Kill your darling!?

  • Hallo Hugo,


    erst mal vorweg: Ich habe nicht alle Antworten gelesen, die Du schon bekommen hast, es kann also sein, dass ich etwas wiederhole, das Du hier schon gehört hast.


    Ich würde das Zitat nicht dahingehend verstehen, dass Du unbedingt die Sätze streichen musst, die Dir besonders gut gefallen. Aber Du solltest Deinen eigenen Text so kritisch wie möglich lesen und dann beim Überarbeiten auch bereit sein, Sätze oder auch ganze Absätze zu streichen, wenn sie für den Text insgesamt entbehrlich sind (aus welchen Gründen auch immer). Auch dann, wenn Dir diese Abschnitte gut gefallen. Denn auch der am schönsten formulierte Absatz verschlechtert einen Text, wenn er überflüssig, zu weitschweifig, nicht mehr zur eigentlichen Geschichte gehörig etc. ist. Es gibt viele Gründe, Sätze zu streichen, einer der wichtigsten für mich ist immer der, dass man sich mit diesem Absatz sozusagen "verzettelt". Dann muss er gestrichen werden. Ich kann Dich aber trösten: Überwindung kostet das nur am Anfang. Später löscht man viel schneller :).


    Ich halte übrigens das Kürzen für einen der wichtigsten Überarbeitungsschritte beim Schreiben.


    Liebe Grüße
    Anja

  • Lieber Tom,


    Zitat

    Original von Tom
    Das ist ein Klassiker bei Schreibworkshops, und zwar völlig unabhängig, ob sie an der VHS oder von der Literaturuni Leipzig veranstaltet werden: Rohfassung nehmen und dann alle Adjektive und Adverbien streichen. In vielen Fällen entstehen dadurch tatsächlich lesbarere und damit - vermeintlich - bessere Texte. Es zeigt sich, dass viele dieser Wörter offenbar überflüssig sind, gar den Lesefluss bremsen, und dass ihre Beseitigung eben den Text verbessert. Aber. Das gilt für schlechte Texte. Ein guter Text ist möglicherweise gerade durch die Verwendung solcher Wörter gut. Auf jeden Fall unterscheidet sich die eine von der anderen Fassung, und zwar auch im Hinblick auf Inhalt und Wirkung. Und an dieser Stelle muss sich der Autor eben fragen lassen oder gefragt haben, warum er getan hat, was er getan hat. Wer seine Texte mit Adjektiven und Adverbien flutet, um schlicht längere Texte zu schreiben, macht etwas falsch. Das erkennt man durch die genannte Vorgehensweise. Mehr nicht, aber auch nicht weniger.


    du sprichst nicht mehr direkt das Thema "Kill your darling!" an, aber deiner Meinung schließe ich mich an. Das Reden von "Adjektivitis" und "Vorsicht bei Adverbien" sollte meiner Ansicht nach nicht unterdrücken, dass Adjektive und Adverbien auch sehr kraftvoll wirken können, wenn man sie gezielt und mit Bedacht einsetzt.


    Zitat

    Ein anderes Problem sind tatsächlich diese Sätze, denen man anmerkt, dass der Autor besonders viel Schmackes, Herzblut, Wasauchimmer in sie getan hat, echte Lieblingssätze eben - aus Sicht des Autors. Oft grätscht derlei auch ziemlich übel aus dem Resttext heraus. Gerade noch knappe, präzise Sprache, und dann plötzlich so ein Ungetüm, so ein Alles-in-einem-Satz, eine brachiale, wortmächtige Zusammenfassung des Weltgeschehens, zutiefst philosophisch, kongenial, einfach ... hach. Aber trotzdem Scheiße. Weil unpassend, schlecht vorbereitet, dramaturgisch völlig neben der Spur und so weiter. Raus damit.


