichenden Meinung das eigene Wahrnehmungsfenster zu beschmutzen wagt, so als wäre dieser Mensch nichts weiter als ein Fliegenschiss.

    Natürlich hat die Toleranz eines jeden Menschen ihre Grenzen, gibt es immer auch Themen, die uns näher, Themen, die uns nahe gehen und infolgedessen die Messlatte für zu verteilende „Likes“ höher legen lassen als üblich. Aber warum sollte das ein Grund dafür sein, sich frühzeitig aus einer Diskussion zu verabschieden, nur weil andere die eigene Meinung nicht zu hundert Prozent teilen, oder sich hinter der resignativen Feststellung zu verschanzen, es lohne einfach nicht mehr, sich an dieser oder jener Diskussion zu beteiligen, was vielfach sogar dann geschieht, wenn zwischen den Teilnehmenden Übereinstimmung im Grundsätzlichen sowie in der Benennung von Zielen besteht. Oft wird sich an einzelnen Formulierungen gerieben oder über den „Ton“ gestritten und nicht selten kommt es zu einem Rückzug auf Meinungsinseln und zu einer Abnahme der Beschäftigung mit Argumenten, bis hin zu der faktischen Weigerung, die eigenen Argumente derselben permanenten Prüfung auf Plausibilität zu unterwerfen wie die der anderen. Parallel dazu scheint sich die Tendenz herauszubilden, Behauptungen und Meinungen von vornherein mit moralisch begründeten Wertungen zu befrachten. Aber wer glaubt, die Moral für sich gepachtet zu haben, lässt dem abweichend Argumentierenden zwangsläufig nur die Rolle des moralisch Anzuzweifelnden, unabhängig davon, ob diese Diskreditierung beabsichtigt ist oder nicht.

    Erklärungen für diese Empfindlichkeit einerseits sowie der selektiven Intoleranz andererseits lassen sich stets auch aus der eigenen Biographie herleiten. Aber eben nur zum Teil. Und es trägt nichts Wesentliches zur Beantwortung der Frage bei, warum es vielen unter uns seit einiger Zeit so schwer fällt, anders Gedachtes als bedenkenswert zu achten und den Andersdenkenden als einen uns gleichwertigen Menschen zu respektieren, statt ihn auf seine Meinung, eine Meinung zu reduzieren. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Ich rede hier weder von faschistoiden Geschichtsleugnern noch von Hypermoralisten, deren Menschenbild in Bezug auf Andersdenkende hier und da gleichfalls bereits totalitäre Züge trägt - nein, ich meine hier ausschließlich die geschätzten 80 Prozent diesseits der beiden genannten Gruppen, ich rede von denen, die auf der Basis eines gemeinsamen Wertekanons bislang den Zusammenhalt unserer Gesellschaft gesichert haben, so sehr sie sich auch in der Analyse eines Problems sowie hinsichtlich der zu dessen Lösung als zielführend erachteten Herangehensweise uneins waren und sind.


    Manchmal kommt es mir so vor, als würden wir einer nach dem anderen von einem Virus befallen, der uns in den Wahn eines unbedingten Rechthabenmüsssens treibt. Schwarz oder weiß. Us or them. Oder wir mutieren in der sprachlichen Kommunikation zu Autisten, die einander nicht mehr zuzuhören wissen, die in parallel gesprochenen Monologen aneinander vorbeireden und das Missverständliche mit unfehlbarer Zwangsläufigkeit tatsächlich missverstehen.


    Woher kommt mit einem Mal dieses Bedürfnis, sich vorzugsweise nur noch mit gleich oder ähnlich Denkenden abzugeben? Die zuweilen besserwisserische Arroganz? Woher die große Empfindlichkeit, die eine abweichende Meinung häufig bereits als einen Angriff auf die eigene Person interpretiert und mit einem Beleidigtsein ahndet, das sich mir hier und da fast schon aus einem Beleidigtseinwollen zu speisen scheint?

    Was also hat sich geändert? Nein, früher war nicht alles besser. Ganz gewiss nicht. Aber seit dem NATO-Doppelbeschluss vom Dezember 1979 habe ich zum ersten Mal wieder richtig Angst. Angst, dass schon bald nur noch die Stimmen derer zu hören sein werden, die am lautesten schreien. Angst, dass der Zusammenhalt unserer Gesellschaft zerbricht und an deren Stelle eine Gesellschaft tritt, in der vermutlich niemand von uns leben möchte.


