Silvia Bovenschen

  • Hallo Susanne, erzähl doch mal von den Lehrveranstaltungen bei Silvia Bovenschen und inwiefern sie dich geprägt hat! (Für alle, die jetzt Bahnhof verstehen: Susanne hat bei S.B. Seminare besucht, hat sie in ihrem Fred zu "Die AKademikerin" verraten)

  • So in der Zeit zwischen 1987 und Anfang der 1990er war Silvia Bovenschen Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft II an der Frankfurter Johann Wolfgang Goethe-Universität. Sie arbeitete eng zusammen mit Professor Volker Bohn. Die beiden waren für mich der Inbegriff von literariascher Autorität. Trotz ihrer schlanken Figur und einer eher leisen Art war Silvia Bovenschen eine ausgeprägte Persönlichkeit. Schritt sie durch die Flure des Instituts, wäre ich ihr am liebsten nachgelaufen und hätte mich mit ihr in ein Zwiegespräch verwickelt, doch dazu kam es nie. An die Themen der Seminare selber kann ich komischerweise nicht so genau erinnern. Ich weiß, dass feministische Literaturwissenschaft dabei war. Der Blick in mein altes Studienbuch verrät mir: Im WS 1987/88 habe ich einen Schein für "Literatur der Aufklärung und der Empfindsamkeit" bei ihr gemacht (musste ja alles sein) mit dem Schwerpunkt "Freundschaft und Liebe als Thema in Poesie und Essay".
    Ich habe immer wieder an sie gedacht. Sie war ein Vorbild für mich, weil ich sie als total in den Universitätsbetrieb integriert empfand und das Gefühl hatte, dass sie voll darin aufging. (Ob das so stimmt, sei dahingestellt, aber ich habe es mit Anfang 20 so wahrgenommen). Die Identität der Literatin verschmolz für mich mit der Autorität der Lehrenden. Silvia Bovenschen war für mich am Puls der Literatur und am Puls der Zeit. So wollte ich auch unbedingt einmal werden.
    Tatsächlich verfasst sie bis heute literarische und literaturwissenschaftliche Schriften, was mich sehr anspricht. Ich hab mir ihr Büchlein "Älter werden" besorgt. Das sind so Notizen und Gedanken. Ein bisschen geht daraus hervor, wie sie die Frankfurter Zeit erlebt hat - jedenfalls nicht so glorifiziert, wie ich Silvia Bovenschen glorifiziert habe. Sie reflektiert darin einen Lebensabschnitt, den ich noch nicht erreicht habe.


    Für mich hat beim Studieren die geistige Nahrung immer an erster Stelle gestanden. Da war Silvia Bovenschen genau die richtige Leitfigur für mich.