Tom im "Literaturcafé" über politische Korrektheit beim Schreiben und benachbarte Themen

  • Und im übrigen löst es das eigentliche Problem nicht. Wenn jemand Menschen mit dunkler Hautfarbe als minderwertig betrachtet, dann ist er ein Rassist. Und Rassismus ist die perfideste Ideologie, die es gibt. Nur daran ändere ich gar nichts, wenn ich das Wort "Neger" verbiete. Irgendwann, und im Verständnis vieler schon heute, ist "Schwarzer" genauso abwertend - oder "Farbiger". Der intendierte Sinn wandert mit den Worten mit. (...)


    Der Kampf gegen das N-Wort und das Einfordern von (unaussprechbaren) Gender-Sternchen und -gaps ist ein Nebenkriegsschauplatz, der hauptsächlich dazu dient, seinen Protagonisten ein wohliges Gefühl der richtigen Gesinnung zu bieten.

    Noch ist Hoffnung da, denn es sind in dieser Diskussion tatsächlich auch Leute mit klarem Verstand unterwegs. Danke, Siegfried. :klatsch

  • Hallo 42er.


    Ich entschuldige mich bei allen, dass mein folgender Redebeitrag so lang ist; soo lang, dass er deutlich über der 10.000-Zeichen-Grenze liegt. Deshalb ausdrücklich: Niemand muss das lesen. Nur Tom, der schon. :)



    Hallo Tom.


    Ich bin dir noch eine Antwort schuldig, und ob du sie nun haben willst oder nicht, du kriegst sie. Ich beziehe mich auf deinen Post #84.


    Zitat

    Hier wurde und wird viel über den Beitrag gesprochen, aber vergleichsweise wenig über den Inhalt.


    Hier im Forum konnte man schon oft beobachten, dass es umso weniger um den (strittigen) Inhalt von irgendwas geht, je mehr ein Beitrag seine Aussagen zuspitzt. Warum ist das so?


    Ich kann es nur auf meine ganz naive Art sagen. Wenn der Affekt angesprochen wird, reagiert man automatisch zuerst darauf. Das hat Vorrang, da sind wir biologisch programmiert. Je stärker du mich auf der Affektebene ansprichst, desto schwächer reagiere ich auf deinen Inhalt. Du hast da eine Schachtel mit Kondomen an die Schlosstür genagelt. Was war es noch mal, worüber du reden wolltest?


    Zitat

    Du schreibst (sinngemäß), er [der Artikel] würde sich der gleichen Methoden bedienen, die die "sozialen" Medien ausmachen/kennzeichnen.


    Naja, eigentlich schreibe ich das so nicht. Vor allem schreibe ich nicht das, was du dann ausführst. Du erläuterst in einem längeren Absatz, wie die Sozialen Medien funktionieren. Dann fragst du:


    Zitat

    Und so verhält es sich mit meinem Beitrag auch?


    Ich glaube, das nennt man eine rhetorische Frage. Der lange Absatz hat den Zweck, ein möglichst klares Nein hervorzubringen.

    Ok, meinetwegen. Hier ein klares Nein, so verhält es sich natürlich nicht mit deinem Text.


    Ich habe es aber sowieso vorsichtiger ausgedrückt: dein Aufsatz reproduziere das Hysterische der sozialen Medien.

    Mit dem Hysterischen meinte ich so etwas wie Erregung, Empörung, Frontenbildung. Alarmismus und Entdifferenzierung.


    Und DAS reproduziert dein Aufsatz?


    Jein. Ich bin gern bereit, das differenzierter auszudrücken. Dein Artikel reproduziert in gewissem Sinne und zu einem gewissen Teil das Hysterische der sozialen Medien. Indem er stärker zuspitzt und mehr Erregung produziert und provoziert als nötig, indem er das Zustimmung-Ablehnung-Schema stärker bedient als nötig.


    Nehmen wir die Wörter. Du gebrauchst mit Vorliebe die stärkeren. Diktatur zum Beispiel, wenn Diktat vielleicht auch aussagekräftig wäre. (Und eventuell immer noch diskussionswürdig.)


    Das kannst du so machen. Aber es sind Signale. Die sendest du damit aus.


    Aber es IST Diktatur, sagst du.


    Sicher? Nicht lediglich deine Formulierung, deine Ansicht? Null Differenzierungsspielraum?


    Wenn du von vornherein die Definitionsmacht für die Begriffe beanspruchst, die in einem Diskurs benutzt werden, ist es für die anderen Teilnehmer schwierig, sich gleichberechtigt zu fühlen. Begriffe sind etwas, das man gemeinsam aushandeln könnte.


    Wie mühsam: Begriffe aushandeln. Wie lange soll das dauern? Wie soll man dann überhaupt noch irgendwelche Aussagen machen?


    Das ist ein berechtigter Einwand. Andererseits wird es schwierig, einen gemeinsamen Nenner zu finden, wenn jemand komplett auf seiner Sicht (und das heißt: seiner Formulierung) der Dinge beharrt. Außerdem muss keineswegs jeder Begriff ausgehandelt werden. In jedem Diskurs gibt es ein paar zentrale Begriffe. Um die geht’s.


