Iris Radisch beklagt "Inhaltismus" in der Literaturkritik

  • Didi hat mich auf dieses Interview aufmerksam gemacht. Ich bin allerdings deutlich anderer Meinung als Frau Radisch, und mir läuft beim Terminus "Inhaltismus" ein Schauer des Entsetzens über die Hirnrinde. Was sagt Ihr?


    https://www.boersenblatt.net/2…eraturkritik.1672148.html

  • Interviewer: Gleichzeitig wird es bei der Konzentration aufs einzelne Buch immer schwieriger, die Entwicklungen der Gegenwartsliteratur in großen Bögen zu zeigen.


    Iris Radisch: Ja, so ist es. Ich mag den inflationären Inhaltismus in der Literaturkritik überhaupt nicht, also den Hang der Kritiker, vor allem die Handlung der Romane amüsant nachzuerzählen, weil ich finde, dass nichts langweiliger ist, als den Inhalt eines Buches in einer Kritik ewig nacherzählt zu bekommen.

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    "inflationärer Inhaltismus" ist wohl Tom's Anstoßpunkt. Hm, tja, fällt mir prompt ohne tiefer zu kramen, >Art of Noise< ein, wohl 1999: "The Seduction of Claude Debussy". Will sagen, dass die Moderne auch soetwas wie Sonderarten aus "Vorbildern" schöpft, die (soweit gelungen) durchaus eigenständig & beständig sein können.


    Long Road, langer Text


    Aber Tom wollte wohl mehr oder weniger journalistisches Sonderproblem andeuten, dass er -wie ich fand- schon 'mal treffend in einem anderen Zusammenhang (BT-Runde Valeria) als "Infodump" bezeichnete. Für eine Zeitgeistanalyse der Medien & Presse gegenüber dem was in Kunst & Literatur stattfindet, müsste man wohl ziemlich weit ausholen... Freilich gibt es heutzutage soetwas wie eine Überschüttung auch auf dem Buch-markt...., aber was mir schon seit mindestens 20 Jahren unangenehm auffällt, dass sich Journalismus verselbständigt hat, sie legen immer wieder besonderen Wert auf ihre Freiheitsrechte per GG Art. 5, im Gegenzug ist für mich eine deutliche Abwesenheit von Künstlern & Literaten in besagten Medien, bei gleichzeitiger Überbewertung angeblich rhetorisch erforderlicher Begabungen erkennbar. Das Literatur vortragen, hat mehr Unterhaltungswert, so befehligt quasi der Markt die Literaten! Die Journalisten glauben stellvertretend für die Künstler und die Politiker glauben stellvertretend für die Journalisten reden zu können. Es gibt beispielsweise in den klassischen Talkshows, wenn überhaupt nur noch Schauspieler, oder mal einige Schlagersänger, ansonsten bewirkt die Redaktionspolitik der Journalismusmedien, dass sogar überwiegend nur noch Politiker die Epik des Zeitgeistes beschreiben. Ich würde Tom's Wortschöpfung vom Infodump, das Wort vom Politdump anfügen und den Begriff der Schixe werd' ich wohl auch nicht erklären müssen.


    Dass ist meine Grobeinschätzung.... und ich finde diese -wie gesagt- schon mindestens 20 Jahre anhaltende, mediale Stellvertretertendenz in allen Kulturbereichen, aber ebend insbesondere auch kunstbezogen bedauerlich. Früher war ein Künstler noch zu Recht eine gesellschaftliche Autorität, heute werden sie von königsmordenen Journalisten mehr oder weniger lächerlich gemacht.... Die einzige mediale Ausnahme die mir adhoc einfällt, ist der Bachmannwettbewerb, nur kommen für die sekundäre Bewertungsdebatte auch dort nur die Juroren zu Wort. Im Radio habe ich mittlerweile wohl so ungefähr 50 ÖR-Sender aus allen Bundesländern, allein für die 24 Stunden laufenden Programme dieser grobgeschätzten 50 Radiosender, müsste ich wohl erstmal soetwas wie einen Kompass erfinden.


