"Über das “Für die Schublade schreiben” und die Verlagssuche"

  • Sehr schön, aber an manchen Stellen auch ein bisschen heikel, zum Beispiel dann, wenn sie sich selbst als Beweis für das Gegenteil einer Behauptung ins Feld wirft. Ein Einzelfall ist für eine allgemeine Aussage noch kein Gegenbeweis.


    Manchmal ist es auch etwas kurios, etwa hier:


    Zitat


    … aber die Mehrheit der Leser liest vielleicht zwei, drei Bücher im Jahr und das nur im Urlaub. Wenn Wenigleser A im Sommer Twilight gelesen hat und es toll fand, wird er im Winter wieder etwas Derartiges lesen wollen. Diesen (sehr großen Markt) müssen die Verlage bedienen, wenn sie überleben wollen. …


    Dass die »Wenigleser« einen großen Markt ausmachen, den man bedienen muss, das bezweifle ich. Wenn es in einem Genre brummt, dann wird das wesentlich von Viellesern bedient. Die Wenigleser, die auf den Zug aufspringen, verstärken dann den Trend zwar, aber mit zwei Büchern im Jahr - eins im Sommer und eins im Winter - beeinflussen Sie den Markt nicht so, dass Trends geschaffen werden.

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Sagen & Legenden aus Franken

    ASIN/ISBN: 3955403602


    Mit Büchern können Sie meistens nicht viel verdienen. Aber ich komme in Kontakt mit anderen Menschen, und Buchveranstaltungen sind sehr viel besser als Rockfestivals.


    Billy Bragg (* 1957)

    Süddeutsche Zeitung Nr. 281 – 4. Dezember 2020, S. 26

  • Ja, das war die Stelle, über die ich auch ein bisschen gestolpert bin. Ansonsten - mit den Gegenbeweisen ist das wie mit dem weißen Raben. (Schon wieder ein Rabe). Das heißt, zu sagen, dass du keine Chance hast (niemals nicht!) wenn du nicht eine dieser Bedingungen erfüllst, ist ja eine weitverbreitete Legende. Da ist jede Autorin (jeder weiße Rabe), die aufsteht und sagt: "He, bei mir war das aber so!" eben der Gegenbeweis. Natürlich kann sie das nur für sich sagen, aber jetzt rechne doch einfach mal hoch. Sie ist doch nicht die einzige. Bei mir war es sogar NOCH gegenbeweisiger :rolleyes - ich habe mein erstes jemals geschriebenes Manuskript an drei Verlage geschickt. Kein Expose. Keine Normseiten. Alles falsch gemacht, was nur falsch zu machen ging. Und trotzdem hat Heyne das MS gekauft. Also: Schon zwei weiße Raben ...
    Und ich sage dir: Kerstin Pflieger und ich sind nicht die einzigen.
    Also: Urban Legend.

  • Interessanter Beitrag.


    Ich finde, die Leute, die sich beschweren, dass sie nur für die Schublade schreiben, sollten sich mal fragen, warum sie eigentlich schreiben. Wenn da als Antwort tatsächlich nur Veröffentlichung steht, dann sollten sie es besser gleich bleiben lassen.
    Natürlich will ich auch veröffentlichen und ich will gelesen werden, aber das Eigentliche ist doch das Schreiben an sich.


    Und ich hab mit dem allerersten Manuskript zwar (noch) keinen Verlag, aber immerhin eine Agentur gefunden.


  • Und ich sage dir: Kerstin Pflieger und ich sind nicht die einzigen.
    Also: Urban Legend.


    Ich schrieb ja, das ich das Posting an sich sehr schön finde. Es ist auch in Ordnung zu sagen: Bei mir war es nicht so, ich habe das anders erlebt. Das wirkt bei Kerstin Pflieger authentisch und bei dir sowieso. Trotzdem - ein Gegenbeweis ist das nicht. Das sind "Gegenbeispiele". :) Und selbstverständlich sind die für mich glaubwürdiger als diese merkwürdigen Legenden, auf die dieser Blogeintrag reagiert.

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  • Kicher. Wie viele Gegenbeispiele braucht man, bis der Gegenbeweis steht?