    Zitat

    Die in diesem Beitrag formulierten Standpunkte polarisieren, außerdem sind die Kernthemen mit einer Vielzahl Nebenthemen verbunden. Es geht um Kunst, um Kommunikation, um Soziologie, es gibt gesellschaftliche, politische, soziale, kulturelle Implikationen. Das erschwert es möglicherweise auch hier, sich in einem Gespräch miteinander auf das wesentliche zu konzentrieren.


    Möglicherweise.

    Was ist übrigens das Wesentliche? Möglicherweise sind wir uns schon darüber nicht einig.


    (Fortsetzung im nächsten Post)

  • (Fortsetzung)


    Deine zentrale Aussage ist: Die Freiheit der Kunst ist existentiell bedroht. Ich habe extra noch mal nachgefragt, ob du auf einer solchen starken Formulierung bestehst. Du hast bestätigt: Ja, genau so ist es.


    Nicht: die Kunst wird angegriffen. Sondern: sie ist existentiell bedroht. Sie ist in Gefahr.


    Die Art, wie das rüberkommt, macht mir leider wenig Lust auf eine weitere Diskussion über den Punkt. Offenbar reicht es dir aus, wenn Standpunkte ausgetauscht werden. Mit Begründung und Argumentationskette.


    Dass an dem, was die politisch Korrekten sagen, auch etwas interessant sein könnte, ist deinem Beitrag nicht zu entnehmen. Du lässt wenig gelten. Ich zitiere die zwei Stellen aus deinem Artikel, an denen du andeutest, dass du einen kleinen Spielraum siehst für Differenzierungen: Das kann in Teilbereichen durchaus vernünftig sein, - gemeint ist Vorsicht. Es mag Kontexte und Situationen geben, in denen das sinnvoll ist (ich arbeite an einer diesbezüglichen Liste, aber sie ist noch nicht sehr lang), doch in der Kunst und damit der Literatur ist derlei, um es mit Lukas Bärfuss‘ Worten zu sagen, fehl am Platze. Da ist Rücksicht gemeint, siehe Lukas Bärfuss, bzw. politisch korrekte Sprache. Mehr lässt du nicht gelten. Der Rest ist völlig irrational (Sicherheitsdenken), halt- und belanglos (Theorie der Mikroaggressionen). – Worüber soll man da kontrovers diskutieren? Der Diffenrenzierungsspielraum ist von vornherein so klein, dass man keine Lust hat. Du bestätigst das ja dann sogar ausdrücklich: Ich sehe da wenig Diffenrenzierungsspielraum.


    Aber wir haben es hier nicht mit Wahrheiten und Realitäten zu tun, die man so einfach feststellen kann. Die Umkämpftheit dieser Themen ist ein Fingerzeig: Wenn sich schön sauber feststellen ließe, wie es sich WIRKLICH verhält, dann wäre das alles deutlich weniger strittig. Über Einzelfälle und über Teile des Phänomens könnten wir wahrscheinlich Übereinstimmung erzielen. Aber schon das wäre kein leichtes Unterfangen. Welchen Comedian nehmen wir genauer unter die Lupe mit seinen Witzen, seinem Publikum, seinen Erlebnissen mit diesem Publikum und der Gefährdung seiner Existenzgrundlage? Ja ich bekenne mich. Ich bin die Nervensäge, die immer darauf hinweist, dass selbst die Einzelfälle weitaus komplizierter sind, als wir uns das so in unseren Argumentationsketten zusammenbasteln.


    Am Ende deiner Argumentationskette steht die Erfahrung am eigenen Leibe. Falls sich das so anhört, als würde ich mich darüber lustig machen: nein, tue ich nicht. Ich halte die eigene Erfahrung für die wichtigste Orientierung, die wir haben. Allerdings habe ich eine Anmerkung zu dem, was du berichtest. Hier die Stelle aus deinem Artikel:


    Zitat

    Schlimmer noch, es hatte mein Schreiben erreicht. Wenn ich mich in der Anfangsphase neuer Projekte befand, in Schreibklausur saß und, wie normalerweise, die ersten Seiten im Flow rauspowern wollte, hockte ich auf einmal stattdessen gefühlte Ewigkeiten vor einzelnen Formulierungen und grübelte. Ich stellte Figuren infrage, Szenen und Teile des Plots. Ich überlegte, ob ich den Eindruck erweckte, als Autor frauenfeindlich, rassistisch, ableistisch oder in anderer Weise herabsetzend unterwegs zu sein. Die Sittenwächter hatten es geschafft. Sie hatten mir ein Schreibkondom übergestülpt. Ich war auf dem besten Weg zum weichgespülten Dünnschiss, ganz ohne Sensitivity Reader.


    Auf mich wirkt deine Schilderung unfreiwillig komisch. Das Dramatische, das du die ganze Zeit ankündigst, das ist es also? Der ultimative Beweis, wie weit die schleichende Demontage der Kunstfreiheit bereits ist und wie wirksam, ist für dich die anscheinend neue Erfahrung, Figuren, Szenen und Teile des Plots in Frage zu stellen?


