Tom im "Literaturcafé" über politische Korrektheit beim Schreiben und benachbarte Themen

  • Ist mir großteils aus dem Herzen geschrieben, wenngleich ich den Begriff "Ableist" erst nachschlagen musste. Ich stelle mich all diesen gesellschaftspolitischen Zwängen längst nicht mehr. Man kann mich auch ruhig als irgendetwas beschimpfen, ist mir völlig Wurst.

    Äh ... habe ich jetzt Conchita Wurst beleidigt? Oder besser: im Konjunktiv! Könnte sich ob meines Vergleichs Conchita Wurst beleidigt fühlen? Quasi, als Echo auf diese Mikroaggression. Wie auch immer. Interessanter Artikel, gern gelesen. :blume

  • Kreuzigt Tom! Er schreibt im Artikel von einer "schwarzhäutigen Person". Wenn das nicht mal einen Shitstorm wert ist.


    Ich finde Deine Kritik zwar vollkommen berechtigt, Tom, aber mitunter ein klitzekleines bisschen wohlfeil. Sich an Auswüchsen abzuarbeiten, ist ja lustig, aber was hältst Du auf der anderen Seite von so einer Äußerung? :


    „Dass Homosexualität, wie die katholische Kirche lehrt, eine objektive Ordnungsstörung im Aufbau der menschlichen Existenz bedeutet, wird man bald nicht mehr sagen können.“


    So sagte Joseph Ratzinger, kurz bevor er Benedikt XVI. hieß. Ich zitiere das nach einem Artikel in der Welt, den Alan Posener die Tage unter der Überschrift "Oldie but Goldie" nach 10 Jahren auf Facebook teilte: "Eine Verteidigung der politischen Korrektheit".


    Dass ein bayerischer Taxifahrer mit: "Sie sprechen aber gut Deutsch." etwas Nettes sagen möchte, sich dabei aber unbeholfen oder blöd anstellt, soll man nicht mit Rassismus verwechseln, d'accord. Dann nennt man es eben Doofheit. Denn der Satz nervt wirklich. (Auch mich schon.)

    Es gibt drei Regeln, wie man einen Roman schreibt. Unglücklicherweise weiß niemand, wie sie lauten. (William Somerset Maugham)

  • Auch wenn der Text für meinen Geschmack etwas zu lang geraten ist, enthält er dennoch eine Menge wichtige Wahrheiten und zeigt auf, wie sehr wir uns mittlerweile in unserer Gesellschaft einschränken lassen, um ja nicht politisch inkorrekt dazustehen. Manchmal genügt schon ein falsches Wort und schon wird man wie ein Aussätziger behandelt. Wir sind so sehr damit beschäftigt, es möglichst allen recht zu machen, dass wir es letztendlich gar keinem mehr recht machen. Irgendwas läuft da total falsch ...

  • Hallo, Alexander.


    Das Beispiel mit dem bayerischen Taxifahrer entspricht leicht abgewandelt genau dem Beispiel, das eine deutsche Agentur für SR plakativ auf der eigenen Website anbietet, um Mikroentwertungen und internalisierten Rassismus zu verdeutlichen.


    Und, klar, es ist einfacher und einfacher zu verstehen, wenn man sich an eindrucksvolleren Beispielen abarbeitet. Aber - ist das wirklich der Fall? Okay, Kuttners Negerpuppe vielleicht, aber die anderen Beispiele - etwa das von Stefan Schwarz - bewegen sich doch eher im alltäglichen und alltäglich zu erlebenden Bereich.


    Die Reaktionen auf den Beitrag sind übrigens wirklich bemerkenswert, wenn auch nicht immer überraschend. Bei meinem Autorenfreund David Gray (ausgerechnet bei dem) applaudiert ein AfDler, anderswo tun es in großem Maße allerdings auch Leute, die ich als Zielgruppe im Auge hatte. Seit Jahren ist kein Beitrag im Literaturcafé so schnell so oft multipliziert worden, und ich kann die ganzen Nachrichten kaum noch abarbeiten. Es sind natürlich auch Leute dabei, die das als "letzten Aufschrei der Vorgestrigen" bezeichnen, aber die Mehrheit scheint es als das zu verstehen, als was es auch gemeint ist: Als eine Anregung. Ich will nicht, dass man mir zustimmt oder applaudiert. Ich will, dass wir uns wieder freier äußern können, aber nicht im Sinne von "Das wird man wohl noch sagen dürfen", sondern im Sinne eines Austauschs, der nicht andauernd nach Ansatzpunkten sucht, um den anderen zu diskreditieren.

