avenidas y flores y mujeres y un admirador

  • Der AStA der Berliner Alice-Salomon-Hochschule erklärt: "Ein Mann, der auf die Straßen schaut und Blumen und Frauen bewundert. Dieses Gedicht reproduziert nicht nur eine klassische patriarchale Kunsttradition, in der Frauen ausschließlich die schönen Musen sind, die männliche Künstler zu kreativen Taten inspirieren. Es erinnert zudem unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen alltäglich ausgesetzt sind."


    Das Gedicht steht an der Fassade der Hochschule und lautet übersetzt: "Alleen / Alleen und Blumen / Blumen / Blumen und Frauen / Alleen / Alleen und Frauen / Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer".


    Das Poem soll nun in der Tat überpinselt werden.


    :bahnhof :bahnhof :bahnhof



    WTF? Geht's noch? Das hat doch nicht einmal mit PC zu tun, das ist einfach nur bescheuert. Unter anderem solche Auswüchse sind Gründe, warum Rechtspopulisten reüssieren. Freiheit für die Lyrik!

    Es gibt drei Regeln, wie man einen Roman schreibt. Unglücklicherweise weiß niemand, wie sie lauten. (William Somerset Maugham)

  • Genau diese Hochschule hat Gomringer im Jahr 2011 geehrt.
    Aber so absurd die Auslassungen des AStA auch sind oder sein mögen, entschieden ist bislang nichts. Die Fassade wird im laufenden Jahr sowieso restauriert und im Rahmen dessen sollte ohnehin entschieden werden, ob das Gedicht bleibt oder nicht. Davon abgesehen: Nach meiner persönlichen - auch politischen - Erfahrung geschehen nur wenige von den Dingen, die in AStAs angeregt wurden. Hätte es seit Etablierung dieser Institutionen jedes schräge Statement aus einem Allgemeinen Studentenausschuss in den Medien - und seien es auch nur die vermeintlich sozialen Netzwerke - geschafft, dann hätte man Diskussionsmaterial für Jahrhunderte gehabt.


    Aber ein Aufreger ist das schon. 8-) Leider entwertet so etwas die begründeten Rufe danach, einige gesellschaftliche Strukturen ernsthaft zu überdenken.

  • Leider entwertet so etwas die begründeten Rufe danach, einige gesellschaftliche Strukturen ernsthaft zu überdenken.


    So sehe ich das auch. So ein Kokolores wie "Es erinnert zudem unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen alltäglich ausgesetzt sind." als Kommentar zu Gomringers Gedicht macht vieles kaputt. Nun ist allerdings der AStA nicht die einzige Blödsinn-Zapfstelle in dieser Hinsicht. In diesem Fall springt die Idiotie nur besonders ins Auge.

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  • Unter anderem solche Auswüchse sind Gründe, warum Rechtspopulisten reüssieren.

    DAS soll ein Grund sein dafür, Rechtspopulist zu werden? Hallo?! Wenn das die Antwort darauf ist, dass nun ein nicht unerheblicher Teil der Welt diese nun sichtbarer mitgestaltet, dann weiß ich auch nicht mehr, was werden soll. Dieses Kinkerlitzchen ist schon ein Auswuchs?

    [buch]3866855109[/buch]


    "Sinn mag die äußerste menschliche Verführung sein." - Siri Hustvedt

  • DAS soll ein Grund sein dafür, Rechtspopulist zu werden?

    Ja, natürlich. Ich habe nicht behauptet, das so etwas ein rationaler Grund sei. 8-) Aber mir scheint eine Wurzel der "Neuen Rechten" im Anrennen gegen eine political Correctness zu liegen, die geradezu als Diktatur empfunden wird.


    Herr Gomringer beschreibt sein Gedicht als "nicht weichgespült" und als Opfer einer falsch verstandenen political Correctness. Meiner Ansicht berührt das Gedicht nicht einmal Fragen der PC, sodass es für mich auch keine Frage von Weichspülung ist.


    Ich bin mir sicher, dass dieses Thema auf rechten Seiten im Netz weidlich ausgeschlachtet wird.

