Beiträge von tortitch

    Weniger literarisch, aber für Besitzer eines Fotoapparats (und wer ist das nicht). In sechs Kapiteln (Sehweise, Komposition, Abstraktion, Bewegung, Licht, Equipment) werden jeweils einige Beispielfotos (inklusive technischer Angaben) dargeboten. Da die Texte von unterschiedlichen Autoren stammen, sind sie auch von je eigener Art. Mal mehr "philosophisch", wenn z.B. gefragt wird, ob man das Sehen lernen könne, mal mehr praktisch, wo über Blenden, Brennweiten oder Gegenlicht gesprochen wird.

    ASIN/ISBN: 3864904617

    Das hier möchte ich noch nachtragen: Agenten und Lektoren sind auch nur Leser. Also ob nun Pitch, Teaser, Exposé oder was auch immer. Es kann nicht schaden, die Dinger so zu schreiben, dass man sie gern liest.

    Von Beweisen spricht man in der Mathematik und in der formalen Logik. In den empirischen Wissenschaften eher von empirischer Überprüfbarkeit oder sowas. Aber das hat noch nicht unmittelbar etwas mit dem Wahrheitsbegriff zu tun.

    In der Philosophie ist es zur Zeit wohl Konsens, dass man Wahrheit als Eigenschaft von Sätzen versteht. Ein Satz ist wahr (oder eben nicht). Viel mehr kann man kaum sagen, ohne sich auf Glatteis zu begeben.

    Wie sicher man sein kann, dass ein konkreter Satz wahr ist (z.B. "Der Apfel ist rot"), ist eine erkenntnistheoretische Frage. Die obige Ausgangsfrage hatte ich allerdings als semantische Frage aufgefasst (Was bedeutet der Begriff 'Wahrheit'?). Aber vielleicht missverstehe ich das auch, denn wörtlich steht da ja: "Was ist für euch Wahrheit?" Und das kann heißen: Was bedeutet der Ausdruck 'Wahrheit'? Es kann aber natürlich auch heißen: Welche Aussagen haltet ihr für wahr? Oder auch: Mit welchen Methoden und Kriterien lässt sich Wahrheit feststellen?

    Wie der Titel bereits andeutet, geht es um ein paar Leute, die gleichzeitig in einem Hotel (in Berlin der 20er Jahre) wohnen. Ihre – bisher getrennten – Lebenswege kreuzen sich. Da sind als Hauptfiguren der von einer Kriegsverletzung entstellte Doktor Otternschlag, der Kleinbürger Kringelein, die Ballerina Grusinskaja, Baron von Gaigern und Generaldirektor Preysing.

    Kringelein arbeitet in der Textilfabrik Preysings und stammt wie dieser aus einem Provinzkaff. Im Grunde kann er sich den Aufenthalt in dem Luxushotel nicht leisten, doch da er schwer erkrankt ist und nur noch kurze Zeit hat, nimmt er all sein Geld, um wenigstens für ein paar Tage „das echte Leben“ zu finden. Der Zufall bringt ihn mit dem Baron von Gaigern zusammen, der ihn tatsächlich vom „Leben“ kosten lässt: Sie gehen zu einem Schneider und lassen Kringelein einen teuren Anzug anfertigen, sie rasen mit dem Auto über den Avus, sie mieten sich ein Flugzeug und besuchen einen Boxkampf. All das kann sich der Baron eigentlich nicht leisten. Er ist Pleite und er hat sich mit Kleinkriminellen eingelassen. Der Plan ist, die Perlen der Ballerina Grusinskaja zu stehlen. Nach riskanter Fassadenkletterei gelangt von Gaigern auch in das Zimmer der Ballerina, wird dort aber von ihr überrascht und – jawohl – sie verlieben sich.