    Reden löst nicht alle Probleme. Weder in der Paartherapie noch im Austarieren der Interessen vieler verschiedener Gruppen innerhalb einer mittlerweile sehr heterogenen, einer sehr bunt gewordenen Gesellschaft. Aber miteinander zu reden ist die grundlegende Voraussetzung dafür, dass wir uns nicht gänzlich fremd werden, fremd bleiben.

    Aus Sprachlosigkeit kann nichts Gutes erwachsen.


    Wie seht ihr das?

  • Lieber Jürgen. Ich habe grade dein Posting nochmal durchgelesen und beantworte die Frage, die du am Ende stellst, mit: Sehe ich genauso, ich glaube sogar, Wort für Wort. Dass dir bisher niemand geantwortet hat, könnte daran liegen, dass deinen Worten wenig hinzuzufügen ist. Vielleicht einfach daran, das Wochenende ist. Vielleicht sind aber alle noch ein wenig verkatert von der letzten Party hier. Die hat mir u.a. gezeigt, dass es ein Eiertanz sein kann, den Punkt zu erkennen, wo eine Diskussion keine mehr ist (oder sich in verbissenen Hin und Her totgelaufen hat), und dem Anspruch, im Gespräch zu bleiben. Frustrierter und gekränkter Rückzug? Bier und Gyros wären eine prima Alternative! :nick

  • Ja, das war nicht nur bei Willy Brandt so. Ich erinnere mich an viele Abende mit teils sehr heftigen Diskussionen in "ideologisch gemischten" Gruppen in der zweiten Hälfte der 1970er. Und am nächsten Morgen traf man sich, begrüßte sich herzlich, unternahm etwas gemeinsam und der Abend vorher spielte keine Rolle mehr, bis zum nächsten Abend, drei oder vier Tage später - oder auch eine Woche - wo es dann genau so zuging. Irgendwann drifteten einige ab, extrem nach Rechts oder Links, von einem weiß ich, dass er untertauchte und bis heute nicht wieder sichtbar wurde, aber das waren Randerscheinungen. Heute ist das anders. "Deine Meinung - Meine Meinung" heißt das und wenn man nicht absolut die Meinung des/der Anderen teilt, dann gibt es Kommunikationsverbot. Sollte man den Fehler machen, etwas von Wertschätzung des/der Anderen sagen, dann wird man abgetan mit der Bemerkung, dass schleimen nicht mehr lohnt oder das man ein unwahrhaftiger Typ sei. Also lässt man das besser. Der oder diejenige, in dessen Aussagen man etwas von der eigenen Meinung findet, ist dann plötzlich beachtenswerter, ganz egal ob die Verhaltensweise schwierig bis schlimm ist. Und selbstverständlich sind die anderen die Schlimmen, und zwar global alle, die nicht mindestens in wesentlichen Punkten der eigenen Meinung entsprechen.


    Ich weiß nicht, wann das gekippt ist, dieses Verhalten. Gefühlt würde ich sagen, irgendwann ein paar Jahre nach der Jahrtausendwende, mindestens aber vor einem Jahrzehnt.

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Sagen und Legenden aus Baden

    ASIN/ISBN: 3955403823


    Im Inneren eines Menschen existiert ein Kern, der von Fragen wie Staatsbürgerschaft oder sozialer Herkunft völlig unberührt ist. Dafür sollte sich die Kunst interessieren.
    Marina Davydova

    SZ Nr. 289, 15.12.2022, S. 11


    Einmal editiert, zuletzt von Horst-Dieter ()

  • „ Schatz, wir müssen reden.“ Miteinander reden bedeutet für mich, gegenüber sitzen, miteinander spazieren gehen, wichtig ist, das miteinander sehen können. Sich gemeinsam an den Küchentisch zu setzen, - die besten Feiern sind immer in der Küche- so heißt es ja nicht umsonst, Tässchen Kaffee dazu, das ist etwas anderes , als eine e-mail zu schicken oder einen Artikel zu veröffentlichen. Putlitz 2019, hat eine 15jährige Schülerin ihre Gedanke dazu vorgetragen:

    IM WÜRGEGRIFF

    Zu Bodenfällt ein dunkler Schatten

    Grau die Nacht und weiß Luna

    Der Kälte wegen sie längst webte

    Weiße Dünste, wunderbar.


