"Realität"

  • Guten Morgen,


    ich habe diese Woche zwei Filme im Fernsehen gesehen die bei mir einige Fragen aufgeworfen haben. Nun geht es in diesem Forum nicht um Filme, sondern ums Schreiben, aber ich denke, die grundsätzlichen Mechanismen könnten ähnliche sein, beim Filmemachen und beim Schreiben.


    „Halt auf freier Strecke“ ist ein Spielfilm (in Cannes gelaufen) um einen Mann, dem mit seiner Frau in einer der ersten Szenen eröffnet wird, dass er an einem unheilbaren Hirntumor leidet und nur noch wenige Monate zu leben hat. Diese Szene wirkt (!) so echt, von der Bildführung (der Arzt wird erst später gezeigt, während der Eröffnung sind ist nur das Ehepaar zu sehen) her, es gibt eine Störung durch einen Telefonanruf, Schock, Hilflosigkeit bei dem Mann und der Frau … Auch der weitere Film spart nicht mit Realismus, nichts wird verbrämt, bemäntelt, ausgespart. Die Krankheit schreitet fort, die Frau pflegt zuerst alleine, dann wird ein Pflegedienst hinzugezogen, schließlich stirbt der Mann auch zu Hause. Der ganze Film wirkt auf mich völlig realistisch – ist aber ein Spielfilm, ein fiktionales Werk, basiert auf einem Drehbuch, die Personen sind Schauspieler.


    „Partygirl“ wiederum ist ein Film mit drei Regisseuren, einem davon dem Sohn der Hauptfigur Angélique. Angélique ist um die 60 und Animierdame im deutsch-französischen Grenzgebiet. Michel, ein ehemaliger Stammkunde macht ihr einen Antrag, sie nimmt an, heiratet ihn schließlich. Dieser Film – der als bestes Erstlingswerk in Cannes ausgezeichnet worden ist – erschien mir, obwohl er auf realen Personen, realen Ereignissen fußt, wie orchestriert, die Szenen – A. unterhält sich mit ihren ehemaligen Kolleginnen, spricht ihre Vorbehalte an, mit ihrem Zukünftigen intim zu werden, am Abend vor der Hochzeit eröffnet sie ihrem Sohn, sie wolle lieber bei ihm in Paris leben und dort ein neues Leben anfangen, in der Hochzeitsnacht sagt sie ihrem Mann, sie liebe ihn nicht, Streit, Beschimpfungen, Tränen, sie zieht sich an, Schlussszene: A. zurück im Nachtleben. Ich fand den Film nicht schlecht, glaubhaft finde ich die Ereignisse auch, aber er „wirkt“ (auf mich) nicht so, weil die Adaption der – angeblich ja tatsächlichen Ereignisse – in Teilen drehbuchartig und „gespielt“ herüberkommt. – Was weniger verwundert, wenn man liest, dass der Film „inspiriert ist vom Leben der Angélique Litzenburger“. „Inspiriert“, das kann nun alles Mögliche heißen …


    Möglich auch, dass andere es genau andersherum empfinden … Sehenswert fand ich beide Filme.


    Beide Filme sind derzeit noch on-line zu sehen:
    Halt auf freier Strecke: http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=69616
    Party Girl: https://www.arte.tv/de/videos/073859-000-A/party-girl/


    Ich frage mich: Mit welchen Stilmitteln erzeugt man den Eindruck von Realität? Im Gegenteil, wie geht der Eindruck von Realität verloren? Warum will man überhaupt den Eindruck vermitteln? Man könnte ja auch sagen: gut erfunden ist besser als langweilig aber „echt“? Mit welchen Mischformen hat man es heute zu tun? Wo geht Ihr mit, wo nicht mehr? Wäre es in Ordnung, einer realen Person ein bisschen eine Story „auf den Leib zu schreiben“ und so zu tun als ob alles völlig authentisch ist? Oder fühlt sich das Publikum dann veralbert? Zurecht oder nicht?


    Gruß,
    Petra

  • Das ist ja was zum Nachdenken.
    Realität - ich schreibe gerade an den "Fluchtlinien". Ich dachte erst, es wäre einfach die Familiengeschichte aufzuschreiben, all die Wege quer durch Europa, aber die Geschichte, das Erzählen wird mit noch so viel echter Realität eben nicht gut oder besser.

