Sind Adjektive böse?

  • Neuerdings sind wieder die Regelbewahrer zu hören, die als einzige Erzählform das "Show" gelten lassen und denen das "Tell" zuwider ist. Dementsprechend finden auch Adjektive keine Gnade vor Ihren Augen. Dabei haben doch "Erzählung" und "Erzähler" das "tell" bereits im Wort! Ludwig Reiners wird genannt, der seine Vorkriegs-Stilkunst stilgerecht von anderen genommen hat und mit dem Herrn Malte vom Literaturcafe gemein hat, das Adjektiven misstraut werden soll. Es ist ja nicht so, das Falsches in der Stilkunst steht, aber es steht eben auch nicht alles drin und erfreulicherweise halten sich auch nicht alle Schriftsteller daran. Was hätten wir für eine Literatur, wenn jeder Autor mit reduzierter Sprache nur noch "Show" machen würde?

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Sagen & Legenden aus Franken

    ASIN/ISBN: 3955403602


    Mit Büchern können Sie meistens nicht viel verdienen. Aber ich komme in Kontakt mit anderen Menschen, und Buchveranstaltungen sind sehr viel besser als Rockfestivals.


    Billy Bragg (* 1957)

    Süddeutsche Zeitung Nr. 281 – 4. Dezember 2020, S. 26

  • Das Falsche an jeder "Stilkunst" liegt darin, dass irgendwas Beliebiges (was die Ratgeber selbst gar nicht durchschauen) zur allgemeingültigen Norm erhoben wird. Wer kann denn überhaupt den Reiners lesen? Das ist doch eine durch und durch unerträgliche Lektüre, die den Leser ständig mit Imperativen terrorisiert ("Die zwanzig Verbote"). Im Prolog ;-) steht: Das "Werk" kann "Ihr Denken verbessern" - wer daran glaubt, dass man durch Befolgen unbegründeter Aufforderungen sein Denken verbessert: Na denn viel Spaß.
    Aber in Reiners "Stilkunst" werden die Normen nicht nur im Kommissstil gebellt: Der Kommissstil ist gerade die anempfohlene Norm. Sich kurz zu fassen, auf alle Verzierungen zu verzichten: Genauso erwartet der Offizier den Bericht vom Kundschafter, in diesem "Stil" sollen Befehle erteilt werden.
    Wenn der Reiners gegen die Häufung von Adjektiven wettert, wen präsentiert er als abschreckendes Beispiel: Jean Paul. Damit ist doch schon alles gesagt. Diese "Kommissstilkunst" ist nichts weniger als "Kunst", sie will die Literatur abschaffen.

  • Das "Befolgen von Regeln" kann für eine Weile eine hilfreiche Sache sein, und der Ausbildung von Fähigkeiten dienen. Auch so etwas wie die Stilkunst von Ludwig Reiners. Es kann insofern das Denken verbessern, dass man sich mit den angegebenen Regeln auseinandersetzt. Dazu muss man aber kritisch denken können, insofern, als man jede Regel hinterfragt. Dann kann man sich von solch einem Regelwerk auch wieder lösen und hat tatsächlich aus der Beschäftigung damit Gewinn gezogen. Leider funktioniert das nicht immer, so dass Regelwächter – Fundamentalisten eben – übrig bleiben, die Regelverstöße suchen und ahnden.

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  • insofern, als man jede Regel hinterfragt


    Sehr richtig! Und zwar in jedem einzelnen Fall neu und extra. Denn manchmal haben Adverbien, wie Jürgen ja schon im anderen Fred sehr treffend anmerkte, auch andere Funktionen wie etwa die Satzmelodie. Auf also zum fröhlichen und begründeten oder auch einfach nur mal gefühlsmäßigem aber doch durchdachtem und bewusstem Regelbruch!

  • Zitat

    Was hätten wir für eine Literatur, wenn jeder Autor mit reduzierter Sprache nur noch "Show" machen würde?

    Hierdrin sehe ich eines der Hauptargumente gegen ein Verteufeln von Adjektiven. Denn würde ein Autor ausschließlich "show" schreiben, muss er mit zwar reduzierter Sprache ingesamt aber "geschwätzig" und ausufert werden. Im letzten BT hatte jemand das Beispiel "bunte Wiese" gebracht. Adjektive schaffen sehr wohl auch Bilder, jeder Leser hat eines vor Augen, wenn er die Protagonisten über eine bunte Wiese laufen sieht. Er riecht förmlich den Duft. Er weiß, dass es weder Winter noch Herbst noch frühes Frühjahr sein kann. Er weiß, dass diese Wiese nicht nur Gras hat, sondern viele unterschiedliche Blumen dazwischen gerade blühen.
    Natürlich kann der Autor das Bild anders schaffen, eben durch "show". Was, wenn aber die Atmosphäre bei der Textstelle gar nicht das Wichtigste ist, der Autor aber neben die anderen wichtigen Inhalte (z.B. Handlung, Beziehung und/oder Emotionen) nicht darauf verzichten will? Zum "Zeigen" einer bunten Wiese reicht nicht nur ein Wort. Wo bleibt der richtige Filter für den Leser, wenn der Autor jedes Sache, die ihm wichtig ist, zeigen muss, statt gezielte Adjektive zu nutzen? Er müsste alles zeigen und eine (beabsichtigte) Wertigkeit des Gezeigten würde sich automatisch verlieren.

