Lasst Ihr Eure Protagonisten "Lebensweisheiten" von sich geben?

  • Wie haltet Ihr das? Klar, dass gerade beim Ich-Erzähler, der Protagonist auch mal etwas für ihn Allgemeingültiges rausposaunt. Wenn er das innerhalb eines Dialoges macht - kein Problem. Da redet die Figur. Aber wenn er es nur denkt? Redet er dann nicht automatisch mit dem Leser und erhöhe ich als Autor damit nicht automatisch die Distanz zur Figur.


    Konkretes Beispiel:

    Zitat

    Durch das Telefonat mit Hannes war Herr Ziegler bestens informiert, was ich auch ohne Kenntnis dieser Tatsache sofort gemerkt hätte. Menschen haben einen Gesichtsausdruck für bestimmte Situationen, der sich je nach Lebensdrama des Gegenübers unterscheidet. Verlust durch Tod ist der starrste. Es bleibt nicht viel zu sagen. Tot ist tot. Fassungslos, wenn sich der Tod einen jungen Menschen geholt hat. Gleich dahinter kommt die Mimik, wenn man weiß, dass einem jemand gegenübersitzt, der bald oder möglicherweise sterben wird. Erschrecken. Mitleid, aber ein Stück weit nimmt man bereits Abschied.
    Kinder und besonders Baby sind dagegen ein besonderer Fall und wenn sie , wie in unserem Fall, bisher nur verschwunden sind, dann ist die Gefühlsbandbreite am größten. Man hofft mit. Man leidet mit, versucht aufzumuntern und nimmt Anteil am Leben eines fremden Menschen, als gehöre er zur Familie. Der rundliche kleine Mann um die Vierzig stand unerwartet schnell von seinem Stuhl auf, kam mir entgegen, ergriff meine Hand, schloss mit der anderen die Tür hinter mir, und führte mich zu einem Stuhl. Erst dann ließ er meine Hand los und ich konnte meinen Fragenzettel aus der Handtasche nehmen.

  • Mir ist nicht klar, welchen Zweck diese "Belehrung" erfüllen soll. So etwas kommt durchaus nicht selten vor, aber es überzeugt mich nur in den wenigsten Fällen, nämlich dann, wenn mehr als nur die Belehrung des Lesers dabei eine Rolle spielt, etwa wenn man spürt, dass die Erzählerstimme eine Rechtfertigung eines Handels (seines oder eines anderen Protagonisten) damit versucht.

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Räuber und Räuberbanden im deutschsprachigen Raum

    ASIN/ISBN: 3955402649


    "Einen Roman zu schreiben bedeutet vor allem einen massiven Organisationsaufwand."


    Zadie Smith

    SZ Nr. 144, 26./27.6.2021, S. 56

  • Dieser Passus gehört - wenn die Aussagen denn stimmen - in ein Sachbuch. In einem Roman haben derart peinliche Auswüchse von Autoreneitelkeit - schon gar in solchen Formulierungen wie "wie in unserem Fall" - nichts verloren. Wenn du die Informationen für unerlässlich hältst (ich finde ja, es sind überwiegend Binsenweisheiten), könntest du sie in Form eines Dialogs unterbringen. Aber brauchst du sie tatsächlich für deinen Roman? Und machen sie ihn wirklich besser?

  • Möglich, aber gefährlich. Ich finde, solche Reflektionspassagen können überzeugend sein, wenn durch das Nachdenken nicht nur die Information, also "die Lebensweisheit" rübergebracht wird, sondern auch ein Stück vom Charakter der oder des jeweils Nachdenkenden. Sprich: Allein die Tatsache, dass da jemand vor sich hin resümiert, muss zu genau dieser Figur passen, und dann sollte auch an anderer Stelle oder immer mal wieder über den Roman verteilt hervorblitzen, dass wir es mit einer gerne reflektierenden Person zu tun haben. Und dann ist das Reflektieren auch ein Thema des Romans. Oder übertreibe ich da? Sprich auch: Man sollte sich beim Schreiben davor hüten, die eigenen Lebensweisheiten (und eben nicht die der Figur) rauszuhauen. In die Gefahr gerate ich sehr leicht. Ich habe in meinem Projekt eine Figur, die mir u.a. als "Träger für Lebensweisheiten" dient. Sie ist eine "Nachdenkerin" und hat Theorien für alles Mögliche. Ob das gut ist, weiß ich aber nicht, vielleicht fliegt's auch am Ende raus.

