KNV-Gruppe ist insolvent

  • Kein sehr überraschender Vorgang, wie ich finde. Und die Frage, ob es Barsortimenter wirklich braucht - und, vor allem, in dieser Größenordnung -, ist tatsächlich eine gute.


    Möglicherweise ist das auch eine Chance, um die gesamte Lieferkette im Buchmarkt zu überdenken.

  • Sehe ich genauso, aber zunächst einmal stellt sich manchen Verlagen schon die bange Frage, wie sie an ihr Geld kommen. Und wenn Verlage Geld verlieren, spüren das wir Autoren bekanntlich als erste ...

  • Sehe ich genauso, aber zunächst einmal stellt sich manchen Verlagen schon die bange Frage, wie sie an ihr Geld kommen. Und wenn Verlage Geld verlieren, spüren das wir Autoren bekanntlich als erste ...

    Umgekehrt ist das leider nicht der Fall, sollte es aber sein.

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Dunkle Geschichten aus Würzburg

    ASIN/ISBN: 3831333580


    "Einen Roman zu schreiben bedeutet vor allem einen massiven Organisationsaufwand."


    Zadie Smith

    SZ Nr. 144, 26./27.6.2021, S. 56

  • Kein sehr überraschender Vorgang, wie ich finde. Und die Frage, ob es Barsortimenter wirklich braucht - und, vor allem, in dieser Größenordnung -, ist tatsächlich eine gute.


    Möglicherweise ist das auch eine Chance, um die gesamte Lieferkette im Buchmarkt zu überdenken.

    Das würde ich gern genauer verstehen. Durch die großen Barsortimenter (also KNV und Libri) hat doch der normale kleine Buchhändler bei mir um die Ecke den Luxus-Vorteil, dass die Bücher, die ich bei ihm bestelle, am nächsten Tag schon da sind. Oder verstehe ich da was falsch? Funktioniert das auch, wenn es lauter kleinere Barsortimenter gibt? Oder gar keine? Nur Verlagsauslieferungen?

    Welche Nachteile hat denn der Status quo mit den Mammut-Großhändlern?


    Dankbar für Aufklärung (oder einen Link zum Nachlesen)

    Enno

  • KNV setzt auf das zentrale Lager, und der Umweg über Barsortimenter, die zum Großhandelspreis bei Verlagen ein- und dann an Buchhandlungen weiterverkaufen, ist ein Zwischenschritt im Buchhandel, über den man bei dieser Gelegenheit einfach mal nachdenken kann. Oder eben über Zentrallager, Personalüberhänge, IT-Monopole usw. usf. Wenn ein solcher Dino-Player wegbricht, was ja längst noch nicht gesagt ist, ist das einfach eine gute Gelegenheit, darüber nachzudenken, ob dessen Konzepte und Grundlagen noch zeitgemäß sind. KNV ist ja nicht pleite, weil der Buchmarkt darbt, was so auch überhaupt nicht stimmt, sondern weil man schlecht und falsch gewirtschaftet hat. Und weil man sich von den Banken Konditionen hat aufdrängen lassen, die nicht umsetzbar waren.

  • Mir scheint, es gibt da unterschiedliche Perspektiven.


    Ich habe gerade meinen Buchhändler gefragt. Der macht sich offenbar keine größeren Sorgen. Liegt sicher daran, dass er mit KNV nicht viel zu tun hat (er bezieht das Meiste über Libri). Und daran, dass Insolvenz heutzutage nicht gleichbedeutend ist mit Untergang. Also mal abwarten, was aus der Sache wird.


    Aber interessant fand ich vor allem, dass er die Existenz der großen Barsortimenter eher positiv sieht. Wenn es mehrere nur mittelgroße gäbe, hätten die jeweils auch kleinere Lager und entsprechend weniger Titel vorrätig. Die Lieferfristen wären bei all den Büchern, die nicht oft nachgefragt werden, ganz andere als jetzt. Das hätte dann vermutlich auch für die kleineren und mittleren Verlage Auswirkungen, und für die Autoren. Wenn ein Buch nicht am nächsten Tag da ist, sondern erst nach 3-4 Tagen oder nach einer Woche, kauft der eine oder andere Kunde vielleicht lieber was anderes. Verlagsauslieferungen verbessern die Sache auch nicht. Für kleine Buchhändler zählt auch das Rechnungenschreiben: und das ist deutlich einfacher mit einem großen Barsortimenter. Meint mein Buchhändler. Er findet das bestehende System ganz gut. Kann sein, dass er seinen Laden (er hat vor dreieinhalb Jahren aufgemacht, an einem Platz, an dem es vorher nie eine Buchhandlung gab) gar nicht ins Laufen gekriegt hätte ohne die Bedingungen, die der deutsche Buchhandel so bietet. Mit den großen Großhändlern.