  • Niemand hat von Regeln gesprochen, die es unbedingt einzuhalten gibt, niemand hier verdammt alle Adjektive als Unwörter. Auf die Dosis kommt es an. Es zeigt eben nicht von schreiberischem Talent, wenn es in Texten nur so wimmelt von: Adjektiven, Füllwörtern, schwachen oder noch schlimmer Hilfsverben, Passivkonstrukten, substantivierten Verben oder wenn jeder zweite Nebensatz mit "dass" eingeleitet wird. Das hat nichts mit Regeln zu tun, sondern mit gutem Stil. Also bitte beenden wir diese unsinnige Debatte. Wir wollen besser schreiben, deshalb sind wir hier und nicht um mangelhafte Texte gut zu quatschen.

  • .... gutzuquatschen, ein Wort, da "gut" das Ziel von "quatschen" ist, es kommt eben auf guten Stil an - wobei, ähem, ja gut, ich nehme alles zurück, nach der jetzt gültigen Regel kann man auch "gut quatschen" schreiben, wenn man "gutquatschen" meint. Nichts für ungut.

  • Niemand hat von Regeln gesprochen, die es unbedingt einzuhalten gibt,


    So plakativ, wie das als "Behauptung" immer wieder präsentiert wird, kann man schon von "Regeln" sprechen. Es wollte auch niemand eine Mauer bauen. ;)


    Zitat


    niemand hier verdammt alle Adjektive als Unwörter. Auf die Dosis kommt es an. Es zeigt eben nicht von schreiberischem Talent, wenn es in Texten nur so wimmelt von: Adjektiven, Füllwörtern, schwachen oder noch schlimmer Hilfsverben, Passivkonstrukten, substantivierten Verben oder wenn jeder zweite Nebensatz mit "dass" eingeleitet wird.


    Wenn das alles in der Summe vorkommt, dann kann tatsächlich darüber diskutiert werden, ob der Text in Ordnung ist. Die Talentfrage allein daran aufzuhängen ist aber schon wieder überzogen. Außerdem scheint es mir, dass bereits das Auftreten eines dieser Faktoren reicht, um einen Text zu verdammen.


    Zitat


    Das hat nichts mit Regeln zu tun, sondern mit gutem Stil. Also bitte beenden wir diese unsinnige Debatte. Wir wollen besser schreiben, deshalb sind wir hier und nicht um mangelhafte Texte gut zu quatschen.


    So unsinnig ist die Debatte nicht. Allein deshalb schon nicht, weil plötzlich wieder der "gute Stil" hervorgehoben wird. Jürgen schrieb es ja schon: Jean Paul fiele dann bereits heraus. E.T.A. Hoffmann übrigens auch. Beide liebten Adjektive und setzten sie keineswegs sparsam ein. Der "gute Stil" ist in etwa zu bewerten wie der "gesunde Menschenverstand". Nämlich gar nicht, weil beides nicht objektiv zu fassen ist. Und wenn, dann nur mit einer gehörigen weiten Auslegung.

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  • Man sollte meines Erachtens die Adjektivfrage nicht mit dem Tell-Show-Dualismus vermengen. Entscheidend ist, finde ich, die Erzählperspektive und -absicht. Beispiel: "Er spricht hastig." "Hastig" ist das Adjektiv in der Adverbialstellung des Satzes (scheint somit auf den ersten Blick ein "Tell"-Moment zu sein). Aber: jedes Wort in einer literarischen Geschichte verweist (mindestens) in zwei Richtungen: Einmal beschreibt es die Art und Weise, wie einer spricht. Zum zweiten und wichtiger aber verweist es auf den Erzähler zurück, es charakterisiert den Erzähler, der in diesem Moment gerade das Wort "hastig" benutzt, um das Sprechen einer Person (oder sogar von ihm selbst, wenn er ein personaler Er-Erzähler ist) zu charakterisieren (damit hätte es, wenn man so will, auch einen Show-Anteil). Meine These: Ein literarischer Text wird gut, wenn die Adjektive u.a. auch diese zweite erzählerische Funktion übernehmen.

  • Schön gesagt, Cordula.





    Manuela, Jürgen:
    es gibt keinen guten oder schlechten Stil, es sei denn, man eine besondere
    Stilrichtung des Schreibens zur Verherrlichung freigeben.



