Die 20-Sekunden-Manuskriptprüfung

  • HD schrieb: "Plädierst du jetzt dafür, dass jeder autark werden soll? Alles selber machen? Auf keinen und niemand angewiesen sein?"


    Meine mittlerweile doch um einiges jüngere Frau (die Stasi hatte mir zwei Familien "zersetzt" https://de.wikipedia.org/wiki/…3%BCr_Staatssicherheit%29) äußerte soeben gleich spontan: "Na klar, das ist der einzig richtige Weg in dieser Welt".


    Ein Freund aus dem Widerstand - nach der Wende Dozent an der TU Magdeburg - formulierte es in der Wendezeit einmal so: "Früher galt es, so schlecht wie möglich zu produzieren (=sich ausbeuten zu lassen), heute gilt es, so schlecht wie möglich zu konsumieren (= sich bescheißen zu lassen). So lebt er als überzeugter Grün-Alternativer noch immer.


    Wenn du mich persönlich fragst: "hier mus ein jeder nach Seiner Faßon Selich werden Fr"(iedrich II. von Preußen https://de.wikipedia.org/wiki/…ch_II._%28Preu%C3%9Fen%29).


    MfG Walter Hilton



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  • Meine mittlerweile doch um einiges jüngere Frau …äußerte soeben gleich spontan: "Na klar, das ist der einzig richtige Weg in dieser Welt".



    Aus persönlicher Betroffenheit Lebensweisheiten für die ganze Menschheit zu machen ist so neu nun auch nicht. Das dies aber zu wirklich hilfreichen Lebensumstände für alle geführt hat, konnte bisher noch nicht hinlänglich belegt werden.

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Sagen & Legenden aus Franken

    ASIN/ISBN: 3955403602


    Mit Büchern können Sie meistens nicht viel verdienen. Aber ich komme in Kontakt mit anderen Menschen, und Buchveranstaltungen sind sehr viel besser als Rockfestivals.


    Billy Bragg (* 1957)

    Süddeutsche Zeitung Nr. 281 – 4. Dezember 2020, S. 26

  • HD schrieb: "Aus persönlicher Betroffenheit Lebensweisheiten für die ganze Menschheit
    zu machen ist so neu nun auch nicht. Das dies aber zu wirklich
    hilfreichen Lebensumstände für alle geführt hat, konnte bisher noch
    nicht hinlänglich belegt werden."


    Da trägst Du bei mir Eulen nach Athen. Mir war das schon in einem Alter klargeworden, da war ich erheblich jünger als meine Frau jetzt. Sie hatte für DDR-Verhältnisse gesehen gerade so die "Gnade der späten Geburt" (Helmut Kohl https://de.wikipedia.org/wiki/Gnade_der_sp%C3%A4ten_Geburt). Ein leichteres Leben darf man niemanden zum Vorwurf gereichen. Wenn ich aber so manchen "Mitstreiter" von einst immer noch grün-alternativ politisch vernagelt antreffe, kann ich das nicht so ganz nachvollziehen, das ist aber alles Sache des persönlichen Glaubens (zwei Bekannte sind mittlerweile Mitte achtzig und in dem Bereich noch voll aktiv).


