Juli Zeh: Leere Herzen

  • Dreiundachtzig Prozent



    Kurz nach der Bundestagswahl im September 2017 machte eine Zahl die Runde durch die sozialen Netzwerke, Chats und Foren: Von den fast schon magischen 83 Prozent war überall die Rede, denen man als guter, ethisch und moralisch denkender, demokratischer Mensch angehören würde, weil man schließlich nicht "die da" gewählt hatte, die Dreckspatzen, die Lauten, die Nationalistischen, die Unerträglichen, die immerhin und erschütternderweise 17 Prozent abbekommen hatten. So lange man einer solch deutlichen Mehrheit angehörte, war immer noch alles im Lot, wollte man sich dadurch sagen, und nicht wahrhaben, dass man sich in die Tasche log. Denn die Zahl bedeutete nichts weiter, als dass sich bislang 83 Prozent der Leute noch nicht getraut hatten, ihren blanken Egoismus, ihren Sozialneid, ihren Frust, ihre Faulheit, ihre Gier, ihre Sehnsucht nach einfachen Antworten auf komplexe Fragen und nicht zuletzt ihren latenten Rassismus in eine Wahlentscheidung einfließen zu lassen. Ganz davon abgesehen, dass zu den Parteien, die die 83 "guten" Prozent eingesammelt hatten, auch nicht nur strahlende Helden der täglichen Nächstenliebe gehörten.


    In Juli Zehs neuestem und sehr schnell nach "Unterleuten" erschienenen Roman sind auch diese 83 Prozent überwiegend umgekippt und haben die "BBB" an die Macht gewählt, die "Bewegung besorgter Bürger". Mithin regieren diese Leute, die Ära Merkel liegt mehr als zehn Jahre zurück, und das Land wird ganz gemächlich, aber akribisch durchnationalisiert. Überall veranstalten "Sport-ist-öffentlich"-Gruppen gemeinsam Leibesübungen, Zeitungen sind eingestellt oder nach rechts gerückt, die Ladenpassagen stehen leer oder haben ausschließlich deutsche Mieter, "Effizienzpakete" werden umgesetzt und die EU wird demontiert, von der nach dem "Frexit" und weiteren Abspaltungen sowieso kaum noch etwas übrig ist.


    Waren sie in den ersten Jahren noch fassungslos, sind jene, die vor diesem Erdbeben der intellektuellen Elite angehörten, inzwischen verstummt, haben sich mit der Situation abgefunden, wie eine Entpolitisierung im gesamten Land wahrzunehmen ist. Zu jenen, die sich früher interessiert haben, jetzt aber nur noch ihren persönlichen Profit aus der Situation zu schlagen versuchen, gehört die smarte, kluge und extrem ordnungsliebende Britta, die mit ihrem Geschäftspartner Babak ein Unternehmen namens "Brücke" betreibt. Die Brücke ist vorgeblich eine psychotherapeutische Praxis, die suizidgefährdete Menschen vom Selbstmordwunsch befreit, hinter den Kulissen aber mehr als das tut: Wer das haarsträubende 12-Stufen-Programm durchläuft und "oben" ankommt, ohne den Selbsttötungswunsch abgelegt zu haben, wird als Attentäter an NGOs vermittelt, etwa "Green Power" oder ähnliche. Britta und Babak haben das Geschäft mit dem selbstmörderischen Anschlag durchorganisiert, mit unternehmerischer Verlässlichkeit versehen und als gesellschaftliches Phänomen etabliert. Die Geschäftsidee ist mehr als erfolgreich. Britta kann Freunden Geld leihen, um ein Häuschen im Grünen zu kaufen, und lebt selbst mit Ehemann Richard und Töchterchen Vera relativ glücklich im blitzsauberen Betonhaus am Rand von Braunschweig. Wären da nicht ständig diese Bauchschmerzen.
    Und gäbe es da nicht diesen Anschlag auf das Frachtterminal des Leipziger Flughafens. Einen Anschlag, der nicht über die "Brücke" organisiert wurde, sondern von zwei Attentätern auszuführen versucht wurde, die seltsame Tätowierungen am Hals trugen: Empty Hearts - leere Herzen.