    Und auf der Sternendecke zeichnet

    Sich so manches Kunstwerk ab.

    Geschaffen als die reine Wonne,

    Geschaffen, als die Welt sich gab.


    Und in der Stille, sanft und säuselnd

    Und doch mächtig und zu schön

    Hat des Menschen trübes Auge

    Nur den Blick zur Illusion.


    Seit sie sich den Weg gebahnet

    Und gestohlen in den Geist

    Ein schneller Biss- und süße Gifte

    Lähme, was nicht „Einfalt“heißt.


    Im Rausch verblassen all die Bilder,

    Die vergangene‘ Zeiten schufen.

    Schon hört man die neuen Stimmen

    Neue Gedächtnis rufen.


    Das Flimmern ist uns Lebenssaft,

    Den zu trinken es nie lohnt.

    Doch durch den Griff der kalten

    Schlange

    Ist uns die Leere so gewohnt.


    Die Tür’n der Zellen sind geöffnet.

    Und die Ketten längst gelöst!

    Wir könnten uns so frei bewegen,

    Denn Freiheit nie an Grenzen stößt.


    Wann werden wir es denn begreifen,

    Wie man die Hydra von sich reißt?

    Das Internet ist ihre Droge,

    Das Gegengift „Gemeinschaft“ heißt.


    Sophie Kamann, 15 Jahre, frei vorgetragen in Putlitz 2019






  • Ich weiß nicht, wann das gekippt ist, dieses Verhalten. Gefühlt würde ich sagen, irgendwann ein paar Jahre nach der Jahrtausendwende, mindestens aber vor einem Jahrzehnt.

    Ja, das deckt sich mit meinen Beobachtungen. Die Diskussionskultur war 2000, um mal ein Jahr zu nennen, eine vollkommen andere als jetzt. Nach meinem Eindruck war es ein schleichender Prozess, der immer mehr darin mündet, dass sich nur noch Extrempositionen durchsetzen. International ist dieser Trend in der Politik auch zu beobachten. Da braucht man nur nach USA, Polen, Italien oder Brasilien zu schauen.

  • Als die Grünen sich langsam Gehör verschafften, war ich Teenie. Ich hatte mich von ihren Untergangsprognosen vollkommen anstecken lassen. Mein Freund kam aus strammem CDU Hause. Oft haben wir über unsere diametralen Überzeugungen diskutiert, was nicht selten in Prügeleien endete. Trotzdem haben wir uns immer wieder vertragen und sind Freunde geblieben. Heute scheint sowas nicht mehr möglich.

    Meine Oma, Erwachsene im Dritten Reich, hatte immer bei der kleinsten von der Norm abweichenden Kleinigkeit den Spruch auf Lager: "Da werden dich alle auslachen". Ich habe damals nicht verstanden, was sie damit meinte, weil mir ein "über mich lachen" schnurzpiep war und bis heute ist.

    Ich habe das Gefühl, wir leben immer mehr in einer Gesellschaft, in der das Selbstbewusstsein abhanden gekommen ist, die Fähigkeit über sich selbst lachen zu können, das Vermögen persönliche Eigenheiten an sich selbst akzeptieren zu können (niemand hat sie nicht) und dazu stehen zu können.

    Die kleinste Kritik kann nicht mehr ausgehalten werden.

  • Ich weiß nicht, wann das gekippt ist, dieses Verhalten. Gefühlt würde ich sagen, irgendwann ein paar Jahre nach der Jahrtausendwende, mindestens aber vor einem Jahrzehnt.

    So etwas kippt nicht in zwei oder drei Jahren. Wenn es sich überhaupt um eine Art Kippen handelt, dann dauert das eher ein Jahrzehnt, und zu Ende ist das noch nicht. Nicht ganz zufällig scheint es sich um den Zeitraum zu handeln, in dem auch der Aufstieg der Sozialen Medien stattfindet.

    Vielleicht sind wir überfordert mit dieser Art der Kommunikation, mit diesem ungefilterten permanenten Stimmengewirr von überallher. Also filtern wir: mit dem ja, mit dem nicht

    Nur so ein Gedanke.

