Putlitz in der Nähe vom Rheinsberger Musenhof (I)

  • Rolf Schneider - "Rheinsberg Eine preußische Legende"

    edition q im be.bra verlag GmbH, © 2011; ISBN: 978-3-86124-652-7


    Kleine Rezensionsschrift (I)


    Als ich den sachlich, informativ und durchaus auch mit Insiderwissen angereicherten Touristenführer über Rheinsberg von Rolf Schneider las, schwoll mir bei den nicht wenigen Passagen zu angeblich homoerotischen Allüren im Hause Hohenzollern der Kamm.... wie man unter Hähnen sagen könnte. Nun bin ich weder Hahn, noch Henne und mich interessieren eigentlich auch keine Stallgerüchte. Fragen musste ich mich allerdings schon, was diese, aus irgendwelchen Briefnachlässen preußischer Prinzen insinuierten Wertschätzungen Rolf Schneider's bewirken sollen. Klassische Frage: Was hat sich der Autor dabei gedacht? Nüchtern beantwortet würde ich die Frage für Rolf Schneider so beantworten: Gar nichts!, was den Fragesteller aber vermutlich eiskalt abservieren würde, zumal diese Antwort wenn schon nicht gelogen, dann doch geflunkert wäre. Als Fragesteller würde ich allerdings dabei bleiben, dass: Phantasie nicht dass ist was man denkt und schon gar nicht dass was jemand tut, und damit einiges in seinem Buch infrage stellen. Das in dem Buch aufgeführte Briefzitat Friedrich II. aus einem an den Bruder Heinrich angeblich geschriebenen Brief, ist offensichtlich über Bande geschrieben und mithin gab es auch noch nach dem Tod des Vaters (Friedrich Wilhelm I., 1688 bis 1740) latente Intrigeninteressen am preußischen Hof. Friedrich II. (1712 bis 1786) soll nicht gerade ein Freund preußischer Hof-beamter gewesen sein, nahm er doch nicht nur ihnen, sondern dem gesamten Adel die Lieblingsspielzeuge des Feudalrechts (Rechtssadismus, Leibeigenschaft und Folter). Genau genommen war das von ihm beauftragte und schließlich 1794 erlassene "Allgemeines Landrecht für die Preußischen Staaten", sogar noch zeitlich vor dem epochemachenden Code Napoleon datiert (nur scheint die Wahrheit vergessen). Gerade diese umwälzenden Liberalisierungen konnten ihn für seine Nachwelt sympathisch, wohlmöglich sogar zum Menschen-freund machen. Aber gewiss, der damalige Zeitgeist lässt sich kaum mehr einfangen und ich hatte hiermit auch nicht vor, Friedericus Rex von Preußen im Lichte des damaligen Europas beschreiben zu wollen.


    Jenseits meines Vorstellungsvermögen's befindet sich jedenfalls nur die Absicht, welches Interesse Rolf Schneider daran hat, mehr als angeblich 50 Liebhaber preußischer Prinzen namentlich und bibliophil belegbar zu kennen. Ich bekam nach dessen Bemerkung nahezu den Eindruck, er müsse sich eigens dafür ein Register geschaffen haben und zur Klärung solcher Schlafzimmerfragen auch nicht wenig an Forschungsaufwand betrieben haben? Manchmal ist der Wunsch Vater des Gedanke und manchmal ebend der Gedanke Wunsch des Vaters. Die Menschen denken zu viel, dass schrieb schon Heiner Müller in seinem Artaud-Text im Jahre 1977 : "DAS DENKEN GEHÖRT ZU DEN GRÖßTEN VERGNÜGUNGEN DER MENSCHLICHEN RASSE LÄßT BRECHT GALILEI SAGEN (und nun kommt die reziproke Gewissheitseinrede des Schreckens und der Heiligkeitsstörung): BEVOR MAN IHM DIE INSTRUMENTE ZEIGT". Im ersten Gedankengang klang das für mich intelligent, geistreich, aber ein Stück weit auch übertrieben. Abgesehen vom klassischen Denkinstrument Sprache & Zahlen selbst, altertümlichen Stigmatas: der Phallus sei das Denkinstrument des Mannes und die Gebärmutter der Frau soetwas wie die weibliche Gutgläubigkeit der Hoffnung, fiele mir da nicht sehr viel Unstrittiges ein. Was macht man nur mit einer Elterngeneration wie der Friedrich II., die vielleicht nicht viel mehr als diese 3 Denkinstrumente akzeptierte, vielleicht noch das gestalterische Denkintrument von Mechanik, Design und Architektur. Aber da wird es für mich schon fraglich mit der Absicht Heiner Müller's, was als Denken denn eigentlich gemeint sein könnte. Mechanik, Design und Architektur sind ja eigentlich keine Werkzeuge, wohl eher Denkresultate. Mein Ergebnis war jedenfalls, dass es mindestens zwei Arten des Denken's geben muss: das Denken des Ego's als Ich und das interagierende, sozusagen soziologische Denken.