  • Also eine Frage kann ich einfach beantworten: Es handelt sich also um IHRE Weisheit, (nicht um die Autorenweisheit) Und diese Reflektion passt natürlich zur Figur (sonst hätte ich sie gar nicht in Erwägung gezogen zu schreiben ). Die Protagonistin reflektiert öfter über die Reaktionen und das Verhalten der Menschen in ihrer Umgebung. Dieses Beobachten hilft ihr dabei, ihr Leben zu "ordnen", das eigene Verhalten auf die (vermeintlichen) Erwartungen
    der anderen abzustimmen. Es passt also durchaus zum Zeigen dieser Figur. In diesem konkreten Fall analysiert die Protagonistin das Begrüßungsverhalten des Behördenmitarbeiters und setzt sie in einen für sie als allgemeingültig erkannten Kontext, den sie in den vorangegangenen Wochen durch ihre Umwelt immer wieder erleben musste. In einen Dialog kann sie das nicht tun. Denn wer würde schon seinem Gegenüber diese Beobachtungen/Analysen ins Gesicht sagen =)


    Aber Eure Reaktionen (von Didis:"derart peinliche Auswüchse von Autoreneitelkeit" sehe ich jetzt mal ab, weil er damit sowas von falsch liegt, siehe vorgenannte Begründung) zeigen deutlich, dass ich besser darauf verzichten sollte. Meine Protagonistin macht sich zwar in diesem Moment wirklich Gedanken darüber, aber was nützt es, wenn der Leser denkt, es handelt sich um die Gedanken der Autorin. Dann lieber lassen.

  • (von Didis:"derart peinliche Auswüchse von Autoreneitelkeit" sehe ich jetzt mal ab, weil er damit sowas von falsch liegt, siehe vorgenannte Begründung)

    Da hast du sicher recht, liebe Cordula, aber es kommt gar nicht drauf an, ob ich recht habe, denn es WIRKT eben eitel, das ist das Problem.

  • Aber Eure Reaktionen (von Didis:"derart peinliche Auswüchse von Autoreneitelkeit" sehe ich jetzt mal ab, weil er damit sowas von falsch liegt, siehe vorgenannte Begründung) zeigen deutlich, dass ich besser darauf verzichten sollte.


    So weit würde ich noch nicht gehen. Oder jedenfalls nicht aufgrund unserer geäußerten Meinungen. Deswegen habe ich ja in meinem Post mit dem unpersönlichen "man" hantiert: Ich kenne ja nur diesen kurzen Passus und habe ansonsten keine oder nicht viel Ahnung von deiner Figur. Und wenn's stimmig ist und zu ihr passt: warum nicht? Soll heißen: wenn es nicht reine Autorenweisheit oder -message ist (klingt so abwertend, ist aber nicht so gemeint), wird der Leser es wohl akzeptieren. Ganz trennen kann man Figuren- und Autorenweisheit auch nicht voneinander. Und wozu auch? Es gibt durchaus Autoren, von denen ich mir gerne ein bisschen Weisheit via irgendeine ihrer Figuren "verpassen" lasse. Ian McEwan würde mir da spontan einfallen, mit etwas Nachdenken sicher auch noch andere. Man muss es halt "nur" verdammt geschickt anstellen.

  • Ich könnte solche Aussagen als Leser nur ertragen und mit Genuss lesen, wenn sie ironisch oder besser: humorvoll gebrochen wären, also wenn die Ich-Person gar nicht in der Lage wäre, Gefühle zu empfinden oder zu zeigen; diese Aussagen wären dann ein komischer Beweis für ihre Unfähigkeit. Wenn aber der Inhalt dieser Aussagen unbedingt den Leser erreichen soll, kann man ihn ja auch indirekt verkünden, indem die Ich-Person zum Beispiel ihre Zweifel oder Probleme äußert, genau zu wissen, wie Menschen ihre Gefühle im Extremfall ausdrücken - und gerade durch diese Zweifel zeigt und den Leser überzeugt, dass sie dazu sehr wohl in der Lage ist.

  • Zitat

    Wenn aber der Inhalt dieser Aussagen unbedingt den Leser erreichen soll,

    nöö. Eigentlich ist mir der Inhalt nicht wichtig, sondern wie ich oben versucht habe zu erklären, eher die Tatsache, dass die Protagonistin sich darüber Gedanken gemacht hat, wie Menschen anderen Menschen begegnen, von denen sie Dramtisches erfahren haben (sterbenskrank, jemand gestorben oder eben Kind entführt). Ich glaube, dass meine Protagonisten sich vor der Entführung keinerlei Gedanken darüber gemacht hat bzw. die Mimik der Menschen daraufhin nicht so beobachtet hat. Also es geht schon darum, etwas von der Protagonistin zu zeigen.