    Ja, natürlich verstehe ich dich da absichtlich falsch. Stellen wir es mal richtig. Du schreibst, dass du gefühlte Ewigkeiten vor einzelnen Formulierungen gehockt hast anstatt die ersten Seiten im Flow rauszupowern. Für mich klingt das nach einem klassisches Kreativitätsproblem. Sowas lässt sich lösen. Der hier auch schon als Vorläufer genannte Friedrich Schiller empfiehlt (sinngemäß), den Zensor in dieser Phase einfach zu ignorieren und die Wörter ungefiltert aufs Papier zu bringen; sortieren kann man später. Wenn das bei dir eine Zeit lang nicht ging, ist das eine durchaus nicht ungewöhnliche Schaffenskrise. Das Vorgehen, das Schiller empfiehlt, lässt sich aber trainieren. Im Creative Writing sind unzählige Methoden dafür entwickelt worden.


    Aber das alles meintest du wahrscheinlich nicht.


    Ich habe offenbar dein Problem nicht verstanden. Stattdessen habe ich gedacht: Ich fände das gar nicht so schlimm, wenn Tom an seinen Texten ein wenig länger sitzt.


    Zum Beispiel (um darauf zurückzukommen) dein Artikel. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass du ihn nicht genügend durchdacht hast. Nach deinen Worten war er eben nur ein verdammter Blogbeitrag. Daraus spricht für mich eine gewisse Sorglosigkeit im Umgang mit Medien. Das Schreiben eines Romans kommt dir wichtig vor, aber ein vergleichsweise umfangreicher Blogbeitrag, mit dem du dich mitten in einen der am meisten umkämpften Bereiche der Öffentlichkeit begibst, den stufst du als deutlich weniger wichtig ein? Blogbeiträge können verdammt gute Texte sein. Bist du sicher, dass du dieser Textsorte nicht ein wenig Unrecht antust und sie unterschätzt? Das Hysterische der sozialen Medien besteht zu einem guten Teil darin, dass wir sie viel zu sorglos, zu nachlässig füttern und konsumieren; wir unterschätzen noch immer, womit wir es da zu tun haben.


    In diesem Zusammenhang ein weiterer Punkt, an dem ich deinen Artikel sorglos finde. Es geht darum, das ganze Phänomen anders zu beschreiben. Ich bin auch nicht der Meinung, dass man sich bei jedem Statement brav von beispielsweise der AfD abgrenzen muss, bloß weil die in gewissen Punkten vielleicht etwas Ähnliches sagen wie man selbst. Das Problem sehe ich darin, dass du diesen Bereich zu wenig reflektierst. Politische Korrektheit als Diffamierungsvokabel, als denunzierender Kampfbegriff, das ist eine Sache der Rechten. Wenn du dich in diesem Feld bewegst, dann musst du das Ganze sorgfältiger ausleuchten. Du willst dich nicht irgendeinem idiotischen Lager zuordnen, aber das ist der schwierigste Standpunkt von allen. Man wird da leicht zerrieben. Einen einfachen Ausweg gibt es da nicht. Aber eins scheint klar zu sein: Man muss dieses Problem von vornherein einbeziehen und beschreiben. Dein Aufsatz würde dann noch länger. Kann sein. Ohne die Reflexion der schwierigen politischen Gemengelage wirkt er naiv, wie ein linkisches Herumirren im Diskurs, ein Poltern und Lärmmachen und Rauspowern. Liberale Elite ein Kampfbegriff der Rechten? Stimmt doch gar nicht. Außerdem, ist mir doch egal.


    Dass dir dieser Diskurs ein bisschen um die Ohren fliegen könnte, hast du nicht vorausgesehen?


    Ich bin eigentlich immer noch nicht fertig, aber das ist schon viel zu lang. (Und wir haben wieder nicht über den Inhalt geredet.)


    Ich fasse noch mal zusammen.


    Falls du über die Inhalte reden wolltest, war deine Strategie nicht zielführend.

    Ich bin in vielen wesentlichen Punkten deiner Meinung. Mich stört der Gestus.

    Du wirbst für deinen Standpunkt. Ich werbe für mehr Sachlichkeit.


    Und abschließend habe ich eine Bitte und einen Vorschlag.


    Zuerst die Bitte: Nimm meine etwas großmäulige Attitüde nicht allzu ernst. In Wirklichkeit müsste ich mich dauernd viel vorsichtiger ausdrücken. Aber dann würde das Schreiben weniger Spaß machen. Da sage ich dir wohl nichts Neues …


    Der Vorschlag: Von meiner Seite würde ich es gern bei dieser Antwort bewenden lassen. Der Diskurs ist ja damit nicht beendet. Wir kommen auf die wichtigen Punkte eh wieder zurück, in irgendeinem anderen Thread. Das ist unvermeidlich. Aber du musst mir nicht ein weiteres Mal erklären, wie du das alles gemeint hast. Wirklich nur an Punkten, an denen ich dich wirklich völlig missverstanden habe. Da natürlich schon.


    Ich will nicht das letzte Wort haben oder so. Ich will mich auch nicht entziehen. Aber ich würde jetzt WIRKLICH GERN was anderes machen. Zum Beispiel dieses Buch lesen, das ich schon länger auf der Liste hatte und mir vorgestern gekauft habe:


    Die große Gereiztheit


    Schönes Wochenende

    Enno


    PS.

    Fiktives Zitat von (füg irgendeinen Namen ein)


    Zitat

    Alles klar. Enno hat die Katze aus dem Sack gelassen. In Wirklichkeit geht es ihm bei dem ganzen Gerede auch nur darum, Vorschriften zu machen. Tom soll DIESES Wort bitte nicht benutzen und bei JENEM Begriff bitte erst im Forum nachfragen, ob es auch allen genehm sei, wenn er ihn in dem und dem Zusammenhang verwendet.