    Ich kann mich erinnern, dass es zu dieser Mediengesamtproblematik (Privat vs. ÖR) mal einen ziemlich langanhaltenden Diskreditierungsprozess, Pro 7 (Kirch-Gruppe) gegen Dt. Bank gab, aus dem man zur finanziellen Interessenlandschaft der PR-Medienanstalten in D, seit Erfindung der Göbbelsschnauze eigentlich ziemlich schlau und aufgeklärt werden konnte. (...) Seit SAT 1 im dt. TV auftrat, haben wir wohl eine Amerikanisierungs-tendenz der Medienlandschaft, die sich sogar über den Buchmarkt hinaus als "inflationärer Inhaltismus" umschreiben lässt. Der Begriffswahl von Iris Radisch geht wohl auch eine allgemeine Gesellschaftsanalyse voraus, dass der Kulturzenit der 70'er Jahre nicht mehr rückholbar ist, quasi auch kulturell inflationiert, zerbröselt, in die Ränder flüchtet etc.. (z.B. Anarchokunst, Piraterie, Pornoindustrie und der akkubetriebene Dildokönig für all die lustgeilen Prinzessinnen).


    Aber ok, lassen wir nochmal Quasimodo zum Schixenthema zu Wort kommen: "Basic Instinct 2" hat vergleichsweise wirklich noch Geist, ist schon eine ziemlich dichte Gleichberechtigungsanalyse und Sharon Stone ist immer noch eine attraktive Schneekönigin, so ungefähr aus der lange abwesenden, mir manchmal erfrischend erscheinenden Luxus- oder Barockliga Barbara Vinken's (3 Sat Buchzeit). Iris Radisch' habe ich damals -als sie noch Jurorin im Bachmannwettbewerb war- auch gern zugehört, gestern war auch 'ne D. Scheck-Lit im TV mit ihr. Manchmal weiss ich nicht so, ob Frauen überhaupt noch irgendein Mannsbild im Kopf haben, die diesbezüglichen Gesellschaftsmoden in der Literaturkritik ändern sich wie die Kopfkissenbezüge. Bei mir ist es so, dass ich keinen Geschirrspüler habe und das Wäschewaschen der Waschmaschine überlasse, genauso würde ich auch mit Literaturkritik umgehen. Da dies allerdings eine Marktillusion ist, oder sogar in den Bereich der Phantasie gehört, interessiert mich Literaturkritik selten, ganz primitiv gesagt, gelingt es jedem Kind einfacher zu tadeln, als zu loben! In der Frühkindphase heulen Kinder wohl auch öfters, als sie lachen!


    Mit freundlichen Grüßen

  • Der o. a. Beitrag zeigt wieder einmal in seltener Klarheit, dass der Verfasser unglaublich herumschwadronieren (klarer noch: labern) kann, ohne das Thema (in diesem Falle das des Threads) ernsthaft zu berühren.

    Es ging weder Tom, der das Thema hier eingebracht hat, noch mir, der ihn auf das Interview mit Frau Radisch aufmerksam gemacht hatte, darum, weitschweifiges Geschwätz zur der Frage zu in initialisieren, welche Bedeutung die Literaturkritik für Herrn Jochbein habe. Auch ist es wenig zielführend, in diesem Thread irgendwelche Details über die Ausstattung des Jochbeinschen Haushalts mit elektrischen Geräten oder gar Einzelheiten über den Wechelsrhythmus seiner Bettwäsche und seine Erkenntnisse zu den Befindlichkeiten von Kindern in ihrer frühen Lebensphase zu erfahren.


    Es geht einzig um die Frage (und das hat Iris Radisch mit dem - zugegeben unglücklichen - Begriff "Inhaltismus" gemeint), ob in der Literaturkritik der Wiedergabe des Inhalts eines rezensierten Buches so breiter Raum zugestanden werden sollte, wie dies nach ihrer Ansicht immer stärker der Fall ist. Sie beklagt, dass dies zu Lasten der eigentlichen Rezensionsarbeit gehe. Dazu kann man unterschiedlicher Meinung sein, zweifellos.

    Mit der "Göbbelsschnauze", mit Sharon Stone, einer "Amerikanisierung der Medienlandschaft" oder weiteren Elementen des wirren jochbeinschen Ergusses hat das nichts zu tun.