    Friedrich II. kann selbst überhaupt nichts dafür, dass er für freudianische Studentenmoden der neueren Gegenwart, so schrecklich nett in das Klische ödipaler Denkstrukturen zu passen scheint. Kommt zu all diesem Psychomist auch noch etwas an revolutionären Ressentiment's gegen Monarchien hinzu, lässt sich die hist. Figur Friedrich II. zum ungewollten Clown machen. Soweit ist dies schon mehrfach geschehen, wie z.B. von Heiner Müller: "Leben Gundlings - Friedrich von Preussen - Lessings Schlaf Traum Schrei" der -wie schon am programmatischen Titel erkennbar- darin soetwas wie einen historisierenden Diamanten schrieb, uns aber nichts über seine Schliffabsichten verrät. Mir drängte sich der Eindruck auf eine Matritze, eine beschriebene Folie gelesen zu haben und hätte doch nocheinmal das Original von Sophokles lesen sollen, um bei meiner Gewissheit zu bleiben, dass nicht Friedrich II. eine freudianische Tragikfigur ist, sondern Ödipus.


    Komik kann tatsächlich eine Bereinigung, wovon auch immer vergifteter Seelen bewirken, solange man weiß über was, wen und warum man eigentlich lacht. Ich selbst bevorzuge die zwei, drei oder fünf Sätze eines guten Witzes, gegenüber auf hunderten, in die Länge gezogener Romanseiten, die mit ihrem Figurenfirlefanz oft genug einfach wesentlich weniger Tiefenschärfe, Humor oder auch Klugheit bieten. Das Fatale an der neumodischen Komik ist meiner Meinung nach aber die Feigheit der Komiker, ihre Zechprellerei Witze über Abwesende zu machen. Den König als Clown kannte man bis dahin eigentlich nur aus Shakespeare's Hamlet, nur der war als Autor Machiavelli belesen genug, diese Clownsrolle einem Erzfeind Englands, nicht nur personell, sondern auch territorial zuzuweisen. Als ob derartige Hypnoseversuche nicht schon verachtend genug wären, versucht mir Rolf Schneider noch einen Ödipusbeweis mit einer abgebildeten Zeichnung Adolph von Menzel's unterzujubeln, auf dem ein vielleicht 7-jähriges Mädchen, mit Puppe in der Hand zu sehen ist, dass angeblich den verkleideten Friedrich in einer Theaterszene darstellen solle. Auch diesem Bild nehme ich die beschriebene Authentizität einfach nicht ab, es macht auf mich sogar den sehr aufdringlichen Eindruck einer typischen Hofintrigenabsicht, die ich unter gewöhnlichen Umständen noch nichtmal seinem Vater unterstellen würde.


    Es liegt mir fern besagte preußische Prinzen (Friedrich und Heinrich) als Engel zu verstehen, aber vermutlich ist das Engelsein ein wesentlich besserer Schlüssel Antworten auf die Gene-rationenbrisanz zwischen dem Vater, alias Soldatenkönig, gegenüber all seinen Kindern, aber auch gegenüber dem mütterlichen Haus von Hannover (Sophie Dorothea von Hannover) finden und verstehen zu wollen. Schon Friedrich's Vater (Friedrich Wilhelm I.) soll für seine Erziehungszeit nach Hannover, den Geschicken der Welfen überlassen worden sein und lernte dort familiäre Rivalitäten kennen. Er soll mit seinem Spielgefährten, dem späteren britischen König Georg II., bereits soetwas wie eine familiäre Intimfeindschaft zwischen den Preußen und den Hannoveranern aus nächster Nähe und in frühester Jugend selbst erlebt haben, so dass er sich später einmal zu Friedrich Wilhelm von Grumbkow über seinen Sohn (Friedrich II.) dahin gehend äußerte: "Da ist einer, der mich rächen wird." Zu dem oft bösartig, zumindest in Kindererziehungsfragen beschriebenen Vater des späteren Friedrich II., kommt man nicht drum herum, seiner soliden Regierungspolitik die dauerhaft in die Zukunft Preußens bewirkten Erfolge anzuerkennen. Er legte schließlich das Fundament für das nach ihm immerhin ungefähr 200 Jahre bestehende Preußen. Allerdings bestätigte sich aus all den innerfamiliären Gerüchten ebend auch die vormals beschriebene Familienrivalität noch Generationen später aufs Neue, mit nunmehr gewöhnlichem Vokabular nicht mehr zugänglichen Geschicken. Ich würde also davor warnen, die PR-Politik von Königshäusern, oder auch nur Äußerungen Hofbeamter mit Wahrheit verwechseln zu wollen ...