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  • Mal weg vom Rechtspopulismus fände ich es tatsächlich schade, wenn wir aus lauter irgendwann nur noch ins Extrem getriebener Angst vor Sexismusvorwürfen bei einer Welt landen, in der man überhaupt nichts mehr sagen darf, das auch nur ansatzweise in Richtung Erotik gehen könnte. Die ja in diesem Gedicht noch nicht mal wirklich gegeben wäre.


    Es hat auch eine Situation in meinem Leben gegeben, in der ich mich wirklich bedroht gefühlt habe, damals war ich noch in der Oberstufe, das Ganze ist im Archivkeller der Stadtbibliothek passiert. Heute denke ich, dass der Typ (den ich nicht kannte) mich einfach in Angst versetzen wollte, das ist ihm gelungen, und wenn ich nicht mit ihm allein gewesen und gleichzeitig so in Aufregung gewesen wäre, hätte man das Ganze zur Anzeige bringen müssen.


    Aber was wäre das denn für eine Gesellschaft, in der plötzlich jedes noch so harmlose Spiel mit Erotik und jedes Gedicht gleich zu einem Aufschrei führt?


    Andererseits: Vielleicht sollten wir mal unsere Klassiker und vor allem die Schulbücher gründlich durchforsten. Ich möchte wirlich nicht, dass mein Sohn eines Tages von einem unziemlichen Liebesgedicht des Herrn von Goethe oder vielleicht auch Heine auf falsche Gedanken gebracht wird. Und wenn ich da erst an Walther von der Vogelweide denke ... Kennt jemand "Under der linden"? Das.Geht.Gar.Nicht. =)

  • Kann ich unterschreiben, dass es jetzt keine Gedankenpolizei geben soll... und Kunst ist Kunst.
    Aber ich frage mal anders herum: Was wäre es für eine Welt, wenn jetzt einfach mal gesagt wird, dass die bisherigen (Achtung, der Einfachheit halber pauschal formuliert) bestimmenden Männer ein bissel rutschen (gerne nach links) und den ach so bewunderten Frauen einfach ein bissel Platz machen.
    Es gibt ja auch von Frauen über Männer oder von Frauen mit Männern einige Gedichte geben.
    Insgesamt versuche ich immer noch, das alles mit Humor zu nehmen. Aber dieses politische Aufladen geht mir auf den Keks. Es geht lediglich ein paar Chauvis mal an die Eier.

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  • … Und wenn ich da erst an Walther von der Vogelweide denke ... Kennt jemand "Under der linden"? Das.Geht.Gar.Nicht. =)


    Warum geht das nicht? Ist Liebesspiel auf der grünen Wiese (mit oder ohne Baum) grundsätzlich tabu? :kratz2

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Räuber und Räuberbanden im deutschsprachigen Raum

    ASIN/ISBN: 3955402649


    "Einen Roman zu schreiben bedeutet vor allem einen massiven Organisationsaufwand."


    Zadie Smith

    SZ Nr. 144, 26./27.6.2021, S. 56

  • Wenn unsere Kinder nicht auf dumme Gedanken kommen sollen, wie etwa die, dass Männer und Frauen miteinander ... (naja, Du weißt schon), dann ja. Dann muss das total tabu sein :D . Vor allem, weil hier ein gesellschaftlich höherstehender Mann mit einer jungen, gesellschaftlich niedriger stehenden Frau ... also ... das, worüber anständige Menschen nicht reden :)

  • Stefanie, hat das wirklich etwas miteinander zu tun?

    Ja, Tom, hat es meiner Meinung nach. Es geht mir nie nich darum, jetzt die Kunst nach vermeintlich sexistischem Inhalt zu durchforsten und diese zu verbieten. Aber der öffentliche Raum gehört geteilt und er darf vor allem sensibler werden (ich wär schon froh, wenn ich nicht an Bordellwerbung vorbeilaufen müsste). Wenn jetzt an die Uni mal ein anderer Text kommt, find ich das beinahe gar nicht nennenswert, sondern könnte inzwischen selbstverständlich sein...wenn es nicht die von Alexander oben treffend beschriebene Menschenmenge gäbe.