    Für Grusinskaja ist die Liebe fast ein Wunder. Sie weiß kaum noch, wie sich das anfühlt und in der Hauptsache ist ihr Dasein von der Tatsache geprägt, dass ihre Karriere über ihren Zenit hinaus ist. Mit Generaldirektor Preysing verhält es sich in gewisser Weise ähnlich. Seine geschäftlichen Beziehungen und Bemühungen geraten in die Krise. Durch die Umstände getrieben greift er zu unlauteren Mitteln, um doch noch zu einem Erfolg zu gelangen.

    Und dann ist da also noch der einsame Otternschlag, der quasi in Konkurrenz zu von Gaigern in Kringelein einen Gefährten sucht.

    Das Ganze hat ein paar mehr oder weniger dramatische Wendungen und am Ende geht es für manche sogar tödlich aus.

    Der Roman (von 1929) war ein erheblicher Erfolg und wurde mehrfach verfilmt. Ich fand es ein bisschen zäh (z.B. wenn seitenweise die geschäftlichen Verhandlungen Preysings geschildert werden oder wenn immer wieder klar gemacht wird, dass von Gaigern dabei ist, sich in die Ballerina zu verlieben).

    Bei Wikipedia ist von einer Gesellschafts- und Zivilisationskritik zu lesen. Das kann ich nicht ganz nachempfinden. Dafür sind mir die Figuren zu monolithisch. Als Hotelgäste sind sie weitgehend von dem gesellschaftlichen Kontext abgeschnitten, der sie zu Repräsentanten (von z.B. gesellschaftlichen Gruppen) machen könnte. Der äußerlich und seelisch deformierte Otternschlag etwa ist in meinen Augen zu sehr Einzelschicksal, als dass er über sich selbst hinausweisen und eine Zivilisationskritik suggerieren könnte.

    Höchstens drei von fünf Sternen.

    Nach eintägiger Zugfahrt kommt Giuseppe Corte in einer Stadt an, in der er ein Krankenhaus aufzusuchen gedenkt, das sich auf nur eine (seine) Krankheit spezialisiert hat. Allerdings weist er nur leichte Symptome auf und kann eigentlich kaum als krank bezeichnet werden. Dieser Umstand sorgt dafür, dass er in der obersten, der sechsten Etage untergebracht wird, denn das Krankenhaus ist in der Weise organisiert, dass die Schwere der Fälle von oben nach unten zunehmend auf die Stockwerke verteilt sind. Im (von vornherein bedenklich wirkenden) Erdgeschoss befinden sich die Moribunden.

    Obwohl Corte ja nur ein ganz leichter Fall ist, will die Gesundung nicht so rasch glücken, wie er sich das erhofft, und eines Tages wird die Bitte an ihn herangetragen, sein Zimmer zu räumen, damit eine Mutter mit ihren Kindern Tür an Tür wohnen könne. Er müsse allerdings - vorübergehend, versteht sich - in die fünfte Etage umziehen. Corte beschleicht ein Unbehagen bei dem Gedanken, aber natürlich verlangt die Ritterlichkeit, dass er dem Anliegen nachgibt.

    Bald darauf ergeben sich wiederum Gründe und Umstände, die - was soll man sagen - seinen Umzug in die vierte Etage wenn schon nicht erzwingen, so doch nahe legen. Corte wehrt sich zwar im Rahmen des Schicklichen, landet aber schließlich doch eine Etage tiefer.

    Wie es weitergeht, kann man sich ungefähr denken...

    Bis vor kurzem hatte ich noch nie von Buzzati gehört und ehrlich gesagt ist das hier auch keine Buchvorstellung, sondern bestenfalls die Vorstellung der o.g. Erzählung. Mehr kenne ich von ihm nicht. Aber die knapp dreißig Seiten haben mir so gut gefallen, dass ich sie hier einmal erwähnen wollte. Ein bisschen erinnert Buzzati (1906-1972) nämlich an Franz Kafka, was sowohl am Inhalt als auch an der Erzählweise liegt.