  • Seit Jahren ist kein Beitrag im Literaturcafé so schnell so oft multipliziert worden, und ich kann die ganzen Nachrichten kaum noch abarbeiten.

    Hi Tom,


    kann ich mir vorstellen. Du hast ein Thema aufgegriffen, das polarisiert, und wolltest das sicher auch. Nur warum muss es polarisieren? Warum muss es zwei Pole geben, zwei Extreme, die sich gegenüberstehen?


    Anders gesagt: Wenn jemand am Stammtisch über die Neger herzieht, die sich überall breitmachen, dann denkt er vielleicht rassistisch, aber das macht ihn noch nicht zu Adolf Hitler, der Millionen vergasen will. Manchmal haben solche Leute sogar dunkelhäutige Menschen in ihrer Bekanntschaft, mit denen sie gut auskommen, die sie aber nicht zu "diesen Negern" rechnen. Oder wenn jemand sich über einen anderen Autofahrer ärgert und ruft: "Blöder Türke!" - worauf ich hinaus will: Es gibt Abstufungen. Nuancen. Und die gehen mir unter im Schwarz-Weiß, Rassist-Nichtrassist.


    Alan Posener schrieb in der "Welt" (mein Link oben): Politische Korrektheit sei die Höflichkeit der Gesellschaft. Und zum Sinn des ganzen Begriffs: "Leitlinie der politischen Korrektheit ist nämlich der liberale Gedanke vom Primat des Individuums vor dem Kollektiv. Dass jemand anders ist als die Mehrheit, darf ihm nicht negativ ausgelegt werden. Was einer glaubt, denkt, sagt und tut, darf kritisiert, bespöttelt und verächtlich gemacht werden; was aber einer ist, wofür er nichts kann, ist sakrosankt."


    Ich finde, wenn man political Correctness so maßvoll versteht wie Posener, dann ist daran nichts Schlechtes.


    Muriel schreibt unter Deinem Artikel (14. Aug., 8,58 Uhr): "Ih. Nicht nur der Autor sollte sich schämen, sondern auch das Literaturcafé, für diesen ekelhaften, falschen, larmoyanten Erguss." Das einzige bisschen Begründung für ihre Ablehnung bietet die "Larmoyanz". Ansonsten ist der Kommentar in seiner Aussage ein Nullum. Und in diesen substanzlosen Beschimpfungen von beiden Seiten scheint mir ein schweres Problem zu liegen. Man weiß ja oft nicht einmal mehr, was der andere genau denkt, kritisiert ...

    Es gibt drei Regeln, wie man einen Roman schreibt. Unglücklicherweise weiß niemand, wie sie lauten. (William Somerset Maugham)

  • Hallo, Alexander.


    Ich stehe auf keiner Seite. Ich lehne es nur ab, dass Vorschriften gemacht werden, dass Freiheit geraubt wird (und Existenzen gefährdet werden), und das durch Leute, die weder repräsentativ sind, noch für eine bemerkenswert große Gruppe stehen, jedenfalls, was die Wege zum Ziel anbetrifft. Das bezieht sich auf die politische Korrektheit grundsätzlich als allgemeingültiges Paradigma. Ich kann alleine entscheiden, ob und in welchen Situationen ich das begrüße, anwende, propagiere, und wann eben nicht. Ich herrsche über meine Sprache und Sprachwahl selbst. Und ich bin nicht irgendwas Istisches, nur weil ich mich so verhalte, gerade und vor allem in der Kunst. Nicht die Sprache bezogen auf ihre Elemente ist der Inhaltsgeber der Botschaft, sondern der Botschafter. Und auch "Neger" ist kein objektiv rassistisches Wort, obwohl es überwiegend zu rassistischen Zwecken eingesetzt wird und meistens genau diese Konnotation hat. Rassist kann aber nur der Anwender des Begriffs sein. Nicht jeder Anwender des Begriff ist einer, vermutlich aber die meisten. Als genereller Indikator ist der Begriff jedoch ungeeignet. Ich hoffe, es wird klar, was ich damit meine.


