"Unvorstellbare" Szenen schreiben

  • Ich bin gerade nicht sicher, ob meine heutige Frage ins Café oder nicht eher in die Sprechstunde gehört. Kennt Ihr das Gefühl, dass Euch beim Schreiben über bestimmte Themen die Vorstellungskraft versagt? Beispiele: Es gibt Szenarien, die habe ich (gottseidank) noch nie erlebt, kann mich aber in sie reindenken und könnte darüber schreiben. Ein schlimmer Unfall, der einem passiert oder den man selbst verursacht. Horror. Andere, ähnlich schlimme Szenarien wie beispielsweise Mobbing oder Gewalt in Beziehungen habe ich (ebenso gottseidank) auch noch nicht erlebt, finde aber aus irgendwelchen Gründen keinen gedanklichen Zugang, obwohl ich mir das Hirn zermartere. Und zwar schon lange. Dementsprechend geraten die Szenen dann irgendwas zwischen klischeehaft und halbwegs okay, bestenfalls. Geht Euch das auch manchmal so? Was macht Ihr dann, um doch reinzufinden, den Faden ins Öhr, den Fuß in die Tür zu kriegen?

  • Zitat

    Ich bin gerade nicht sicher, ob meine heutige Frage ins Café oder nicht eher in die Sprechstunde gehört.


    Eigentlich sollte das Café eine Art Plauderecke sein, auch und vor allem für Themen, die nicht direkt mit der Schreiberei zu tun haben.


    Und zur Frage:

    Zitat

    Geht Euch das auch manchmal so?


    Ich finde das besonders interessant, sich in Figuren und Situationen hineinzuversetzen - oder das zu versuchen -, die einem unbekannt sind, die man noch nicht selbst erlebt hat. Da alle Menschen sehr unterschiedlich reagieren, gibt es auch kein Richtig oder Falsch, höchstens ein Unglaubwürdig bezogen auf die Romanfigur. Und das ist dann auch das Entscheidende. Ich bekomme immer noch Leserbriefe zu meinem Roman "Sommerhit" (2011), der ja teilweise in der ehemaligen DDR spielt, sich mit Flucht und Kulturschocks befasst. Nichts davon habe ich selbst erlebt, aber nach wie vor glauben mir vor allem in DDR geborene Leser nicht, dass ich selbst kein Ossi bin.


    Ich meine auch, dass man sich vieles halbwegs glaubhaft vorstellen kann, wenn man es nur versucht. Was man sich tatsächlich nicht vorstellen kann, das ist das eigene Verhalten, wenn man dann in eine Grenzsituation kommt. Denn es ist zwar irgendwie vorstell-, aber kaum vorhersehbar. Will sagen: Wie sich ein Mensch dann tatsächlich verhält, ist oft ziemlich überraschend. Deshalb würde ich auch nie "Ich würde nie" sagen. ;)

  • Solche Szenen setzen zunächst eine noch stärke Beobachtungsgabe der Autoren voraus, als ohnehin schon zum Schreiben wünschenswert ist. Auf jeden Fall erleichtert es das Hineindenken in die unbekannte Situation. Das gilt natürlich nur für alle Szenen, in denen ich Betroffene irgendwo und irgendwie beobachten kann (Ehedramen, schwere Krankheiten, Verlust, Tod ...) , was bei ausgesprochenen Horrorszenen oder extreme Gewalt schwierig wird :evil

  • Ich plädiere für »Sprechstunde« bei solchen Diskussionen. Es bleibt im öffentlichen Forum, ist aber aus der Allerweltsecke weg und kann so auch leichter wiedergefunden werden.


    Zum Thema: Man muss nicht alles erlebt haben, um es beschreiben zu können. Beobachtung, Einfühlung in die Situation auf Grund großer Empathie oder – vielleicht – ähnlicher Erlebnisse, Beschreibungen anderer oder auch tollkühne Annahmen sind möglich und führen oft genug zu interessanten, glaubhaften Ergebnissen.


    Wichtig: Auch die meisten Leser haben viele Erlebnisse nicht selbst erlebt.

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Sagen und Legenden aus Baden

    ASIN/ISBN: 3955403823


    Wir haben sogar Bücher zuzm Totlachen aufzuweisen, von denen ich wünschte, dass die Verfasser die erste Probe an sich gemacht hätten!.
    Carl Julius Weber

    aus: Demokritos


  • Ja, wie macht man das?
    Deine Frage rührt an das Selbstverständnis von Autoren, liebe Kristin. Denn dafür sind Schriftsteller schließlich da, dass sie von Menschen schreiben, die sie nie getroffen haben, über Lebenswirklichkeiten, die sie nicht selbst kennen, von Schicksalsschlägen, die sie nie selbst erlebt haben.