  • Möglicherweise ist es nur nicht die (Art der) Kommunikation selbst, die uns überfordert, sondern unser Selbstbild, also unser Bild davon, wie wir uns in diesem Kontext sehen. Der Wertungsprozess entzieht sich unserer Kenntnisnahme, und zuweilen kennen wir einen Großteil der Leute, vor denen wir unsere Gedankenkostüme da ausziehen, nicht einmal persönlich. Die Verletzlichkeit ist sehr viel höher, aber weil wir umgekehrt auch diejenigen nicht sehen können, denen wir einschenken, gilt das außerdem für den Grad der Bereitschaft zur aktiven Verletzung. Umso näher liegen dann radikale Maßnahmen, wenn es ans Eingemachte geht. Wir halten das für eine Art Zeichensetzen, aber eigentlich ist es meistens eine Kapitulation vor sich selbst.

    "Du gehörst zu denen" ist, um auf Jürgens Eingangsposting zu kommen, eine Annahme, die naheliegt, wenn das Stimmungsbild, das man mitgemalt hat, und der Likes-Zähler durch die Welt irren und unbetreut Eindrücke erzeugen (nimmt man zumindest an). Dem kann man sich nur durch Distanzierung entziehen, glaubt man. Und irgendwie ist das wichtiger als alles andere. Glaubt man ebenfalls.


  • Aus Zeitgründen werde ich erst am späteren Nahmittag oder im Verlauf des Abends dazu kommen, auf einige Postings in diesem Thread einzugehen, wollte mich aber schon jetzt bei allen bedanken, die mitgelesen haben und insbesondere bei denen, die sich bisher zu Wort gemeldet haben.


    Bis später,


    Jürgen

  • Vielleicht sind wir überfordert mit dieser Art der Kommunikation, mit diesem ungefilterten permanenten Stimmengewirr von überallher.

    Ich bemerke das an mir selbst, dass ich bereits beim Schreiben einer eMail dazu tendiere, „härtere“ Formulierungen zu wählen, als wenn ich mit ein und der derselben Person ein Telefongespräch führe, und in noch viel stärkerem Maße gilt das, wenn mir diese Person direkt gegenübersitzt. In der Kommunikation über das Internet fehlt der Klang der Stimme und es entfällt die mit den Worten parallel laufende Kommunikation über Mimik und Gestik, die wir in ihrer Gesamtheit nicht einmal näherungsweise bewusst wahrnehmen und die unseren Worten im Extremfall eine völlig andere, auch komplexere Bedeutung geben können - komplexer im Sinne von Vervollständigung. Wenn ich zum Beispiel hier im Forum jemanden ohne weitere Erklärung als „Idiot“ anreden würde, dann käme das beim Empfänger zweifellos anders an, als wenn ich ihm das in einen bestimmten Kontext eingebettet mit einem Grinsen bis zu den Ohren direkt ins Gesicht sage und ihm gleichzeitig Kaffee nachschenke.


    Der Wertungsprozess entzieht sich unserer Kenntnisnahme, und zuweilen kennen wir einen Großteil der Leute, vor denen wir unsere Gedankenkostüme da ausziehen, nicht einmal persönlich. Die Verletzlichkeit ist sehr viel höher, aber weil wir umgekehrt auch diejenigen nicht sehen können, denen wir einschenken, gilt das außerdem für den Grad der Bereitschaft zur aktiven Verletzung. Umso näher liegen dann radikale Maßnahmen, wenn es ans Eingemachte geht.

    Daran kann kein Zweifel bestehen. Es reicht mir aber nicht als Grund, um das Internet zum alleinigen Sündenbock all dessen zu machen, was in unserer Kommunikation seit geraumer Zeit entgleist. Das Internet ist für mich zunächst einmal nichts weiter als ein riesiger Werkzeugkasten, aus dem ich mir nehme, was mir brauchbar erscheint, um es auf eine meinen Absichten förderliche Weise zu benutzen.


    Die Diskussionskultur war 2000, um mal ein Jahr zu nennen, eine vollkommen andere als jetzt.


    Ich weiß nicht, wann das gekippt ist, dieses Verhalten. Gefühlt würde ich sagen, irgendwann ein paar Jahre nach der Jahrtausendwende, mindestens aber vor einem Jahrzehnt.


