Ansprüche an einen Grammatik-Roman

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    Bei Lovelybooks startet gerade eine Leserunde mit der Autorin Angelika Jodl zu ihrem Roman "Die Grammatik der Rennpferde", ausdrücklich ein Roman über das Thema Grammatik.


    Schon als Kind war ich sonderbarerweise in Grammatik verliebt. Es mag daran gelegen haben, dass ich endlich einmal ungestraft mit Buntstiften Kreise und Striche in mein Schreibheft malen und den Wörtern bunte Namen geben durfte wie "adverbiale Bestimmung der Zeit", "Genitivattribut" oder - ganz banal - "Artikel". Von dieser kindlichen Leidenschaft getrieben, habe ich mich für die Leserunde beworben und wurde ausgewählt. Jippie. Die Leseprobe zog mich auch sogleich in ihren Bann. Wie da die Lehrerin Salli ihren fremdsprachigen erwachsenen Schülern die ersten Grundzüge unserer Sprache erklärt, das hat mir von Anfang an Freude gemacht.


    Doch dann das.
    Auf Seite 18 dieser - für meine Begriffe - Fauxpas:

    Zitat

    Er war daran gewohnt, dass man auf seine Stimme hörte ...


    Mein Sprachempfinden sagt: Er war _es_ gewohnt - und glaube ich dem Zwiebelfisch-ABC, dann liege ich damit richtig. Die Gewohnheit ist ein Zustand, dem ein Prozess der Gewöhnung voranging.


    Doch auf gewohnt vs. gewöhnt will ich gar nicht hinaus. Mir geht es um Grundlegenderes. Deshalb meine Frage in die Runde: Mit welchem Anspruch an Grammatik/Sprache darf oder muss ich an ein Buch gehen, das auf dem Rücken über sich selbst sagt: "Eine Geschichte über die Unberechenbarkeit der Liebe, die Geheimnisse der deutschen Sprache und darüber, warum das Leben manchmal gestreift ist."
    Soll ich diesen Patzer als Tippfehler abtun?

  • Liebe Andrea, jetzt wird's spannend. Ich meine schon, dass gewohnt passt und würde eher das "daran" streichen.
    Er war gewohnt, dass man...
    Wenn du gewöhnt einsetzt, bekommt der Satz eine andere Bedeutung: Er hatte sich daran gewöhnt, dass man ...


    Im ersten Fall meint man, dass man nolens volens und ohne eigenes Dazutun einen Zustand kennt und akzeptiert hat.
    Im zweiten Fall aber ist man selbst an der Gewöhnung beteiligt, man gewöhnt sich daran, d.h. man hat den Zustand der Gewöhnung durch einen aktiven Prozess erworben.


    Die Grammatik tritt hier hinter die Funktion zurück, so wie man in der Architektur sagt "Die Form folgt der Funktion."


    Alle Klarheiten restlos beseitigt?
    Liebe Grüße, Bettina

  • Ja, genau, Bettina, die Kombination aus "daran" und "gewohnt" stört mich.
    Er war gewohnt ...
    Er war es gewohnt ...
    Aber nicht
    Er war daran gewohnt ...


    Ich habe in meinem Beispiel wohl schlicht das falsche Wort fett gesetzt. Wir meinen dasselbe.


    Und was sagst Du zu meiner Frage? Welche Ansprüche darf ich stellen an einen solchen Roman?

  • Es ist eben ein Roman, da zählt die "dichterische Freiheit". Es kommt darauf an, wie sehr die Verfasserin die Grammatik in den Vordergrund stellt. Ehrlich gesagt, hätte ich nicht allzu hohe Erwartungen. Aber wenn man Jürgen glaubt, - entschuldige, Jürgen - dann spielt Grammatik, wie wir sie gelernt haben, keine wichtige Rolle mehr. :pop2

  • Hier ist der Autorin und den Lektoren ein Fehler nicht aufgefallen - so würde ich das sehen. Es ist ganz offensichtlich, dass bei der gewählten Formulierung die beiden Umlautpünktchen auf dem o fehlen.