    Rassismus zeigt sich auf viele Arten. Ich würde der Behauptung tatsächlich sogar zustimmen, dass er an vielen Orten auf der Welt ein internalisiertes Problem darstellt, dass es Gruppen und Regionen gibt, die ganz selbstverständlich und nicht einmal vordergründig rassistisch sind, aber auf fundamentale Weise in ihrem Denken und Handeln Unterscheidungen machen, Menschen anderer Hautfarben, Ethnien und Herkünfte schlicht für minderwertig halten. Das ist aber nicht Gegenstand dieser Auseinandersetzung. Sondern ein Problem, an dem wir alle arbeiten müssen, neben vielen ähnlichen Problemen, etwa der nach wie vor sehr weitverbreiteten Misogynie. Es geht um die umgekehrte Sichtweise, um diese akribische, denunzierende Suche nach Rassisten, und um den Missbrauch der Sprache als Mittel der Forensik. Und um die Anspruchshaltung einiger Gruppen auf Alleinherrschaft im Königreich der Nichtrassisten.


    Kommentare wie der von Dir zitierte gehen mir gepflegt am Arsch vorbei. Ich habe am Wochenende noch einen ganzen A4-Block mit zu erwartenden Kommentaren vollgeschrieben, und dieses Zitat war auch dabei. 8)

  • Der Text ist zwar nicht kurz - aber kurzweilig. Brillant, Tom!


    Nur über einer Stelle bin ich ins Grübeln geraten:

    "Bei dieser spannenden Tätigkeit werden Texte u. a. auf Mikroaggressionen untersucht (dieser Satz beispielsweise enthielt eine)."

    Zu meiner Bestürzung scheint es mir an der nötigen Sensibilität zu mangeln. Ich tippe mal auf "spannend", weil auch Hähne und Sehnen gespannt werden. Liege ich da richtig?

  • Von allen Newsthemen, die gestern im deutschsprachigen Netz diskutiert wurden, war mein Beitrag im Literaturcafé auf Platz 6. Ob des polarisierenden Themas hatte ich ja mit Resonanz gerechnet, aber nicht mit dieser. Ich bin seit gestern Morgen quasi ununterbrochen am Quatschen.

    Screenshot von 1000Flies folgt morgen. Das ist ein Dienst, der Resonanz auf Newsthemen sammelt.


    Hier noch der Screenshot. ;)

    IMG_0422.jpg

  • Ostelbe Sieben

    Sorry, ich verfolge deine Beiträge seit du hier bist, aber mehr als Pleonasmus in Reinkultur kann ich darin nicht erkennen. Wortreich nichts auszusagen, ist eine Kunst, die vorwiegend Politiker ausüben. Bist du Politiker?

  • Schnitte oder Kirsche ist im Sächsischen ne Freundin. Eine Scheibe Brot heißt landläufig in Berlin Stulle. Wenn jemand Stulle ist, ist jemand doof. Oder einfach nur ein Brot. Auf Schrippe gehe ich nicht vertiefend ein, das geht für gewöhnlich unter die Gürtellinie.

  • Hallo, Tom.


    Ich habe deinen Aufsatz im Literaturcafé zweimal gelesen; beim zweiten Mal ganz langsam. In vielen Punkten stimme ich überein, einige Abschnitte könnte ich unterschreiben. Brillant finde ich den Text nicht.


