Ein Arschloch als Held?

  • Eine meiner letzten Verlagsabsagen enthielt den Hinweis, dass die Ermittlerin zu negativ gezeichnet sei. So etwas könne man nicht brauchen. Ich bin da eher unkonventionell. Warum soll man nicht die Arschlöcher, die es ja überall gibt, nicht zum Mittelpunkt eines Romans machen. Und weil ja jeder nicht nur schlecht oder gut ist, warum nicht auch zum Helden eines Romans? Diese Absage hat mich zu einer neuen Idee gebracht, die Dank Cordula gestern Abend in einen ersten Aufriss eines Romankonzeptes kulminierte. Heute morgen hatte ich diesen bescheuerten Typen so real vor Augen, dass ich, als ich die Tür öffnete um die Zeitung hereinzuholen, vorsichtig guckte, ob er nicht gerade um die Ecke kommt.


    Was meint ihr? Hat solch ein Roman mit einem negativen Helden überhaupt die Chance unterzukommen? Und wenn, auch gelesen zu werden?

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Sagen und Legenden aus Baden

    ASIN/ISBN: 3955403823


    Wir haben sogar Bücher zuzm Totlachen aufzuweisen, von denen ich wünschte, dass die Verfasser die erste Probe an sich gemacht hätten!.
    Carl Julius Weber

    aus: Demokritos


  • Verlage mögen das nicht, Leser angeblich auch nicht, und ich vermute, dass es für die Mehrzahl auch stimmt, was umgekehrt bedeutet, dass es eine Nische gibt, die vergleichsweise groß sein kann.


    Ich habe es für meinen letzten Roman geschafft, eine überwiegend negative Hauptfigur durchzusetzen, und meiner Lektorin damit ordentlich zu schaffen gemacht. Die Leserreaktionen waren sehr unterschiedlich - von "Endlich mal!" bis "Warum soll ich eine Geschichte über eine solche Pissnelke lesen?" gab es alles.


    Sehr erfolgreiche Romane mit negativen Hauptfiguren sind Ausnahmen. Allgemein gilt offenbar die Regel, dass die Figur, die Protagonist ist, über mindestens eine positive Eigenschaft mehr verfügen sollte, als sie negative Eigenschaften hat.

  • Ich lese lieber Geschichten über Menschen, die ich mag.
    Aber ich habe auch schon welche mit negativen Hauptfiguren gehört und diese in mein Herz geschlossen. Das ist etwas gruselig, jedoch eine angenehme Abwechslung. Grundsätzlich denke ich also, dass solche Bücher gelesen werden können.
    Nur ist es dann sehr schwierig, einen Verlag zu überzeugen, und vielleicht manchmal unmöglich.
    Wenn ich diese Geschichte schreiben wollen würde, täte ich es aber trotzdem. Vielleicht brächte es mir neue Sichtweisen und Erkenntnisse.

  • dein 'Arschloch' ist ein männliches. So werden auch eher Männer lesen. Wer wird sich dabei selbst als ein solches entdecken? Können männer damit umgehen, ein 'Arschloch' zu sein, aber ihrem Umfeld eher mitteilen, ich bin doch wahnsinnig nett, du musst nur genauer hinschauen. Wenn deine Figur das vermittelt?

  • Der Protag meiner SciFi-Serie ist auch ein A...loch. Die Leser haben ihn trotzdem geliebt, männliche wie weibliche. Gerade die weiblichen. Für die war er wohl der Bad Boy. Aber ich habe ihm auch gute Eigenschaften gegeben (Loyalität, Mut), die ihn wohl in Summe positiv genug gemacht haben, dass der Leser ihm seine negativen Eigenschaften verzeihen konnte. Zudem hat er sich innerhalb der Serie deutlich zum Besseren entwickelt. Und ich habe das Gefühl, dass es genau das war, was die Leser weiterlesen ließ. Die wollten wissen, ob mein A...loch tatsächlich die Kurve kriegt.

  • Die charakterliche Wandlung habe ich kurz überlegt und gerade begraben:


    "Was bin ich doch für ein Scheißtyp", dachte er. "Aber warum soll ich das jetzt noch ändern?"
    Er bückte sich und nahm den 5 Euroschein wieder aus der Pappschachtel des Obdachlosen.

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    Carl Julius Weber

    aus: Demokritos



  • Ich glaube, dass so etwas sehr gerne gelesen wird, wie ein
    Arsch Loch zu einem besseren Menschen wird. Ausgelöst durch irgendein
    besonderes Ereignis in seinem Leben.


    Ich denke in diesem Fall aber nicht an solch einen Entwicklungs- und Erbauungsroman.

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  • Identifikation, die meistens etwas mit Empathie zu tun hat, ist für Arschlöcher schwer zu wecken, und vielen Lesern gehen Romane dann echt auf den Sack, wenn es keine Identifikation gibt - die eben oft Mitgefühl entspringt, das man für Arschlöcher nicht aufbringt. Isso. Schafft man es trotzdem, die Leser bei der Stange zu halten, hat man echt was geschafft. Einfacher ist das andere.

  • Ich glaube auch, dass Empathie das Zauberwort ist und nicht Identifikation, obwohl Letzteres ständig beansprucht wird. Der Leser, die Leserin solle sich mit der Figur identifizieren können.