    Man merkt "Leere Herzen" deutlich an, wie sehr sich Juli Zeh mit diesem Buch ihre persönliche Wut (das ist eigentlich das falsche Wort, kommt der Absicht aber am nächsten) von der Seele geschrieben, wie sehr sie sich hier mit einem Thema befasst hat, das sie energisch umtreibt und in einer Weise sorgt, die mit diffusen Ängsten vor "Überfremdung" oder ähnlich fiktiven Problemen nichts gemein hat. Der Roman hat enorme Kraft, sehr hohe Geschwindigkeit, ist getrieben und atemlos, dabei stringent, logisch, präzise geplant, ungeheuer klug, sehr spannend und großartig besetzt. Im Gegensatz zum vorletzten Roman "Nullzeit", der als ein solcher verkauft wurde, ist "Leere Herzen" fast ein Thriller, dazu eine bösartige, aber keineswegs böswillige Vision, eine Warnung, von der man nur hoffen kann, dass sie gehört wird, aber dieser Wunsch ist unrealistisch, denn die Richtigen lesen solche Bücher nie. Kluge Manifeste teilen zumeist das Schicksal, nur von Leuten zur Kenntnis genommen zu werden, die ohnehin schon die Meinung der Autoren teilen.


    "Leere Herzen" ist ein atemberaubendes Buch, meiner Meinung nach in gewisser Weise Juli Zehs bester Roman - von dem man also nur hoffen kann, dass er häufig in die falschen Hände gerät, damit am Ende nicht nur acht Komma drei Prozent übrigbleiben. Denn dort, liebe Mitmenschen, wird die Reise hingehen, wenn wir nicht aufpassen.


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  • Passiert.


    Und das Buch bestellt. Allerdings nicht bei Amazon.

    Exakt dto. Mach mir damit selbst ein Weihnachtsgeschenk. Normalerweise warte ich ja immer auf die Taschenbuchausgabe, aber das muss jetzt sein.

  • Das Buch liegt zwar schon seit VÖ auf einem meiner SUBs, aber jetzt, nach gewissenhafter Lektüre Deiner Rezension - und nach Betätigung des Hilfreich-Knopfes beim Bezos'schen Gemischtwarenladen - bewegt es mich doch (und ich hatte - um ehrlich zu sein - schon die letzten Tage damit geliebäugelt), es umgehend in den VIP-Stapel zu befördern, dem - aus langjährig gelebten Prinzip - nie mehr als drei Bücher angehören dürfen. Das Reich Gottes (das von Carrère wohlgemerkt) muss also noch ein paar Tage auf mich warten! :blume

  • Done.
    "Juli Zehs bester Roman" - da liegt die Messlatte verdammt hoch nach "Spieltrieb" und "Adler und Engel"! Den muss ich lesen. Wünsche ich mir zum Geburtstag, gemeinsam mit HDs "Apokalypse".


    Was meinst Du mit "in gewisser Weise" ihr Bester, Tom?

    Es gibt drei Regeln, wie man einen Roman schreibt. Unglücklicherweise weiß niemand, wie sie lauten. (William Somerset Maugham)

  • Hallo, Alexander.


    Weil's nicht unbedingt ihr literarischster Roman ist. Andere Zeh-Bücher sind in gewisser Weise besser, etwa "Adler und Engel", stimmt. "Spieltrieb" allerdings fand ich fast unerträglich, ein erstickendes Metapherngewitter, und "Nullzeit" war fad.