    MfG Walter Hilton



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  • Dann will ich den Fred mal wieder auf sein Thema zurückführen. Ich halte die Haltung des Lektors für dünkelhaften Hochmut. Aus genau dieser Haltung bekam das Manuskript von "Schlafes Bruder", ein Weltbestseller in mindestens 36 Sprachen übersetzt (https://de.wikipedia.org/wiki/Schlafes_Bruder) mit der derzeit 31. Auflage bei Reclam in der Auslieferung (http://www.reclam.de/detail/97…r__Robert/Schlafes_Bruder) und mit einem weiteren Dutzend deutschsprachiger Ausgaben (https://portal.dnb.de/opac.htm…pleSearch&query=119279487) zunächst 24 (in Worten: vierundzwanzig) Verlagsabsagen (das Buch wurde drei Jahre nach Erscheinen verfilmt und kurz darauf sogar Schullektüre). Ohne jetzt auf die lange Reihe ähnlicher Fehleinschätzungen in der Verlagsbranche der letzten Jahrhunderte weiter eingehen zu wollen, ist meine Einschätzung der Lage: jeder Busfahrer oder Pilot und jede Verkäuferin und Friseuse machen einen besseren Job als diese Verlagsfilter. Bei den großen Verlagen wird völlig unangemessen mit der realen Situation umgegangen, die Fehlerquote ist immens (nicht nur bei Ablehnungen, sondern auch bei den "Griffen ins Klo"). Das fällt solange nicht ins Gewicht, solange noch für alle Beteiligten genug hinten herausspringt - wobei ich das für viele Autoren so langsam kritisch sehe (angesichts des Aufwand-Nutzen-Verhältnisses). Ich für meinen Teil würde in keinen Bus oder in kein Flugzeug steigen oder keinen Laden bzw. Friseur betreten, wo ich von vornherein um eine derartige Unfähigkeit und Hilflosigkeit weiß, das Arbeitspensum adäquat zu bewältigen. Mich erinnert dieser dünkelhafte Hochmut an den alten "Slogan der SED" (Vorsicht:Satire!): "Wo wir sind, ist vorn - wenn wir hinten sind, ist eben hinten vorn."


    MfG Walter Hilton



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  • Gegenfragen: Wie viele brillante Songs wurden nie von mehr als einer Handvoll Leuten gehört? Wenn überhaupt. Und wie viel musikalischer Müll verstopft die dafür verfügbaren Kanäle? Und wem steht zu, zu entscheiden, was was ist?

  • Ich halte die Haltung des Lektors für dünkelhaften Hochmut.


    Ich halte das Vorgehen des Lektors für Notwehr. Es geht doch um die Flut unverlangt eingereichter Manuskripte. Da sehe ich die Situation genauso wie bei Bewerbungsschreiben für Stellen in der übrigen Wirtschaft. Und aus persönlicher Erfahrung weiß ich: Da wird man verdammt ungerecht. Ich habe aus einem Berg von Bewerbungen Ordner entsorgt, nur weil sie rosa waren. Vielleicht habe ich dadurch die ideale Bewerberin für die Stelle verpasst. Das war dann mein Pech. Aber anders konnte ich nicht nebenher den Job erledigen. Und Lektoren haben "nebenher" noch ein paar andere Sachen zu tun, als (unverlangt eingesandte) Manuskripte zu begutachten.

    Es gibt drei Regeln, wie man einen Roman schreibt. Unglücklicherweise weiß niemand, wie sie lauten. (William Somerset Maugham)

  • Gerald schrieb: "Gegenfragen: Wie viele brillante Songs wurden nie von mehr als einer Handvoll Leuten gehört? Wenn überhaupt. Und wie viel musikalischer Müll verstopft die dafür verfügbaren Kanäle? Und wem steht zu, zu entscheiden, was was ist?"