    Mir kommt er zu wenig durchdacht vor. Das fängt schon mit der Titelmetapher an. Du teilst deinen Lesern mit, dass du ein Kondom benutzt hast. Beim Schreiben! Und dass das sehr ungewohnt für dich war. Nicht angenehm. Und dass uns Lesern, als denjenigen, die du penetrierst, deine Ergüsse beinahe entgangen wären. – Nein, ganz so schreibst du das natürlich nicht. Aber die Metapher ist peinlich. Dass sich Leute, die dich nicht weiter kennen, beim Lesen deines Textes geekelt haben, wundert mich nicht. Es hat möglicherweise nicht nur mit diesen Leuten zu tun, sondern auch mit deinem Text.


    Um noch ein bisschen bei den Kondomen zu bleiben. Eins deiner Lieblingsallergene ist übertriebene Vorsicht. Es scheint mir nicht völlig an deinem Text vorbei interpretiert, wenn man da einen Zusammenhang liest. Aber Kondom = übertriebene Vorsicht? Ich glaube nicht, dass du das sagen wolltest. Ich denke nur, dass man das leicht so missverstehen kann. Allzu leicht.


    Ist dir egal? Mir wäre sowas nicht egal.


    Natürlich kann man beim Schreiben (inklusive Überarbeiten) nicht alle Konnotationen mitbedenken, die ein Text im Schlepptau hat. (Das geht schon deswegen nicht, weil er sie gar nicht im Schlepptau hat, sondern weil sie immer erst beim Lesen resp. vom Leser hergestellt werden.) Nicht mal einen Bruchteil kann man bedenken. Muss man auch nicht.


    Was man aber schon bedenken kann (nicht muss, nur kann), ist die mögliche Gesamtwirkung. Provoziert der Text? Trollt er? Schreddert er? Füttert er die Bestätigungsblasen der Ähnlichdenkenden? Bringt er zum Nachdenken? usw.


    Was du mit deinem Text vorhattest, ist deine Sache. Selbstverständlich hast du jedes Recht, zu schreiben, was und wie du willst. Andere Leute schreiben in Medien mit sehr viel größerer Reichweite sehr viel provozierendere oder sogar bösartige Kolumnen, gegen die dein Aufsatz der reinste Mörike ist. Mir ist er trotzdem zu wenig sachlich. Von der Gesamtwirkung her. Sowas würde ich bedenken. Nicht unbedingt die einzelnen Konnotationen, die ich ohnehin nicht steuern kann, sondern das Ganze.


    Ein paar Beispiele.


    Zitat

    Im Kern geht es (…) darum, dass die Tyrannei der politisch Korrekten die Kunst erreicht hat – und sie existentiell bedroht.

    Gehts auch eine Nummer kleiner? Ich finde es ja vollkommen richtig, die Kunstfreiheit zu verteidigen, aber können wir dabei bitte auf dem Boden bleiben?


    Zitat

    Dass wir im Jahr 2019 wieder bei simpelstem Schwarzweißdenken angekommen sind, sollte uns kollektiv beschämen.


    Du beschwerst dich über Schwarzweißdenken und baust selbst umfangreiche Dichotomiefelder auf? (Rücksicht, Angst, Übervorsichtigkeit versus Freiheit, Witz, Kreativität)


    Zitat

    Angst ist nicht nur ein schlechter Ratgeber, sondern der mit Abstand schlechteste Ratgeber von allen. Wer Angst davor hat, bei dem, was er tut, einen Fehler zu machen, sollte die fragliche Aktivität lieber lassen, denn etwas Gutes kann dabei nicht mehr herauskommen, vor allem, wenn es um kreative Prozesse geht.


    Kreative Prozesse können auch aus diversen (!) Zuständen von Angst heraus entstehen, sie können diverse Formen von Angst als Begleiterscheinung haben, und selbstverständlich können in der Folge großartige Kunstwerke entstehen. Angst ist bei diesen Prozessen kein schlechterer Ratgeber als Wut oder andere Gefühle. Mir drängt sich der Verdacht auf, dass du deine eigenen kreativen Prozesse zum Maßstab machst. Sind sie aber nur für dich selbst, selbst wenn sie möglicherweise die am häufigsten anzutreffende Praxis von Kreativität darstellen.