  • Nachdem mich Juli Zehs „Unterleuten“ nicht so überzeugen konnte, dachte ich mir, ich gebe ihr mit dem von der Inhaltsangabe her interessant klingenden neuen Roman „Leere Herzen“ eine zweite Chance. Und siehe da, der Anfang glich tatsächlich genau dem gesuchten Gesellschaftsroman, den ich bei „Unterleuten“ erwartete hatte. Die desillusioniernte Geschichte spielt in einer nahen Zukunft und greift einige tagespolitische Themen auf. Auch sonst ist es politisch interessant: Trump und Putin haben sich verbrüdert und den Syrienkrieg beendet. Unsere Innenministerin heißt Sahra Wagenknecht und es gibt Pläne zur Auflösung der UNO. Unter genau diesem Setting hatten die Protagonisten Britta Söldner und ihr Geschäftspartner Babak Hamwi die wirklich originelle Idee, ein Selbstmord-Therapie-Unternehmen namens „Brücke“ zu gründen. Um entweder die Suizidgefährdeten zu kurieren oder – Achtung, jetzt kommt’s! – sie an radikale Organisationen zu vermitteln ("Körperkapitalismus"), die diese dann für ihre Anschlagpläne einsetzen können.
    Laut Klappentext handelt es sich bei „Leere Herzen“ um „einen provokanten, packenden und brandaktuellen Politthriller. Es ist ein Lehrstück über die Grundlagen und die Gefährdungen der Demokratie. Und es ist zugleich ein verstörender Psychothriller über eine Generation, die im Herzen leer und ohne Glauben und Überzeugungen ist.“
    Im Ansatz stimmt das sogar, allerdings ist „Thriller“ meiner Meinung nach hier ein viel zu starkes Wort. Thrill bedeutet ja Nervenkitzel. Genau den vermisse ich hier allerdings. Sobald man sich an das interessante Setting gewöhnt hat, verzettelt sich die Geschichte in Nebensächlichkeiten und kalte Charaktere, die einen nicht mitreißen. Es gibt auch kaum Cliffhanger oder Tempo, was die Spannung erzeugen und die Geschichte vorantreiben könnte. Von daher: Als Gesellschaftsroman ist die Story interessant, als Thriller kann sie nicht überzeugen. Vielleicht ist letzteres aber auch einfach nicht Juli Zehs Metier.

  • Ich tue mich schwer mit dem Roman. Ich weiß nicht genau, woran das liegt. Vielleicht, weil ich das Setting zu schräg finde (die "Agentur" an sich und die Selbstmörder, die sich die Mühe machen, sich für eine Sache zu opfern), jedenfalls stelle ich fest, dass mir das, was ich *über* den Roman und die Autorin - ihre Beweggründe für diesen Roman - lesen kann, mehr gefällt als der Roman an sich :achsel

  • Mich hat das Buch von Anfang an gepackt. Nach langer Zeit endlich mal wieder etwas, in das ich komplett eingetaucht bin. Von mir aus hätte der erste Teil- also die Gesellschaftszeichnung- gerne noch ausführlicher sein können.


    Bei unter Leuten fand ich die "Pferdefrau" schon eine der tragenden und interessantesten Figuren und ich habe mich gefreut, das eine ähnlich skizzierte Figur nun die Protagonstin der Handlung wurde.

  • Juli Zeh
    Leere Herzen


    Die »Brücke« ist eine Psychotherapeutische Praxis, die nicht darauf angelegt ist, dass Menschen sich diese aussuchen um Hilfe zu bekommen. Die Praxis sucht sich die Kandidaten selber aus, mittels eines Computerprogramms. Stark suizidgefährdete Menschen sind ihre Klientel. Mittels einen 12 stufigen Programms versucht man, sie zu heilen, was bei vielen gelingt. Diejenigen, die sich nicht heilen lassen, werden als Selbstmordattentäter an verschiedene Organisationen vermittelt. Das ist insgesamt eine rentable Angelegenheit, mit der sich die beiden »Inhaber« - Britta und Babak - gut eingerichtet haben. Dann geschieht ein dilettantischer Anschlag auf den Leipziger Flughafen und nichts ist mehr wie es vorher war.