    Ja, ja, ja - ja! Das meinte ich in meinem Ausgangsbeitrag mit "Fremdkörper"! Dort vermute ich mangelnde Distanz zum eigenen Text als Ursache. Meinst du so ähnlich, dass das am Herzblut liegen könnte, an zu viel Gefühl? Eine erfolgreiche Schriftstellerin schrieb mir einmal, dass ein Autor beim Schreiben kalt sein müsse wie eine Hundeschnauze - nur so könne er auch gefühlvoll schreiben.


    Lässt man sich also bei Lieblingsstellen von den Gefühlen des Textes mitreißen, statt sie zu beherrschen?


    Herzliche Grüße,


    Hugo

    Es gibt drei Regeln, wie man einen Roman schreibt. Unglücklicherweise weiß niemand, wie sie lauten. (William Somerset Maugham)

  • Hugo, wenn du deine Lieblinge nicht killst, der Lektor/die Lektorin wird es auf alle Fälle tun. Hätte ich nie gedacht, ist aber tatsächlich so und doch recht schmerzhaft. *plärr* Aber es ist vermutlich wie beim Sex: tut nur das erste Mal weh. :D


    Also schau dir deine Lieblingsstellen genau an, sei ehrlich und frage dich: Will ich hier literarisch sein? Extrem originell? Passt es zum anderen oder mache ich hier einen auf Papagei unter Spatzen? Oder imitiere ich gar einen meiner Lieblingsautoren? Alles so kleine Fallen, in die man gerne tappt.


    Und wegschliessen, ein halbes Jahr vergessen und nochmals lesen, ist einer der besten Ratschläge, die es überhaupt gibt.

  • Liebe Mulle,



    Das habe ich dann ja schon mal verstanden. Ich töte ja auch gern meine Hauptfiguren, aber ich habe ja auch keinen Verlag. ;)


    Zitat

    @ Testleser: Wie gesagt, such dir übers Netz jemanden, das ist nicht so schwer. Meine TL wissen nie, ob sie für ihre Arbeit hinterher ein Buch bekommen; soweit, dass ich über Exposé verkaufe bin ich ja noch nicht, es steht daher immer offen, ob ein MS verlegt wird oder nicht. Ich habe meistens einen Leser aus der Zielgruppe und einen, der mit dem Genre nichts anfangen kann (einen Sci-Fi oder Thriller-Leser z.B.), weil ich finde, dass ein Genre-Buch, genrefremden Lesern zwar nicht gefallen muss, sie aber trotzdem handwerklich überzeugen sollte.


    Das mit den Testlesern werde ich wirklich mal versuchen. Aber Eile mit Weile: Bevor ich hier meinen BT nicht eingestellt habe, passiert da noch gar nichts. Und auch danach benötige ich wohl noch Zeit. Gerade deshalb geht es mir ja auch darum, was ich selbst tun kein, um meine Texte möglichst effektiv und allein zu überarbeiten.


    Zitat

    @ Distanz zum Text: Tja. Das fällt mir auch schwer und erfordert, auch wenn der Text ein Jahr oder länger lag, meine volle Konzentration. Ich kann nichts machen - ich mag meine Schreibe Achselzucken und erwische mich immer dabei, den Text einfach zu lesen, meist genüsslich zu lesen und mich darüber zu freuen, wobei mir der Kritiker-Blick immer wieder entgleitet. Man kann das aber üben. Durch Konzentration und durch häufiges Kritisieren und Analysieren anderer Bücher. Aktuell merke ich auch, dass es leichter wird, wenn man den Text in mehreren Durchgängen überarbeitet: Ein Durchgang nur für Logik, Glaubwürdigkeit & Figurenpsychologie; ein Durchgang für Dialoge und Eigenstimme der einzelnen Figuren; ein Durchgang für Formulierungen, Verbschärfen, ein Durchgang für unnötige Füllworte und Adjektive. Bisher habe ich das alles durcheinandergematscht und so überarbeitet, aber dadurch entstehen kleine, aber ärgerlich Patzer (ärgerlich, weil vermeidbar).