  • Ich frage mich gerade, was den Begriff "Realität" überhaupt ausmacht. Das wäre eine sehr philosophische Frage.
    Wo liegen da die Grenzen?
    "Glaubhaftigkeit" gibt es. Aber die Glaubwürdigkeit einer Geschichte wird bestimmt durch die Grenzen, die sie sich selbst auferlegt.
    Im Kontext einer surrealen Geschichte ist alles irgendwie realistisch.
    Hm ...

  • Ich habe gerade auf den ARD-Hörspieltagen die Umsetzung des Romans "Der goldene Handschuh" von Heinz Strunk gehört. Ein dokumentarischer Fall um den Hamburger Frauenmörder Honka (1970er Jahre), literarisch aufbereitet, aber sehr nah an der Realität. Von der Jury hochgelobt, wie ich dann aber mitbekam bei Diskussionen danach, bei vielen Hörern nicht akzeptiert. Warum soll ich mich mit so einem beschäftigen? War die häufige Frage. Der Hinweis auf einen Hannibal Lecter wurde nicht akzeptiert. Das ist ja eine dramaturgisch gut aufgebaute Geschichte, war eines der Argumente. Klar, die Realität braucht keine Dramaturgie es sei denn die, das, wenn es noch schlimmer geht, es auch tatsächlich schlimmer kommt.


    Wer "Der goldene Handschuh" hören möchte, ab 22 Uhr (aus Jugendschutzgründen) steht es auf der Homepage der Hörspieltage bereit.

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Sagen und Legenden aus Baden

    ASIN/ISBN: 3955403823


    Wir haben sogar Bücher zuzm Totlachen aufzuweisen, von denen ich wünschte, dass die Verfasser die erste Probe an sich gemacht hätten!.
    Carl Julius Weber

    aus: Demokritos


  • Das sind viele gute Fragen.
    Ich glaube, es entsteht der Anschein von Realität, wenn man sich als Autorin gut in die Figuren hineinversetzt, wenn sie wirklich in einem leben. Dann werden sie authentisch sein / scheinen. Vielleicht gilt das auch für die ganze Szenerie, die Umgebung, die Stimmung, eine Situation muss sich im Kopf entwickeln und lebendig werden. Und dann ist jedes Stilmittel recht, das sich zum Beschreiben, zum Erzählen eignet für speziell diese eine Geschichte. Umgekehrt, wenn die Absicht der Autorin hindurchschimmert, ihr Vorhaben, sie will jetzt das und jenes deutlich machen und unterbringen und vermitteln, dann wird es oft unglaubwürdig und kommt nicht mehr als "Realität" rüber. Titus Müller hat gesagt, es kann auch real sein, dass Schweine fliegen. Wenn es gut erzählt ist.
    Persönlich würde ich mir schwer tun, eine wirklich reale Begebenheit romanhaft zu erzählen. Ich würde sehr unfrei werden beim Schreiben, mich nicht trauen, Butter bei die Fische zu geben. Aber vielleicht lerne ich das ja noch.
    Gehe ich von einer realen Geschichte mit realen Figuren aus, so als Auslöser fürs Schreiben, dann verändere ich das immer bis zur Unkenntlichkeit. Erstens um frei zu sein und locker zu bleiben, zweitens um es zu meiner Geschichte zu machen, mir den Stoff anzueignen, und drittens auch um keine Persönlichkeitsrechte zu verletzen.

  • Mit welchen Stilmitteln erzeugt man den Eindruck von Realität?

    Liebe Petra, falls es Dir nicht nur um die Literarisierung oder Verfilmung realer Personen geht (das habe ich an Deiner Frage noch nicht ganz verstanden), würde ich sagen, dass man diesen Eindruck - vielleicht manchmal paradoxerweise - mit allen Stilmitteln von glasklar real über surreal bis hin zu völlig unrealistisch erzeugen kann. Wesentlicher ist doch, den Leser/Zuschauer spüren zu lassen, dass das Erzählte oder Gezeigte wahr im Sinne von schlüssig ist. Und da wäre doch ein sprechender Regenwurm in einer Seifenblase ebenso recht wie eine spröde Wirklichkeitsdarstellung à la Ingmar Bergmann.

