Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe

  • Baba Dunja steht mit dem Vorsatz auf, dem Hahn von nebenan den Hals umzudrehen, weil der ihr den Schlaf raubt. Das muss sie dann nicht tun, aber Hühnersuppe gibt’s an dem Tag dennoch. Die teilt sie mit der – eigentlich untröstlichen – Nachbarin Marja und mit Petrov, der vor einiger Zeit schon zum Sterben gekommen ist und der – eigentlich – nicht nur auf Zucker, sondern auch auf Salz und Fett und sonstige ungesunde Nahrungsmittel verzichtet. Dunja, die ehemalige Melkerin Marja und Petrov, drei alte Herrschaften, leben mit einer Handvoll anderer Alter in einem verschlafenen Straßendorf mit dreißig Häusern, von denen nur gut die Hälfte bewohnt ist. Der Rest steht leer, von ihren ehemaligen Bewohnern verlassen mit allem, was darinnen war, mit Möbeln, Büchern, Fotos, Kleidung – kurz, mit sämtlichem Hab und Gut. Mitnehmen konnte damals niemand etwas davon. Aber zurückgekommen sind manche. Dunja, die einmal Hilfskrankenschwester war und deren Tochter Ärztin bei der Bundeswehr im fernen Deutschland ist, war die Erste. Die anderen folgten ihr nach. So leben sie in Tschernowo, im Dunstkreis des Reaktors nach dem GAU.


    Dunjas Tschernowo ist zudem von Geistern der Vergangenheit bevölkert, die sich unter die Lebenden mischen, wie ihrem Mann Igor, der lange tot ist, so lange, dass es Dunja peinlich berührt, wenn er sie ansieht, ist sie doch schließlich unterdessen alt geworden, er aber nicht. Es könnte fast ein beschauliches Leben sein in Tschernowo. Es gibt Strom, aber kein fließendes Wasser. Ab und an kommt einer auf seltsame Ideen, wie die, dass Tschernowo ans Mobilfunknetz angeschlossen werden sollte. Aber die Handy-Strahlung …! Darüber hinaus lebt jeder mehr oder weniger für sich, pflegt seinen Garten, in dem Gemüse und Obst üppig gedeihen, sitzt auf der Bank vorm Haus oder schaukelt in der Hängematte und liest Gedichte. Wenn es unbedingt sein muss, z. B. um seine Post abzuholen, begibt man sich ein paar Kilometer außerhalb zur Haltestelle bei der ehemaligen Pralinenfabrik und fährt mit dem Bus in die Stadt Malyschi, wo die Menschen sich – außerhalb der Todeszone – in einem trügerischen Gefühl der Sicherheit wiegen.


    Eines Tages erhält Dunja einen Brief von ihrer Enkelin Irina, den sie nicht lesen kann, und ein Mann mit einem kleinen Mädchen kommt nach Tschernowo. Und dann haben die Bewohner plötzlich ein gemeinsames Problem – eines, auf dem sich bald die Fliegen niederlassen …


    „Babas Dunja letzte Liebe“ ist ein Beleg dafür, dass Endzeitromane nicht in einer fernen Zukunft spielen müssen – in Tschernowo ist „das Ende“ schon da. Alina Bronsky hat mit Baba Dunja eine wunderbare Ich-Erzählerin geschaffen, unerschrocken im verstrahlten Niemandsland, aber ohne die Augen zu verschließen, lakonisch, knochentrocken. Ausdrücklich keine komische Alte! Auch die anderen Bewohner sind psychologisch fein erdacht und erzählt. Herrlich auch das einzige Paar des Ortes. Da sitzt jeder Satz, jedes Wort. Es ist ein reines Vergnügen, diesen Roman zu lesen (ausdrücklich auch: zu hören) – man lacht, trotzdem das Lachen einem manchmal im Halse stecken bleiben müsste.


    „Baba Dunja“ stand 2015 auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Für mich war es einer der Romane, die neugierig aufs Gesamtwerk des Autors machen. Von daher wird es nicht mein einziges Buch dieser Autorin bleiben.


    Alina Bronsky wurde 1978 in der Sowjetunion geboren. Mit ihrer Familie siedelte sie in den 1990-er Jahren als Kontingentflüchtling nach Deutschland über.


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    Das gut viereinhalb Stunden dauernde Hörbuch wird meisterhaft (und preisgekrönt) gelesen von Sophie Rois.


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  • neugierig aufs Gesamtwerk des Autors machen. Von daher wird es nicht mein einziges Buch dieser Autorin bleiben.


    Was sich absolut lohnt! Ich verehre Alina Bronsky!

  • Absolut!


    Zitat

    aber ohne die Augen zu verschließen, lakonisch, knochentrocken. Ausdrücklich keine komische Alte! Auch die anderen Bewohner sind psychologisch fein erdacht und erzählt. Herrlich auch das einzige Paar des Ortes. Da sitzt jeder Satz, jedes Wort. Es ist ein reines Vergnügen, diesen Roman zu lesen (ausdrücklich auch: zu hören) – man lacht, trotzdem das Lachen einem manchmal im Halse stecken bleiben müsste.


    Damit hast du für mich den Kern getroffen.