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  • Ich fürchte, liebe Stefanie, dass Du den gleichen Fehler machst wie die KollegInnen vom AStA, die da ein Gedicht gelesen haben, als wäre es ein ganz normaler Text, die nichts davon kapiert haben und einzig den Zusammenhang zwischen "Frau" und "Bewunderer" ausmachen bzw. herstellen können, einer Konstellation, die, wie wir alle wissen, ja mindestens eine sehr hohe Vorstufe zur krassestvorstellbaren Vergewaltigung ist. Das Problem ist nur, dass es darum sowas von überhaupt nicht in diesem Gedicht geht, dass man jedem, der diesen Zusammenhang attestiert, unbedingt und unmittelbar einen Gang zu einem hilfreichen Psychologen und anschließend einer Poetikprofessorin empfehlen muss.
    Oder, anders. Du sprichst richtig davon, dass der öffentliche Raum mehr Neutralität vermitteln sollte, da stimme ich unbedingt zu, und finde, dass allerlei getilgt gehört, beginnend bei Kirchtürmen (verdammte Phallussymbole) und längst nicht endend bei sexistischer Werbung, die zwar wahrscheinlich kein Auslöser für Belästigung ist, aber so manch ein Elternteil in Erklärungsnot bringt. Oder nicht getilgt, sondern immerhin besser aufgeteilt. Verteilt. Gerechter gestaltet. Und all das. Das ist richtig. Ich stimme zu. Die Dominanzen müssen beendet werden.


    Nur: Es ist hier, in diesem konkreten Fall, völlig und absolut fehl am Platz, irgendwas in dieser Richtung zu fordern. Der Sexismus, der hier vermutet wird, befindet sich allein in den Köpfen der Testierenden. Sie unterstellen den Zusammenhang, der vermutlich eigenen Denkreflexen entspringt, aber vorhandener ist er dadurch nicht. Sie und wir alle erliegen damit einem Effekt, der derzeit die Diskussionskultur beherrscht: Die Meinung zählt mehr als die Fakten.


    (Nicht zu fassen, dass ich Lürik verteidige. Ich! 8-) )

  • … Der Sexismus, der hier vermutet wird, befindet sich allein in den Köpfen der Testierenden. Sie unterstellen den Zusammenhang, der vermutlich eigenen Denkreflexen entspringt, aber vorhandener ist er dadurch nicht. Sie und wir alle erliegen damit einem Effekt, der derzeit die Diskussionskultur beherrscht: Die Meinung zählt mehr als die Fakten.


    So ist es. In dem man ein krasses Gegenteil von etwas fordert oder sogar umzustezen versucht, verändert man die Verhältnisse nicht wirklich. Antifaschisten sind auch Faschisten. Mein Spiegelbild zeigt auch nur mich, wenn auch seitenverkehrt.


    Zitat


    (Nicht zu fassen, dass ich Lürik verteidige. Ich! 8-) )


    Du bist eben ein verkappter Lyriker. 8-)


    Das ging mir auch schon mal beim Lesen einer deiner Bücher spontan durch den Kopf. Ich weiß allerdings nicht mehr, bei welchem.

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    SZ Nr. 144, 26./27.6.2021, S. 56

  • Der Sexismus, der hier vermutet wird, befindet sich allein in den Köpfen der Testierenden. Sie unterstellen den Zusammenhang, der vermutlich eigenen Denkreflexen entspringt, aber vorhandener ist er dadurch nicht.

    Das ist, pardon, eine bestechende Formulierung zur Demaskierung nicht nur der Urheber dieses grotesken Vorgangs, sondern der meisten jener häufig so qualvollen Sexismusdebatten, die uns mittlerweile seuchenartig heimsuchen.

  • Wenn unsere Kinder nicht auf dumme Gedanken kommen sollen, wie etwa die, dass Männer und Frauen miteinander ... (naja, Du weißt schon)

    ... Blumen und Gras brechen. Also, ich finde ja, das kann man heute schon noch aussprechen. (Auch wenn's irgendwie zweideutig ist ... naja ...) :evil (nachträglich drangepappt nach Ironieverordnung 42, Abs. d, Unterpunkt b)