    Man könnte ja auch sagen: gut erfunden ist besser als langweilig aber „echt“?


    Dazu fällt mir der Ausdruck "bigger than life" ein. Die meisten Geschichten werden wohl ihre Keimzelle in etwas real Erlebtem haben; um es für andere spannend zu machen, sollte man es aber schon dramatisch aufbereiten, und das wird meistens beinhalten, dass man was dazu erfindet, ja. Ich meine hier aber nur Fiktion. Zur Darstellung real geschehener Ereignisse und Personen kann ich nicht viel sagen (so etwas zu schreiben würde ich mir auch nicht zutrauen) aber da existieren ja auch alle Abstufungen, von der rein sachlichen Lebensbeschreibung (kann durchaus spannend geschrieben sein) bis zu" biographischen" Romanen wie zum Beispiel Kehlmanns "Vermessung der Welt" über Alexander v.Humboldt. Und auch hier: Kehlmann erhebt keinen Anspruch auf realistische Darstellung, aber er zeigt doch eine mögliche "Wahrheit" dieses Menschen Humboldt, und darum haut es so gut hin, schätze ich.

  • Fiktion ist komprimierte und optimierte Realität. Ich zucke zusammen, wenn ich im Vorspann eines Films oder im Klappentext eines Romans "nach einer wahren Geschichte" lese, weil das oft/meistens eine Garantie für gesteigerte Langeweile ist. Wer gute, unterhaltsame, packende Romane schreibt, komponiert realistische oder der Realität entnommene Ereignisse so, dass sie einander sozusagen befruchten, dass sie aber auch miteinander verkettet und verknüpft sind, was im wahren Leben selten auf diese Weise der Fall ist.


    Aber hier geht es darum, wie realistisch man erzählen kann - oder welche Wirkung (großer) Realismus in einer Erzählung hat. Letzteres ist ein künstlerisches Stilmittel, ersteres eine schwierige Sache. Realistisch sind unspektakuläre Alltage, belanglose Verrichtungen, viele Stunden ohne jedes Geschehen. Realistisch sind Menschen, die sich ein wenig vernachlässigen, die gebrauchte Kleidung tragen und ein bisschen müffeln, die komisch reden und sich oft überhaupt nicht verstehen. Gestern, beim "Tatort" (bei dem übrigens unser GTaag den Ton gemacht hat), ist mir wieder einmal aufgefallen, dass alle Schauspieler zu jeder Zeit nagelneue Kleidung getragen haben. Dass sie geschminkt aufwachen, ist ja schon Normalität. Das ist jedenfalls beides nicht realistisch.

  • … ist mir wieder einmal aufgefallen, dass alle Schauspieler zu jeder Zeit nagelneue Kleidung getragen haben. Dass sie geschminkt aufwachen, ist ja schon Normalität. Das ist jedenfalls beides nicht realistisch.


    So schön schmuddelig wie damals bei Schimanski geht es nicht sehr oft in Fernsehsendungen zu.

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  • Spannende Frage!
    Der Realismus, mit dem Dresen so gekonnt spielen kann, ist ja bereits das Stilmittel...und eben nicht das beabsichtigte Ergebnis. Es gibt da eine Geschichte (wurscht ob fiktiv oder erlebt), die realistisch erzählt werden soll. "Halt auf freier Strecke" packt uns durch die realistisch anmutende Situation, in der wir einer Familie nahe kommen dürfen, dessen Vater sterben muss. Und wir sehen nicht nur zu, sondern stecken mitten drin. Können mit jeder der Figuren mitfühlen. Erreicht wird dieser Sog über gekonnte Schnitte, nahe Kamera und immer wieder kleine Abkürzungen.
    Wir werden quasi von Szene zu Szene geworfen...wie im richtigen Leben. Wir sind nicht - wie z.B. beim Dokumentarfilm - außen vor und mit Abstand, sondern sehen uns dauernd neuen Gegebenheiten "ausgesetzt". Von außen draufgehalten, in der Totalen, wäre eine Dokumentation über den Sterbenden entstanden, die uns Objektiv betrachten lässt.
    Den Fuilm "Partygirl" hab ich nicht gesehen, werde ich mir aber ansehen (bin neugierig geworden). Im Trailer sind da jedenfalls viele "Totale" zu sehen...vielleicht war das der Unterschied für dich, Petra? Hast du diesen Film objektiv betrachten müssen/können/wollen?
    Das ist immer eine der Hauptfragen, die ich mir nach einem Film stelle: Warum sollte/konnte/wollte ich den Film aus dieser Perspektive erleben?