    Das mit der Eitelkeit kenne ich auch. Die verhindert bestimmt oft ein gewinnbringendes Überarbeiten. Und das mit den mehreren Durchgängen werde ich ausprobieren. Den Tipp kannte ich noch nicht.


    Herzliche Grüße,


    Hugo

    Es gibt drei Regeln, wie man einen Roman schreibt. Unglücklicherweise weiß niemand, wie sie lauten. (William Somerset Maugham)

  • Hallo, Hugo.


    Das Problem verschärft sich dadurch, dass man beim Schreiben (und auch noch in der Redaktionsphase) der Meinung ist, genau dieser Satz wäre es, der das Buch ausmacht. Ohne diesen Satz wäre es ein anderes, ein schlechteres, ein belangloses Buch. Der Satz ist wie dieser Stein, irgendwo in der Mauer des Erdgeschosses eines riesigen Bauwerks, und wenn dieser, nur dieser Stein herausgezogen wird, zerfällt das ganze wie eine Sandburg bei einsetzender Flut. Mehr noch: Alle anderen Steine, wirklich ausnahmslos alle könnte man abtragen, Hauptsache, dieser bleibt, und das Bauwerk wird immer seinen Glanz und seine Größe behalten.


    Schade aber auch. Ich sehe einen Autor vor mir, der sich beim Versuch, sich mit der rechten Hand auf die eigene rechte Schulter zu klopfen, auf idiotische Weise dreht, genau wie ein Hund, der wild um die eigene Achse kreisend seinen eigenen Schwanz jagt.


    Aber das passiert vielen Autoren, auch guten. Es gibt einfach solche Momente, in denen man dem eigenen Werk, der eigenen Schöpfung nicht so recht über den Weg traut und auf Nummer sicher gehen will. Manchmal nur einen, zuweilen mehrere davon. Und dann entstehen solche Ungetüme, praktisch Befreiungsschläge, Rückversicherungen gegen das mögliche Nichtverstehen der Leser, Manifeste der eigenen Brillanz, auf dass sie in jedem Fall wahrgenommen wird. Wer bis zu diesem Punkt noch nicht begriffen hat, worum es geht und was für ein Tausendsassa dieser Autor ist - hier wird es geschehen! Und deshalb liebt man diese Sätze auch, diese vor Erklärungen und Deutungen überfließenden, prächtigen Whole-In-Ones, die eigentlich den Rest des Textes überflüssig machen. Und genau deshalb sind sie es selbst.
    Kill 'em.

  • Liebe siempre,


    Zitat

    Original von siempre


    und wieso nicht mehr? ich finde, es ist die hohe kunst der schriftstellerInnen, komplizierte sachverhalte, möglichst einfach und klar ausdrücken zu können :)


    komplizierte Sachverhalte einfach ausdrücken ... wieder hm ... meiner Ansicht nach beschreibt das eher die Aufgabe eines Journalisten.


    Ich komme ja aus der Schreibrichtung des (Lokal-)Journalismus, das war lange Zeit mein Berufswunsch, und so hat sich über Jahrzehnte auch ein karger Stil bei mir entwickelt. Meine Lieblinge in der Belletristik kamen auch oft aus dem Journalismus ... aber jetzt, wenn ich versuche, Geschichten zu schreiben und keine Artikel, jetzt mit 38 Jahren - da glaube ich, dass ich den für mich falschen Vorbildern hinterher gelaufen bin.


    Ich glaube, ich kann klar und einfach über Ereignisse in Potsdam berichten und dabei in kurzen Sätzen schreiben, mit wenig Adjektiven und Gedöns ... aber bei Geschichten glaube ich inzwischen, dass das nicht mein Ding ist: Das ist mir alles zu verkopft. Meine Hauptfrage lautet: Gefühl - wie erzeuge ich das am besten?


    Zitat

    hast du mal ein besispiel von dir - einfach&klar vs neu?


