Die 20-Sekunden-Manuskriptprüfung

  • Ich möchte nur kurz einflechten, dass auch so bedauernswerte Agenturen wie die meine täglich Trilliarden Manuskripte auf den Tisch kriegen. Nicht zuletzt auch solche, die schon von allen Verlagen abgelehnt worden sind, und solche, die als SP oder in Klein(st)verlagen bereits gescheitert sind (wieso Autoren glauben, dass ein Agent da noch was ausrichten kann, gehört für mich zu den wundersamen Geheimnissen der Menschheitsgeschichte). Ich habe mir die Mühe gemacht, Autoren auf meiner Hompage ein bisschen darüber zu informieren, was sie bitte beachten und was sie lassen sollen. Z. B. auch, dass ich keine gedruckten Manuskripte annehme (soll ich die kopieren und extra verschicken?) Ich bekomme trotzdem ein halbes Dutzend fette Kuverts jede Woche, nicht selten ohne e-mail-Adresse. Und, leider, muss ich einigen meiner Vorrednern zustimmen: Mehr als 90% dessen, was kommt, in welcher Form auch immer, ist nicht vermittelbar. Oft werde ich dahingehend angelogen, dass ein Autor steif und fest behauptet, das Manuskript sei vorher noch niiiiie irgendwo gewesen. Um dann von einem verblüfften Lektor zu erfahren, er habe das Ding doch erst vor drei Wochen abgelehnt (die haben oft ein verdammt gutes Gedächrnis).
    Wenn hier von der 20-Sekunden-Manuskriptprüfung die Rede ist, würde ich sagen: Bei Agenturen nimmt man sich vielleicht 30 Sekunden Zeit. Die Kriterien sind die gleichen. Und der persönliche Geschmack der Lektoren - da hat Tom in Beitrag 57 alles zu gesagt. Ich schicke oft Konzepte an LektorInnen, von denen ich weiß, wie sie ticken. Und wie da meine Chancen stehen. Wenn die dann im Urlaub sind und meine "Lieblingslektoren" stattdessen zum Zuge komme, kann ich drauf wetten: Kannste vergessen, dumm gelaufen ...

  • Wissenschaftlich nachgewiesen (wie auch immer): Wenn der Richter gut gefrühstückt hat, urteilt er deutlich milder. Vielleicht helfen dicke Umschläge mit Lebensmitteln bei Liktoren?


    P. S. Ich finde Dich jetzt wirklich bedauernswert, Gerald - erst die Sache mit (wie hieß der Pleite-Laden nochmal?) - und jetzt auch noch diese Trilliarden mikrobenhafter Manuskripte, eine echte Krankheit. Besteht Ansteckungsgefahr?


    MfG Walter Hilton



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  • Lieber Gerald, ich wüßte nicht, wieso ich selbst nach Berücksichtigung der Wenigerwertsteuer über 90% des Umsatzes eines von mir urheberrechtlich gehaltenen Produktes an Fremdverlage abgeben sollte. Das wäre für mich Dummheit und flüssiger als Wasser - also überflüssig. Und wieso sollte es für eine solche Dummheit auch noch eines Agenten (in der schlechtesten Bedeutung des Wortes) bedürfen? Das wäre dann doch - wie hieß noch einmal die Steigerungsform von überflüssig?


    MfG Walter Hilton




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  • Lieber Walter,


    solange du dein Urheberrecht einfach nur halten willst, wäre das wirklich Dummheit. Sobald es aber unter die Leute soll, ist es eine Überlegung wert. Hältst Du es trotzdem, kehrt sich die Dummheit um, dann nämlich ist es Dummheit, nicht auf Verlage (ggfs. auch auf Agenten) zuzugehen (es sei denn, du willst selbst alle nötigen Aktivitäten ergreifen). Und wo wir schon mal beim Thema sind: Ein Verlag, mit dem man zusammen arbeitet, ist einem nicht mehr fremd :D

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    Emanuel von Bodmann


  • Ich finde es nur konsequent, wenn man seine eigenen Werke in einem eigenen Verlag verlegt - und würde zu gegebener Zeit dann einen solchen gründen. In meiner Familiengeschichte finden sich genügend Beispiele für Verleger, welche dann auch noch die notwendigen Druckerein errichteten (Verlags- und Druckhäuser etc.). Inwieweit ich diese Erfahrungen berücksichtigen würde, müßte ich dann angelegentlich entscheiden.


