Ein Arschloch als Held?

  • Interessant diese Dilettanten. Aber sie reden über etwas, was ich nicht will. Ich habe keinen symphatischen Schurken und auch keinen unsymphathischen Helden geplant. Mein geplanter Protag ist einfach nur ein Arschloch.

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Sagen und Legenden aus Baden

    ASIN/ISBN: 3955403823


    Wir haben sogar Bücher zuzm Totlachen aufzuweisen, von denen ich wünschte, dass die Verfasser die erste Probe an sich gemacht hätten!.
    Carl Julius Weber

    aus: Demokritos


  • Das Video hab ich ja nur zum Thema gepostet, weil Dianas Schreibratgeber da so hoch gelobt wird.


    Stark (der von King) ist definitiv ein Solches. Sollte heißen: es funktioniert. Man braucht nicht unbedingt einen Sympathieträger, um von einer Geschichte gefesselt zu werden.
    Ich überlege gerade, ob ich das bei Heldinnen auch schon gelesen habe...aber ich glaube, da kenne ich bisher höchstens Figuren, die mir unsympathisch waren, die irgendwie so spröde waren, dass ich keinen Zugang zu ihnen gefunden habe.
    Grace aus Atwood "Alias Grace" z.B. oder so skurill, dass ich sie nicht ernst nehmen konnte, aber wirklich richtig ätzend...hatte ich noch nicht. Vielleicht brauchts da erst mal deine Vorlage...

    [buch]3866855109[/buch]


    "Sinn mag die äußerste menschliche Verführung sein." - Siri Hustvedt

  • Also mir ist gerade noch Heath Ledger als der Joker eingefallen - böse, amoralisch und ekelhaft. Sein Verhalten wird nie erklärt und er spielt noch mit dem Motiv des unglücklichen Bösewichts. Der ist nicht mehr als Bad Boy zu verstehen, aber in seiner abgrundtiefen Schlechtigkeiten faszinierend. Ich mag den Gilm nur wegen ihm.

  • Über einen ganzen Roman würde mich ein Arschloch echt nerven. Außer dieses A hat einen tollen Gegenspieler, das Leben spielt ihm übel mit, er kriegt schön in die Fresse. Das könnte ich mir vorstellen. Oder der Klassiker: Safe the Cat. Das A, das ein kleines Kätzchen rettet, darf danach praktisch alles. Es steckt ja offensichtlich auch etwas Gutes in dem Kerl! Aber mal im Ernst: ein wenig Ambivalenz würde mich eher ansprechen, ein A mit gewissen Abgründen hin zur guten Seite also.
    Ich mag ja auch keine durch und durch wunderbaren Helden.
    Beim Schreiben kann ein richtiges A so richtig Spaß machen, keine Frage. Aber beim Lesen? Große Zweifel.

  • Zu richtigen Arschlöchern gehört es meiner Meinung nach, dass sie andere um den Finger wickeln können. Was wäre ein Hannibal Lecter ohne seine rhetorischen und manipulativen Fähigkeiten. Wenn dieser Typ von Protogonist oder Antagonist andere über sein wahres Ich hinwegtäuscht, kann so eine Figur richtig Spaß machen.

  • Das Save the Cat, das Heike erwähnte, würde auch mich mehr überzeugen als einem miesen Charakter durch und durch. Mit dem hätte ich ebensolche Probleme wie mit einem Strahlemann, einer Strahlefrau ohne Risse, ohne Brüche, denn: meiner Meinung nach gibt es solche Menschen nicht (außer man schreibt einen biographischen Roman über Hitler o.ä.). Aber jemand großflächig und nur Mieses schwebt Dir wohl auch nicht vor, Horst-Dieter, oder?

  • Die Faustregel lautet: Positive Figuren sollten (mindestens) eine gute Eigenschaft mehr besitzen, als sie schlechte Eigenschaften haben. Bei negativen Figuren umgekehrt. Simple Arithmetik. Figuren ganz ohne die jeweils konträren Eigenschaften taugen höchstens für Nebenrollen. Ein Rosettenzentrumstyp ganz ohne liebens- oder wenigstens bemitleidenswerte Schwäche ist ebenso langweilig wie der dauergrinsende Wuschelpuschel, dem ständig die Sonne aus dem Rosettenzentrum scheint.

  • Ich schrieb ja nicht, dass ich einen guten oder bösen Protagonisten schaffen will, sondern ein Arschloch. Außerdem …


    Zitat


    Warum soll man nicht die Arschlöcher, die es ja überall gibt, nicht zum Mittelpunkt eines Romans machen. Und weil ja jeder nicht nur schlecht oder gut ist, warum nicht auch zum Helden eines Romans?


    … gehe ich grundsätzlich nicht von einer ausschließlich einseitigen Persönlichkeit aus. Was ich allerdings nicht will, ist einen Erbauungsroman schreiben mit dem unweigerlichen Ändern zum Besseren.


    Und was mir gerade noch so als Idee kommt: Warum soll nicht ein Arschloch auch ein "Guter" sein?