    Auf die Literatur bezogen würde ich sagen: das ist das klassische, immer wieder gern herunter genudelte "Show don't tell", was wir als Autoren in der nun filmgeprägten Literatur so oft herunter gebetet bekommen (und ich längst nicht mehr hören kann).
    Ich stehe auf Erzählungen, hänge beim Lesen gern mal in der Luft und lasse mich langsam führen...
    Mit Geschichten im Stil dieses filmischen Realismus' kann ich oft nicht so viel anfangen.


    Hier ein interessanter Link zur Vertiefung:
    http://filmschreiben.de/realismus-im-film/

    [buch]3866855109[/buch]


    "Sinn mag die äußerste menschliche Verführung sein." - Siri Hustvedt

  • Ein paar „unsortierte“ Gedanken zum Thema:


    - Bei mir stellt sich der Wunsch nach „Realität“ ein, wenn es um ein Thema geht, das mich selbst betrifft. Dann unterstelle ich jemandem, der in einer vergleichbaren Lage war, besseren Einblick als jemandem, der sich – wenn auch vielleicht umfassend – nur darüber informiert hat. Bei Themen, die weit außerhalb meines Erfahrungsbereiches liegen, gibt es diesen Wunsch weniger – zwar möchte wohl niemand „belogen“ werden, kann aber oft auch gar nicht beurteilen, ob etwas realistisch ist oder nicht.


    - „Realität“ auf Film oder Papier bannen zu wollen, scheitert – je nach Anspruch – schon daran, dass der „Akt des Festhaltenwollens“ Einfluss auf das Geschehen hat. Man agiert in Anwesenheit einer Kamera nicht so, wie ohne.


    - Bei einem handlungsorientierten Roman-/Filmstoff wird Wert darauf gelegt, dass jeder Handlungsblock die Geschichte vorantreibt – während sich in der Realität Ablenkungen und Sackgassen auftun. Die zu erfassen, würde also einerseits einen „realen“ Eindruck verschaffen, wäre aber ausgesprochen ermüdend für den Leser/Zuschauer. (Nachtrag: Wie Tom hier auch schon ausführte.)


    - Eine Weile gab es diese Filme, die den Eindruck von Realität schaffen wollten, indem sie möglichst unprofessionell gemacht waren – Handkamera, verwackelte, schlecht ausgeleuchtete, abgeschnittene Bilder, Darsteller, die, bewusst oder unbewusst, „nicht schauspielerten“ (was natürlich ein Widerspruch in sich sein kann). Jugendliche nachts im Wald (Blair Witch Project), Junger Mann will bei Party filmen, als Außerirdische die Stadt in Schutt und Asche legen, TV-Team filmt in Mietskaserne, als da eine Art Zombie-Virus ausbricht. Alles nicht neu – das kannte schon Orson Welles, der 1938 für ein Radiohörspiel auf ähnliche Elemente zurückgegriffen hat (wenn auch die Auswirkungen nach neueren Erkenntnissen wohl nicht so dramatisch waren wie oft kolportiert, das nur am Rande).


    - Ein Film wie der um Animierfrau Angelique kann demnach meines Erachtens nur im Nachhinein entstehen, indem auf tatsächliche Geschehnisse als Basis zurückgegriffen wird, man streicht, glättet, Lücken füllt, dramaturgisch „aufpeppt“ … und so letztendlich eine Geschichte daraus strickt.


    - Das betont Knausgard auch in dem Radio-Feature: Niemand erinnert sich im Detail an Dialoge aus der Kindheit. Also ist in diesem Werk, das als streng autobiographisch, also „realistisch“, gilt, auch ein Gutteil Fiktion. Er musste diese Erinnerungslücken irgendwie füllen.