    So einfach ist das ja nicht. Erst muss mal die Grundgesamtheit näher bestimmt werden, was sicher nicht ganz einfach ist. Dann kann man daraus eine repräsentative Stichproben nehmen und die untersuchen. Die Zahl der Gegenbeispiele sollte schon deutlich zweistellig sein, um ihnen ein Gewicht bemessen zu können, das als Gegenbeweis gelten kann. Genaueres kann uns da sicher der vereinseigene Statistiker sagen. :brille

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  • Wie kommt man an die Daten ...?


    Indem wir aus Jux und Tollerei fleissig sammeln...



    Also: Ich hab auch kein Exposé geschickt... und doch zweimal veröffentlicht...


    Auf der Verlagsseite: Von 20 Manuskripten, die in den letzten 2 Monaten bei mir eingetrudelt sind, waren 15 Lizenzanfragen von Agenturen, die ausländische Autoren - hauptsächlich Amerikaner und Kanadier - vertreten, dabei. Im Moment werden die angeboten wie sauer Bier. Und auch genommen. ( aber nicht von mir)


    Damit wären schon zwei der Punkte wenigstens ansatz- und hauchweise widerlegt.


    lg
    Frau Klein

  • Lizenzen gehen anscheinend gut, wenn ich mir den Buchmarkt ansehe. Andererseits wird auch wie besessen geschrieben. Kein Verlag, der nicht laut jammert, dass er keine unverlangt eingesendeten Manuskripte sichten will. Andererseits habe ich auch noch kein einziges Mal gehört: Bleiben Sie uns mit ihrem Scheißmanuskript wech, das wollen wir nicht sehen ...

  • *achtung:absolutpersönlichemeinung*


    Die meisten Verlage, egal ob groß oder klein, lagern ihr absolut miserables Zeitmanagement bei den Autoren ab.



    *persönlichemeinungende*



    Wenn sich da ein - ich sach jetzt ma - persönlicher Assitent einer Betriebswirtschaftsprüfungsgesellschaft - oder was auch immer in dieser Richtung - an die Arbeitsabläufe begeben würde, dann hätten die Verlage keine Ausrede für ihre langen Bearbeitungszeiten mehr...


    jawoll...
    basta


    lg
    Frau Klein

  • Ein Einzelfall ist für eine allgemeine Aussage noch kein Gegenbeweis.


    Sorry, Horst-Dieter, aber ich habe gerade Bock, darauf herum zu reiten: Eine allgemeine Ausage, die mit "alle, niemals, keiner, immer, gar nicht" operiert ("Bei großen Verlagen wird man nur genommen ...", "Verlage nehmen keine ...", "Verlage veröffentlichen immer nur ...") fallen in sich zusammen, wenn man auch nur ein einziges Gegenbeispiel nennt und damit den Anspruch der Aussage auf Allgemeingültigkeit widerlegt. Das ist ein Gegenbeweis.


    Behauptung: "Alle Römer sind dunkelhaarig." Finde einen einzigen blonden Römer, und es ist bewiesen, dass die Behauptung falsch ist.


    Insofern habe ich an Frau Pflegers Vorgehen nichts auszusetzen.

    Es gibt drei Regeln, wie man einen Roman schreibt. Unglücklicherweise weiß niemand, wie sie lauten. (William Somerset Maugham)

  • Sorry, Horst-Dieter, aber ich habe gerade Bock, darauf herum zu reiten: Eine allgemeine Ausage, die mit "alle, niemals, keiner, immer, gar nicht" operiert ("Bei großen Verlagen wird man nur genommen ...", "Verlage nehmen keine ...", "Verlage veröffentlichen immer nur ...") fallen in sich zusammen, wenn man auch nur ein einziges Gegenbeispiel nennt und damit den Anspruch der Aussage auf Allgemeingültigkeit widerlegt. Das ist ein Gegenbeweis.


    Behauptung: "Alle Römer sind dunkelhaarig." Finde einen einzigen blonden Römer, und es ist bewiesen, dass die Behauptung falsch ist.


    Insofern habe ich an Frau Pflegers Vorgehen nichts auszusetzen.


    Eigentlich hast du recht :)

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  • Dass die »Wenigleser« einen großen Markt ausmachen, den man bedienen muss, das bezweifle ich. Wenn es in einem Genre brummt, dann wird das wesentlich von Viellesern bedient. Die Wenigleser, die auf den Zug aufspringen, verstärken dann den Trend zwar, aber mit zwei Büchern im Jahr - eins im Sommer und eins im Winter - beeinflussen Sie den Markt nicht so, dass Trends geschaffen werden.