    Ist dir klar, wonach du da fragst? Da bin ich ja nackt!


    Aber okay, spielen wir Strip-Poker. Ich hab ein Dreier-Pärchen (beides der Beginn von kürzeren Texten).


    "einfach und klar":


    Gesichter


    5 Uhr 30. Der Wecker. Das Radio. Der Radio-Wecker. Hallo, hier ist wieder euer Lieblingssender! Eure Antenne! Und wir versorgen euch mit allen Hits! Und keiner wird wiederholt!
    Bettdecke. Fußboden. Schlurfen. Die Küche. Die Kaffeemaschine. Einen Löffel für mich, einen für die Maschine. Im Kühlschrank: Licht und Senf.
    Badezimmer. Rasieren. Erst trocken, dann Zähneputzen, dann nass. Duschen. Kaffee. Kaffee schmeckt nicht.
    Anziehen. You're so beautiful to me.
    Der Flur. Die Kontrolle: Schlüssel, Geld, Monatskarte. Das Treppenhaus. Morgen, Frau Winklewski. Die grüßt auch nie.
    Haustür. Lärm. Abgeschlossen? Kaffeemaschine aus? Nieselregen auf dem Bürgersteig. Die Haltestelle. Menschen.
    Keiner schaut keinen an. Das ist normal. Ihr wollt euch lustig machen über mich, nicht wahr? Ihr wollt euch alle lustig machen über mich. Man schlage ihnen ihre Fressen mit schweren Eisenhämmern ein. Werte Fahrgäste, aufgrund von Bauarbeiten kommt es im Bereich ... 4 Minuten bis zur 93.
    Die Frau da links ist eigentlich eine Hübsche. Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick. Die Braue, Pupillen, die Lider. Wer war das, vielleicht dein Lebensglück? Vorbei, verweht, nie wieder.


    "neu"


    SONNTAG AUF DEM LANDE


    An diesem Sonntag war die Luft klirrend kalt und klar, und die Sonne schien fahl herab auf die westfälische Parklandschaft, während ein klammer Wind von Osten über die Baumkronen streifte, weiter über die die Büsche und die kahlen Felder zur Gräfte und in Richtung Bauernschaft. Alles war so still und schlafend, beinahe tot. Hellgrau, fast weiß, schimmerte die Scholle und lag hart und frostig und rau in der Dämmerung, beschwert vom Eis und gefangen genommen von der Kälte. Der Morgennebel war schon aufgestiegen und hüllte das Land in Dunst.
    Isford schritt kräftig aus, unter seinen Schuhen krachte es, und ihm war, als wäre er allein auf der Welt, als könnte er endlos wandern und nie ans Ziel kommen, nur irgendwann Eiswüsten durchschreiten, auf Schollen treiben und sich Schneestürmen entgegen stellen, schließlich aber wieder die verkarsteten Ackerfurchen unter seinen Stiefeln spüren, sich hinwerfen, das Ohr an die Krume legen und tief, tief unten ein Klopfen wahrnehmen, das Klopfen von Leben, eingesperrt da unten und doch langsam empor dringend, wissend, dass auf den Januar der Februar folgt und auf den Februar der März.


    Herzliche Grüße,


    Hugo

    Es gibt drei Regeln, wie man einen Roman schreibt. Unglücklicherweise weiß niemand, wie sie lauten. (William Somerset Maugham)

  • Testphase 1 vers. Testphase 2, scheint mir.
    Ich mag es opulent, aber das neue ist selbst mir zu krass. Aber zwischen den Versionen hast du einen brauchbaren Stil versteckt (oder in die 80er reisen, ich mein, da war das gerade in). Musst'e nur ausgraben.