  • - Bei mir stellt sich der Wunsch nach „Realität“ ein, wenn es um ein Thema geht, das mich selbst betrifft. Dann unterstelle ich jemandem, der in einer vergleichbaren Lage war, besseren Einblick als jemandem, der sich – wenn auch vielleicht umfassend – nur darüber informiert hat. Bei Themen, die weit außerhalb meines Erfahrungsbereiches liegen, gibt es diesen Wunsch weniger – zwar möchte wohl niemand „belogen“ werden, kann aber oft auch gar nicht beurteilen, ob etwas realistisch ist oder nicht.

    Interessant, das geht mir tatsächlich anders: Wenn mich ein Thema betifft oder ich mich darin auskenne, hat es der Realtitätsanspruch einer fiktionalen Geschichte bei mir sogar schwerer, weil ich ja mein Wissen, meine Erfahrung als Maßstab habe und jeden inhaltlichen Ausrutscher dann sofort sanktioniere mit einem: pfff! Das stimmt ja so gar nicht. Und wenn ich ein Thema vertiefen will, schau ich Dokus.
    Anders, wenn ich so gar nichts weiß: Da kannst du mir grundweg alles erzählen und ich glaub es dir, solange die Geschichte in sich stimmig ist.
    Mir zuletzt so passiert beim Film: Interstellar. Ich war hin und weg von dem gesamten Film. Mein Mann war genervt, wegen so vieler Logikfehler, weil


    - „Realität“ auf Film oder Papier bannen zu wollen, scheitert – je nach Anspruch – schon daran, dass der „Akt des Festhaltenwollens“ Einfluss auf das Geschehen hat. Man agiert in Anwesenheit einer Kamera nicht so, wie ohne.

    Aber dennoch kann ich doch über Szenenaufbau und Perspektive realistische Nähe erzeugen (siehe meinen Post weiter oben über "Halt auf freier Strecke")

    - Bei einem handlungsorientierten Roman-/Filmstoff wird Wert darauf gelegt, dass jeder Handlungsblock die Geschichte vorantreibt – während sich in der Realität Ablenkungen und Sackgassen auftun. Die zu erfassen, würde also einerseits einen „realen“ Eindruck verschaffen, wäre aber ausgesprochen ermüdend für den Leser/Zuschauer. (Nachtrag: Wie Tom hier auch schon ausführte.)

    Genau: real live ist oft ermüdend, aber wenn die Ablenkungen und Sackgassen geschickte eingebaut werden, können sie genau dieses Hin-und Hergeworfenwerden eines echten Lebens nachfühlen lassen.

    - Eine Weile gab es diese Filme, die den Eindruck von Realität schaffen wollten, indem sie möglichst unprofessionell gemacht waren – Handkamera, verwackelte, schlecht ausgeleuchtete, abgeschnittene Bilder, Darsteller, die, bewusst oder unbewusst, „nicht schauspielerten“ (was natürlich ein Widerspruch in sich sein kann). Jugendliche nachts im Wald (Blair Witch Project), Junger Mann will bei Party filmen, als Außerirdische die Stadt in Schutt und Asche legen, TV-Team filmt in Mietskaserne, als da eine Art Zombie-Virus ausbricht. Alles nicht neu – das kannte schon Orson Welles, der 1938 für ein Radiohörspiel auf ähnliche Elemente zurückgegriffen hat (wenn auch die Auswirkungen nach neueren Erkenntnissen wohl nicht so dramatisch waren wie oft kolportiert, das nur am Rande).

    Jepp, man kann so tun als sei der Film eine Dokumentation. Ob man sie als realistisch empfindet ist dann aber noch eine andere Frage.
    Gleiches gilt für fiktive Biografien. Bei Virginia Woolfs Orlando z.B. funktionierte das für mich überhaupt nicht. Die Erzählung war als fiktive Biografie angelegt, aber der Erzählstil war der eines Märchens und sehr auf Abstand. Das meinte ich oben mit der spannenden Frage der Perspektive, die Realitätsempfinden in mir erzeugt oder nicht.

    - Ein Film wie der um Animierfrau Angelique kann demnach meines Erachtens nur im Nachhinein entstehen, indem auf tatsächliche Geschehnisse als Basis zurückgegriffen wird, man streicht, glättet, Lücken füllt, dramaturgisch „aufpeppt“ … und so letztendlich eine Geschichte daraus strickt.