    Genau. So meinte ich das. Jetzt kann ich mich ja outen. Ich bin Polizist. Hiermit ist Tom verhaftet. Er hat DIKTATUR gesagt. Darauf steht die Todesstrafe (Steinigung). Aber weil unser Diktator heute milde gestimmt ist, lässt er Gnade walten und wandelt das Urteil in eine lebenslängliche Haftstrafe um. Tom muss ab jetzt für immer in diesem Thread leben. Besuche nur sonntags und einzeln. Besucher*innen werden auf das Mitführen unerlaubter Wörter kontrolliert. Das Mitbringen von Links ist untersagt.

  • Der Kampf gegen das N-Wort und das Einfordern von (unaussprechbaren) Gender-Sternchen und -gaps ist ein Nebenkriegsschauplatz, der hauptsächlich dazu dient, seinen Protagonisten ein wohliges Gefühl der richtigen Gesinnung zu bieten.


    Das N-Wort ist es ja nicht allein. Es ist der Alltagsrassismus aus dieser Zeit, der in alten Büchern versteckt ist und an die Kinder weitergegeben wird, die solche Passagen lesen und in ihrem Sprachgebrauch übernehmen. Die Eltern können schlecht jede kritische Buchstelle kennen, um mit ihren Kindern über die Bedeutung der Wörter damals und in der heutigen Zeit zu erklären. Ich befürchte die wenigsten machen das. Und bei jedem Wort eine Erklärung beifügen ist bei Kindern auch kein funktionierendes Mittel. Die hören oder lesen ein Wort und setzen es ein. Um es nochmal zu verdeutlichen: Wir reden hier von Kinderbüchern. Keine Literatur von Erwachsenen. Dort kann anders, z. B. mit einer Fussnote, auf die Problematik von Formulierungen oder unangemessenen Wörtern hingewiesen werden.

  • Deine zentrale Aussage ist: Die Freiheit der Kunst ist existentiell bedroht. Ich habe extra noch mal nachgefragt, ob du auf einer solchen starken Formulierung bestehst. Du hast bestätigt: Ja, genau so ist es.


    Von einer existentiellen Bedrohung der Kunst zu reden, halte ich für übertrieben. Da stellt sich für mich eher die Fragen:


    Wie weit darf Kunst gehen? Wo liegen die Grenzen? Und ja, alles hat Grenzen. Ein Künstler wird von der Gesellschaft und den Begutachtern (Lesern/Fans/Kritikern) seiner Werke gemessen, ob er das möchte oder auch nicht. Das war damals so und wird auch immer so sein. Ansonsten dürfte niemand mehr Kritik an einem Kunstwerk oder der Inhalte ausüben dürfen und dann wäre es eine Beschneidung der individuellen Meinung. Und dann gibt es Gesetze, die auch sich auch auf die Kunst auswirken.


    Was wiegt mehr? Ist Kunst wichtiger als Gesetze, individuelle Meinungen oder die Rechte derjenigen, die verletzt werden können?


  • Noch ist Hoffnung da, denn es sind in dieser Diskussion tatsächlich auch Leute mit klarem Verstand unterwegs. Danke, Siegfried. :klatsch


    Heißt das im Umkehrschluss, dass alle die Deine Meinung nicht teilen, keinen klaren Verstand besitzen?

  • Wie weit darf Kunst gehen? Wo liegen die Grenzen? Und ja, alles hat Grenzen. Ein Künstler wird von der Gesellschaft und den Begutachtern (Lesern/Fans/Kritikern) seiner Werke gemessen, ob er das möchte oder auch nicht. Das war damals so und wird auch immer so sein. Ansonsten dürfte niemand mehr Kritik an einem Kunstwerk oder der Inhalte ausüben dürfen und dann wäre es eine Beschneidung der individuellen Meinung. Und dann gibt es Gesetze, die auch sich auch auf die Kunst auswirken.


    Spontan fällt mir der Marquis de Sade ein, der für seine Kunst im Gefängnis saß. Sie ist auch heute noch nicht für jedermann erträglich, aber inzwischen dürfen seine Bücher veröffentlicht werden. Leider hat er nichts mehr davon. Oder Klaus Mann und sein Buch Memphisto, gegen das die Erben des im Roman dargestellten Schauspielers eine Verbotsklage einreichten. Oder Henry Miller, dessen Bücher in den USA und anderen Ländern lange auf dem Index standen und und und …


    Und hat es etwas genützt? Es gab Raubdrucke, für die manchmal teures Geld hingelegt wurde, von dem die Autoren allerdings nicht profitierten. Oder am Beispiel Mephisto: Man bezog die Bücher aus der damaligen DDR, wo das Buch erscheinen durfte.

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Sagen und Legenden aus Baden

    ASIN/ISBN: 3955403823


    Im Inneren eines Menschen existiert ein Kern, der von Fragen wie Staatsbürgerschaft oder sozialer Herkunft völlig unberührt ist. Dafür sollte sich die Kunst interessieren.
    Marina Davydova

    SZ Nr. 289, 15.12.2022, S. 11


  • Bei der ganzen Diskussion stört mich ein wenig, wie wenig die Meisten beachten, dass er einfach seine Meinung geschrieben hat. Keine wissenschaftliche Abhandlung, in der er Beweise anführen muss - sondern seine Meinung in einem Blogbeitrag. Wie ER und andere, mit denen er gesprochen hat, die Thematik im Moment erleben. Und was das mit ihm und seinem Schreiben macht.