    Und mal abgesehen von kreativen Prozessen: Angst ist keineswegs der schlechteste Ratgeber von allen. Da würde ich eher die Selbstgewissheit ganz vorn sehen, die Überzeugung, im Recht zu sein. Oder, ähnlich guter Kandidat, die Ungeduld, die Überzeugung, dass nicht länger gewartet werden darf. Auch der Zorn kann ein ziemlich schlechter Ratgeber sein, der Eifer usw.


    Um ehrlich zu sein, der Satz von der Angst als dem schlechtesten Ratgeber läuft bei mir schon lange unter Coaching-Sprech.


    Ich könnte jetzt noch eine Menge Formulierungen aufgreifen, mit denen du Lesern in deinem Aufsatz signalisierst, dass es dir nicht in erster Linie um die Sache geht. Aber dann wird’s zu lang, und ich denke, es ist auch so klar geworden, was ich meine. Warum schreibst du nicht sachlicher? Nüchterner? Präziser? Warum sezierst du nicht, wie es der Teaser verspricht (der vermutlich nicht von dir stammt, sondern von Wolfgang Tischer)?


    Um im Bild zu bleiben: Du hast nicht seziert, du hast rumgeschnippelt. Da wäre mehr drin gewesen.


    Enno

  • Hallo, Enno.


    Herzlichen Dank für das ausführliche und detaillierte Feedback. Ich bin kein Journalist, sondern nur ein Prosaschreiberling, und auch wenn meine Karriere mit Schülerzeitungen angefangen hat und es eine Episode bei einem populärwissenschaftlichen Blatt gab, habe ich nie gelernt, wie journalistische Texte aufzubauen sind. "Schreiben mit Kondom" ist auch keiner, sondern ein Statement. Dessen Bestandteile ohne Ausnahme - also einschließlich des Teasers - von mir stammen. Wolfgang Tischer hat gesetzt und illustriert - und als nahezu einzige Korrektur aus meinem ursprünglichen "Abnippeln" ein "Abnibbeln" gemacht, was mich verblüfft hat. Aber die Korrektur war tatsächlich notwendig, erklärte mir der Duden online. Wir sagen in Berlin "abnippeln".


    Die Titelmetapher löst seltsame Phantasien bei Dir aus. ;) Ein Kondom schützt sozusagen Sender und Empfänger, es verhindert Übertragung und unbeabsichtigte Befruchtung, und der Preis dafür ist, dass das Erlebnis weniger intensiv und deutlich vorhersehbarer ausfällt. Es haben sich sehr wenige, die auf den Text reagiert haben, auf diese Problematik bezogen, jedenfalls dort, wo ich die Reaktionen wahrgenommen habe (bei Twitter habe ich mich ausgeklinkt, nachdem Karla Paul zum Sturm geblasen hatte). Ich empfinde diese Metapher als äußerst zutreffend. Wer politisch korrekt, aktuellen Trends folgend und empfindlichkeitsgegengelesen arbeitet, mindert zwar das Risiko, aber auch das Erlebnis. Bleibt weichgespülter Dünnschiss (eine Metapher, die ich persönlich sehr viel schwieriger fand als das mit dem Kondom, zumal es sehr schwer sein dürfte, Dünnschiss auch noch weichzuspülen). Aber ich habe natürlich absichtlich Elemente integriert, die die Brücke zum sexistischen weißen alten Mann bauen sollten, und viele sind über diese Brücke ja auch gegangen (siehe oben). Nicht wenige haben dabei übersehen, wie sehr sie sich bei diesem Gang selbst als vollständig gesprächsunbereit entlarvt haben. Anyway, ich finde die Titelmetapher nicht peinlich, ganz im Gegenteil. Ich find's ein bisschen peinlich, sie peinlich zu finden. ;) Noch ganz kurz hierzu: Es ist übertrieben vorsichtig, ein Kondom zu verwenden, wenn man Sex mit einem Partner praktiziert, der einem treu ist und umgekehrt, und wenn die Gefahr einer unbeabsichtigten Befruchtung aus welchen Gründen auch immer (gleiches Geschlecht, unfruchtbar, Empfängniszeit abgelaufen) nicht besteht. Anders gesagt: Ich hatte die Titelmetapher, die mir erst nach der Fertigstellung des Textes eingefallen ist, nicht in diesem Zusammenhang gesehen, aber, ja, auch in diesem Bereich hat sie ihre Berechtigung. Wenigstens in gewissem Maße. Denn Vergleiche sind nie vollständig zutreffend, und wenn man einen Text wirklich verlustfrei in einem Satz zusammenfassen kann, ist der Text überflüssig.