    Zu deiner Frage: An JEDEN Roman, an ALLES Geschriebene, ist der Anspruch auf Sprachrichtigkeit zu stellen. Mehr ist dazu nicht zu sagen.

  • Didi, Linda, Statements wie eure wollte ich hören ;)


    Aber so soll es nicht rüberkommen. Ich will nicht (ausschließlich) meine Haltung bestätigt sehen, sondern fragen, ob für einen Roman wie diesen strengere Maßstäbe anzulegen sind.


    Es ist eben ein Roman, da zählt die "dichterische Freiheit". Es kommt darauf an, wie sehr die Verfasserin die Grammatik in den Vordergrund stellt.


    Sie stellt die Grammatik in den Vorder-Vordergrund. Gerade deshalb stieß mir dieser Fehler so auf. Bei jedem anderen Roman hätte ich vielleicht darüber hinweggelesen (und hätte wieder einmal aufs Lektorat geschimpft ;) ).

  • Naja, ich würde Autorin und Lektorat nicht gleich den Todesstoß dafür versetzen, dass nun in einem Satz von ganz ganz vielen ein Fehler übersehen wurde. Das hätte jedem anderen Verfasser auch passieren können, ist es auch schon und wird es wieder. Da gibt's doch diesen Spruch mit dem Auge und dem Balken. Wie ging der noch gleich? :kratz2


    Natürlich stört man sich bei einem Buch, das von sich selbst behauptet, "die Geheimnisse der deutschen Sprache" zu enthalten, ein klein wenig mehr. Ich würde mir aber den Lesespaß, von dem du schreibst, Andrea, nicht davon kaputtmachen lassen. Anscheinend kann sie ja doch ganz passabel schreiben und erzählen. Das ist doch etwas besonderes. Es gibt Leute, die veröffentlichen Bücher, ohne schreiben und erzählen zu können.


    Aber um deine Frage zu beantworten: Geh mit hohem Anspruch an das Buch, aber rechne wie immer damit, dass Leute Fehler machen.


    So. Das war das Wort zum Sonntag. Dabei ist erst Dienstag. Auch falsch. Egal. ;)

  • Christoph, deinem Wort zum Sonntag setze ich nur noch ein Amen hinten dran. Fehler passieren. Ich bin es mittlerweile gewöhnt, dass ich nach dem x-ten Durchgang immer noch Tomaten auf den Augen habe und dass auch die Lektorin nicht alles findet.

  • Ich bin daran gewohnt, dass er immer schnarcht


    das ist nach meinem Sprachempfinden ein völlig normaler Satz. Er bezeichnet etwas, was derart vertraut ist, dass es zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Ob der Satz in dem Text so gemeint ist, weiss ich natürlich nicht, aber im süddeutschen Sprachraum hört man so was öfter.


    "Stört dich das Gekreische nicht?"
    "Ich bin längst daran gewohnt" (resigniertes Achselzucken)

  • Ich bin daran gewohnt, dass er immer schnarcht


    "Ich bin daran gew
    öhnt, dass er immer schnarcht" oder "Ich bin es gewohnt, dass er immer schnarcht."

    (...) im süddeutschen Sprachraum hört man so was öfter.

    Das macht es nicht richtiger. "Ei Karle, gut, des mir des Müsli gesse hent" hat - dem Himmel sei Dank - noch keinen Eingang in die deutsche Grammatik gefunden, obwohl es tatsächlich Menschen geben soll, die so reden. Das ist bestenfalls Mundart und keine Vorlage für ein Lektorat.

    "Ich bin längst daran gewohnt" (resigniertes Achselzucken)

    Ob mit oder ohne Achselzucken - auch das ist schlicht falsch. Und hätte ebenfalls in einem Buch mit Grammatik-Intentionen rein gar nichts verloren. Im Hintertupfinger Ortsblatt wär´s allerdings wurscht. :D

  • "Ei Karle, gut, des mir des Müsli gesse hent"


    :rofl Und "an etwas gewohnt sein" ist echt komplett falsch. Aber wenn der Roman ansonsten lesbar ist, war`s wohl ein Versehen. Klar, fällt bei dem Thema natürlich doppelt auf.