    Diese makabre Geschichte spielt vor dem Hintergrund einer Bundesrepublik, in der die Regierung Merkel abgewählt und von der BBB (=Besorgte Bürgerbewegung) abgelöst ist. Es schillert zwar nur indirekt immer wieder zwischen der Handlung durch, doch gegen Ende des Romans bekommt dieser Hintergrund plötzlich eine Bedeutung.


    Meine erste Empfindung nach dem Lesen war das Gefühl, das die Geschichte unbefriedigend ausgegangen sei. Natürlich habe ich gewusst, dass sowohl die geplante Aktion nicht so hätte funktionieren können, wie sich die Akteure das vorstellen, noch war ich mit dem Ergebnis mit der tatsächlichen Aktion zufrieden. Man weiß ja immer alles besser. Mit etwas Distanz wurde mir dann klar, dass es der Autorin nicht um diese Aktion ging. Das ganze Buch ist eine Anklage gegen die Teilnahmslosigkeit vieler Menschen in unserer Gesellschaft. Wir sehen ja, wie es in den Nachbarstaaten in Europa läuft (Österreich, Ungarn, Polen, vielleicht bald auch in Italien). Man kann ja leicht über alles meckern, über die Regierung, über die Opposition, über die AFD und was weiß ich. Wenn man aber nicht mehr zur Wahl geht – oder sogar »protestwählt« – und die Dinge laufen lässt, muss man sich nicht wundern, wenn es schließlich so läuft, wie man es ganz bestimmt nicht will.


    Dieses Buch wird keinen von der AFD und keinen Pegida-Anhänger bekehren, selbst wenn sie es versehentlich lesen. Nichts darin bietet einen Ansatzpunkt, dass diese Menschen ihre Sichtweise ändern. Aber es könnte andere, die teilnahmslos geworden sind, aufrütteln, vielleicht doch besser wieder zu wählen, möglicherweise sogar sich irgendwo, wo es Not tut zu engagieren.


    Das Buch ist routiniert geschrieben, es ist kein literarisches Experiment. Es funktioniert nicht wie ein Thriller. Ich denke, dass die Autorin ihn nicht als solchen gedacht hat. Unter dem Titel steht auch nur »Roman«. Lediglich im Klappentext taucht der Begriff »brandaktueller Politthriller« auf, aber wir wissen ja, wie gerne die Marketingleute Bücher mit solchen plakativen Begriffen schmücken. Ich bewundere die Autorin ein wenig dafür, dass sie es schafft, solch ein Buch mit fast ausschließlich negativem Personal zu schreiben. Die Hauptprotagonistin Britta ist eine Frau, mit der ich nichts zu tun haben möchte, für die ich keine Sympathie empfinde und bei der ich auf den Magengeschwürdurchbruch sehnlichst gewartet habe (kommt leider nicht!). Einzig Babak konnte ich einige Sympathie entgegen bringen, aber der steht schon ein wenig im Schatten von Britta (und später Juliette).


    Gestört hat mich bei diesem Buch eigentlich nur, dass darin soviel »ausgedruckt« wurde. Wer macht so etwas heute noch? Oder sogar morgen - denn das Buch ist ja eine Nahzeitutopie. Erklärt wurde auch nicht, wozu das viele Papier nötig ist, denn die Ergebnisse hätte man sich ja auch als PDF ausgeben und sogar auf dem Tablet oder Smartphone (die im Buch Cryptofon heißen) anschauen lassen.

  • dass darin soviel »ausgedruckt« wurde


    Vielleicht, weil die Autorin selbst eine Ausdruckfetischistin ist. In einem Interview mit ihr, es ging dabei um Unterleuten, deutet sie an, dass sie für die Altpapierabfuhr eine Container besitzt. Tonne reicht nicht. Oder so ;)