  • :strauss hugo für deinen strip. siehst gut aus ... äh, ich meine, beide ausschnitte gefallen mir ;)


    tolles beispiel dafür, dass es darauf ankommt, was man erzählen möchte und welche stilistischen mittel gibt es, um die geschichte voll zum leben zu erwecken. insofern - ich an deiner stelle würde mich von nix verabschieden, sondern immer aus der ganzen schatzkiste gezielt auswählen. je nachdem, welches thema du dir stellst.

  • Zitat

    Original von siempre
    ich an deiner stelle würde mich von nix verabschieden, sondern immer aus der ganzen schatzkiste gezielt auswählen. je nachdem, welches thema du dir stellst.


    Danke für die Blumen, und - ich wär ja ganz gern ein Chamäleon, ein Autor ohne eigenen Stil. Jemand, der den Stil der Szene anpasst. Das wär fein ...


    Herzliche Grüße,


    Hugo

    Es gibt drei Regeln, wie man einen Roman schreibt. Unglücklicherweise weiß niemand, wie sie lauten. (William Somerset Maugham)

    Einmal editiert, zuletzt von Hugo ()

  • ich sehs so - autor ohne stil wirst du, wenn du zu viel liest =)


    tom hat oben irgendwo geschrieben, dass man viele texte des genres lesen sollte, dem der eigene text zuzuordnen ist. ich sach - nö! die potenzielle gefahr, dass ich ne schlechte kopie von den meisterInnen des genres produziere, erhöht sich mit jeder lektüre. ich finde, der stil sollte sich am besten aus einem selbst entwickeln, auch mit der hilfe von anderen, z. b. bt-runden hier.

  • Zitat

    Original von Maren
    Ich schreibe und überarbeite so, dass es sich für mich richtig anfühlt. Sowohl von den Formulierungen als auch Dialogen her. Dann weiß ich, der Text braucht zwar sicherlich noch einiges an Lektorat, aber ich kann ihn mit einem ruhigen Gefühl abgeben.


    Liebe Maren,


    verstehe ich dich richtig, dass du nach Gefühl überarbeitest? Bis jetzt versuche ich immer, die erste Version nach Gefühl (oder meinetwegen mit rechter Hirnhälfte) zu schreiben und dann mit dem Kopf (oder linker Hirnhälfte) zu überarbeiten. Könntest du beschreiben, wie es ist, wenn sich etwas richtig anfühlt? Was sind da deine Kontrollmechanismen?


    Die Beta-Leser sind wohl später unabdingbar, nur möchte man es doch zuerst einmal so gut machen wie möglich, oder?


    Herzliche Grüße,


    Hugo

    Es gibt drei Regeln, wie man einen Roman schreibt. Unglücklicherweise weiß niemand, wie sie lauten. (William Somerset Maugham)

  • @siempre:


    Zitat

    tom hat oben irgendwo geschrieben, dass man viele texte des genres lesen sollte, dem der eigene text zuzuordnen ist.


    Hat er? Wo? :wow


    Ich würde nicht gerade anraten, das Genre um jeden Preis als Leser zu meiden, in dem man sich umtun will, und es ist durchaus hilfreich, wenigstens zu prüfen, ob man gerade an einer Trittbrettsache arbeitet, aber ansonsten bin ich auch kein Freund davon, sich ausgerechnet mit solchen Texten einzudecken, die demjenigen ähneln, den man zu schreiben im Begriff ist. Allerdings sollte man das Genre schon kennen.


    @Hugo:


    Übrigens schließe ich mich Maren an. Ich kämpfe selten mit Formulierungen, es passiert so gut wie nie, dass ich einen einzelnen Satz drei-, viermal anfasse, bis ich es schaffe, den nächsten anzugehen. Ich weiß einfach, wie es sich anhören, anfühlen soll, und so schreibe ich. Der Kontrollmechanismus bin ich selbst. Auf Beta- oder Testleser verzichte ich inzwischen weitgehend; mein Testleser ist mein Lektor. Und wenn ich doch Fragmente weiterreiche, geht es mir ausschließlich darum, ob Thema und Figuren funktionieren. In stilistischen Fragen verlasse ich mich auf mich selbst und auf die Redaktionsphase. Es wird so oder so Leute geben, die das Buch mögen, und andere, bei denen das nicht der Fall ist.

