Beiträge von tortitch

    Da ich die beiden ersten (Teil-)Romane des „Joseph“ im Zusammenhang gelesen habe, möchte ich kurz „Der junge Joseph“ ergänzen. Auch dieser Teil erscheint noch in Deutschland (1934). Sich eindeutig von seinem Heimatland (und damit auch vom Nazi-Regime) zu distanzieren, fällt dem Taktierer Mann schwer. In einem Brief an Einstein schreibt er 1933, der Bruch mit Deutschland passe nicht zu ihm. Seine Natur sei mehr von goethisch-repräsentativen Überlieferungselementen bestimmt.


    Die äußere Handlung des Romans gibt nicht viel her:

    Das Mutter- bzw. Vatersöhnchen Joseph macht sich durch Denunziationen weiter unbeliebt und hinterbringt bei jeder Gelegenheit dem Vater die Vergehen seiner Brüder. Als wäre das noch nicht genug, provoziert er die Neider durch das Erzählen von Träumen mit etwa diesem Tenor: „Ätschi, eure Garben haben sich vor meiner Garbe verneigt.“ Schließlich überredet er seinen Vater, ihm ein Prunkgewand, das Rahel, seiner Mutter, gehört hat, zu übergeben. Dieses Gewand symbolisiert vor allem auch das Erstgeburtsrecht.

    Zürnend und enttäuscht ziehen die Brüder mit den Schafherden (Jaakob und seine Kinder leben im Wesentlichen von Schafzucht) zu fernen Weidegründen. Jaakob besinnt sich, dass er doch auch seine Nicht-Lieblingssöhne gern um sich hätte, und schickt Joseph zu ihnen, damit er sie zur Rückkehr bewege. Joseph jedoch fällt nichts Besseres ein, als ausgerechnet in dem brisanten Prunkgewand vor den Brüdern zu erscheinen. Sie haben endgültig die Nasen voll, schlagen Joseph zusammen und werfen ihn in einen ausgetrockneten Brunnen. Dort verbringt er gefesselt drei Tage, bis seine Brüder es für ratsam halten, ihn an zufällig vorbeiziehende ismaelitische Kaufleute zu verschachern.

    Weder ist Joseph ein Adrenalin-Junkie noch liegt ihm an der Provokation. Sein törichtes Verhalten resultiert einfach daraus, dass er nicht begreifen kann, dass jemand ihn (den Schönling und Auserwählten) weniger lieben könnte als sich selbst.


    Bereits in der Inhaltsangabe erkennt man das Regiment mythischer, immer wieder sich aktualisierender Muster: Konflikt um das Erstgeburtsrecht, „Auferstehung“ nach drei Tagen (eine Auferstehungsgeschichte erzählt auch Joseph seinem kleinen Bruder Benjamin) . Die Entindividualisierung und Reproduktion mythischer Blaupausen wird besonders an der Figur des Eliezer durchdekliniert. Eliezer ist ein Knecht Jaakobs, der sich um die Erziehung und Bildung Josephs verdient macht, indem er ihn in den mythischen Überlieferungen unterweist. Eliezer nun ist nicht nur konzeptionell eine Wiederkehr, sondern namentlich in dem Sinn, dass auch der Stammvater Abraham einen Knecht dieses Namens hatte. Und in den Erzählungen des aktuellen Eliezer wird deutlich, dass er zwischen sich und dem Vor-vor-vor-Gänger nicht all zu genau unterscheidet. Wenn er von Abrams (Abrahams) Eliezer erzählt, spricht er gern so, als sei er es selbst gewesen.

    Etwas anders verhält es sich mit Joseph. Auch er sieht sich in das mythische Narrativ eingebunden und er ist auch bereit, seine Rolle zu spielen. Doch er spielt sie eben nur. Er ist der Spieler und Artist, also der bei Mann selten fehlende, von intellektueller Durchdringung angekränkelte Künstlertyp. Allerdings ein von Selbstliebe verblendeter Typ, der in den ausstehenden zwei Romanteilen noch einige Lektionen lernen muss, bis er die Synthese von Mythos und Wissenschaft (Psychologie) und den sozial verantwortlichen Künstler repräsentieren kann.