    Und der "Infodump" ist übrigens auch keineswegs "Tom´s Wortschöpfung". Der Begriff ist jeder(m) professionellen AutorIn geläufig und seit etwa einem Vierteljahrhundert wohlbekannt.

  • Es geht einzig um die Frage (und das hat Iris Radisch mit dem - zugegeben unglücklichen - Begriff "Inhaltismus" gemeint), ob in der Literaturkritik der Wiedergabe des Inhalts eines rezensierten Buches so breiter Raum zugestanden werden sollte, wie dies nach ihrer Ansicht immer stärker der Fall ist. Sie beklagt, dass dies zu Lasten der eigentlichen Rezensionsarbeit gehe.

    Ich finde den Begriff "Inhaltismus" sehr treffend, da er natürlich u.a. eine Anspielung auf den Formalismus-Begriff ist, siehe den Formalismusstreit, bzw. auch früher schon die Expressionismusdebatte.

    ASIN/ISBN: 395494104X


    "... wat mi wedder insetten kunn in de Welt, dat was de Leiw'..."
    (Fritz Reuter: Ut mine Festungstid (Olle Kamellen II) (1861)


    Erzählen heißt: "auf dem hohen Meer den Versuch zu wiederholen, das Leben mit einem Fingerhut ausschöpfen zu wollen!"
    (Wilhelm Raabe: Stopfkuchen. Eine See- und Mordgeschichte. 1891)

  • Der o. a. Beitrag zeigt wieder einmal in seltener Klarheit, dass der Verfasser unglaublich herumschwadronieren (klarer noch: labern) kann, ohne das Thema (in diesem Falle das des Threads) ernsthaft zu berühren.

    Nunja Herr H. Dieter, wenn man Literatur so wie sie offenbar separat, als Wortfetischist betrachten wollte, könnte dass sogar stimmen, was sie da sagen wollten. Ich kenne Literatur aber z.B. auch von der experimentellen Seite und wir leben ja auch nicht in einer literarischen Luftblase, Die Frau Radisch betreffende Kunst- und auch Rezeptionsgeschichte bezieht sich in der Regel auf einen wie auch immer wahrzunehmenden Zeitgeist... Auch dazu kann man zig Meinungen vertreten, wie der denn eigentlich ausschaut. Wenn ich Kunstkritik mit meiner Waschmaschine vergleiche, ist das genau die Einstellung, die ich dazu sagen wollte: mit Buchinhalten gefütterte Automaten, die ihr Rezeptionsrepertoire nicht aus dem Leben selbst beziehen, sondern aus Bewertungskaskaden. Im Falle der deutschen Kunst- und Literaturkritik beginnt sie immer bei dem selben Rational-märchen: Impressionismus vs. Expressionismus; Sadismus vs. Masochismus, weil es Studenten so gelernt haben und an diese Rationalmärchen glauben. Es gibt zig Beispiele der Kunst- und Literaturkritik, die am (in diesem Fall) Buchthema völlig vorbei geht, quasi gar nichts davon begriffen hat. Seltsamer Weise sind dies oft genug solche Autoren bzw. Künstler, die man erst 100 Jahre zu spät verstehen will, dann wenn man mit ihnen das dicke Geld machen kann. Dass war aber auch schon im 19. Jh. so. Die Interessenverflechtung von Literaturkritik und Verlagsinteressen, ist doch unübersehbar. Nun gut, es ist eine Einstellungsfrage, ob ich so schreibe wie es der Markt nach Bestselleranalyse haben will, und auch solche Autoren gibt es zu genüge. Es wird gut kritisiert, was auch verkaufbar ist! Solche am Markt orientierten Überzeugungsarbeiten, macht normaler Weise aber kein Literatur- oder Kunstritiker, sondern der Buchhändler. Und selbst wenn sie noch nie etwas von Lobbypolitik gehört hätten, glaube ich mich zum Thema der 2 Worte geäußert zu haben. (Ich bin unvermeidlich vom Thema abgewichen),


    Leider bemerke ich doch an Ihnen abermals, etwas Sachliches ist nebensächlich, sie zielen in der Hauptsache die schon auffällige Großvaterkarte des persönlichen Angriffes (Suum cuiique)!


    Mit freundlichen Grüßen