    So etwas kippt nicht in zwei oder drei Jahren. Wenn es sich überhaupt um eine Art Kippen handelt, dann dauert das eher ein Jahrzehnt, und zu Ende ist das noch nicht. Nicht ganz zufällig scheint es sich um den Zeitraum zu handeln, in dem auch der Aufstieg der Sozialen Medien stattfindet.

    Ja, wann ist das gekippt? Ganz sicher nicht erst, seit uns das Internet so „wundervolle“ Möglichkeiten bietet, einander zu verletzen, dazu bräuchte es ja nach wie vor noch eine entsprechende Intention. Und ebenso wenig ist es wegen eines einzelnen Großereignisses wie 9/11, der Lehmann-Pleite sowie der darauf folgenden Wirtschaftskrise gekippt.

    Ich glaube, es hat auch schon viel früher angefangen, bereits in den Achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts, schleichend zuerst und dann nach der Jahrtausendwende immer schneller. Nicht, dass an der Globalisierung alles schlecht wäre, aber die neoliberale Wende mit ihren beiden Galionsfiguren Ronald Reagan und Margaret Thatcher hat eine Entwicklung in Gang gesetzt, die unter dem Getöse von Schlachtrufen wie „Der Markt hat immer recht“, „Der Markt regelt alles“, „Wettbewerb über alles“ und „Gier ist geil“ komplette Industriebranchen verschwinden ließ, ohne dass den dort zuvor Beschäftigten ein ihrer Qualifikation entsprechendes alternatives Arbeitsangebot gemacht worden wäre, stattdessen Hartz IV, prekäre Arbeitsverhältnisse und Minijobs allerorten, für diejenigen, die noch gebraucht werden, eine unmenschliche Arbeitsverdichtung, deren Ende nicht abzusehen ist einschließlich eines allgegenwärtigen Zwangs zur Selbstoptimierung und der Forderung nach mehr Flexibilität und Mobilität, Familien werden auseinandergerissen, bestehende Freundeskreise lösen sich auf, kaum jemand hat noch die Zeit und Energie unter solchen Umständen neue Freundschaften aufzubauen, Vereinzelung und eine ungewollte Selbstisolation folgen, jeder wird zu seinem eigenen winzigen Universum, aus dem heraus andere Menschen nur noch als Konkurrenten und Rivalen wahrgenommen werden, eine zwangsläufige Entsolidarisierung schließlich von denen, die akuter Hilfe bedürfen, und all das findet statt unter dem Dauerbombardement der Medien, die uns mit ihren Livestreams rund um die Uhr an den aktuellen Topmassakern, Tophurrikans, Topseuchen an jedem Ort der Welt teilhaben lassen und uns tagesaktuell die neuesten Vorboten der nahenden Apokalypse präsentieren.

    Wie soll ein Mensch unter diesen Bedingungen noch Mensch bleiben können? Wie kann er sich selbst noch spüren, wie die Kraft aufbringen, sich auf andere Menschen mit all ihren Facetten und ihrer Widersprüchlichkeit einzulassen? An diesem Punkt eines insgesamt bereits weit fortgeschrittenen Prozesses der Entmenschlichung kommt das Internet gerade recht. Nur ein Mausklick und sofort vermeint man wieder, so etwas wie Macht auszuüben, glaubt, ein wenig die Kontrolle zurückzugewinnen, zumindest aber eine Art Zeichen zu setzen, wie Tom es ausdrückt. Und ja, es ist eine Kapitulation vor sich selbst, auch und gerade vor der Mühsal, weiterhin Widerstand zu leisten. Denn, und ohne jetzt gleich in Apfelbäumchenrhetorik zu verfallen: Immerhin besteht die Möglichkeit, dass dies noch nicht das Ende des Weges sein muss.


    Miteinander reden bedeutet für mich, gegenüber sitzen, miteinander spazieren gehen, wichtig ist, das miteinander sehen können. Sich gemeinsam an den Küchentisch zu setzen, - die besten Feiern sind immer in der Küche- so heißt es ja nicht umsonst, Tässchen Kaffee dazu, das ist etwas anderes , als eine e-mail zu schicken oder einen Artikel zu veröffentlichen.

    Ja, Amos, genau das.