    Vorweg:

    1. Thomas Mann scheint kein Autor zu sein, den man gern liest oder nicht gern liest. Vielmehr scheint der Fall des Nicht-gern-Lesens oft mit einer leicht erhöhten Heftigkeit daherzukommen, der es gefällt, seinen Wert zu relativieren. Diese Haltung habe ich nie ganz verstanden.
    2. Mitunter wird sein Stil für schwülstig gehalten. Wenn man unter „schwülstig“ etwa „wolkig, sahnehaubig, klischeehaft“ versteht, ist das Urteil falsch. Mann scheint mir eher immer um größte Präzision bemüht, mit einer Differenzierungslust, die gern in ein fontanesches Sowohl-als-Auch gerät. Das sei zugestanden. Wenn unter „schwülstig“ allerdings verstanden wir, dass Mann das äußerlich Erzählbare gern in das weitläufige Netz seiner Begriffsdichotomien hängt, wenn man meint, dass er stets mit einem Fuß im Himmel der Ideen und des Geistigen baumelt, dass er - wie Carnap urteilen würde - ein Metaphysiker ist, dann ja, dann ist er schwülstig, was allerdings weniger ein Stilurteil wäre als die Beschreibung einer Weltanschauung.


    Als ich überlegte, in welche Rubrik ich meine Darstellung packen sollte, fand ich, dass ein Roman, der bald hundert Jahre alt ist, nicht gut in die „Vorstellungen“ passt. Bei der „Romananalyse“ passt es aber noch weniger. Daher also doch bei den Buchempfehlungen.


    Ähnlich wie beim „Zauberberg“ war der Josephsroman längst nicht mit dem tatsächlichen Umfang geplant, wucherte dann aber im Laufe der Jahre zu einer Tetralogie heran. Von 1926 bis 1942 tüftelte Thomas Mann an dem Roman bzw. an den Romanen. Ein Grund für die Ausuferung war Manns Überzeugung, dass er Josephs Geschichte, so wie er sie erzählen wollte, nicht ohne einen verdammt gründlichen Blick auf die Vorgeschichte ins Werk setzen könne. So kommt es, dass der erste Roman noch gar nicht oder nur weniger von Joseph handelt und mehr von seinem Vater Jaakob.

    Dieser erste Teil (Die Geschichten Jaakobs) erscheint 1933 (durchaus noch in Deutschland, auch wenn TM im Februar das Land verlassen hat).

    Jaakob, nicht ganz lauter, betrügt seinen Bruder Esau um den Vatersegen und somit um das Erstgeburtsrecht. Aus Angst vor Rache flieht Jaakob zu seinem Onkel Laban, in dessen Dienst er tritt. Er verliebt sich spornstreichs in Labans Tochter Rahel, muss aber, um sie als Ehefrau zu bekommen, sieben Jahre für Laban arbeiten. Dieser (gern auch mal als „Teufel“ bezeichnet) ist ebenfalls nicht frei von Tücke und schiebt verschleiert seine andere Tochter, Lea, als Braut unter. Was soll Jaakob tun? Er dient weitere sieben Jahre, um auch Rahel heiraten zu dürfen. Während der sieben und sieben Jahre wird Jaakob ziemlich wohlhabend. Mit seiner Rahel aber hat er weiterhin Pech. Sie bekommt nämlich - anders als Lea - keine Kinder. Ersatzweise gebären die Mägde Bilha und Silpa für sie Söhne. Dann jedoch, als Jaakob schon nicht mehr ganz daran glaubt, wird Rahel noch schwanger und bringt Joseph zur Welt. Es gibt dann sogar noch einen Nachzügler, Benjamin, bei dessen Geburt Rahel stirbt.

    Wohlhabend und mit stattlicher Nachkommenschaft kehrt Jaakob nach Kanaan zurück und versöhnt sich mit Esau.

    Dieser Handlung vorangestellt ist allerdings ein „Vorspiel: Höllenfahrt“. Jaakob trifft am Brunnen seinen hier bereits jünglingshaften Lieblingssohn Joseph. Im Gespräch kommt heraus, dass es zwischen Joseph und seinen Brüdern erhebliche Spannungen gibt.

