Christa Wolf "Nachdenken über Christa T."

  • Nach dem Tod von Christa Wolf habe ich „Nachdenken über Christa T.“ wieder gelesen. Ich habe ein paar Wochen dafür gebraucht, denn es braucht ein wenig Muße, der Ich-Erzählerin zu folgen, die über eine Freundin, Christa T., schreibt, die früh gestorben ist.


    Die Ich-Erzählerin und Christa T. haben sich in den Kriegsjahren als Teenager kennen gelernt und blieben, mit einer kriegsbedingten Unterbrechung befreundet bis zum Tod von Christa T. 1964. Beide sind im Osten Deutschlands aufgewachsen und dort geblieben. Dieses Buch ist keine ideologische Auseinandersetzung mit der Frage Ost oder West. Es erzählt die Geschichte einer Frau, die vor allem versucht hat, sie selbst zu werden. Dem Buch vorangestellt ist eine Zitat, eine Frage: „Was ist das: das Zu-sich-selber-Kommen des Menschen?“
    Christa T. ist nach dem Krieg Lehrerin geworden. Sie hat studiert und sie hat unterrichtet. Sicher war sie nicht. „Sie gab sich ja Mühe hineinzupassen, sie fiel nicht aus bloßem Übermut heraus. Sie hatte ja den guten Willen, sich einen Namen zuzulegen, die auf andere so vorzüglich zutrafen, sie hat es sich als Mangel angekreidet, dass sie nicht fröhlich wie aus der Pistole geschossen erwidern konnte: Lehrerin, Aspirantin, Dozentin, Lektorin. Ach sie traute ja diesen Namen nicht.“
    Christa T. studiert Germanistik, schließt ihr Studium ab, unterrichtet, heiratet und wird Landarztfrau in Mecklenburg, bekommt Kinder. Die Ich-Erzählerin versucht nach dem Tod der Freundin, ihrem Weg dorthin nachzuspüren. „Und bloß nicht vorgeben, wir täten es ihretwegen. Ein für allemal: Sie braucht uns nicht. Halten wir also fest, es ist unseretwegen, denn es scheint, wir brauchen sie.“
    Christa T. braucht niemanden mehr, sie ist mit 35 an Leukämie gestorben.
    Das Buch versucht, genau zu sein in der Erzählung dessen, wer Christa T. wirklich gewesen ist. „Sie ist, für sich selbst, jemand mit Aussichten, mit geheimen Möglichkeiten geblieben. Wer sich jetzt wegwendet, wer die Achseln zuckt, wer von ihr, Christa T., weg und auf größere, nützlichere Lebensläufe zeigt, hat nichts verstanden. Mir liegt daran, gerade auf sie zu zeigen. Auf den Reichtum, den sie erschloß, auf die Größe, die ihr erreichbar, auf die Nützlichkeit, die ihr zugänglich war.“


    Ich habe dieses Buch vor inzwischen fast 25 Jahren zum ersten Mal und irgendwann damals auch zum letzten Mal gelesen und hatte es immer als mein Lieblingsbuch von Christa Wolf in Erinnerung behalten. Jetzt hatte ich Angst davor, dass sich dieser Eindruck nicht bestätigen könnte. Dass die Fragen nur zu meinen jungen Jahren in einem anderen Land gehört haben. Ich freue mich, dass diese Angst unbegründet war und möchte dieses Buch denjenigen empfehlen, die sich nach dem Tod von Christa Wolf gefragt haben, ob es nicht an der Zeit sei, (noch) etwas von ihr zu lesen.