Meine Hauptfigur hat kein Gesicht!

  • Ich frage hiermit mal in die Runde, ob jemand Lust hat auf eine Diskussion darüber, wie viel "Gesicht" ein Protagonist braucht, soll heißen, wie viel äußerliche Beschreibung notwendig ist, damit der Leser sich wohlfühlt.


    Ich plage mich nämlich gerade mit Selbstzweifeln, ob ich in meinem Roman (ein psychologischer Beziehungsroman) überdezent vorgehe, was das angeht. Der Leser erfährt natürlich, was für ein Typ der Ich-Erzähler ist, aber schön peu à peu und immer indirekt. Dass er nicht unattraktiv ist, merkt man natürlich daran, dass die Frau, in die er sich verliebt, auch auf ihn anspringt (und dass später in einem Nebensatz die junge Kollegin seiner Freundin gerne mal rot wird, wenn sie ihn sieht). Dass er sportlich ist, erschließt sich aus der Beobachtung, dass er gelegentlich Sport treibt. Dass er dabei nicht perfekt ist, soll eine kleine Bemerkung einer Freundin zeigen, die ihn mit einem eventuell beginnenden Bäuchlein aufzieht. Was natürlich sympathisch sein soll. Den Kleidungsstil zeigen auch eher unauffällig eingestreute Hints über Boxershorts, Jeans oder Lederjacke (fährt Motorrad) etc. Sein Alter ist vom ersten Kapitel an bekannt, aber jüngst fiel mir auf, dass im ganzen Buch nichts über die Augenfarbe oder die Haarfarbe steht. Ich selbst kenne natürlich seine Augen- und Haarfarbe ;-)


    Ich denke, es hängt damit zusammen, wie ich selber lese. Im besten Fall läuft beim Lesen ja ein Film ab, und mir persönlich ist es am liebsten, wenn mir als Leser freisteht, ob ich den Film mit Charly Hübner oder Ben Stiller besetze (bzw. mit Emma Watson oder Meret Becker)Ich möchte mit anderen Worten dem Leser nicht in seine Projektion reinfunken. Trotzdem frage ich mich: wie wenig ist zu wenig? Mal abgesehen davon, dass mir außer dem doofen Spiegeltrick nur wenig einfällt, wie ich das mit der Haarfarbe löse - ich hätte schon ganz gern, dass der Leser weiß, ob mein Erzähler blond oder dunkel ist.


    Wie seht Ihr das, und wie haltet Ihr es beim Schreiben? Wird überhaupt deutlich, worauf ich hinaus will? Vielleicht fällt Euch ja etwas dazu ein - würde mich freuen!

  • Hallo, Kristin.


    Ich bin ein großer Freund davon, Figuren, was ihre Äußerlichkeiten anbetrifft, nur in ein, zwei (Neben-)Sätzen zu skizzieren und den Rest der Handlung, also der Interaktion mit den anderen Figuren zu überlassen. Also weitgehend so, wie Du es jetzt gemacht hast. Gelegentlich baue ich einen plakativen, vermutlich nur mäßig hilfreichen Vergleich ein. Für relativ wichtig halte ich, dass man das Alter halbwegs abschätzen kann und dass der körperliche Allgemeinzustand erahnbar ist. Alles andere ist Kür - oder nur dann notwendig, wenn es tatsächlich eine Rolle spielt. Ein dünner Mensch macht keine Diät, es sei denn, er leidet unter einer psychischen Störung. Eine übergewichtige Person nimmt eher nicht an Marathonläufen teil (oder vielleicht genau deswegen). Und so weiter.
    Aber ich bin ein großer Fan von originellen Merkmalen.

  • Du hast deine (wichtige!) Frage eigentlich schon weitgehend selbst beantwortet, liebe Kristin. Wenn du mit Informationen über die Äußerlichkeiten der handelnden Personen tatsächlich so verfährst:
    Der Leser erfährt natürlich, was für ein Typ der Ich-Erzähler ist, aber schön peu à peu und immer indirekt.,
    machst du es ja absolut richtig. Schlechte Literatur erkennt man auch daran, dass dem Autor daran gelegen ist, gleich bei Einführung von Personen deren Äußeres detailliert zu beschreiben, nicht selten gar mit fürchterlichem Infodumping, das nicht einmal vor genauen Maßangaben zur Körpergröße zurückschreckt. Meist sind das Schreiberlinge, die ihrer eigenen Erzählkunst (wohl zu recht) nicht trauen und damit nichts anderes tun, als den Leser zu langweilen.