    Vielleicht ist das ja der Fall.


    Siehst Du eine Bestätigungsblase? Ich sehe da eher ein Vakuum. Das Thema ist äußerst schwierig, weil, wie auch hier geschehen, sofort im Populistensumpf verortet wird, wer sich gegen den Zwang zu P.C., Gendern usw. ausspricht und die These vom internalisierten Rassismus wenigstens teilweise anzweifelt. Einige, die möglicherweise nur die Überschrift oder leider mehr gelesen und es trotzdem missverstanden haben, beglückten mich stantepede mit Freundschaftsanfragen, und ich habe mir in den letzten Tagen einige Facebook-Chroniken angeschaut, die dazu geführt haben, dass ich meine Antikoagulanziendosierung erhöhen musste. Aber viele Autoren, Comedians und andere Künstler haben mich auch wissen lassen, wie sehr es sie gefreut hat, dass jemand Worte für die Problematik gefunden hat, die ein wenig Gehör finden. Klar, das ist letztlich die Bestätigungsblase, aber ich habe ja auch einen Standpunkt, für den ich werbe. Ich sehe da auch nur wenig Differenzierungsspielraum. Die Idee etwa, Kunst auf mögliches Problempotential untersuchen zu lassen, ist schlicht vollständig absurd, eine Kastration, und sie formuliert das Gegenteil von Freiheit und Vielfalt. Wo es möglich war, habe ich differenziert. Oder ich habe gemeint, das zu tun. ;)


    Zu Deinen Einzelanmerkungen:


    1. Nein, es geht nicht kleiner. Es ist Tyrannei, Diktatur, Terrorismus. Es ist ignoranter, arroganter, selbstgerechter Scheiß. Es hat in der Kunst nichts zu suchen. Siehe Bärfuss-Zitat.


    2. Aber ich erkläre und begründe. Die "Gefällt mir"-Kultur reduziert alles auf das Votum.


    3. Widerspruch, denn das habe ich nicht gemeint. Angst, Zorn, Wut oder auch positive Gefühle als Motivation und Inspiration sind des Künstlers Brot. Ich spreche vom Ratgeber. Von der Selbstregulierung. Das hast Du - ich glaube, absichtlich - missdeutet.


    Und, doch, mir geht es um die Sache. Ich verstehe die wiederkehrenden Unterstellungen, es ginge mir um mich selbst, überhaupt nicht. Das wäre absurd, masochistisch, dumm. Hast Du die Reaktionen im Querschnitt wahrgenommen? Ich meine, nicht nur im Literaturcafé selbst? Und glaubst Du, es bringt meiner Reputation oder meiner wirtschaftlichen Situation als Autor irgendwas, einen solchen Text zur Diskussion zu stellen? Was soll das genau sein?


    Abermals danke für Deine Mühe. :)

  • Quod erat demonstrandum!

    Natürlich waren wütende emotionale Ausbrüche von verbissenen Genderist*innen und politisch (Hoch)Korrekten aller Art zu erwarten. Frau "Muriel" hat mit ihren inhaltslosen, dafür umso emotionaleren Anwürfen im Literaturcafe wohl den Vogel abgeschossen und ihn dann auch noch ausgestopft, mit ihrem Link zu "Überschaubare Relevanz". Und schon finden sich massig likende Beifallklatscher.

    Wird nicht lange dauern und du wirst als rechtsextrem und rassistisch eingestuft, wenn du dich weiterhin mit diesen Themen herumschlägst. Wart's nur ab. =)