  • @ tom, hier:


    Zitat

    Original von JochenAlexander
    Man muss imo möglichst viel lesen... um ein Auge für gute Texte (im Sinne des Genres, in dem Du schreibst) zu bekommen..


    =)


    sorry :D :strauss

  • Zitat

    Original von Anja
    Ich würde das Zitat nicht dahingehend verstehen, dass Du unbedingt die Sätze streichen musst, die Dir besonders gut gefallen. Aber Du solltest Deinen eigenen Text so kritisch wie möglich lesen und dann beim Überarbeiten auch bereit sein, Sätze oder auch ganze Absätze zu streichen, wenn sie für den Text insgesamt entbehrlich sind (aus welchen Gründen auch immer). Auch dann, wenn Dir diese Abschnitte gut gefallen. Denn auch der am schönsten formulierte Absatz verschlechtert einen Text, wenn er überflüssig, zu weitschweifig, nicht mehr zur eigentlichen Geschichte gehörig etc. ist. Es gibt viele Gründe, Sätze zu streichen, einer der wichtigsten für mich ist immer der, dass man sich mit diesem Absatz sozusagen "verzettelt". Dann muss er gestrichen werden. Ich kann Dich aber trösten: Überwindung kostet das nur am Anfang. Später löscht man viel schneller :).


    Liebe Anja,


    Tucholsky zitiert in den "Ratschlägen für einen guten Redner" irgendjemanden mit "Wat jestrichen is', kann nich durchfalln." Ich streiche gern. Das macht mir Spaß. Das Problem ist für mich nur herauszufinden, was ich streichen soll ...


    Frey bringt in seinem ersten Band ein Beispiel mit einem Mann, der seine kranke Mutter besucht. Er schreibt, wenn dieser Teil nichts dazu beitrage, die Prämisse zu beweisen, dann müsse er raus, auch wenn er der ergreifendste Teil des Romans sei.


    So weit, so klar. Ich frag' mich ja immer: Wie haben die russischen Klassiker das gesehen, aber egal. Nur ist es eben für mich fast nie so eindeutig wie in Freys Beispiel und mit deinem "überflüssig" und "nicht zur Geschichte gehörig".


    Aber wahrscheinlich suche ich nach allgemeinen Kriterien fürs Streichen und Überarbeiten, die es nicht gibt und nicht geben kann.


    Herzliche Grüße,


    Hugo

    Es gibt drei Regeln, wie man einen Roman schreibt. Unglücklicherweise weiß niemand, wie sie lauten. (William Somerset Maugham)

  • Hallo, Hugo.


    Zitat

    Aber wahrscheinlich suche ich nach allgemeinen Kriterien fürs Streichen und Überarbeiten, die es nicht gibt und nicht geben kann.


    So ist es. Das ist eine gut erzählte, gute Geschichte, in der ich als Autor erkennbar werde, und die so nur ich hätte erzählen können. Darauf kommt es an, da muss man hinkommen. Alles andere sind Nebenschauplätze, auf die man sich gerne verirrt, die aber nur Zeit und Kraft kosten. Schreiben ist eine Angelegenheit des Selbst- und Sendungsbewusstseins.


  • Deshalb ist Frey ja auch als Schreibratgeber und nicht als Romanautor bekannt. :D

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Erlebnis-Wanderungen Odenwald

    ASIN/ISBN: 386246752X


    "In der industriellen Tierhaltung ist jegliche Empathie für die sogenannten Nutztiere verloren gegangen."