    Man kann ja anderer Meinung sein, aber man kann ihm doch nicht seine als falsch absprechen.

  • Man kann ja anderer Meinung sein, aber man kann ihm doch nicht seine als falsch absprechen.


    Wenn jemand der Ansicht ist, diese Meinung wäre falsch, warum sollte derjenige es nicht dürfen? Schließlich hat er es in ein Diskussionsforum gestellt und nicht in einen persönlichen Blog ohne Kommentierfunktion. Ich bin der Ansicht, dass es zu einer Diskussion dazugehört. Allerdings sollte alles, selbst wenn Emotionen im Spiel sind, ohne Ad Hominem-Angriffe ablaufen. Es sollten Argumente zählen und ein fairer Umgangston herrschen. Das fällt einigen sicherlich schwerer als anderen, aber wir sollten das einfordern und auch gegebenenfalls an uns selbst arbeiten. Es ist Gift für jede Diskussion, wenn persönliche Angriffe, sei es als verbaler Rundschlag oder gezielt gegen eine einzelne Person als Mittel verwendet werden, um den Diskussionsverlauf so zu beeinflussen, um alle zu "überzeugen".

  • Heißt das im Umkehrschluss, dass alle die Deine Meinung nicht teilen, keinen klaren Verstand besitzen?

    Ganz sicher nicht. Allerdings lässt deine alberne Frage durchaus solche Vermutungen aufkommen.

    Hier geht es nicht um Meinung - nicht um meine und nicht um die anderer. Es geht um Fakten und die Fähigkeit zu deren sachlicher Analyse, zu logischem Denken, frei von ideologischer Verblendung. Diese Analyse hat Siegfried hier mehrfach - klar und jedem wachen Geist verständlich begründet - eindrucksvoll vorgetragen.

    Du darfst dich aber gern weiterhin mit solchem Unsinn wie "meine Meinung - deine Meinung" beschäftigen. Passt ausgezeichnet in das überbordende emotional befrachtete Befindlichkeitsgeschwätz, das im Forum dieses Autorenvereins abläuft.

  • Ganz sicher nicht. Allerdings lässt deine alberne Frage durchaus solche Vermutungen aufkommen.

    Hier geht es nicht um Meinung - nicht um meine und nicht um die anderer. Es geht um Fakten und die Fähigkeit zu deren sachlicher Analyse, zu logischem Denken, frei von ideologischer Verblendung. Diese Analyse hat Siegfried hier mehrfach - klar und jedem wachen Geist verständlich begründet - eindrucksvoll vorgetragen.

    Du darfst dich aber gern weiterhin mit solchem Unsinn wie "meine Meinung - deine Meinung" beschäftigen. Passt ausgezeichnet in das überbordende emotional befrachtete Befindlichkeitsgeschwätz, das im Forum dieses Autorenvereins abläuft.


    Wenn es nicht um Meinungen geht, sondern nur um Fakten, dann gehört das in einen Blog oder in ein Fachmagazin und nicht in ein Diskussionsforum. Dann wäre die Veröffentlichung hier falsch. Da Tom aber seinen Beitrag in ein Forum gestellt hat, hat er es zur Diskussion gestellt und dann gehören Meinungen und Reaktionen zwingend dazu und nicht nur ein professorisches in den Bart nuschelndes fachmännisches Abnicken indem man auf "Zustimmen" klickt.


    Und jetzt werde ich Dir gegenüber einmal deutlich:

    Wenn "Meine Meinung- Deine Meinung " für Dich in einem Diskussionsforum Unsinn ist, dann fehlt Dir ganz offensichtlich das grundlegende Verständnis dafür, was ein Diskussionsforum ist. Dann solltest Du Deine Anwesenheit in Diskussionsforen in Frage stellen und Deine Zeit in Beiträgen für Fachmagazine und wissenschaftliche/literarische Blogs investieren und diese bösen Foren, wo es doch tatsächlich eine humanoide Lebensform es wagen, Deine heilige Aussagen in Frage zu stellen.

  • Man kann und darf immer anderer Meinung sein und man sollte das dann auch äußern - zum Glück geht das ja hier in Deutschland noch ganz gut.

    Was man nicht dürfte, ist zu sagen: Deine Meinung stimmt mit meiner nicht überein, deshalb darfst du das nicht sagen - und das ist hier mehrfach passiert. Und das ist auch ein Punkt, den Tom anspricht. Aber - nach meiner Meinung (sic!) sagt er etwas ganz anderes - nämlich, dass sich die Erzählkultur, die Schreibkultur ändert, weil man diese Kondome oder Scheren oder Ängste, etwas Falsche zu schreiben - im Kopf hat.

    Und da ist die Frage, wie weit das gehen kann, soll, muss, darf - oder auch nicht, damit wir weiterhin eine freie Schreibkultur haben.