    Überhaupt der Brunnen. Der ist Hauptmotiv oder - symbol nicht nur dieses ersten Romans (der zweite Teil - „Der junge Joseph“ - endet z.B. damit, dass die Brüder Joseph in einen Brunnen werfen). Im Vorspiel steht der Brunnen für Zeittiefe, ontologische Tiefe und psychologische Seelentiefe. Jaakobs Betrug an Esau ist - eschatologisch, wenn man so will - legitimiert, weil Jaakob im Vergleich zu seinem eher animalischen Bruder über die nötige Seelentiefe verfügt. Er ist der zartere, geistigere und weiß das auch.

    Gleichzeitig deutet der Brunnen in die bodenlose Vergangenheit, in die Menschheitsgeschichte, in der sich kein Anfang ausmachen lässt. Für jedes historische Ereignis muss es eine Ursache geben, so dass man am kausalen Gängelband umstandslos in einen unendlichen Regress gerät. Soweit die „wissenschaftliche“ Perspektive. Anders dagegen der Mythos. Er setzt zwar auch keinen Anfangspunkt, vielmehr nimmt er es mit der Chronologie nicht so genau, sondern konstituiert ein umfassendes „Zugleich“. Handlungen und Handelnde sind nicht so sehr individuell, sie folgen eher (mythischen) Mustern, von denen her sie ihre Bedeutungen erhalten. So ist Jaakob nicht nur Jaakob, sondern das Bruder-Verhältnis zu Esau spiegelt auch das Verhältnis von Kain und Abel wider, wie auch der sich andeutende Zwist zwischen Joseph und seinen Brüdern diesem Muster entspricht. Indem die Figuren sich als Repräsentanten solcher Traditionen sehen, erwächst für sie daraus Sinn und Verpflichtung (bei Joseph wird diese mythische Verankerung später allerdings brüchig).

    Wie schon bei seinen Vorläufern, die an einem „neuen Mythos“ basteln (Frühromantiker, Wagner, Nietzsche), ergibt sich natürlich auch für Thomas Mann das Problem, dass man nicht in naiver Weise an den Mythos glauben kann. Was er anstrebt, ist eine Synthese aus Wissenschaft (Psychologie) und Mythos, also eine aus jüdisch-christlichem Ursprung erwachsene Kultur, die trotz aller intellektueller „Entzauberung“ (Weber) Sinn- und Sittlichkeitsorientierung stiften kann.

    Was ist der Brunnen noch? Natürlich auch Zugang zur Unterwelt. Für die Motiv-Struktur des Romans bzw. der Romane ist der Komplex Unterwelt und Unterwelt-Gang prägend. Da verliert man schnell die Übersicht, weil Mann hier nicht nur den Persephone-Mythos heranzieht, sondern auch ägyptische und sumerisch-babylonische Mythen.

    Überhaupt hat Mann sich während der Jahre der Arbeit offenbar ein stupendes ägyptologisches etc. Wissen angeeignet und er selbst merkt in einem Brief die Gefahr an, dass im Roman das Akademisch-Wissenschaftliche zu Ungunsten des Erzählerischen ein Übergewicht bekommen könne. Tatsächlich ist die Ausbreitung des Bildungswissens, die Mann betreibt, mitunter ermüdend.

    Nicht so ansprechend finde ich auch den archaisierenden Mythenstil, den TM praktiziert. Das bezieht sich auf eine z.T. altertümelnde Wortwahl sowie auf Inversionen im Satzbau, die eine Anmutung von „Damals“ heraufbeschwören sollen (vielleicht). Freilich wird dieser Stil auch immer wieder ironisch gebrochen.

    Ist es also nun eine Buchempfehlung? Wenn man an die Josephsromane heran will, sollte man eine gewisse Investitionsbereitschaft mitbringen. Und das bezieht sich nicht nur auf Zeit und Mühe, sondern auch auf das Pekuniäre. Ich würde die Große Kommentierte Frankfurter Ausgabe inklusive Kommentarband empfehlen. Dann wird das allerdings ein recht teurer „Spaß“.