  • Richtig. Mit der Anmeldung einer Insolvenz zeigt ein Unternehmen (und seit einigen Jahren auch eine Privatperson) an, dass es nach derzeitiger Perspektive nicht mehr dazu in der Lage ist, seinen zukünftigen Zahlungsverpflichtungen nachzukommen. Man zeigt das nicht an, wenn man schon nicht mehr bezahlen konnte, was man vor einiger Zeit hätte bezahlen müssen. Das wäre dann Konkursverschleppung und strafbar. (Ehemalige) Geschäftsführer kehren für sowas in die JVA ein.


    Insolvenz bedeutet oft, dass das Unternehmen eigentlich gut aufgestellt ist, dass aber Altlasten oder unerwartete Belastungen nach aktueller Sachlage nicht zu stemmen sind. Die KNV hat früher Miese gemacht, sich neu orientiert und umorganisiert, die Miesen sind zwar gesunken, aber die Zinsen waren zu hoch, und die Strafzinsen waren noch höher. Außerdem hat die Neuorientierung nicht so ganz geklappt. Im Prinzip aber könnte das vermutlich ein profitables Unternehmen sein. Jetzt führt es ein Insolvenzverwalter fort, allerdings weitgehend ohne Kreditrahmen und unter erschwerten Bedingungen, aber es ist technisch auch denkbar - und geschieht zuweilen -, dass ein Unternehmen aus eigener Kraft wieder aus einer Insolvenz aufersteht. Während der Insolvenz gelten besondere Regelungen, man dealt mit den Gläubigern, denen zuweilen ein bisschen Geld lieber ist als gar kein Geld, und dann erscheint da dieses Licht am Ende des Bücherregals.


    Oder, und das ist wahrscheinlicher: Jemand übernimmt. Durch die Insolvenz ist der Preis gesunken, das Unternehmen hat jetzt keine Verhandlungsbasis und keinen Bewegungsspielraum mehr. So etwas ist auch nicht selten. Manch ein Investor führt Übernahmegespräche und lässt sie dann lautstark platzen, woraufhin es einen kleinen Schock und möglicherweise einen Kurseinbruch gibt, dann springen Lieferanten, Kunden und Mitarbeiter ab - und einszweifix ist ein Laden pleite, dem es eben noch ganz okay ging. Und jetzt ist er sehr viel billiger. Oder man kann Teile auskaufen, was vorher nicht möglich gewesen wäre. Es gibt Fälle, in denen genau diejenigen, die vorher über Kauf verhandelt haben, anschließend diejenigen sind, die sich für kleines Geld das Tafelsilber holen.


    So oder so, ich nehme an, dass der Laden - wenn auch unter veränderten Bedingungen - weiter bestehen wird.

  • Ja, ich denke, der Artikeö fasst es sehr gut zusammen, vielen Dank, Enno! Wie wohl die meisten meiner Kollegen und Kolleginnen mag ich mir das Buchhändlerleben ohne Großhändler nicht vorstellen. Über den Tag verteilt Päckchen hier, Päckchen da, jedes Mal mit Porto belastet, und mit jedem einzelnen Verlag unterschiedlichste Konditionen auszuhandeln. Und dem Kunden müsste ich bei jeder Bestellung sagen, dass es entweder 2 oder 5 oder 10 Tage dauert, bis sein Buch da ist, je nachdem, wer da am anderen Ende sitzt - grusel.

  • ... dass es entweder 2 oder 5 oder 10 Tage dauert, bis sein Buch da ist, je nachdem, wer da am anderen Ende sitzt - grusel.

    Das ist spätestens der Moment, in dem der Kunde zum großen a geht zum Bestellen.


    Was mir noch einfiel: Wegfall des Barsortiments und direkte Verlagsauslieferung für jedes Buch würde noch mehr Verkehr auf den Straßen bedeuten, weil jedes Buch ja irgendwie herangekarrt werden müsste. Noch mehr Logistikfahrzeuge auf den Straßen ...