    Ja, und das kann gelingen oder nicht, richtig? Im Fall von Angelique bliebst du "außen vor", schriebst du.
    Deinen Satz: "...kann nur im Nachhinein entstehen..." verstehe ich nicht. magst du erläutern?
    Ich finde dieses Thema extrem spannend...am meisten wegen der Überlungen, ob Literatur und Film da überhaupt vergleichbar sind...
    Hoffe auf mehr dazu!

    - Das betont Knausgard auch in dem Radio-Feature: Niemand erinnert sich im Detail an Dialoge aus der Kindheit. Also ist in diesem Werk, das als streng autobiographisch, also „realistisch“, gilt, auch ein Gutteil Fiktion. Er musste diese Erinnerungslücken irgendwie füllen.

    Das nun aber ist eine Binsenweisheit, die Knausgar da losgelassen hat. Natürlich muss man das.

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  • Guten Morgen,


    vielen Dank für Eure Antworten! Ich bin leider momentan gesundheitlich etwas eingeschränkt und darf nicht lesen :schmoll Ich verliere es aber nicht aus den Augen!

    Hoffentlich nichts Ernstes mit den Augen? Gute Besserung jedenfalls, liebe Petra! :blume

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  • Guten Morgen, allerseits,


    @ Stefanie:


    Nichts dramatisches, nur eine nicht ganz glatt verlaufene Routine-Augen-OP, die mich jetzt in der 3. Woche lahmlegt, danke der Nachfrage!


    @ Horst-Dieter:


    Ich kenne den Roman „Der goldene Handschuh“ – er ist „leider“, finde ich, ausgesprochen gut geschrieben. „Leider“, weil es weitaus weniger verstörende Themen/Sujets gibt. Anderthalb Stunden „Alpenpanorama“ bei 3SAT ist bestimmt weitaus entspannender! Trotzdem finde ich das Argument der von Dir zitierten Anwesenden bei den Hörspieltagen etwas seltsam: War das eine Pflichtveranstaltung für alle? Wohl eher nicht. Warum dann hingehen, wenn man ahnen konnte, was einen erwartet? Ich bin ganz dankbar für Leute, die sich auch an derart heikle Stoffe heranwagen, Dinge ausloten, die fernab der Lebenswirklichkeit der meisten Leute sind (zum Glück und wozu ich schon die Realität einer solchen „Absturzkneipe“ und der Frauen, die sich auf Honka eingelassen haben, zähle). Niemand muss sich mit dem Stoff beschäftigen, aber wer will, soll das dürfen.


    @ Heike:


    Ich verstehe Deine Bedenken. Jemand, der so eine „innere Sperre“, reale Dinge zu erzählen, meisterhaft überwunden hat (wenn sie denn bei jedem, wenn auch unterschiedlich stark ausgeprägt, vorliegen sollte), ist Deborah Feldman, deren Buch „Unorthodox“ (über ihre Herkunft aus einer chassidischen New Yorker Gemeinde) ich gerade höre. Das Buch ist für mich ein ausgezeichnetes Beispiel für einen autobiographischen Roman, der unter die Oberfläche geht, der auch vor der Offenlegung sehr persönlicher Dinge nicht haltmacht, fernab von so etwas Banalem wie Sensationsgier.


    @ Kristin:


    Es geht mir in erster Linie um die Mechanismen – in zweiter dann wahrscheinlich doch auch ums Umsetzen, also ums Schreiben, treibt mich das Thema doch schon eine ganze Weile um.


    So, ich fürchte, damit ist meine genehmigte Viertelstunde Lesen pro Tag auch schon wieder um. („Wer lesen kann, ist klar im Vorteil“, sage ich da nur!) Fortsetzung folgt!