    Metaphern, Verben, Satzlängen, um mal auf der unteren Ebene zu bleiben.

    Dann Timing (also wie viele Sätze verwendet der Autor auf ein Thema oder einen Gedanken).

    Mischung von Textsorten (Beschreibung, Bericht, Reflexion, Dialog).

    Einfacher ist es allerdings bei nicht so guten Texten zu gucken, was da im Argen liegt, um sich das dann möglichst klar zu machen.

    Noch einmal zu meiner Frage, was ihr unter analysierendem Lesen versteht. (Ich lebe grundsätzlich nach der Devise, dass keine Frage zu peinlich ist.)

    Ich hab den Begriff nicht aufgebracht, aber manchmal frage ich mich: Warum findest du diesen Satz/diese Passage/ diesen Roman gut? Und dann guck ich halt, woran es liegen könnte.

    Übersetzung oder nicht, finde ich in dem Zusammenhang egal. Wenn dir T.Mann nicht behagt, bist du aber auch schwierig.

    Treichel z.B. wäre mir sicher nicht eingefallen.

    Nabokov, Foer. Oder auch Max Goldt, Stanisic. Einen sehr eigenen Sound hat auch Meyerhoff.

    Kehlmann und Glavinic schreiben ja nu auch nicht so übel, heißt es.

    Möglich auch, dass die Grimms - der Volksseele gleichsam den Puls fühlend - meinten, die Märchen bloß zu reinigen, ihnen also ihre wesensmäßige Form wiederzugeben, die im Laufe der Jahrejahrejahre ein bisserl verschütt gegangen war. Insofern war da gar nicht so sehr der Gedanke von Urheberschaft, sonder nur von Heberschaft.

    Kann sein, dass ich sowas in Safranskis Romantik-Buch gelesen hab.

    Beim Schreiben ist es ähnlich. Ich empfehle gerne (und praktiziere auch) zu Beginn eines Schreibprozesses absichtsloses Schreiben. Das ist sozusagen der Freejazz beim Schreiben. Da kommt selten etwas vernünftiges bei raus, aber es macht warm und fördert das spätere absichtsvolle Schreiben.

    Ne, ich meine schon das absichtsvolle Schreiben. Mir geht es um die Magie der Inspiration. Wenn man sich bei der Improvisation in die Musik fallen lässt (auch in das, was man selbst gerade spielt). Das Absichtsvolle muss, damit der magische Augenblick funktioniert, vorher erledigt sein. Die Planung, das Plotten, Konzeptionelles. Und dann kommt eben dieser Moment der höchsten Konzentration, der Inspiration eben, das Fallenlassen in das Netz der Figuren, Orte, Atmosphären, in die Sprache.

    Genau. Üben kann nicht schaden (auch wenn es bei Musikern gern heißt, wer übt, kann nichts). Aber dann beim Schreiben selbst geht es darum, in diesen Schwebezustand zu gelangen. In den "Flow", wie man vielleicht auch sagt. Ins heilig-nüchterne Spiel, wo dann eben nicht mehr viel gegrübelt und gewollt, sondern improvisiert wird. Mit dem Vokabular und den Tools, die man sich vorher draufgeschafft hat. Um bei der Musik-Analogie zu bleiben: Wäre schon lästig, wenn man mitten in der Impro noch mal nachdenken muss, wie denn das mit Dur und Moll war.

    Um den Begriff der Geschichte hatte ich nun ängstlich einen Bogen gemacht, weil mir da schon wieder zu viele Fragen dranhängen. (Was ist eine Geschichte? Muss sie einen Höhepunkt haben? Muss es einen (und nur einen?) Protagonisten geben? Muss es eine "Entwicklung" geben?...) Da lauert schon so viel Schreibratgeberwissen.

    Beim Schreiben darf es kein Schreibraterwissen geben. Der Intuition muss man folgen. Die Metaebene fliehen. Schreiben ist Jazz. Pure Improvisation. Geübt wird vorher (Konzeptionelles zurechtlegen, Techniken einschleifen). Im Rausch des Schaffens die schopenhauersche Qual der Individuation überwinden... na ja: vergessen.