    Zweifel haben lassen, sich selbst Fragen stellen ... das sind ja übliche Methoden (die vielleicht besser funktionieren als die hier von mir vorgetragene )

  • Das Sinnieren über den Gesichtsausdruck angesichts von Katastrophen würde ich jetzt nicht per se verteufeln, auch nicht im Falle dieses Ich-Erzählers. Damit das für mich glaubhaft wird, müsste der zitierte Absatz aber deutlich personalisiert werden. Leider kenne ich den rest des Buches nicht, sodass ich sagen könnte "so oder so wäre es besser". Es muss ja zum Rest passen. Momentan wirkt der Text sehr hm neutral und analytisch, als würde er in ein Sachbuch gehören.


    Ich würde von einem Ich-Erzähler erwarten, dass er persönlicher mit diesem Sinnieren umgeht. Ein Überraschtwerden von der Reaktion des Gegenübers und dann ein Vergleich mit der Reaktion anderer Leute in anderen Situationen z.B. Oder auch ein Staunen über die Empathie, mit der der andere reagiert. Äh, ich hoffe, du weißt, was ich meine. Im Moment wirkt das Zitat unglaubwürdig für den Ich-Erzähler.

  • Stimme mit Horst-Dieter überein. Ergänzend: Es geht ja beim Ich in der Form um ein künstliches Ich, nicht um Dich selbst bzw. um den Autoren, der dabei eigene Ansichten einfließen lässt - und da nun mal so einige Menschen mit vielen Erklärungen, Weisheiten usw. im Kopf rumlaufen, gibt die Äusserung derselben doch einen sogar subtilen Eindruck von der Ich-Person. Entsteht Distanz? Das kommt auf den Kontext an. Sind die Gedanken eine Reaktion auf ein Ereignis, oder sind durch ein Ereignis entstanden, können sie sogar eine Perspektive für den Leser geben, wenn er unvoreingenommen ist - oder Verständnis dafür aufrufen, wieso sich jemand an stereotype Phrasen halten will - oder zeigt auf, dass die Ich-Person nicht willens ist, auf eine Situation wirklich einzugehen und es mit Oberflächlichkeit abwehrt. ja - also mal ins Extreme gedacht, könnte eine Figur entstehen, - das entspricht jetzt nicht dem Lesebeispiel aber mal ins Extreme gedacht - die ohne eigene Orientierung, dumm, platt - eventuell auch arrogant voll von Phrasen im Kopf ist, die ihr selbst nie wirklich geholfen haben, aber an denen sie glauben will und darum damit beschäftigt ist, sie zu verbreiten. - Also Fazit: Wenn die Ich-Person eine abstrakte Menschenperson ist, kann es nützlich sein - soll sie aber ein total abgeklärter Typ höchsten Intellekts darstellen - dann wohl weniger - bzw. dann wirds echt schwierig.

  • Das Sinnieren über den Gesichtsausdruck angesichts von Katastrophen würde ich jetzt nicht per se verteufeln, auch nicht im Falle dieses Ich-Erzählers. Damit das für mich glaubhaft wird, müsste der zitierte Absatz aber deutlich personalisiert werden. Leider kenne ich den rest des Buches nicht, sodass ich sagen könnte "so oder so wäre es besser". Es muss ja zum Rest passen. Momentan wirkt der Text sehr hm neutral und analytisch, als würde er in ein Sachbuch gehören.


    Ich würde von einem Ich-Erzähler erwarten, dass er persönlicher mit diesem Sinnieren umgeht. Ein Überraschtwerden von der Reaktion des Gegenübers und dann ein Vergleich mit der Reaktion anderer Leute in anderen Situationen z.B. Oder auch ein Staunen über die Empathie, mit der der andere reagiert. Äh, ich hoffe, du weißt, was ich meine. Im Moment wirkt das Zitat unglaubwürdig für den Ich-Erzähler.

    Ich glaube die Grenze liegt da, wo der Eindruck entsteht, dass die Ich-Person den Leser davon überzeugen will, sich direkt an ihn wendet. ist man dagegen in der Lage, es als eigenständiges Denken der Ich-Person - wie ein mit sich selbst reden oder sinnieren darzustellen, dann sieht das ganz anders aus. Ich glaube genau in dem Punkt wird es schwierig, was aber nicht heißen soll, dass man es darum ganz bleiben lassen soll.