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    aus: Demokritos


  • Zitat

    Warum soll nicht ein Arschloch auch ein "Guter" sein?


    Genau. Vermeintlich negative Eigenschaften wie Arroganz, Besserwisserei, Promiskuität, Geiz usw. mögen ein Arschloch auszeichnen, aber doch nur aus der Sicht bestimmter anderer Leute. Unterm Strich kann diese Person trotzdem "gut" sein, im sozialen Bereich, wie auch in anderen.

  • M.E. kommt es ganz darauf an, WIE das Arsch L. rüberkommt. Auch eine derartige Figur kann Empathie oder sogar Identifikation stiften. HD: vielleicht stellst du einfach mal ein paar Seiten vor.


    Maryanne


    ja, habe ich vor, als BT, wenn es soweit ist, dass ich etwas vorzeigen kann.

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    aus: Demokritos


  • Die Zeit bis zum Arschloch-BT können wir fein überbrücken, indem wir eine tiefgründige Selbstreflexion anstellen:

    Du hast keine Freunde? Die Leute wollen nichts mit dir zu tun haben? Vielleicht liegt es daran, dass du ein Arschloch bist!

    Erkenntnisse dazu bietet dieser hübsche Test mit dem Titel: "Bin ich ein Arschloch?"


  • @Didi
    Das Arschloch, dass ich im (literarischen) Sinn habe, würde den Test so bestehen, wie du es in der Anlage sehen kannst.

    Dateien

    • a…loch.jpeg

      (35,5 kB, 13 Mal heruntergeladen, zuletzt: )

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  • Ich glaube ja: Es gibt Arschlöcher und es gibt Arschlöcher. Auf die eine Sorte fliegen (manche) Frauen (oder Männer), auf die andere – keiner. Die eine Sorte eignet sich hervorragend für Romane und die andere – nicht.


    Ich will mal an Joachims Beitrag anknüpfen, denn tatsächlich habe ich bei diesem Thread auch sofort an neuere TV-Serien gedacht. Unabhängig von der Frage, ob man von dem Erfolg von TV-Serien etwas für Romane ableiten kann oder nicht, fällt auf: Heutzutage ist nicht mehr (unbedingt) der nette und fürsorgliche Arzt, ein Halbgott in Weiß, oder der unermüdliche Anwalt, Kämpfer für die Rechte der Rechtlosen, Held einer Serie, sondern z. B. (auch, wenn sie inzwischen abgedreht sein sollten, fasse ich’s nochmal unter „heute“ zusammen):
    - Dexter – ein Serienmörder
    - Hannibal – ein Serienmörder (und Kannibale)
    - Ray Donovan – Fixer in Hollywood
    Letztere Serie läuft noch: Ray Donovan ist einer, der für die Stars die Kartoffeln aus dem Feuer holt, der lügt und betrügt und trickst, ein Schläger im Anzug, der zudem alles vögelt, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Die Figur hat aber auch einen komplexen Hintergrund, Merkmale, die andere Serien-/Film-/Romanfiguren vor ihm nicht unbedingt hatten. Bei ihm ist das – würde ich meinen – der Missbrauch durch einen Priester in seiner Kindheit. Außerdem hat man der Figur einen ausgeprägten Familiensinn ins Drehbuch geschrieben; da sind Brüder, die mehr oder weniger nichts auf die Reihe kriegen und ein Vater, der erst recht ein Arschloch ist – aber wiederum auch positive Seiten hat. Alles, was der anfasst, wird zu Scheiße, aber: Er steht immer wieder auf. Das, meine ich, ist eine Seite, die der Figur auch eine gewisse Bewunderung abnötigt, so verkorkst er auch sein mag. (Überhaupt werden Serien-Figuren immer komplexer, meine ich. Oder hatte – meinetwegen – Captain Kirk einen sonderlich entwickelten Charakter? Früher waren die Serien viel handlungsbasierter, heute werden die Hintergründe sehr sorgfältig aufgebaut und sind Teil der Story.)


    Ich meine, solche Arschlöcher funktionieren auch im Roman. Wenn einer jetzt aber einen Roman um einen Anti-Helden schreiben würde, der ein Arschloch von der Sorte ist, die einem schon im wahren Leben die Laune verhagelt, dann möchte ich – ich weiß, das ist nicht repräsentativ – mit diesem Typ Arschloch nicht auch noch einen Roman lesen. Außer: Man nimmt diesen Typ so auf die Schippe, dass es schon wieder komisch ist.


    Man „kann“ alles – auch bescheuerte Typen als Helden haben. Man muss die dann aber als Autor aber auch ein Stückweit lieben, denke ich. Sonst wird das nix.


    Ob er sich zum Positiven ändern sollte? Für mich nicht. Ebenezer Scrooge gucke ich mir alle Jubeljahre zu Weihnachten an: reicht!


    PS: Brian Kinney in "Queer as Folk", Hank Moody in "Californication" - man könnte fast meinen, Arschlöcher sind heutzutage weit interessanter als allzu perfekte Helden ... ?!? Zumindest im Fernsehen.