    Es gibt eben nur ein funktionierender oder ein nicht
    funktionierender Stil. Beide unterscheiden sich darin, ob es genügend Leser
    findet, die anschließend den Sinn der Erzählung, den Sinn einer Geschichte oder
    was auch immer das Ziel eines Textes war, wiedergeben können.


  • Es gibt eben nur ein funktionierender oder ein nicht
    funktionierender Stil. Beide unterscheiden sich darin, ob es genügend Leser
    findet, die anschließend den Sinn der Erzählung, den Sinn einer Geschichte oder
    was auch immer das Ziel eines Textes war, wiedergeben können.


    Die Anzahl der Leser als Maßstab dafür zu nehmen, dass ein Text gut ist? Das halte ich persönlich für eine völlige Überschätzung des Lesers. Und selbstverständlich darf über guten und schlechten Stil diskutiert werden! Einzig gegen ein Regelwerk für "guten Stil" begehre ich auf.

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  • Aber in Reiners "Stilkunst" werden die Normen nicht nur im Kommissstil gebellt: Der Kommissstil ist gerade die anempfohlene Norm. Sich kurz zu fassen, auf alle Verzierungen zu verzichten: Genauso erwartet der Offizier den Bericht vom Kundschafter, in diesem "Stil" sollen Befehle erteilt werden.

    "Kurz, knapp und präzise" habe der Soldat sich auszudrücken, steht es noch heute in irgendeiner Dienstvorschrift (weiß nicht mehr die Nummer - zu lang her) Mein Freund und literarischer Mentor Jochen Missfeldt https://de.wikipedia.org/wiki/Jochen_Missfeldt hat mir seinerzeit bei der Durchsicht meiner allerersten Manuskripte um die Ohren gehauen: "Bundeswehr-Sprech ist Schlechtsprech".

    Diese "Kommissstilkunst" ist nichts weniger als "Kunst", sie will die Literatur abschaffen.

    Exakt. Besser kann man es nicht sagen.

  • Man sollte meines Erachtens die Adjektivfrage nicht mit dem Tell-Show-Dualismus vermengen. Entscheidend ist, finde ich, die Erzählperspektive und -absicht.(...) Meine These: Ein literarischer Text wird gut, wenn die Adjektive u.a. auch diese zweite erzählerische Funktion übernehmen.

    :dhoch :chapeau

  • Ich hab ein ziemlich zwiespältiges Verhältnis zu Adjektiven. Für mich selbst versuche ich sie zu vermeiden bzw. äußerst sparsam mit ihnen umzugehen. Es gibt in meinen Augen elegantere Möglichkeiten, sowohl den Erzähler als auch die Erzählung zu charakterisieren. Und adjektivarm muss ja nicht gleich Kasernenhof bedeuten.


    Meine eigene Regel, so für mich: Adjektive sind nicht böse, aber gefährlich. Sie übertünchen oft Mängel im Text, sie blähen Texte oft auf, sie nehmen oft Tempo und Kraft raus.


  • Meine eigene Regel, so für mich: Adjektive sind nicht böse, aber gefährlich. Sie übertünchen oft Mängel im Text, sie blähen Texte oft auf, sie nehmen oft Tempo und Kraft raus.


    Damit beschreibst du die Schattenseiten der Adjektive. Das ist nicht falsch, aber einseitig. Die positiven Seiten fallen meistens unter den Tisch. Die meisten Kritiker wissen sie oft gar nicht zu benennen.

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  • Manuela trifft es für mich genau auf den Punkt.
    Ihr könnt von mir aus einen weiteren Verein gründen, der sich dem Schutz des Adjektivs widmet. Mit möglichst vielen Mitgliedern, denn in einer großen Gruppe fühlt man sich schnell bestätigt. Das ändert aber nichts daran, dass falscher und übermäßiger Einsatz von Adjektiven eher charakteristisch für Trivialliteratur ist.
    Dann kommen natürlich gleich wieder Schlaumeier gerannt und fragen, wer denn bestimme was trivial und gut und böse sei. Die Stilkunst ist ja auch nur der prominenteste Titel, sämtliche Werke, die sich mit dem Schreibstil befassen, formulieren eine kritische Haltung gegenüber Adjektiven, was aber - wie schon tausendmal angemerkt- nicht einem Verbot oder einem Verteufeln gleichkommt. Es geht um den bewussten und präzisen Einsatz. Und natürlich kann ein Adjektiv beispielsweise auch klangliche Beiträge leisten.
    Aber wie heißt es hier so oft? "Ihr seid im öffentlichen Bereich", denn manche Argumente gehen schon ein bisschen ins Peinliche für eine Autorengruppe.


    Grüße


  • Aber wie heißt es hier so oft? "Ihr seid im öffentlichen Bereich", denn manche Argumente gehen schon ein bisschen ins Peinliche für eine Autorengruppe.


    Grüße


    Peinlich ist es eher, wenn man festlegen will, was man in einer Autorengruppe diskutieren darf und was nicht.

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