    Als relativ junger Mann war ich auch mal SPU - das DDR-Pendant zum DJ. Ich besaß so 1300 bis 1400 LPs (zumeist aus dem NSA - dem nichtsozialistischen Ausland, falls sich jemand vorzustellen vermag, was das damals bedeutete und was für einen Marktwert die damals in der DDR darstellten) und so dreieinhalbtausend Singles, Quatro-Singles (dito) etc. (von den Tausenden Kassetten und Tonbändern mal ganz zu schweigen). Ich habe zB vom NDR 2 Samstag Abend in der laufenden Disco die Internationale Hitparade aufgenommen: "Diese Woche von Null auf fünf (drei, zwei, eins) in den USA die Bee Gees mit ..." oder CCR oder wer sonst noch, und fünf Minuten nach der Erstaustrahlung war der Titel im Saal - darüber bin ich nicht gestolpert [das wurde nicht nur toleriert sondern eher noch honoriert], sondern darüber, daß ich Renft, Holger Biege und Veronika Fischer etc. auch nach deren Verschwinden in den Westen aufgelegt habe. Heute besitze ich weder eine Schallplatte noch eine MC, auch kein Tonband - aber auch nicht das Zeugs, was es heute so gibt: CDs, MP3s und wer weiß was. Und da ist das von Dir beschriebene Problem nicht ganz unschuldig. Vielleicht hatte man das früher zu unkritisch gesehen frei nach dem Motto: "Lieber Aids als gar nichts aus dem Westen". Heutzutage zucke ich bei der Musikbranche nur noch mit den Schultern- betrifft mich überhaupt nicht mehr. Ich stelle mich aber auch nicht hin und tue so, als könnte ich da etwas entscheiden - was aber viele tun. Im Bereich Buch ist das nicht viel anders. Ich stehe da ebenfalls nicht mit einem fast permanent nach unten gesenkten Daumen und selektiere so, als wäre das der Problematik in irgendeiner Form gerecht. Und warum sollte ich an derartige Lektoren auch nur eine Briefmarke verschwenden?


    MfG Walter Hilton



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  • Sehr geehrte Damen und Herren, :blume :pop2 ;)
    interessantes Thema und interessanter Beitrag des Lektors. Leider beantwortet er nicht was eigentlich nach den 20 Sekunden passiert.
    Hat der Autor schon mal etwas veröffentlicht bekommt er bestimmt weitere 20 Sekunden. :evil
    Hat er einen Agenten, gibt's noch ne Minute drauf.
    Hat er einen erfolgreichen Agenten, auch noch die Zeit für ne Tasse Kaffee.
    Wenn er jetzt auch noch was geschrieben hat, was gerade ins Verlagsprogramm passt steigen die Chancen noch weiter.
    Ausgenommen es handelt sich um einen überaus erfolgreichen Autor, dann darf er auch nach Herzenslust Smilies in sein Expose malen. :streichel1


    Ich überlege also immer noch, an wen der Text gerichtet ist.

  • Ich habe bei Einreichung des ersten Exposé meines ersten Romanes sechs dieser Kriterien erfüllt. Außerdem legte ich noch eine Skzizze eines skizzierten Fisches(!) bei, die den derzeitigen Arbeitsprozess verdeutlichen sollte. (wäre ein weiterer Punkt in der Liste, der unbedingt hinzugefügt werden sollte: Keine Fische ins Expose´legen! ")" )
    Was soll ich sagen? Der Roman ist veröffentlicht worden.

  • Um noch einmal auf die verschwendete Briefmarke an Verlagslektoren zu kommen, hier ein Zitat aus dem "Spiegel" vom August 2000:



    "Von über 4000 unverlangten belletristischen Manuskripten, die
    seit 1996 bei einem angesehenen Haus wie Kiepenheuer & Witsch
    eingingen, wurde allein Peter Hennings "Tod eines Eisvogels"
    gedruckt. Christoph Buchwald, heute zweiter Mann im Frankfurter
    Suhrkamp-Verlag, machte in 13 Jahren, die er im Münchner
    Hanser-Verlag lektorierte, gerade mal drei Manuskripte von Nobodys
    zum Buch."


    "Mit Herzblut in den Ruin" http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-17219276.html


    MfG Walter Hilton




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  • @ Karen Von Leuten mit einem Anspruch auf Literatur kann ich doch wohl noch erwarten, daß sie lesen können. Ich hatte nicht davon geschrieben, daß "alles" schlechter wird. Es geht konkret um die Entwicklung von eingesandten Manuscripten zu thatsächlich publicirten - und das konkret seit dem von mir citirten Artikel im Jahre 2000.


    MfG Walter Hilton





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