    Am Wochenende ist Wahl in Sachsen und Brandenburg. Wenn da gewisse Parteien gewinnen, wenn dieser politische Wandel wieder stattfindet und ich mir vorstelle, dass in einigen Jahren, Jahrzehnten vielleicht, jemand beschließt, dass einiges, was ich geschrieben habe, jetzt nicht mehr konform ist mit dem Denken, was gerade vorherrscht - dann würde ich das nicht wollen. Ob schon tot oder noch dabei.
    Vielleicht benutze ich heute Wörter, die in zehn, zwanzig, hundert Jahren nicht mehr benutzt werden dürfen.

    Vielleicht werden dann Bücher nicht nur verändert und neu gedruckt, sondern verbannt oder gar verbrannt - alles schon passiert.

  • Zitat

    Am Wochenende ist Wahl in Sachsen und Brandenburg. Wenn da gewisse Parteien gewinnen, wenn dieser politische Wandel wieder stattfindet und ich mir vorstelle, dass in einigen Jahren, Jahrzehnten vielleicht, jemand beschließt, dass einiges, was ich geschrieben habe, jetzt nicht mehr konform ist mit dem Denken, was gerade vorherrscht - dann würde ich das nicht wollen. Ob schon tot oder noch dabei.

    Mach dir keine Sorgen, Ulli. Vergossene Milch kann man nicht mehr einsammeln. Es ist völlig egal, ob gewisse Parteien dazugewinnen oder nicht. In wenigen Jahrzehnten wird in deutschen Landen kaum noch etwas konform sein, was heute noch halbwegs gang und gäbe ist. =)

  • Ich finde diese Diskussion hier - auch wenn sie für mich persönlich manchmal ganz schön anstrengend war und mich zu viel härteren Äußerungen als der kleinen Stichelei Heike gegenüber verlocken wollte - spannend, hochinteressant, sehr inspirierend, teilweise ungeheuer erfreulich, sehr erbauend und lehrreich, aber auch schockierend und peinlich. Da bin ich bei Heike, aber aus ganz anderen Gründen. Wenn irgendwer hier bei uns hereinstolpert und diesen Thread findet, und dann feststellt, dass Leute, die sich Schriftsteller schimpfen, allen Ernstes darüber diskutieren, ob man sich von anderen Leuten, die angeblich irgendwas besser wissen (Was eigentlich genau?) , reglementieren und regulieren lassen wollen, dann fällt mir bei diesem Gedanken auch nur "Oh, mein Gott" ein. Auf diesen Versuch gäbe es nämlich nur eine einzige, vernünftige (und legale) Reaktion. Aber, nein, wir treiben es sogar noch weiter und diskutieren darüber, ob Meinungen richtig oder falsch sind. Klar, wenn man über politische Korrektheit spricht, liegt das ja irgendwie nahe. So, wie es ein objektives Schön und ein objektives Hässlich gibt, gell? Ihr habt doch nicht mehr alle Tüten in der Hütte. :)


    Kunst nimmt nicht an der Hand.

    Kunst tritt in den Arsch.


    Und zwar mit so großer Wucht, dass die Scheiße bis ins Hirn spritzt. Wenn jemand Kunst kontrollieren oder reglementieren will, dann diskutiert man nicht über dessen Gründe. Kunst ist (nicht nur in dieser Hinsicht) kein Zwiegespräch, kein Diskurs, sondern eine Ansage. Wer das anders sieht, ist, bei allem Respekt, kein Künstler, also kein Schriftsteller, und auch kein - leicht verniedlichend und möglicherweise nicht in jedem Kontext professionell - Autor, sondern höchstens ein Schreiber. Gut für Gebrauchsanleitungen, Grabreden und höchstens noch Rezensionen im Sachbuchbereich. Jemand, der mit Worten umgehen kann, dem aber egal ist, wozu das dient.


    Es geht nicht darum, einzelne Begriffe zu legitimieren, und das weißt Du ja auch, liebe Heike. Deine onomatophoben Reaktionen auf das "N-Wort", das weder dunkle Magie in sich trägt, noch an und für sich und völlig unabhängig vom Kontext Rassismus verbreitet (als wenn das so einfach wäre - oder bestimmter Begriffe bedürfte), zeigen, dass es Dir im Kern um eine ganz andere Sache geht. Wie Nifl, glaube ich, hier erwähnt hat, gehörst Du zu den 42ern mit der stärksten Stimme und Ausdrucksfähigkeit, aber Du hast das sklavisch (<- darf man das Wort benutzen?) dem didaktischen Dogma untergeordnet. Der gewachsene und wachsende und zum Glück dynamische Wertewandel geht Dir nicht schnell genug. Dir wäre es lieber, es gäbe einen radikalen Schnitt. Alle Weißen sind Rassisten, alle Männer sind misogyn, alle Nichtbehinderten Ableisten, alle Heten homophob. Undsoweiter. Das ist die Ausgangsposition, aus der sich Einzelne, wenn sie genug Unterwerfungsbereitschaft zeigen, wieder hocharbeiten dürfen, ins gleißende Licht zu den schillernden Moralisten, die die Welt vom Dreck und Gestank befreien, indem einfach alles geplättet wird. Das ist ein Ansatz, den man natürlich fahren kann, wenn man will, aber dass das zur Geisterfahrt geraten kann, liegt möglicherweise nicht nur daran, dass alle anderen dumm sind und/oder tradierten Wertesystemen nachweinen. Möglicherweise haben die Prämissen auch ein paar Makel. Aber, geschenkt, das müssen (und können) wir nicht diskutieren.


