Beiträge von Christoph

    Liebe Leute,

    nach langer Zeit des Zwischendurch-Mitlesens habe ich Lust, wieder im Forum mitzumischen und stelle mich kurz vor, da es doch ein paar neue Gesichter zu sehen gibt, die mit meinem Namen eher nichts anfangen können.

    Vor rund zehn Jahren habe ich beschlossen, dass es mir mit dem Schreiben ernst ist. Es gab die ersten Gehversuche hier in der BT-Runde und dann später ein paar Jahre Mitgliedschaft im Verein. Danach habe ich fleissig weitergeschrieben, kürzere und längere Sachen, bin knapp an einem Agenturvertrag vorbeigeschrappt, habe nebenbei festgestellt, dass ich Haikus mag und immer noch schreiben und gelesen werden will. Ich freue mich auf den Austausch über Bücher, Schreiben und alles mögliche andere. Es war glaube ich mal mehr los, aber trotzdem schön, dass hier noch Leben drin ist.


    Christoph

    Wiederholbare Verfahren sind ebenso ein berechtigter Wunsch, aber schwierig im kreativen Bereich zu realisieren. Eher ist es so, dass man im Laufe der Zeit und mit ausreichender Übung eine "Palette an Verfahren" entwickelt, die aber so nur Gültigkeit für einen selbst haben.

    HD, du bist ein kleiner Klugscheißer. Aber ein netter.:)

    "Man" hat vielleicht so eine Palette, das kann sein. Ich habe (genau wie Jürgen und vermutlich auch noch andere) ein wiederholbares Verfahren für mich zusammengeschustert. Du glaubst nicht, dass du das besser weißt als ich selbst, oder?

    Hallo,

    den Thread muss ich nochmal hochholen, das finde ich spannend.

    Denn ich glaube, das ist eine total wichtige Frage, auf die man unbedingt eine Antwort finden muss, weil das einfach so grundlegend ist. Wenn man sich und seine Schreiberei irgendwie so halbwegs ernst nimmt, dann will man ein wiederholbares Verfahren, eine Methode um an Text zu kommen. Vielleicht sogar an brauchbaren.

    Bei mir fängt es ebenfalls mit einer Idee an, irgendwas hat mein Interesse geweckt und mein Gefühl sagt mir, dass da noch mehr ist, also dass mir dazu ziemlich viel einfallen wird. Da ist dann auch so eine gewisse Aufregung dabei, so ein Gefühl, dass jetzt gleich etwas total tolles passieren wird. Zum ersten Mal mit der neuen Freundin schlafen, so ungefähr. Zu diesem Zeitpunkt denke ich noch nicht über Handlung oder Figuren nach, sondern bleibe bei der Idee und recherchiere. Das mache ich ziemlich gründlich. So gründlich, dass ich sicher bin, dass mir meine Unwissenheit beim Schreiben nicht mehr in die Quere kommen wird. Manchmal sind dann Figuren da, manchmal reden sie auch, und das ist ein sehr gutes Zeichen, denn genau das will ich ja.

    Dann folgen mehrere Tage, in denen ich versuche, nicht mehr an das alles zu denken. Falls es trotzdem hochkommt, ist das ok, aber ich lasse mich nicht drauf ein. Ja und danach ist die Kurzgeschichte normalerweise fertig, manchmal fehlt das Stück vor dem Ende, der Höhepunnkt quasi, aber das ist egal. Jetzt haue ich in die Tasten und eine Stunde später habe ich dann meine Geschichte.


    Ich glaube, Erzählen ist nicht so sehr eine Tätigkeit des logisch denkenden Verstandes (Recherche aber schon), sondern mehr des Gefühls. Des Gefühls für Proportionen beispielsweise. Niemand zählt Wörter, um herauszufinden, wie lang eine Beschreibung sein muss. Man merkt eben einfach, wann man genug gesagt hat. Hoffentlich. Man entwickelt ein Gefühl dafür. Und auch bei Figuren geht es mehr darum, ein Gefühl für sie zu entwickeln, dafür, wie sie sich verhalten und wie sie denken. Das will ich als Leser übrigens auch. Ich will ein Gefühl für die Figur bekommen und auch die Welt, in der sich die Figur bewegt, da will ich eher fühlen als faktenbasiert wissen.


    Wir brauchen einen Thread darüber, wie ihr an Romane herangeht.


    Christoph

    Hallo Dorit,

    also für Heimarbeit ist das richtig gut geworden, ich glaube nicht, dass ich das könnte. Ich kann dir leider nicht mehr sagen, ob ich das Hakenkreuz erkannt hätte - hatte vor dem Anschauen schon die Postings der anderen gelesen.


    Und ja, der Ton ist auch in meinen Ohren nicht einheitlich, bei dem Schallplattenteil ist die Musik relativ schlecht zu hören (das Kratzen dafür gut ;-) ), bei der gesprochenen Passsage, äh, weiß gerade nicht, wie ich das beschreiben soll, es klingt wie ein schlecht komprimiertes mp3, die Höhen sind irgendwie im Eimer, bzw. ich glaube zu laut, die "s"-Laute bspw. tun ein bisschen weh. Aber was soll ich sagen, trotzdem cooles Filmchen.

    Mariana Leky steht mit ihrem aktuellen Roman auf der Spiegel-Bestsellerliste und hat auf Amazon derzeit 239 Rezensionen. Vielleicht kann sie erzählen, dachte ich. Da mir 20 Euro für die gebundene Ausgabe jedoch zu teuer sind, habe ich mal nach Taschenbüchern von ihr geschaut und „Die Herrenausstatterin“ gefunden. Und gekauft. Und es nicht bereut. Der Roman erzählt eine eigentlich ziemlich traurige Liebesgeschichte auf so liebevolle Art und Weise, dass es zum Niederknien ist.