    Ich möchte mit anderen Worten dem Leser nicht in seine Projektion reinfunken.
    Das ist, finde ich, genau der richtige Ansatz.
    Dieses Kopfkino beim Leser hat der Autor nach besten Kräften zu fördern, ja, zu befeuern. Das ist es doch, was uns an einem Buch kleben lässt, dass wir uns die vom Autor geschaffenen Figuren selbst "ausmalen" können. Ein "zu wenig" gibt es eher selten, dafür viel zu oft ein "viel zu viel". Und ob man wissen muss, ob Person X blonde oder braune Haare hat, lasse ich mal dahingestellt. Im Falle der Verfilmung (ach, wann ruft endlich mal jemand deswegen bei mir an ...) pfeifen die eh darauf und nehmen die Akteure, die sie für richtig halten. Denk allein mal daran, wie unterschiedlich Krister Hendriksson und Kenneth Branagh aussehen, welch unterschiedliche Typen sie sind, und dennoch passen sie beide für die Wallander-Besetzung. Solche Beispiele gibt es viele. Sie weisen darauf hin, dass wir Autoren in der Regel die Beschreibung des Äußeren unserer Figuren überbewerten. Es gilt vielmehr, sie kunstvoll und immer im guten alten "show, don´t tell" zum Leben erwecken, damit der Leser den Rest übernehmen kann. Das WILL er nämlich!


    Besonders scheußliche Beispiele dafür, wie man es nicht machen sollte, bietet vor allem die meiste sog. "ChickLit". Die ödet gern mit seitenlangen Beschreibungen von Kleidungsstücken oder Accessoires an, womit man zwar Seiten füllen kann, aber eben mit substanzlosem Geschwätz. Allerdings ist in diesem Genre die Gefahr gering, die LeserInnen damit für dumm zu verkaufen, da sie eh weitgehend verblödet sind. :D

  • Ich kann Didi nur zustimmen. Je mehr in der Fantasie der Leser passiert, umso besser. Allerdings:


    Zitat

    Denk allein mal daran, wie unterschiedlich Krister Hendriksson und Kenneth Branagh aussehen, welch unterschiedliche Typen sie sind, und dennoch passen sie beide für die Wallander-Besetzung.


    Da bin ich anderer Meinung. Krister Henriksson hat gut funktioniert, Kenneth Branagh war in meinen Augen eine krasse Fehl(selbst)besetzung. Branagh mag ein großartiger Schauspieler (und Dramaturg und weiß der Geier noch was alles sonst) sein, aber unter dem doch relativ detailliert beschriebenen, behäbigen, auf clevere Art etwas schwergängigen Wallander hatte ich mir eine andere Person vorgestellt.

  • Wenn ich so darüber nachdenke, weiß noch nicht mal ich, welche Augen- und Haarfarbe meine derzeitigen Protas haben. Ihren Charakter kenne ich dafür um so besser ...
    Meine Leser haben sich noch nie beschwert.


    Auch nicht bei den beiden ChickLit Romanen - aber Didi weiß das bestimmt besser als ich. ")"

  • Mich wundert ja vor allem, das Didi chicklit liest ! :D


    Bei mir haben sich Testleserinnen beschwert, dass es zu wenig Anhaltspunkte zum Äußeren der Protagonistin gab. Jetzt habe ich zu Anfang eine Szene, in der sie überlegt, was sie an ihrem ersten Arbeitstag anziehen soll. Da sie gerade umgezogen ist, und es noch keine Möbel gibt, gestaltet sich die Suche schwierig.


    Augenfarbe, Haarschnitt etc gibt es immer noch nicht, aber ein paar Anhaltspunkte zu modischen Vorlieben, Figur, der Art sich einzurichten, etc. sind jetzt vorhanden. Im Prinzip läuft es auf das hinaus, was du beschrieben hast.


    Im Gegensatz zu Ulli weiss ich, wie meine Prota für mich aussieht. Das bleibt aber meine private Anschauung. Wenn die Leser ein anderes Bild vor Augen haben, ist es mir auch recht, Hauptsache, es gefällt ihnen.

  • Meine Leser haben sich noch nie beschwert.


    Auch nicht bei den beiden ChickLit Romanen - aber Didi weiß das bestimmt besser als ich.

    Mach mich nicht fertig, Ulli - DU schreibst ChickLit??? Der Wahnsinn! :rofl

  • Mich wundert ja vor allem, das Didi chicklit liest ! :D

    Da kannst du mal sehen - man kann mir viel zutrauen ...
    Übrigens: Ich habe eine Frau und zwei erwachsene Töchter. Da liegt schon mal sowas rum. Reinlesen genügt aber, man muss sich das wirklich nicht in Gänze antun. :)

  • Da bin ich anderer Meinung. Krister Henriksson hat gut funktioniert, Kenneth Branagh war in meinen Augen eine krasse Fehl(selbst)besetzung. Branagh mag ein großartiger Schauspieler (und Dramaturg und weiß der Geier noch was alles sonst) sein, aber unter dem doch relativ detailliert beschriebenen, behäbigen, auf clevere Art etwas schwergängigen Wallander hatte ich mir eine andere Person vorgestellt.