    Rupert Ebner

    SZ Nr. 78, 6.4.2021, S. 15

  • Zitat

    Original von Margot
    Hugo, wenn du deine Lieblinge nicht killst, der Lektor/die Lektorin wird es auf alle Fälle tun. Hätte ich nie gedacht, ist aber tatsächlich so und doch recht schmerzhaft. *plärr* Aber es ist vermutlich wie beim Sex: tut nur das erste Mal weh. :D


    Liebe Margot,


    ach Margot, wenn doch ein Lektor meine Lieblinge wirklich auslöschte, statt mir das ganze Projekt mit dürren Worten zurück zu senden - das wäre mein höchstes Wünschen und Sehnen!


    Zur Sache mit dem "ersten Mal" verkneife ich einen Kalauer, eine böse Zote. :D


    Zitat

    Also schau dir deine Lieblingsstellen genau an, sei ehrlich und frage dich: Will ich hier literarisch sein? Extrem originell? Passt es zum anderen oder mache ich hier einen auf Papagei unter Spatzen? Oder imitiere ich gar einen meiner Lieblingsautoren?


    Das sind doch schon mal sehr genaue und hilfreiche Fragen. Vielen Dank! :blume


    Herzliche Grüße,


    Hugo

    Es gibt drei Regeln, wie man einen Roman schreibt. Unglücklicherweise weiß niemand, wie sie lauten. (William Somerset Maugham)

    Einmal editiert, zuletzt von Hugo ()

  • vor einiger zeit gab es auf einer webseite im netzt 7 schreibaufgaben zu vorgegebenen themen. zeichenzahl: 1500 max. ich fand, das waren echt anspruchsvolle übungen hinsichtlich "auf den punkt schreiben". ich hab echt schwer geschuftet. mein lieblingsthema war: "beschreiben sie eine kaffeemaschine". kürzen, kürzen, kürzen - dem text hats gutgetan *find* -> versuch macht kluch, hugo ;)

  • Zitat

    Original von Tom
    Und deshalb liebt man diese Sätze auch, diese vor Erklärungen und Deutungen überfließenden, prächtigen Whole-In-Ones, die eigentlich den Rest des Textes überflüssig machen. Und genau deshalb sind sie es selbst.
    Kill 'em.


    Lieber Tom,


    ohne den Rest deines Beitrages herab würdigen zu wollen - diesen Schluss finde ich besonders hilfreich.


    Herzliche Grüße,


    Hugo

    Es gibt drei Regeln, wie man einen Roman schreibt. Unglücklicherweise weiß niemand, wie sie lauten. (William Somerset Maugham)

  • Als es bei den "Büchereulen" noch den monatlichen Schreibwettbewerb gab, Kurzgeschichten zu einem jeweils vorgegebenen Thema, maximal 500 Wörter, habe ich intensiv mitgemacht, weil das eine sehr gute Übung war, um auch in weniger Worten etwas zu sagen, für das man (in der Rohfassung) so gut wie immer mehr Worte gebraucht hatte. Das war nicht nur eine gute Übung dafür, wie man aus zu langen Texten (zuweilen bessere) kürzere macht, sondern vor allem dafür, abzuschätzen, was man in so einem Rahmen sagen kann. Und das ist verblüffend viel. Trotzdem habe ich mir nicht angewöhnt, so zu schreiben, wie es sich dann anhand der Ergebnisse darstellte. Ich habe mir überhaupt nicht angewöhnt, "wie" (jemand) zu schreiben. Sondern so zu schreiben, wie ich es am besten kann. Möglich, dass diese Übungen hierbei ein wenig geholfen haben.


    Es geht auch darum, das, was man sagen will, auf die richtige Weise zu sagen. Aber auch das zu finden, was man sagen möchte - und kann. Sprache und Inhalt und Autorenperson müssen eine Einheit darstellen. Viele Autoren sind auf der Suche nach der richtigen Sprache für die Art von Texten, die sie aus irgendwelchen Gründen schreiben wollen. Manchmal wäre die Lösung für diese Leute, sich die Texte zu suchen, die sie mit ihrer Sprache erzählen können.