    Das Ganze ist sprachlich unglaublich schön und treffsicher, stellenweise hätte man sich fast ein bisschen mehr Geschwätzigkeit gewünscht, sehr berührend, so richtig zum Mitleiden, dann wieder witzig, die ganze Zeit auf sympathische Weise herrlich absurd und skurril und ja, einfach – und das ist total lieb gemeint – sinnlos. Vermutlich gerade deswegen fühlt man sich dem Personal so nahe, lernt ihre Macken (es gibt einige) lieben, erkennt sich in einigen sofort wieder und will dann wieder weinen, über die Ungerechtigkeit der Welt und des Schicksals, über Rücksichtslosigkeit und soziale Kälte. Ich würde jederzeit schwören, dass hier etwas grundlegend menschliches beschrieben wird, um das man einfach nicht herumkommt, vielleicht sogar das Leben an sich, aber das ist natürlich Quatsch. Es macht nur eben tierisch Spaß, der sich selbst und den anderen verlorengehenden Hauptfigur in ihre verworrenen Gedankengänge zu folgen und mit ihr zusammen in der völlig versifften Wohnung zu verwahrlosen und den elenden Porzellanflamingo zu kleben. Leky ist ein toller Roman gelungen. Allein der Umgang mit dem abgehalfterten Karatefilm-Darsteller McQuincey, der von Karate Null Ahnung hat und mittlerweile fett, alkoholkrank und auf dem Weg in den Beruf des Bademeisters ist – im Roman eigentlich nur eine Randfigur – lohnt die Lektüre und zeigt, wie viel es ausmacht, wenn Autoren ihre Figuren richtig richtig gerne haben. Nämlich vermutlich bisweilen den Unterschied zwischen einem fantastischen und einem Scheißroman. Hier liegt jedenfalls ein fantastischer vor.


    Wer es wissen will: In dem Roman geht es um eine in die Depression abrutschende Witwe, ihre Liebesbeziehung zu einem Toten und einem Feuerwehrmann mit einem Faible für hochkalorische Trinknahrung. In Wirklichkeit ist alles natürlich viel komplizierter und überraschender, wie sich ganz leicht jeder selbst vorstellen kann.

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    Hm. Gute Frage.
    Erzählen in noch allgemeinerer Definition wäre vielleicht eine „Kulturtechnik, die menschliche Gedanken vor dem Orkus bewahrt“.
    Dazu gehörten dann auch Bilder, Architektur und vieles mehr. Ich glaube, gute Sachtexte werden ebenfalls erzählt. Schlechte Sachtexte (die Mehrheit?) versagen sich das Erzählen, es gilt: Je trockener, desto glaubwürdiger. Man kann ja auch erzählend beschreiben/erklären. Bloß, wer zu sehr unterhält, läuft Gefahr, nicht ernst genommen zu werden.


    Jürgen, den zweiten Teil deines Postings finde ich viel spannender. Irgendwie fragst du ja, was denn nun im Kern den Unterschied dieser beiden Textsorten ausmacht. Und das berührt auch die Frage, was eigentlich so eine erfundene Geschichte gut (erzählt) macht.
    Deiner eigene Antwort und auch Christianes Ergänzungen würde ich mich anschließen und vielleicht noch ergänzen, dass es ganz grundlegend um Manipulation geht. Der Belletristik-Leser will emotional bewegt werden, er erwartet, dass seine Gefühle (Vorwissen) manipuliert (bespielt) werden. Wenn dies gelingt, verzeiht er sogar logische Fehler, Unwissen, haarsträubende Plots und seitenweise schlecht geschriebenen Text. Das alles funktioniert, weil der Leser manipuliert werden will. Nein, noch stärker, er sehnt sich danach. Er will die ganzen starken Gefühle erleben. Unbedingt. Er sucht diese Erfahrung geradezu. Und wenn er sie dann findet, fühlt sich das fantastisch an.
    Bei einem Sachtext sucht er sie nicht. Oder zumindest nicht in der gleichen Weise.

    Nachdem ich mich bei Euch ein wenig umgeschaut habe, traue ich mich nicht mehr, mein Buch in die BT Runde zu geben. [...]


    Kritik wäre für mich trotzdem wichtig.

    Hallo Ava,
    du wirst dich aber zumindest trauen müssen, dich für oder gegen Kritik zu entscheiden. ;)


    Wenn du dich mal ein bisschen durch das Archiv der BT-Runde klickst, wirst du feststellen, dass dort auch immer mal wieder Texte von richtig guten Leuten in Richtung Abfluss gefeudelt werden. Sollte es dir auch so gehen, bist du also zumindest in guter Gesellschaft.


    Der Ton in der BT-Runde schreckt bisweilen ab, keine Frage. Sieh es als Gelegenheit, dich von deinen Texten innerlich zu distanzieren und sie in die Welt zu entlassen. Das hast du doch letzen Endes sowieso vor.


    Und mach dir klar, dass die Kritik in der BT-Runde von sehr verschiedenen Menschen (in Bezug auf Geschmack aber auch in Bezug auf Sachverstand) geäußert wird. Jeder hat eigene Ansichten. Wenn du die Rückmeldungen für dich durchsortierst, kannst du davon in praktisch jedem Fall profitieren.


    Aber wie auch immer, lass dich nicht überreden, mach das nur, wenn du es willst. Ich selbst werde allerdings hier im Café keine Textkritik einstellen. Das behagt mir einfach nicht.

    Ein neuer Booksnack. :)
    Einige hier kennen sie schon, diese Kurzgeschichte über einen arbeitslosen Schlosser, sein Mopped und seine schwangere Freundin. Alle anderen sollten sie am besten jetzt kaufen. Morgen geht aber auch noch.
    :winner


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