    Da sieht man, wie unterschiedlich die Vorstellungen vom Äußeren einer Romanfigur sein können. Kirsten ist der Meinung, Branagh treffe ihre Imagination von Wallander besser als Hendriksson. Und ich selbst hätte beide nicht genommen. Aber wurscht, oder?


  • Nein, eigentlich ist das nicht der Wahnsinn. ich habe zwei Bücher in dem Genre mit Silke zusammen geschrieben. Du weißt doch - Genre kann jeder.

    Okay, die beiden Werke hatte ich nicht auf dem Schirm - und auch noch nicht in der Hand. Mea culpa.


    Must I, Miss Sophie Ulli ??? :kratz2

  • Zitat

    Must I, Miss Sophie Ulli ??? :kratz2


    Bloß nicht, Didi!


    Was mich allerdings fundamental an manchen deiner Aussagen stört, ist diese Überpauschalisierung. Alle X sind immer Y.


    Es gibt seichte Unterhaltungsliteratur, die für die Badewanne geeignet ist. das heißt aber nicht, dass sie schlecht ist. Manchmal möchte man etwas, um sich einfach nur zu entspannen, sich unterhalten zu lassen. das bedeutet nicht, dass man grundsätzlich verblödet ist.
    Es wäre schön, wenn du deine Pauschalaussagen in Zukunft überdenkst.


    Zitat

    Besonders scheußliche Beispiele dafür, wie man es nicht machen sollte, bietet vor allem die meiste sog. "ChickLit". Die ödet gern mit seitenlangen Beschreibungen von Kleidungsstücken oder Accessoires an, womit man zwar Seiten füllen kann, aber eben mit substanzlosem Geschwätz. Allerdings ist in diesem Genre die Gefahr gering, die LeserInnen damit für dumm zu verkaufen, da sie eh weitgehend verblödet sind. :D

  • ChickLit ist doch klasse - bietet keinen Kauwiderstand, und dann backen sie da den ganzen Tag diese niedlichen kleinen Cupcakes ... hach!


    Danke für Eure Antworten, die ich sehr hilfreich (und auch beruhigend) finde! Da scheine ich ja nicht völlig verkehrt zu liegen mit meinem Gefühl. Die Diskussion kam neulich in meiner örtlichen "Laienschreibgruppe" auf, und da gab es tatsächlich Stimmen, die sich von den ersten Seiten eines Buches äußere Eindrücke des Prots erhoffen, das hat mich gewundert und ein bisschen verunsichert.


    Es gab sogar noch einen dritten Wallander, hab ich aber auch gerade erst gegoogelt, da ich nicht sicher war. Rolf Lassgard (wo sind hier die Sonderzeichen, sprich die a's mit dem Kringel drauf??). Als ich das Bild sah, fiel mir ein, dass ich den am passendsten fand. Das ist sicher eins der Probleme bei Literaturverfilmungen: die Zerstörung der Projektion. Am übelsten ist mir das damals bei der Verfilmung von Fräulein Smilla aufgestoßen; die schöne zartgesichtige Julia Ormond hatte für mich so gar nichts mit der eher gedrungenen Halb(?)-Inuit zu tun, die ich im Kopf hatte, da war ich recht enttäuscht.

  • Was mich allerdings fundamental an manchen deiner Aussagen stört, ist diese Überpauschalisierung. Alle X sind immer Y.


    Es gibt seichte Unterhaltungsliteratur, die für die Badewanne geeignet ist. das heißt aber nicht, dass sie schlecht ist. Manchmal möchte man etwas, um sich einfach nur zu entspannen, sich unterhalten zu lassen. das bedeutet nicht, dass man grundsätzlich verblödet ist.
    Es wäre schön, wenn du deine Pauschalaussagen in Zukunft überdenkst.

    Wundert mich wirklich, dass dich meine kleinen Boshaftigkeiten immer noch stören - und das auch noch "fundamental". Lass dich doch von mir nicht ärgern, liebe Ulli - obwohl: schön ist es schon, bereits bei der Wahl solcher bewusst überzeichneten Gemeinheiten genau zu wissen, dass man damit bestimmt wieder ein paar Empörte auf den Plan ruft. Klappt immer! :rofl


    Also: Ich bin mir sicher, dass selbst deine ChickLit gut geschriebene Bücher sind. Zudem bin ich trotz fortgeschrittenen geriatrischen Verfalls noch in der Lage, differenziert zu denken und zu urteilen. Derartige "Pauschalaussagen" von mir sind hingegen stets wohl bedacht: sie sollen provozieren, auf dass mal wieder Leben in die Bude komme. Ich wette immer schon mit mir selbst, wer wieder drauf anbeißt. Wird aber bald langweilig, weil ich meistens gewinne, q.e.d.