    MfG Walter Hilton




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  • @ Tom Von dem "Jahrzehnt bis zur Druckreife", von welchem ich hier ja mal eingangs schrieb (wurde wohl in den Kindergarten verschoben) sind ja nun schon gut zwei Jahre um. Wobei Jahrzehnt nur ungefähr gemeint war, schließlich schreibe ich schon etliche Jahrzehntchen. So Gott will und wir leben, debütiere ich in fünf bis zehn Jahren dann mit der Schreibleistung eines halben Jahrhunderts. In der DDR habe ich gelernt, mich zu gedulden (müssen).


    @ H. Dieter Als noch unreiferer junger Mann und Totalkriegsdienstverweigerer der DDR wäre ich vielleicht allein ob Deiner Vita auch zu einem solchen Urteil über Dich gelangt, aber sind wir nicht alle irgendwie älter und reifer geworden? Oder habe ich Dich jetzt in Deiner Einschätzung nur noch bestätigt?


    MfG Walter Hilton




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  • Ich bin leicht verwirrt. Was ist bitte die schlechteste Bedeutung des Wortes Agent? James Bond? Mata Hari? Ich?


    Ach Hilton, alter Verlagsabkömmling, sag an (und mal ganz unter uns): Hast du auch irgendwie den IQ deiner sicher auch irgendwie mit dir Verwandten Paris (Betonung auf der ersten Silbe) geerbt? Weil irgendwie scheint ja bei dir alles mit allem zusammenzuhängen. Nur nicht so richtig ...

  • HD schrieb: "Mich überkommen gerade mal wieder Depressionen. Ich sollte mir mal
    wieder ein paar neue Schuhe gönnen und ich kann mich einfach nicht dazu
    durchringen, mir selber welche zu machen. "


    Du hast mal wieder den Finger in die Wunde gelegt. Als Gegner des großangelegten vorsätzlichen industriellen Betruges lebt meine Familie auch weitgehendst autark und von Selbstgemachtem - damit hatte ich schon in den 70ern und 80ern den Argwohn der Stasi erregt, eine OPK hieß "ASKET". Mein "nachgemachter" ostpreußischer Großvater flüchtete mit einem Bein (das andere hatte er im Krieg verloren und nicht wiedergefunden) vor den Russen und blieb aber in der SBZ hängen, weil er so nicht mehr über die "grüne Grenze" kam - er brachte u.a. das Handwerk des Schuhmachers in die Familie mit (mein leiblicher Großvater war im Krieg gefallen und nicht wieder aufgestanden).


    MfG Walter Hilton



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  • @Walter H.
    Willst Du mir jetzt sagen, dass Du Deine Schuhe selber anfertigst? Meine Hochachtung bekommst Du dafür umgehend.


    Und was deine autarke Familie anbelangt: Plädierst du jetzt dafür, dass jeder autark werden soll? Alles selber machen? Auf keinen und niemand angewiesen sein?

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  • Ach, ist das herrlich. Da sitzt Walter, ganz er selbst, in seinem selbst erbauten Haus auf einem selbst zusammengezimmerten Stuhl vor dem selbst zusammengelöteten PC und schreibt über ein selbst ausgetüfteltes Netzwerk selbsterdachte Botschaften ans Universum. Und wir, dier 42er, gehören zu seinem selbst ausgewählten Kreis, den er an all dem teilhaben lässt. Also ich weiß das ab sofort zu würdigen. Aber selbstverständlich! :chapeau :klatsch