    Während des gerade vergangenen Wochenendes hat hier in unserer Straße das jährliche Straßenfest stattgefunden. Es war eine bunt zusammengewürfelte Nachbarschaft anwesend, Junge und Alte, einige der Letzteren in Rollstühlen, junge Eltern mit mehr kleinen Kindern als jemals zuvor, Kinderlose, Singles, Alteingesessene und frisch Zugezogene, und während der gesamten Dauer des Festes waren nur angeregtes Reden und Lachen zu hören, und das, obwohl bei weitem nicht nur Kochrezepte ausgetauscht oder Banalitäten abgehandelt wurden.

    Seitdem komme ich aus dem Grübeln nicht mehr heraus. Denn ich will mir nichts vormachen. Es sind dieselben Menschen, die zumindest zum Teil vermutlich ein paar Ressentiments haben und die an anderer Stelle auch äußern. Was also war bei unserem Straßenfest anders?

    Im Französischen gibt es dieses wunderbare Wort convivialité. Ins Deutsche wird es immer nur mit Geselligkeit und Gemütlichkeit übersetzt und klingt überdies so schrecklich nach Friede, Freude, Eierkuchen. Die Bedeutung im Französischen geht weit darüber hinaus und meint sinngemäß das als freudvoll empfundene Teilen von etwas - die gemeinsam verbrachte Zeit, das gemeinsam genossene Essen - und ich denke, es ist die dadurch entstandene Basis einer Mitmenschlichkeit im ursprünglichen Sinn des Wortes, die es unmöglich macht, wieder hinter diese Linie zurückzufallen, so sehr man über ein bestimmtes Thema auch streiten mag.

    Die Kommunikation im Internet bietet diese Möglichkeit nicht. Aber vielleicht hilft ja bereits die Vorstellung, dass wir mit dem Menschen hinter dem Avatarbildchen gestern gemeinsam gefrühstückt haben oder, wahlweise, gestern Abend beim Griechen ein Gyros essen waren.

    Amos:

    Danke für das Teilen des Gedichts. Es sind solche Dinge, die wieder etwas Hoffnung geben, dass eine Fünfzehnjährige ein solches Problembewusstsein hat und dies in einem beeindruckenden Gedicht in Worte zu fassen vermag.


    Das waren wieder viele Worte. Aber das Thema ist mir halt sehr wichtig.


    Ich wünsch euch einen schönen Abend,:)


    Jürgen

  • Dir danke ich für die Eröffnung dieses Posting. Dazu gleich, von wegen Autoren und Autorinnen, 42er. Miteinander reden, zuhören, die Themen, die Geschichten, liegen auf der Straße, sind bei dem Straßenfest und überhaupt überall. Straßenfest hatten wir auch gerade. Von Nachmittags bis in die Nacht. Die Nachbarn schätzen unseren Garten, Tomaten, Pflaumen, oft Salat, teilen, das ist eine schöne Art der Kommunikation. Die Nachbarn achten auf uns, wenn einer von uns( wir sind zu zweit im Haus), alleine ist. Ist die Zeitung am Mittag noch in der Zeitungsrolle, kommt die Nachbarin und klingelt oder, sie hat ein Haustürschlüssel, schaut ob alles gesund ist. Miteinander reden, miteinander das Leben erleben, nicht nur das eigene, das ist für mich das Leben insgesamt, lebenswert, wir haben nur das eine.

  • Woher kommt mit einem Mal dieses Bedürfnis, sich vorzugsweise nur noch mit gleich oder ähnlich Denkenden abzugeben?

    Ich sehe keine monokausale Ursache.


    Das der Ton insgesamt rauer wird, liegt meiner Meinung nach (auch) daran, dass es im gewisser Weise einfacher ist, sich aufzuregen und abzugrenzen, als sich auf eine Diskussion einzulassen. Auch ich habe festgestellt, dass es immer schwieriger wird, eine vom Mainstream abweichende Meinung zu vertreten. Wagt man es, eine gegensätzliche Meinung zu vertreten, ist man entweder unsensibel, unmoralisch oder unethisch. Nach dem warum wird gar nicht mehr gefragt. Hakt es da irgendwo, wird die Toleranz, die von anderen eingefordert wird, einem selbst nicht zugestanden. Stempel auf den Kopf: Die Schubladen haben zugenommen und sie sind vielfältiger und tiefer geworden.