    Darf ich was anderes fragen? Was ist denn Eurer Meinung nach der Unterschied zwischen "an etwas gewöhnt sein" und "etwas gewohnt sein"? Ist "gewöhnt sein" mehr so ein Sich-Dreinfinden in etwas eher Negatives (z.B. Schnarchen) und geht "gewohnt sein" mit einem Anspruch auf etwas Positives einher (z.B. Applaus gewohnt sein)? Nach meinem Sprachempfinden liegt da der Unterschied.


  • Darf ich was anderes fragen? Was ist denn Eurer Meinung nach der Unterschied zwischen "an etwas gewöhnt sein" und "etwas gewohnt sein"? Ist "gewöhnt sein" mehr so ein Sich-Dreinfinden in etwas eher Negatives (z.B. Schnarchen) und geht "gewohnt sein" mit einem Anspruch auf etwas Positives einher (z.B. Applaus gewohnt sein)? Nach meinem Sprachempfinden liegt da der Unterschied.

    Da liegst du auch ganz richtig. Bastian Sick sagt es im Zwiebelfisch so:


    Gewöhnt und gewohnt ist nicht dasselbe. Gewöhnt kommt von Gewöhnung, gewohnt hat mit Gewohnheit zu tun. Wer sich an etwas gewöhnt, der macht sich mit etwas vertraut, findet sich mit etwas ab, gewinnt es womöglich sogar lieb. Wer etwas gewohnt ist, der kennt etwas, hat Übung und Erfahrung darin, was aber noch lange nicht heißen muss, dass er es deswegen auch schätzt. Gewöhnt wird immer mit der Präposition "an" gebraucht, gewohnt hingegen nicht.

    Liebling, ich hab mich so an dich gewöhnt!
    Nur langsam hatte er sich an das harte Leben gewöhnt.
    Es dauerte nicht lange, da hatten sich Tiere an die neue Umgebung gewöhnt.


    Sie sind es gewohnt, bei schönem Wetter im Freien zu frühstücken.
    Ein solch hartes Leben war er vorher nicht gewohnt gewesen.
    Elke war es gewohnt, von den Männern versetzt zu werden, aber daran gewöhnen konnte sie sich nie.

  • M.E. werden viele Wörter der deutschen Sprache mehr und mehr Opfer einer ungenaueren, angeblich moderneren Ausdrucksweise. Und dabei ist es ihnen auch völlig egal, ob es das Wort gibt oder nicht. Das ist wie bei den Jeans mit Rissen, einer beginnt, die anderen folgen.
    Meine wirklich nette, junge Lektorin hat mir das Wort Spülbecken zu Spüle verunstaltet. Aber in den 60igern gab es noch keine Spüle, da hieß das Ding Spülbecken. Aber ich habe darauf bestanden. Und da manchmal die Lektoren/Innen viel jünger sind als die Autoren, kennen sie viele Worte einfach nicht mehr. Aber wer sich als Autor/In vorwagt und über die deutsche Grammatik schreibt, sollte diese schon beherrschen. ?!?Linda

  • Didi: es ist doch ganz einfach. Gewohnt ist passiv, gewöhnt ist aktiv, habe ich oben schon erklärt.
    Die Gewohnheit ist das, was mit einem passiert. Das Gewöhnen vollzieht man aktiv selbst.
    Linda: da bin ich ganz auf deiner Seite . Wir sind ja etwa gleich alt und haben ähnliche Erfahrungen. Das müssen Lektoren schon akzeptieren.


  • Was sie wohl zum "Spülstein" gesagt hätte? :kratz2


    Oder zur Waschküche.

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    Horst-Dieter Radke: Sagen & Legenden aus Franken

    ASIN/ISBN: 3955403602


    Mit Büchern können Sie meistens nicht viel verdienen. Aber ich komme in Kontakt mit anderen Menschen, und Buchveranstaltungen sind sehr viel besser als Rockfestivals.


    Billy Bragg (* 1957)

    Süddeutsche Zeitung Nr. 281 – 4. Dezember 2020, S. 26