avenidas y flores y mujeres y un admirador

  • Das Ganze mit MeToo in Verbindung zu bringen ist falsch.

    Das kann man mit guten Gründen anders sehen:


    "Am Dienstag machte die Nachricht die Runde, dass an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin ein Gedicht des Lyrikers Eugen Gomringer übermalt werden muss, weil der Satz "Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer" unangenehm an die sexuelle Belästigung erinnere, der Frauen alltäglich ausgesetzt seien. Man kann darin, wenn man will, das Kuriosum eines überhitzten Hochschulbetriebs sehen. Ich halte es für ein Zeichen, wie sehr man auf der Linken den Kompass verloren hat. Denn natürlich handeln die Studenten im Einklang mit dem Zeitgeist.

    Es gibt wieder eine Zahl, die zu denken geben sollte. Diese Zahl lautet: ein Prozent.


    Ein Prozent der Deutschen hat auf dem ersten Höhepunkt der #MeToo-Debatte im November gefunden, dass Sexismus ein wichtiges Thema sei. So konnte man es im Trendbarometer des Meinungsforschungsinstituts Forsa nachlesen, das im Auftrag von RTL und n-tv wöchentlich die Stimmungslage der Bürger erkundet. Sogar die Debatte über Tierschutz rangierte mit zwei Prozent noch weiter vorn." (SPON: Jan Fleischhauer, Warum die Linke den Kampf gegen rechts verliert )

    Es gibt drei Regeln, wie man einen Roman schreibt. Unglücklicherweise weiß niemand, wie sie lauten. (William Somerset Maugham)

  • Der Fehler den Fleischhauer macht ist es die MeToo-Debatte in ein linkes Milieu einzuordnen. Den er übrigens öfter macht wenn ihm etwas nicht gefällt, aber dafür wird er ja nun bezahlt. Ich unterstelle ihm da Tendenz. Jedoch findet sich der Ursprung bei diversen Schauspielerinnen aus Hollywood. Darunter popularisiert durch Alyssa Milano, die ich jetzt nicht als Punk bezeichnen würde. Die Relevanz des Themas definiert sich auch nicht aus einer Umfrage. Genauso wie die des Tierschutzes nebenbei bemerkt.


    Bei der Einordnung der Debatte um das Gedicht in ein linkes Millieu gebe ich ihm wiederum uneingeschänkt Recht und auch die Verfehlungen linker Parteien sehe ich bis zum einem gewissen Grad genauso.



    Der Ursprung ist ein komplett anderer, genauso wie die geführte Debatte eine andere ist.


  • Symptomatisch scheint mir, dass Anja in ihren Beiträgen sogar noch großzügig Ironie-Smileys verteilte, dass aber trotzdem auch in diesem Forum noch für möglich gehalten wurde, sie meine ihre "Vorbehalte" gegenüber Walther von der Vogelweide, Carmina Burana oder Goethe ernst. Mir scheint, es ist so'n büschen was faul im Staate Dänemark.


    Nein, da ist nichts faul im Staate Dänemark. Da war einfach mal der Ironiedetektor ausgeschaltet. Kann vorkommen. Ist wieder korrigiert. Bis zum näcshten Ausschalten ;)


    Ich sag's auch Walther, wenn ich das nächste Mal bei ihm am Grab vorbeikomme.

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Dunkle Geschichten aus Würzburg

    ASIN/ISBN: 3831333580


    "Einen Roman zu schreiben bedeutet vor allem einen massiven Organisationsaufwand."


    Zadie Smith

    SZ Nr. 144, 26./27.6.2021, S. 56


  • Mit "persönlichen Erfahrungen" hat das aber wenig zu tun, weil's nicht beweist, dass anderen nichts passiert ist, weil's einem selbst nicht passiert ist.


    :dhoch

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  • Auch wenn die InitiatorInnen dieser Gedicht-Übermalung das in einen Topf werfen, Gedicht und Me Too, darf ich das ja trotzdem falsch finden.
    Und dass da von Missbrauch die Rede ist, dem auf einmal so viele Frauen ausgesetzt sind, das finde ich echt schlimm, Anja. Mag sein, dass da ein paar Beachtung suchen, aber leider ist es so, dass es unfassbar viel sexuelle Gewalt gibt. Vor allem gegen Mädchen und Frauen. Auch gegen Jungs. Das Ausmaß ist grauenhaft. Und es geht durch alle Schichten, durch alle Berufe.
    Die Aufgabe ist, dem entgegen zu treten, ohne eine neue Sexualfeindlichkeit zu erschaffen. Ein Gedicht zu übermalen ist nicht das richtige, das verharmlost das, was es anprangern möchte.
    Me Too war dagegen absolut wichtig. Das löst was aus in einer Verkäuferin zu merken, ach das gibt es da auch und die haben sich auch geschämt und haben es auch mit sich machen lassen. Diese Beschämung auszuhalten, darum geht es nämlich, und zu verstehen, dass man eben nicht einfach selber schuld ist.

  • Danke für den Artikel, Stefanie. Die Autorin hat mit vielem recht, meine ich. Ich möchte eine Stelle daraus zitieren:



    Zitat

    Man kann den offenen Brief des Asta durchaus als einen Versuch begreifen, sozialen Druck aufzubauen. Der Verweis auf die Objektivierung von Frauen in der Öffentlichkeit und die daraus resultierende Angst vor sexuellen Übergriffen beschreibt eine Situation der sexistischen Diskriminierung. Solch ein Vorgehen wird gemeinhin gesellschaftlich geächtet, niemand will Rassist*in, Sexist*in etc. sein. Auch wurde die Verbreitung des Gedichts sozusagen "gehemmt", durch den Beschluss des Entfernens.