    Worte sind nicht toxisch, Meinungen sind es. Aber auch toxische Meinungen und Weltbilder verdeutlichen etwas, zeigen Ursachen und Symptome, veranschaulichen, womit wir es zu tun haben, wenn uns mit Menschen umgeben. Nein, man braucht keinen relativierenden Erzähler, um die Pfeifen zu erklären, die man mit tollen Worten in seinen Texten vorführt. Das können die Leser alleine. Ich habe in den Neunzigern einen Langtext geschrieben, der damals noch den Arbeitstitel "So cool" hatte, und der irgendwann rund ums Ende der Nullerjahre von einem kleinen E-Book-Verlag unter dem Titel "Gefickt. Aus dem Leben eines Arschlochs" veröffentlicht wurde. In diesem Text brandschatzen sich zwei junge Männer, die sich jedem noch so kleinen Wertefundament verweigern, durch die Gesellschaft, die sich das gefallen lässt, und sie kommen damit sogar (halbwegs) durch. Schlimmer noch, einer der beiden tritt als Ich-Erzähler auf. Und das wird nicht gebrochen, das wird nicht erklärt, es nimmt niemand den Leser an die Hand und verdeutlicht ihm, wie verachtenswert das ist, was die beiden da treiben. Jeder, der halbwegs seine zwei bis fünf Sinne zusammenhat, kriegt das alleine auf die Reihe. Wer den Arschtritt abgekriegt hat, denkt darüber nach, wie er vermeidet, dass sich die Scheiße im Hirn festsetzt. Was sie zu bedeuten hat, wo sie herkommt. Wenn wir interpretieren, sind es unsere eigenen Verhaltensmuster, die wir reflektieren.


    Dass diese Diskussion hier und da ein bisschen ins Abseits geraten ist, liegt am Thema, und das ist doch okay und irgendwie unvermeidlich. Aber, nein, hier wollte niemand rassistische Beleidigungen für akzeptabel erklären. Auch Didi nicht, mit seiner absolut richtigen Meisen-Anmerkung. Es mag Personen geben, die allergisch, verletzt, verstört auf einzelne Begriffe reagieren, aber die meisten sind absolut dazu in der Lage, Botschaft und Bedeutung zu trennen. Es ist zudem unmöglich, Vergangenheit und Erfahrungen aufzuarbeiten, ohne sich ihrer Terminologie zu bedienen. Und das hat Didi gemeint, wenn auch in etwas harter Formulierung.


    Ich finde das schade, dass wir Dir plötzlich peinlich sind, Heike. Mir ist hier keiner peinlich, obwohl offenbar ein paar Memmen und Weicheier darunter sind. ;) Das sind alles sehr kluge und sehr liebenswürdige Menschen, die eine Leidenschaft teilen - und die Zweifel daran. Die unterschiedliche Dinge zu sagen haben und deshalb nicht in allen politischen Fragen übereinstimmen, aber es immerhin geschafft haben, sich bei nur sehr, sehr wenigen Gegenstimmen auf die "Refugees welcome!"-Vignette zu einigen, als sie geboten war.


    Ich glaube (zu diesem Zeitpunkt), dass ich hier nichts weiter zu diesem Thema schreiben möchte. Ich bedanke mich bei allen, die sich mit meinem Text befasst haben, außer bei dieser Person, die nach meinem Dafürhalten nur hier war, um sich über uns lustig zu machen. Habt eine schöne Woche.

  • Ich unterstelle Dir lediglich, dass Dir der Wertewandel nicht schnell genug geht - und das stimmt doch, oder? Ich habe nicht geschrieben, dass Du dafür bist, Kunst zu regulieren und zu reglementieren. Ich habe von Deinem Selbstbild als Autorin gesprochen, das Du vermittelst.

  • Hallo Tom.


    Danke für deine Erklärungen.


    Ich bewundere das schon lange. Andere Leute sind beleidigt, schlagen Purzelbaum, sagen Ich bin raus. Du nicht. Du sagst nie Ich bin raus. Du bist immer bereit weiterzureden. Du beleidigst andere auch nicht wirklich, und wenn du dich in einem Ausnahmefall (wie hier mit Heike) doch mal im Ton vergreifst, dann ist das eben eine Ausnahme und du versuchst dich zu entschuldigen. Du läufst nicht einfach weg. Ich bewundere das.


    Was ich dagegen nicht bewundere, das ist das, was du machst, während du so standhaft ausharrst im Diskurshagel. Manchmal habe ich das Gefühl, du hast da etwas missverstanden. Nicht weglaufen heißt nicht, dass man sich nicht bewegen darf.


    In meiner (vollkommen subjektiven) Wahrnehmung bewegst du dich nämlich nicht. Vielleicht wechselst du mal das Standbein, lockerst die Nackenmuskulatur, bohrst in der Nase. Aber ganz bestimmt verlässt du nicht deinen Standpunkt.


    Warum auch? Wenn es nun mal der richtige ist. Darum stehst du ja dort. Du guckst ihn dir immer mal wieder an, schon deshalb, weil andere meinen, dass irgendwas nicht stimmt damit, irgendein Detail. Vielleicht irgendwas an deiner Kleidung? Manchmal habe ich sogar schon das Gefühl gehabt, dass du im Geist ausprobiert hast, dich ein paar Schritte wegzubewegen. Was natürlich nichts ändert. Am Ende stellst du fest: Nein, hier stehe ich. Alles richtig.