    Das geht nur mit Fantasie. Diese, gepaart mit genauer Recherche, intensiver Beobachtung und dem Mut, in fremde Welten, Zeiten und Leben einzutauchen - sie alle machen das Wesen des Romanerzählers aus. Wer nur von dem schriebe, was er selbst kennt, weil erlebt hat, hätte bald nichts mehr zu erzählen.


    Nur gut muss es halt sein. Gut recherchiert, handwerklich und stilistisch sauber und vor allem glaubwürdig und packend (klischeefrei) erzählt.

  • Ich würde ganz lässig behaupten, mehr als 98 Prozent der Menschen und Situationen, über die ich geschrieben habe, nicht selbst erlebt zu haben. 8-) (Und die zwei Prozent, die bleiben, sind auch nicht autobiografisch. ;) )


    Ich behaupte das von mir auch, obwohl ich immer wieder gefragt werde, ob meine Texte autobiografisch seien. Das sind sie nicht! Allenfalls greife ich auf mir bekannte Orte zurück. Alles andere ist reine Fantasie. Ich scheine mich in nicht Erlebtes hineindenken zu können, teils aus Erzählungen anderer, teils aufgrund von Recherche. Oft nehmen die Gedanken assoziativ ihren eigenen Weg und verselbständigen sich. So entstehen manchmal Szenen oder Personen ohne mein aktives Dazutun. Sie kommen einfach, werden und sind da. Und wenn sie einmal leben, lassen sie sich nicht wieder aus der fiktionalen Welt vertreiben.

  • Ich glaube, dass man das meiste, was man nicht selbst erlebt hat, nicht wirklich versteht. Man hat zwar eine Vorstellung davon, aber eben nur eine Vorstellung, und das ist einfach keine reale Erfahrung.


    Was ich mache, ist, auf Youtube Dokumentationen/Interviews schauen über das jeweilige Thema und die Menschen, die das Ereignis erlebt haben, gut beobachten. Mir ist da auch immer wichtig, recht viele zu schauen, weil Menschen so unterschiedlich reagieren, selbst bei ganz extremen Ereignissen wie einem Flugzeugabsturz.


    Außerdem würde ich versuchen, mit Menschen, die so etwas erlebt haben, in Kontakt zu gehen, z. B. über ein Forum oder auch über Veröffentlichungen. Es gibt z. B. eine Mutter, die Gedichte über ihren behinderten Sohn schreibt und veröffentlicht. Ich habe eine Jugendbuch-Idee, die mit der Behinderung zu tun hat, da habe ich schon gedacht, diese Mutter würde ich anschreiben. Außerdem gibt es eine Theatergruppe von Menschen mit dieser Behinderung, auch dort würde ich einmal anfragen.


    Über manche solcher Themen würde ich persönlich aus Respekt nicht schreiben. Da hätte ich Sorge, egal, wie gut ich recherchiere, den Betroffenen ggf. Unrecht zu tun.

  • Über manche solcher Themen würde ich persönlich aus Respekt nicht schreiben. Da hätte ich Sorge, egal, wie gut ich recherchiere, den Betroffenen ggf. Unrecht zu tun.


    Das könnte tatsächlich zum Kern des Problems gehören. Dass da Schreibwiderstände sind, die die Vorstellungskraft behindern.


    Danke schon mal für Eure Antworten; sie gehen allerdings größtenteils noch ein wenig vorbei an dem, was ich meinte. Logisch gehört es zum Selbstverständnis eines Schreibenden, die Fantasie zu bemühen und von Dingen zu erzählen, die man selbst nicht erlebt hat. Sonst bliebe es ja bei der der sehr beliebten autobiographischen Nabelschau. Was aber, wenn es bei bestimmten Themen trotz intensivsten Überlegens und Hineindenkversuchen nicht klappt? Wo hakt das dann?


    Ich war mal bei einer Lesung von Ralf Rothmann. Er erzählte, dass sein Roman "Im Frühling sterben" fast daran gescheitert sei, dass er sich eine Erschießungsszene (immerhin eine der wichtigsten Szenen im Buch) nicht vorzustellen vermochte. Erst als er bei einem Überfall selbst mal in die Mündung eines Revolvers geguckt habe, habe irgendwas in ihm klick gemacht, und er habe die Szene noch in derselben Nacht schreiben können. Wieviel davon Legende ist, sei dahingestellt, aber es ist schon klar, was er meint, denke ich. Auf solche Ereignisse kann und mag man aber doch auch nicht warten.