    Ich glaube, man kann jedes A... als Protagonisten wählen, wenn es einem nur gelingt, den Leser fühlen zu lassen, warum die Figur ein A... ist. Glaubwürdig muss es sein, nachvollziehbar und in den Handlungen und im Charakter muss irgendwie rauskommen, dass der Typ so und nicht anders handeln/reden muss, weil er so und nicht anders sein kann.


    Eine der Rezensionen, die mich deshalb mit am meisten freute, sagte:

    Zitat

    So steigt
    man immer weiter in die kaputte Psyche eines kranken Individuums ab. und
    hat zeitweillig sogar Mitleid mit dem Täter und glaubt ihn zu
    verstehenn, was ich Cordula Hamann hoch anrechne, denn das schafft
    selten ein Autor bei mir.

  • Ich glaube, es genügt, wenn man den Leser immer wieder glauben machen kann, dass eine Veränderung erfolgen könnte bzw. dass das A...loch doch gar kein so großes A...loch ist, wie angenommen.


    Mir schwebt eher vor, dass der Typ immer mehr Arschloch wird und der Leser das auch bald merkt. Ob es mir gelingen kann, so etwas spannend zu schreiben, werden wir sehen. Sollte ich einen längeren Text so hinbekommen, dass ich denke, das könnte klappen, werde ich die BT-Runde nutzen, um mich entweder komplett desillusionieren zu lassen, oder den Mut zum weitermachen zu bekommen.


    Bei der Lovelybooks-Leserunde zu "Endstation Heißen" (der 2. Band der Reihe um Puff & Poggel von Monika und mir) wurde von Teilnehmerinnen bemängelt, dass unser Kommissar Alfred Poggel mit seiner Mitarbeiterin so unglaublich schlecht umging. Unser Hinweis, dass dies in etwa dem Trend der 1950er Jahre entsprach, Frauen so zu behandeln, wurde von einer Mitleserin vehement bestritten. Ihr Opa sei auch nicht so gewesen. Das Entwicklungspotential, dass unserem Protagonisten mitgegeben und auch in diesem Buch schon sichtbar wurde, nahmen die Damen gar nicht mehr zur Kenntnis. In Tateinheit mit einer Prostituierten als Geliebten lief dieser Mann bei Ihnen nicht als positiv besetzter Held.


    Ich halte das Lesen nur unter dem Gesichtspunkt, mich mit irgendeiner Person identifizieren zu können bzw. Empathie für sie zu empfinden, für zu langweilig. Ich denke, es liegt auch eine gewisse Doppelmoral darin. Auf der einen Seite geht der Trend dahin, immer härtere, blutigere, grausamere Krimis oder Thriller zu lesen. Ein Verlag schrieb mir, er suche "kranken Stoff" – und auf der anderen Seite muss der Held positiv besetzt sein. Wenn nicht Jesus, dann zumindest einer seiner Jünger. Oder Maria (aber möglichst nicht als Jungfrau). Entsprechend wird auch die Werbung der Verlage eingesetzt (siehe Anhang: Zwei Plakate zur Werbung für einen Thriller aus dem Jahr 2015).

    Dateien

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    Horst-Dieter Radke: Sagen und Legenden aus Baden

    ASIN/ISBN: 3955403823


    Wir haben sogar Bücher zuzm Totlachen aufzuweisen, von denen ich wünschte, dass die Verfasser die erste Probe an sich gemacht hätten!.
    Carl Julius Weber

    aus: Demokritos


  • Und wie stehts mit ambivalenten Protagonisten? In den vielen vielen HBO-/bzw. Netflix-Serien, die ich mir so da und dort reinziehe, gibts praktisch nur noch ambivalente Protags (z.B., ganz klassisch, Tone aus "Sopranos" oder Walter "Heisenberg" White aus "Braking Bad"). Geht das auch in dt. Romanen?

  • Wenn du ein Buch mit einem Arschloch als Prota schreiben willst, dann mach es einfach - aber mach es gut. Das kannst du ja.
    Es gibt sowieso viel zu viele Übermenschen als Protas. Mal sind sie körperlich schier unbesiegbar (z.B. bei Lee Child), mal bewältigen sie unbeschädigt die schlimmsten Schicksalsschläge, mal sind sie Überflieger auf allen denkbaren Gebieten - und allzu oft sind sie zum Kotzen edel, sanftmütig und gut.
    Wenn wir immer darauf Rücksicht nähmen, was "Gisela", die Inkarnation der Leserinnenmasse, so präferiert, würde endgültig nur noch Schund geschrieben. :D

  • mmhh...ich hab schon viele Bücher mit unsympathischen Helden gelesen. Direkt fallen mir "Stark" von Stephen King ein, "Das Parfüm" von Süßkind...
    Ich konnte mich nicht indentifizieren mit diesen Bösen Helden, fesselten mich aber über ihre merkwürdige Art, ihre klare Überzeugung im Bösesein...es gab hier keine Hoffnung auf Erlösung...


    gerade habe ich bei Google noch nach Romantiteln gesucht, die mir grade nicht einfallen und seht mal, was ich da durch Zufall gefunden habe...zwei "Schreibdilletanten", die über dieses Thema und Dianas Schreibratgeben dazu sprechen:
    https://www.youtube.com/watch?v=WKn-CqrwcA4

    [buch]3866855109[/buch]


    "Sinn mag die äußerste menschliche Verführung sein." - Siri Hustvedt