    Aber anstrengend ist das schon. Völlig klar, dass du irgendwann auch mal das Gefühl hast, ausrasten zu müssen. Ist wahrscheinlich unvermeidlich. Und außerdem, wie soll man denn sein Revier verteidigen, wenn man sich nicht bewegt.


    Zum Glück gibt es andere Möglichkeiten. Eine besonders bewährte Methode ist ja das Brüllen. Ganz archaische Sache, funktioniert aber wahrscheinlich gerade deswegen. Wenn man sich nicht bewegen darf, kann man mit Lautstärke immer noch eine Menge ausrichten.


    Ich muss gestehen, ich diskutiere nicht gern mit Leuten, die sich allzu sicher sind. Noch weniger mit solchen, die herumbrüllen. Das ist eine Schwäche von mir. Es liegt daran, dass es mich so anstrengt. Und meistens überfordert. Ich kann auch nicht so gut standhalten. Ich muss immer ein bisschen rumlaufen. Und Geschrei macht mir Angst. Ich bin einfach zu sensibel für so männliche Diskurse.


    Und natürlich geht mir völlig ab das eigentliche Künstlerische. Ich hab da einfach keinen Zugang.


    Scheiße ins Gehirn: Wow. Ganz große Metapher. Wie machst du das nur? Ich komme einfach nicht auf solche genialen Bilder. Das ist noch besser als der weichgespülte Dünnschiss.


    Selbst so eine Trantüte wie ich kommt da ein bisschen aus dem Grübeln heraus.


    Nochmals danke für deine inspirierenden Bemerkungen.

  • Hallo, Enno.


    Das Wort "Standpunkt" hat nicht nur direkte Bedeutung. Und das ist ja nichts, das man zu Beginn irgendeiner Diskussion gewählt hat, um dort dann zu verharren, bis die Diskussion vorbei ist. Regelmäßiger wird der Fall eintreten, dass man über eine Thematik in eine Diskussion gerät, und zu der Thematik hat(te) man zu diesem Zeitpunkt dann schon einen Standpunkt, der möglicherweise ein paar Stunden, Tage, Wochen, Monate, Jahre oder sogar Jahrzehnte gereift ist. Wenn ich über Religion diskutiere, was ich nach wie vor sehr gerne mache, dann führt das erfahrungsgemäß zu einer zwar sehr spannenden, aber rein rhetorischen Auseinandersetzung. Ich habe noch niemals erlebt, dass jemand in einer Diskussion, die Religion zum Thema hatte, vom Glauben abgekommen ist, konvertiert ist oder sich plötzlich zum Glauben bekannt hat. Das passiert einfach nicht. Aber manchmal hat man den Eindruck, dass Zuhörer etwas mitnehmen. Für die Erziehung ihrer Kinder oder so. Womit ich jetzt nicht auf den didaktischen Wert dieser oder anderer Diskussionen abzielen möchte.


    Ich habe eine klare und, ja, sehr strikte Haltung zur Kunstfreiheit. Deshalb habe ich für dieses Zitat, das ich schlicht genial finde, größere Lettern gewählt. Ich wollte nicht schreien, sondern aufmerksam machen. Eine strikte Haltung bedeutet aber nicht, dass ich mich nicht bewege und nicht zuhöre. Gerade das Thema Rassismus hat mich - und nicht erst im Vorfeld dieses Beitrags - intensiv beschäftigt, auch aus ganz persönlichen Gründen. Ich glaube tatsächlich, dass wir in einer Gesellschaft leben, die zu einem Gutteil (der Begriff missfällt mir in diesem Zusammenhang) rassistisch ist, während die Betroffenen (also die Rassisten) meinen, es wäre anders. Rassismus bedeutet für mich, dass Menschen andere Menschen aufgrund genetischer oder ethnischer Merkmale für anders-, meistens minderwertig halten. Diesen sehr weiten und weichen und genau genommen alle einschließenden Rassismusbegriff, den einige für sinnvoll halten, teile ich nicht, aber ich habe mich auch damit stark auseinandergesetzt. Ich habe im Laufe dieser Diskussion hier viel über das Thema nachgedacht. Ich arbeite an einem Langtext, der sich damit beschäftigt, und ich werde sicher vieles einfließen lassen, das hier, in verlinkten Quellen und anderswo dazu geäußert wurde. Man könnte auch sagen, dass mich die Diskussion noch mehr sensibilisiert hat. Vielleicht nicht in einem Maße, dass die Sensitivity Reader mit ihrem Berechtigteren-Modell zu Freudensprüngen veranlassen würde, aber doch in spürbarer Weise.


    Was sich nicht geändert hat und nicht ändern wird, das sind meine Auffassungen zur Kunstfreiheit generell und zum Spiel mit Termini. In diesem Zusammenhang habe ich auch noch nicht wirklich viele nachvollziehbare Argumente gehört, die Überzeugungskraft hätten. Ansonsten - siehe oben. Und danke für Dein originelles Statement, das durchaus etwas Künstlerisches hat, wie ich finde.


    (Dieser Beitrag muss aus ohne Smileys überleben können.)