  • …. Was aber, wenn es bei bestimmten Themen trotz intensivsten Überlegens und Hineindenkversuchen nicht klappt? Wo hakt das dann?


    Wenn es nicht klappt, dann lasse ich es. Auf die Revolvermündung zu warten ist so effektiv wie auf das Warten von 6 Richtigen im Lotto. Wenn ich mit einer Szene nicht klarkomme, dann streiche ich sie und überlege mir einen anderen Weg. Den gibt es immer!

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    Carl Julius Weber

    aus: Demokritos


  • Ich denke, dass man nicht dasselbe erlebt haben muss, es jedoch manchmal hilfreich ist, zumindest in einer ähnlichen Situation gewesen zu sein.
    Wenn jemand beschreibt, wie ein Skifahrer in eine Lawine hinein gerät, hat der Autor es hoffentlich nicht zu spüren bekommen, aber vielleicht kennt er das Gefühl, von einer Katastrophe heimgesucht zu werden - das kann dann auch der Tod eines lieben Menschen oder der Verlust eines Arbeitsplatzes sein.

  • Was aber, wenn es bei bestimmten Themen trotz intensivsten Überlegens und Hineindenkversuchen nicht klappt? Wo hakt das dann?


    Mir fiele sonst noch ein, dass vielleicht auch einfach die eigene Seele "stopp" sagt. Ich ertappe mich jedenfalls hin und wieder dabei, dass es bei manchen Themen in mir "blockiert", und lasse diese Themen dann auch sein.




  • Das ist das eine (der Respekt für andere). Für mich gibt es aber eben auch noch die Variante: Dieses Thema ist zu hart für mich, darüber will ich gar nicht mehr wissen (ganz unabhängig von anderen) und deshalb auch nicht drüber schreiben.


    Ich habe mal ein Fachbuch gelesen zu einem bestimmten Thema, über das ich eigentlich schreiben wollte, bzw. machte dieses Thema einen großen Teil einer Idee aus. Nach ca. 10 Seiten konnte ich aber nicht weiterlesen. Das Buch war teuer, aber der Inhalt für mich so schrecklich, dass ich es gelassen habe. (Thematisch ging es da da um einen bestimmten Aspekt, warum ein Mensch zum Serienmörder wird.)

  • Ich habe keine Antwort auf diese Frage, wie man - gelungen - über Themen schreibt, die sich der eigenen Erfahrung entziehen, womöglich noch: zu denen man keinen Zugang findet, weil man sich ihnen emotional nur mit Mühe stellen kann. Interessant in diesem Zusammenhang finde ich aber diesen Artikel. Die Autorin von "Ein wenig Leben" sagt, sie habe nicht über Missbrauchsopfer recherchiert. "Das Trauma selbst", heißt es dort, "wird zu einem Modus des Erzählens". Nachmachen wird man das freilich schwerlich können ...

  • Liebe Kristin,
    Du möchtest ja offenbar praktische Tipps. Hier sind meine:
    Sofern es Filme zu dem Thema gibt (du hast ja leider nicht verraten, um welche beispielhaften "unvorstellbaren Szenen" es sich in Deinem Fall handelt): anschauen und ganz bewusst versuchen, sich in die entsprechende Figur hineinzuversetzen, dabei vorstellen: Das, was gerade passiert, passiert mit Dir.
    Dokus zum Thema sehen, in denen Betroffene zu Wort kommen. Das ist das zwar mit der Distanz des bereits Geschehenen, aber es hilft auch, ein Gefühl für die gewünschte Situation zu erhalten.
    Bücher lesen und analysieren, wie die Autorin, der Autor konkret mit der Szene umgegangen ist.


    Wenn alles nichts hilft: andere Szene schreiben :D

  • Sofern es Filme zu dem Thema gibt (du hast ja leider nicht verraten, um welche beispielhaften "unvorstellbaren Szenen" es sich in Deinem Fall handelt): anschauen und ganz bewusst versuchen, sich in die entsprechende Figur hineinzuversetzen, dabei vorstellen: Das, was gerade passiert, passiert mit Dir.