    Die Dame hebt hervor, dass es hier nicht um staatliche oder gleichzusetzende Zensur geht. Stimmt alles. Der AStA hat nicht einmal geklagt. Richtig. Aber ist das nicht gerade das Bedenkliche? Dass in in vorauseilendem Gehorsam der Beschluss gefasst wurde, das Gedicht zu übermalen?


    Gestern las ich einen Artikel in der FAZ . Es ging um eine Stellungnahme von Bundesministerin Barley zu den Beschuldigungen gegen Dieter Wedel. Ihr Zitat beginnt mit den Worten: „Ich bin normalerweise vorsichtig mit solchen Worten, aber:" - Nach so einer Einleitung folgt meist nichts Gutes. Es liegt Frau Barley sicher auch fern, Assoziationen zum Begriff "Lügenpresse" zu wecken - sie befürchtet nur ein "Schweigekartell" - , aber:


    Zitat


    Wenn sich die Anschuldigungen bestätigen, dann ist das ein Skandal, von dem sehr viele Menschen gewusst haben müssen. Ich hoffe sehr, dass jetzt viele Frauen den Mut finden, ihr Schweigen zu brechen.“


    Barley sagte, es gelte die Unschuldsvermutung. Aber es sei eigenartig, dass so wenige von den vielen Weggefährten aus der Branche Stellung beziehen. „Das erweckt den Eindruck eines Schweigekartells. Ich erwarte hier gerade von den beteiligten öffentlich-rechtlichen Institutionen rückhaltlose Aufklärung“, sagte die Politikerin.


    Nun würde man bei Ermittlungen normalerweise davon ausgehen, dass "viele Menschen" erst einmal die Anschuldigungen bestätigen müssen, und dann hat man ggf. einen Skandal, aber nicht umgekehrt. Bitte was ist denn das für ein Vorgehen? Wir haben zwar eine Unschuldsvermutung, aber eigentlich müssten wir doch schon massig Belastungszeugen haben?


    Worauf ich hinaus will: Es gibt Regeln. Respekt vor sexueller Integrität gehört zu den Regeln. Und es gehört auch zu den Regeln, dass sexuelle Belästigung eben sexuelle Belästigung ist und keine "Bewunderung", wie beim AStA unterstellt. Der Kampf für eine gerechte Sache darf nicht dazu führen, dass im Gegenzug die Rechte anderer wie eines Dieter Wedel (oder eines Jörg Kachelmann in der Berichterstattung der "Emma") infrage gestellt werden.


    Die Diskussion um dieses Gedicht gehört meines Erachtens in den gesellschaftlichen Kontext. Und der ist in Teilen mitbestimmt von der Stimmung im Zitat aus dem "Zeit"-Artikel: Niemand will Rassist, Sexist etc. sein. Anders lässt sich für mich der Beschluss nicht erklären, das Gedicht zu übermalen.

    Es gibt drei Regeln, wie man einen Roman schreibt. Unglücklicherweise weiß niemand, wie sie lauten. (William Somerset Maugham)

    Einmal editiert, zuletzt von Alexander R. () aus folgendem Grund: doofe Tippfehler

  • Die Diskussion um dieses Gedicht gehört meines Erachtens in den gesellschaftlichen Kontext. Und der ist in Teilen mitbestimmt von der Stimmung im Zitat aus dem "Zeit"-Artikel: Niemand will Rassist, Sexist etc. sein. Anders lässt sich für mich der Beschluss nicht erklären, das Gedicht zu übermalen.

    Dieses letzte Statement liest sich viel, viel besser, als deine Einführung in diesen Thread.
    Ich finde in diesem Artikel ganz wichtig, wie hervorgehoben wird, dass der Entschluss der Hochschule auf Anregung derjenigen, die dort tagtäglich ein und aus gehen, aufgegriffen, begutachtet und demokratisch entschieden wurde. Und dass in der Entscheidung vornehmlich das alte, das überkommene Geschlechter-Rollenbild des Textes tragend war (darüber kann man natürlich auch diskutieren, wäre aber entspannter, als die Sexismus-Debatte).
    Mit geht, wie ich anfangs schrieb, diese Vehemenz und Reflexbeißen in der öffentlichen Diskussion auf den Nerv. Auch meetoo geht mir auf den Nerv...Eine "Sau" nach der anderen wird durchs Dorf gejagt. Die Medien sind die fünfte Gewalt und öffentlicher Pranger für jede Art von Missfallen geworden. Das ist eine höchst beunruhigende Entwicklung. Wie du völlig richtig schreibst/zitierst, lieber Alexander: Es gilt die Unschuldsvermutung in jedem Fall!
    Meine Frage ist: für wen ist von Interesse, dass dieses Geschlechterkampfdings laufend und immer wieder neu befeuert wird? Muss das jede Generation durchmachen? Jede Kultur? Ich für meinen Teil habe da null Bock drauf. Habe ein halbes Leben damit verbracht, mich diesem Opferdings zu entledigen und plötzlich soll ich mich auf jeder zweiten Seite eines jeden Tageblatts wieder bedroht und schutzbedürftig fühlen? Nein danke, liebes kollektives Bewusstsein...

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    "Sinn mag die äußerste menschliche Verführung sein." - Siri Hustvedt