    Gruß,
    Petra


  • Die ARD Hörspieltage stehen jedem offen und wer ein Hörspiel nicht hören will, geht nicht hin, mit Ausnahme derjenigen, die sich, wie ich, zum "Hörspielseminar für Autoren" angemeldet hatten. Und natürlich stimmt es: Wer sich mit solchen Mördern nicht beschäftigen will, braucht es nicht zu tun. Ich finde nur die Argumentation merkwürdig, dass erfundene Täter weit schlimmerer Art akzeptiert werden, weil die Geschichte "eine Dramaturgie" hat, wie einer sagte. Die Dramaturgie von Honka liegt ja nicht nur in seinen Morden sondern auch in der Vorgeschichte und dem gesellschaftlichen Umfeld, in dem er sich bewegte. Das ist als Hörer nur schwer auszuhalten (das Buch habe ich nicht gelesen). Es wird durch die Unterbrechungen eines vermeintlichen Rrechtsanwalts (oder Richters), dessen Erläuterungen immer für ein paar Sekunde Atemholen erlauben, ermöglicht. Allerdings liegt darin auch die Schwäche der Hörspieldramaturge, meine ich, weil man das besser hätte umsetzen können.

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    Horst-Dieter Radke: Sagen und Legenden aus Baden

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    Carl Julius Weber

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  • (Übrigens: Auch ein Schimanski kam nicht immer schmuddelig daher. „Der Pott“: Handlung roh, aber Schimanski hat die Haare schön. Wobei: Wenn man ihm eine Liaison ins Drehbuch schreibt, ist das dann auch schon wieder realistisch :) )


    @ Stefanie:


    Ich finde „Party Girl“ gelungen, keine Frage. Allerdings hat mich die Form irritiert: Eine Person spielt quasi ihr Leben nach. Anders kann es ja nicht sein als so. Es gibt Dokumentationen, die ohne einen sicht- oder hörbaren außenstehenden Dritten auskommen, besonders, wenn es eine/n klar begrenzte/n Handlungszeit/Handlungsort gibt, kann das funktionieren, dass allein die Kamera die „Hauptfigur“ begleitet. Natürlich ist auch das nicht ungefiltert – jemand wählt die Szenen aus, schneidet sie entsprechend. Die Geschichte von „Party Girl“ ist zu komplex dafür. Animierdame und Stammgast, Heiratsantrag, Familie, Tochter, die nicht bei ihr aufgewachsen ist und bei der Hochzeit dabei sein soll, Probleme … Hochzeit, Aus in der Hochzeitsnacht. Das muss (so oder so ähnlich) vorher passiert, wahrscheinlich über Jahre, und dann mit Drehbuch nachgestellt sein.
    Ich kann mich ad hoc nicht erinnern, einen Film von der Machart schon mal gesehen zu haben. Und als was gilt so was? Als Spielfilm, „nach einer wahren Begebenheit“, als Dokumentation, Dokumentary, Scripted Reality …?


    Zur Glaubwürdigkeit: Bei allem und jeden gibt es Facetten, je nach dem, wer sich des Themas annimmt. Eine Islandreise kann sich in einem Besuch der Blauen Lagune, Shopping und einer durchzechten Nacht erschöpfen, als Pauschalreise (an jedem Wasserfall dieselben Leute) darstellen oder als Individualreise, Zelt, Rucksack. Aber alles drei ist realistisch, nur mit anderem Schwerpunkt. Deshalb schätze ich eigene Erfahrung beim Autor, auch wenn es in eine für mich unerwartete Richtung geht.


    Dass es eine Binsenwahrheit (von Knausgard) ist, mag sein. Allerdings war das bei mir immer auch eine innere Sperre: eine – womöglich übertriebene – Achtung vor dem realen Geschehen und Scheu, Wissenslücken mit Erfundenem zu füllen – und sei es auch nach bestem Wissen und Gewissen so nah an der vermuteten Wahrheit wie möglich. Es kommt ja auch darauf an, was am Ende dabei herauskommen soll: ein (im besten Falle gut gelungenes) eigenständiges literarisches/filmisches Werk? Dann ist tatsächlich alles erlaubt, Merkmale/Herangehensweisen wie die eingangs dargestellten, die besondere Realitätsnähe vorgaukeln, wahrscheinlich sogar hinderlich.


    @ Horst-Dieter:


    Ich kann nur mein Empfinden schildern: Wenn ein Thema wie das des Serienmörders extrem stylish (wie bei der Hannibal-Serie) oder absurd umgesetzt ist, ist es leichter zu ertragen als blanker Realismus. Ich finde „Der rote Drache“ tatsächlich deshalb „harmloser“ als „Der goldene Handschuh“.