    Klar, das versuche ich laufend, aber irgendeine Schleife macht mein Hirn da nicht mit. Oder aber das Hirn macht zu viele Schleifen! Aber danke, Cordula! Es geht um Gewalt in der Familie, Kindesmisshandlung (nicht Kindesmissbrauch in dem Falle, obwohl das eine das andere natürlich nur oft bedingt). Und es handelt sich leider nicht um "eine Szene", sondern um einen fetten Erzählstrang. Ich probiere aber gerade eine Technik aus, mit der ich die Szenen wie einen etwas schrägen Film am Leser vorbeiziehen lasse. Viele einzelne Splitter, szenische Dialoge, teils absurde Elemente und vor allem NULL Erwähnung irgendwelcher Gefühlslagen, damit genügend eigener (eigentlich der ganze) Raum dafür bleibt. Mal schauen, wo es mich hinführt; auf jeden Fall schreibt sich endlich mal wieder was runter und macht Spaß - soweit man bei dem Thema von Spaß reden kann.


    Und danke Dir, Petra, für den guten Artikel. Ich habe "Ein wenig Leben" im letzten Jahr gelesen und fand es hervorragend, auch wenn es mich nicht ganz so "hinweggespült" hat wie die meisten Kritiker versprachen. Ich hatte inhaltlich (nicht sprachlich!!) ein bisschen zu meckern. Die Hauptfiguren waren wir insgesamt zu jesusartig, Lichtgestalten an der Grenze zum Unglaubwürdigen oder darüber hinaus. Too much of all - unendliche Liebe, unendliche Freundschaft, unendlicher Schmerz, darunter ging es nicht. Aber dass es mich manchmal zum Widerspruch reizte, hat mich beim Lesen nicht gestört, sondern es gerade interessant gemacht.

  • Hallo Kristin,


    ein interessantes Thema, zu dem ich leider nichts Hilfreiches beitragen kann. Nur: Ich kenne das Problem. Es gibt bestimmte Situationen, in die möchte ich mich einfach nicht so weit hineinversetzen, dass ich glaubhaft darüber schreiben könnte. Das sind größtenteils alle Gewaltszenarien, vor allem Kindsmisshandlung geht gar nicht. Und gerade das ist eines der Themen, das bei Krimis immer besonders "zieht". Allerdings denke ich, dass man nicht alles in aller Deutlichkeit darstellen muss. Oft erreicht man auch gute Wirkung, wenn man nur andeutet. Beim Lesen geht es mir sogar so, dass ich die besonders expliziten Szenen in Krimis überhaupt nicht gerne lese. Angedeutet gefällt mir vieles mehr.


    Problematisch sind für mich auch Figuren, die sehr, sehr weit von mir selber entfernt sind. Ich könnte mich vermutlich nie in die Gefühlslage eines Menschen hineindenken, der eine Musik hört, bei der ich nie verstehen konnte, wie man sie hören kann :) Und gerade der Musikgeschmack wird ja oft zur Charakterisierung der Figuren genommen, wie sie sich fühlen, wenn sie bestimmte Musik hören. Ich akzeptiere einfach meine "Störung" und lasse meine Figuren in dem Punkt nicht zu weit von mir selber wegrücken :)
    Ganz schwierig finde ich es übrigens auch, aus der Perspektive von Männern zu schreiben. Ich befürchte immer, dass sie zu weiblich werden :).

  • Liebe Anja, danke auch Dir für Deine Antwort! Ja, merkwürdig, dass manche fremden Dinge fremder sind als andere fremde Dinge. Paradoxer Satz irgendwie. Das mit der Musik ist interessant, da habe ich mich daraufhin mal überprüft, und ja, da ist was dran. Wie überhaupt bei Geschmacksdingen. Vielleicht sollte ich beim Schreiben mal bewusst drauf achten, ob ich Sympathieträgern nicht meinen Geschmack "überstülpe" (und sei es auch nur im Geiste).


    Vielleicht tue ich mich mit dem von mir gewählten Thema (und es ist immerhin das Kernthema des projekts) auch so schwer, weil eine große Diskrepanz besteht zwischen dem Bedürfnis (und der Verpflichtung), den Leser im weitesten Sinne zu unterhalten und dem Gefühl, das nun ausgerechnet bei diesem Thema nicht zu "dürfen". Das ist eine ziemliche Zwickmühle. Ansonsten bin ich schon der Meinung, dass es für alles eine Sprache gibt und Dinge dann auch irgendwann ausgesprochen gehören. Aber man kann sich schnell verheben dabei.