    So sorry. :blume

  • Didi - mich triffst du nicht damit. Aber wir haben einige Neuzugänge und es ist ein öffentliches Forum. Schön, du willst provozieren, aber manchmal schreckst du damit auch ab. Vielleicht nur blöde Blondinen, die Chicklit oder Genre schreiben ... aber wir sind ein Autorenforum und du weißt sehr wohl, dich auszudrücken, hast eine Meinung und Intellekt. Warum musst du immer wieder durch Pauschalisierungen solchen Wellen auslösen?
    Das hast du doch gar nicht nötig. ;)

  • Zitat

    Derartige "Pauschalaussagen" von mir sind hingegen stets wohl bedacht:
    sie sollen provozieren, auf dass mal wieder Leben in die Bude komme. Ich
    wette immer schon mit mir selbst, wer wieder drauf anbeißt. Wird aber
    bald langweilig, weil ich meistens gewinne, q.e.d

    Von mir ausgehend, besteite ich dein gewinnen ganz energisch. Ich wäre durchaus in der Lage, dir Paroli zu bieten - wer mich von Parkett argumentieren möchte, muss früh aufstehen - aber meistens ist es mir das nicht wert. Zu zeitaufwendig für einen geringen Gewinn an Erkenntnis. 'Du hast recht, und ich meine Ruhe' sagt man im hessischen dazu.


    Möglicherweise denken andere genauso? Mit Sicherheit schreckst du damit Neulinge ab oder Menschen, die zwar etwas zu sagen hätten, aber weniger standhaft sind. Eigentlich ist das ein inhaltlicher Verlust für alle.

  • Zitat

    Die Diskussion kam neulich in meiner örtlichen "Laienschreibgruppe" auf,
    und da gab es tatsächlich Stimmen, die sich von den ersten Seiten eines
    Buches äußere Eindrücke des Prots erhoffen, das hat mich gewundert und
    ein bisschen verunsichert.

    Menschen (und damit Leser) nehmen ihre Welt auf unterschiedliche Weise wahr. Sehr viele brauchen visuelle Reize, andere haptische (das sind die, die ständig an etwas herumzupfen), oder über Gehör- und Geruchssinn.


    Falls deine indirekten Andeutungen zum Aussehen des Protas erst ab Seite 50 ff kommen, kann es schon sein, dass die visuell geprägten Leser etwas vermissen.

  • Um mal ein Länzchen für den guten Dieter zu brechen - im Kern dürften seine Anmerkungen stimmen. In vielen ChickLit-Romanen geht es seitenlang um Äußerlichkeiten, die zuweilen eine Götzenähnlichkeit entwickeln - das ist fast schon genreimmanent. Und wenn man die "Rezessionen" :evil zu den fraglichen Titeln liest, entsteht nicht eben der Eindruck, hier wären DoktorInnen der Quantenhomöopathie tätig. ;) Wie immer gilt allerdings auch hier: Ausnahmen bestätigen und so weiter.

  • Menschen (und damit Leser) nehmen ihre Welt auf unterschiedliche Weise wahr. Sehr viele brauchen visuelle Reize, andere haptische (das sind die, die ständig an etwas herumzupfen), oder über Gehör- und Geruchssinn.


    Falls deine indirekten Andeutungen zum Aussehen des Protas erst ab Seite 50 ff kommen, kann es schon sein, dass die visuell geprägten Leser etwas vermissen.


    Das ist ein interessanter Gedankengang. Aber tatsächlich mache ich das so gut wie nie - auch nicht auf Seite 50 ff und meine Leser haben es mir noch nie angekreidet - es gab andere Kritiken, aber das nicht. Scheinbar mache ich das irgendwie so, durch Handlung, nebensätze, keine Ahnung, dass jeder ein gutes Bild von den Figuren hat. Visuelle Eindrücke, überhaupt atmosphärische Eindrücke, habe ich immer ganz viel, aber nie konkret zu einer Figur, glaub ich.
    Muss ich aber mal drüber nachdenken.

  • Mir wurde das schon angekreidet. Ich gehöre zu denen, die über den Gedankengängen ihrer Figuren gern die 'Aussenwelt' vergessen. Mittlerweile streue ich ein bisschen mehr ein, als ich selbst es für notwendig halten würde, seitdem klappt es. Scheinbar braucht auch das Kopfkino ein paar Anhaltspunkte, damit der Film losgeht.