    Darüber hab ich ein bisschen nachgedacht. Ich bin nämlich exakt Kerstins Meinung und weiß, dass unser Agent (wir sind beim gleichen) das genau so sieht. Er meinte, es nützt nichts, die Bücher-Fans für sich zu gewinnen - die kaufen ohnehin. Um gute VK-Zahlen zu erreichen, muss man an die Leser gelangen, die eben nicht jedes neue Büch im Genre horten.


    Das ist eine Genre-Sache, und man darf die Unterscheidung "Vielleser - Wenigleser" nicht ganz so krass betrachten.
    Grob: Vielleser sind die, die monatlich mehrere Bücher lesen und drüber reden, in Foren schreiben, Rezensionen verfassen und an Leserunden teilnehmen. Die lauten.
    Wenigleser lesen etwas bis sehr viel weniger. Vor allem aber hört man (als Autor) von ihnen nichts. Sie sind aber in der Überzahl.


    In der Fantasy sind Trends (gerade?) ziemlich wichtig, das scheint in anderen Genren (ausgenommen die Unterhaltungshistorik) anders auszusehen.
    Aber durch das Gefälle Viel- und Wenigleser kommt es u.a. dazu, dass ein Trend von den lauten Viellesern schon dann als "alter Hut" bezeichnet wird, wenn das Gros an Lesern (die Wenigleser) ihm erst aufsitzen. Dadurch kommt es zu diesen kurios wirkenden Verlagsentscheidungen, ein Thema immer weiter als Schwerpunkt herauszubringen, wenn die Vielleser schon lange nörgeln, dass das Thema ausgelutscht sei.
    Und das war z.B. beim Stichwort "romantischer Vampir" sehr, sehr auffällig.

  • Liebe Jenny,


    ich beziehe mich mit meiner Kritik auf die Aussage: 2 Bücher im Jahr. Die Gruppe derjenigen, die exakt diese 2 Bücher im Jahr lesen, machen keinen Trend in irgend einem Genre aus. Es ist ja noch nicht einmal sicher, und nur eine Annahme, dass die die 2 Bücher auch exakt aus dem gleichen Genre lesen. Solche Aussagen, dass diese Wenigleser trendbildend seien können und große Umsätze generiern, gehören also eher in den Bereich Mythenbildung.


    Dass es nicht nur die Vielleser sind, die eine Bedeutung haben, ist ja klar. Es gibt ja auch noch die "Normalleser", die es auf eine oder zwei Handvoll Bücher im Jahr bringen. Die bewirken durchaus deutlich etwas.


    Es ist eher so, dass die Wenigleser mit 2-3 Bücher ein nicht unbeachtliches Potential darstellen. Wenn man die dazu bringen kann, 1-2 Bücher mehr zu lesen, dann spürt man das am Buchmarkt durchaus.


    Horst-Dieter

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  • Mmh, na ja, sattsam Bekanntes, nicht unbedingt originell aufbereitet. Erstaunlich, dass solche Binsenwahrheitensammlungen noch immer so starke Resonanz erzeugen. Der Plural von "Genre" ist übrigens "Genres". ;) Und man hat es tatsächlich leichter, wenn man jemanden kennt - Empfehlungen von Hausautoren generieren einen Gutteil der Debüts. Oliver Uschmann beispielsweise betätigt sich als Mäzen - und hat Raymund Krauleidis ("Schmoltke und ich") die Steigbügel gehalten (Raymund hat Oliver beim Joggen abgefangen und ihm das Manuskript in die Hand gedrückt.) Das ist keine Ausnahme. Wer versucht, etwas so komplexes wie den Buchmarkt auf einfache Fragen und Antworten zu reduzieren, erhebt seine eigene schmale Erfahrung (im vorliegenden Fall bisher ein Buch, wenn ich das richtig sehe) zur allgemeingültigen Wahrheit.


    Das mit den Viel- und Weniglesern stimmt allerdings definitiv. Der Buchmarkt wird beherrscht von den Leuten, die zwei bis vier Bücher pro Jahr kaufen, denn diese stellen die überwältigende Mehrheit - neunzig Prozent und darüber, schätzt man. Sie kaufen Jaud, Roche und Meyer (und, ja, leider auch Sarrazin). Die Vielleser mit ihren zuweilen stark heterogenen Interessen demgegenüber sind nicht nur schwer vorhersehbar, sie sind darüberhinaus auch wirtschaftlich kaum interessant. Kaum. Ich sage nicht: Uninteressant.