    Noch vor dem Siegeszugs des Internets aber haben sich einige Dinge verändert. Damit meine ich den Zusammenbruch der ehemaligen Sowjetunion und später die Wiedervereinigung.

    So wie Berlin jahrzehntelang eine Insel war, war Westdeutschland auch eine Insel, fest eingebunden in der Nato und der westlichen Welt (EWG, EU).

    Die Parteienlandschaft war wesentlich überschaubarer als heute, und bei allem Dissens, herrschte zumindest in weiten Teilen der Bevölkerung Einigkeit darüber, dass die Russen eher die Bösen waren und die Amis wenigstens weniger schlecht. Schließlich kamen von der einen Seite Star Wars, Coca Cola und McDonalds, von der anderen garnix. Auch das schaffte damals (zumindest im Westen) eine Art Zusammengehörigkeit, Konsens (und vielleicht auch eine Art Cocooning-Effekt ), quer über alle Parteigrenzen hinweg, wenn man mal die politischen Ränder wegnimmt.

    Die alten Gewissheiten/Feindbilder existieren heute nicht mehr. Stattdessen haben wir die Globalisierung bekommen, eine schnellere Lebenstaktung und die berufliche Zukunft für viele Menschen ist unsicherer geworden. Gleichzeitig haben aber viele einen Wohlstand erreicht, den ihre Eltern nicht hatten. Diese Gemengelage (Überforderung, Abstiegsängste) lädt meines Erachtens eben nicht unbedingt dazu ein, sich noch mit Menschen zu beschäftigen, die eine andere Meinung vertreten – das Leben ist schließlich viel zu kurz und der nächste Freund nur einen Filterblasentee entfernt.


    Insofern erlebe ich ebenfalls eine Tinderisierung der Gesellschaft. Was nicht gefällt, wird weggewischt und auf die Ignore-Liste gesetzt. Ich kann nicht behaupten, dass ich dagegen immun bin. Das dass einer Gesellschaft nicht gut tut, weiß man, aber ich habe keine Ahnung, wie das zu ändern wäre. Ich stelle jedenfalls fest, dass es bei vielen Menschen eine latente Unzufriedenheit gibt, die aber kein konkretes Ziel (mehr) findet. Es ist aber für mich der Grund, warum so viele Menschen einfache Lösungen fordern, die es nicht gibt und warum Ikonen wieder Konjunktur haben. Für die einen Trump, für die anderen Greta Thunberg.

  • Warum? Das klingt doch nach ehrlichem Miteinander.

    Das empfinde ich genauso. Amos’ Worte verweisen auf Dinge, die im täglichen Miteinander immer mehr verlorengehen, erzählen von menschlichen Grundbedürfnissen, die immer weniger erfüllt werden - dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit, nach Angenommensein, nach sozialer Teilhabe, um nur diese drei zu nennen - und die in den großen Debatten unserer Zeit kaum eine Rolle spielen, weil sie als für diese entbehrlich gesehen werden. Und doch bin ich mir ziemlich sicher, dass manche jener Debatten anders verlaufen würden, vor allen Dingen lösungsorientierter, würde diesen „kleinen“ Dingen im unmittelbaren Miteinander die Aufmerksamkeit geschenkt, die sie verdienen. Stattdessen geht es primär um Dogmen, um Prinzipien, und ehe man sich’s versieht, artet eine solche Debatte in einen Religionskrieg aus.

  • Vorgestern lief in der ARD der Spielfilm "Play". Darin taucht eine Adoleszente ein in ein Computerspiel und ihre zweite Identität. Im Leben ist sie unsicher und orientierungslos, als Elfe im Spiel meistert sie alle Anforderungen.


    Ich vermute, dass eine andere Identität im Netz auch bei den 42ern zum Tragen kommt, intern und extern. Man benimmt sich unterschiedlich. In einer Facebook-Gruppe schrieb der Moderator gerade, er müsste im Grunde täglich bei der Staatsanwaltschaft anrufen, wenn er sich die Profile der Gruppen-Aspiranten anschaut, so verroht sei der Umgang auf Facebook.

    Es gibt drei Regeln, wie man einen Roman schreibt. Unglücklicherweise weiß niemand, wie sie lauten. (William Somerset Maugham)