    Also mindestens vier von fünf Sternen.



    4 von 5 Sternen

    Wieder etwas aus der Mottenkiste, was man in diesem Fall auch so verstehen kann, dass der Roman nur noch antiquarisch zu erwerben ist.

    1. Kapitel: Heimkehr nach Galicien

    Alarmiert von einem Telegramm seiner Schwester Franza (eigentlich Franziska) fährt Martin in das Haus des berühmten Psychologen/Arztes Jordan in Wien. Franza ist mit dem – wesentlichen älteren – Jordan verheiratet. Dort jedoch findet Martin seine Schwester nicht vor. Er fährt in das Dorf Galicien und findet Franza im großelterlichen Haus. Sie ist offensichtlich psychisch schwer erkrankt (Depressionen und Angststörungen). Die Gründe für ihre Erkrankung sieht Franza in ihrer Ehe mit Jordan.

    Galicien hingegen ist das Synonym für Heimat und Kindheit, quasi für das Paradies, aus dem Franza als junges Mädchen durch die Nazizeit vertrieben wird. Doch als der Krieg vorbei ist und englische Soldaten auftauchen, stellt sich für sie heraus, dass das Paradies eine Illusion ist und es keine Rückkehr gibt. Die Welt fängt nicht von vorne an, sondern im Wesentlichen geht alles so weit wie immer.

    2. Kapitel: Jordanische Zeit

    Franza unterstellt ihrem Mann, dass er sie heimlich als Fall betrachtet und ihre Persönlichkeit demontiert habe. Hat er sie zu einer Abtreibung gezwungen? Kam es in der Ehe zu einer Vergewaltigung? Völlig klar sind die Dinge nicht, weil das Geschehen streng perspektivisch erzählt wird (aus der Sicht Franzas oder ihres Bruders). Auf jeden Fall repräsentiert Jordan für Franza den Typus des „Weißen“, also des weißen Mannes, dem die Geschwister Faschismus als personale Eigenschaft zuweisen.

    3. Kapitel: Die ägyptische Finsternis

    Obwohl Martin nicht damit glücklich ist, begleitet Franza ihren Bruder auf dessen Reise nach Ägypten. Hier wird der imperiale Charakter des „weißen Mannes“ für Franza noch einmal besonders darin deutlich, dass er Grabmale (Pyramiden) und Verstorbene (Mumien) zu Ausstellungsstücken für schaulustige Touristen macht.

    Zu Füßen einer Pyramide nimmt die Geschichte mehr oder weniger dann auch ihr Ende.

    Der Roman handelt also vom patriachalen, aggressiven, imperialen (also „faschistischen“) Denken, das das Andersartige und Abweichende „ausmerzt“ (noch so ein Schlüsselbegriff des Romans). „Die Eliminierung der Qualitäten, ihre Umrechnung in Funktionen überträgt sich von der Wissenschaft vermöge der rationalisierten Arbeitsweisen auf die Erfahrungswelt der Völker und ähnelt tendenziell wieder der der Lurche an.“ (Horkheimer/Adorno)

    Oder wie es Franza über den Wissenschaftler Jordan formuliert: „Er hat mir meine Güter genommen. Mein Lachen, meine Zärtlichkeit, mein Freuenkönnen, mein Mitleiden, Helfenkönnen, meine Animalität, mein Strahlen, er hat jedes einzelne Aufkommen von all dem ausgetreten, bis es nicht mehr aufgekommen ist. Aber warum tut jemand das, das versteh ich nicht, aber es ist ja auch nicht zu verstehen, warum die Weißen den Schwarzen die Güter genommen haben, nicht nur die Diamanten und die Nüsse, das Öl und die Datteln, sondern den Frieden, in dem die Güter wachsen, und die Gesundheit, ohne die man nicht leben kann, oder gehörten die Bodenschätze mit den anderen Schätzen zusammen, manchmal glaub ich es.“