Beiträge von Juergen P.

    Jedes Mal, wenn ich während der vergangenen Wochen einen Blick auf meine bisher geschriebenen Geschichten geworfen habe, kam es mir so vor, als fehle diesen Geschichten etwas. Etwas, das mir zuvor nie aufgefallen war. Das gilt sogar für mein aktuelles Work in progress, an dem ich noch im Januar mit der für eine neue Geschichte typischen Begeisterung geschrieben habe.


    Schließlich ist der Groschen gefallen, wurde mir klar, was diesen Geschichten fehlt. Corona. Nicht als Thema. Aber mir kommt es so vor, als wäre die Zeit aufgespalten worden in eine Vor-Corona-Zeit und eine Corona-Jetztzeit, und alles Geschriebene, das nicht auf irgendeine Weise diese Corona-Jetztzeit reflektiert, und das betrifft die eigenen Geschichten ebenso wie die anderer Autorinnen und Autoren, wirkt jetzt auf mich wie aus der Zeit gefallen, manches mehr, bei anderen Texten ist der Eindruck etwas schwächer. Vorhanden ist er aber immer. Dabei sind die relevanten Themen doch noch immer dieselben, die ewigen Themen sowieso, Verliebtsein, Liebe, Eifersucht, Hass, Macht- und Geltungsstreben, Gier, um nur diese wenigen zu nennen, desgleichen die drängenden Themen unserer Zeit wie die nahende Klimakatastrophe, Überbevölkerung, die ungezügelte Ausbeutung menschlicher wie materieller Ressourcen, Migration, die fortschreitende Konzentration von materiellem Reichtum in immer weniger Händen, eine damit einhergehende Verarmung auf der anderen Seite bis hin zu Massenverelendung, die noch immer nicht vollendete Gleichstellung der Geschlechter, die Diskriminierung von Minderheiten, Missbrauch und sexuelle Gewalt, Gewalt überhaupt, Vereinsamung et cetera et cetera ... und was all das mit und aus einem Menschen macht.


    Wie empfindet ihr das?

    Hat sich eure Wahrnehmung von Geschichten verändert?

    Wie sieht das mit euren vor Corona begonnenen Geschichten bzw. euren neuen Plotideen aus? Arbeitet ihr daran unbeeindruckt von Corona weiter?

    Glaubt ihr, dass es von nun an noch möglich sein wird, Leserinnen und Leser für in der Gegenwart angesiedelte Geschichten zu gewinnen, die ohne jeglichen Bezug auf Corona auskommen?

    Oder meint ihr, dass solche Fragen nur einer vorübergehenden Verunsicherung geschuldet sind, es mit dem Finden einer neuen Normalität also schon bald zu einer Rückkehr zum business as usual kommen wird, zumindest, was das Schreiben betrifft?


    Herzliche Grüße,


    Jürgen

    Ja, schon, aber im Genre erwartet man trotzdem ergänzende Genitivkonstruktionen: "Momentaufnahme der Leidenschaft", "Momentaufnahme des Begehrens/Verlangens" und solche Sachen. 8)

    Ist auch wieder wahr.:) Andererseits ... Leidenschaft, Begehren, Verlangen ... Was hat das mit Liebe zu tun?;) Davon abgesehen habe ich nie verstanden, wie und warum Liebesgeschichten ein eigenes Genre begründen sollen, dürfen, können.:renn

    Oder ich übertreibe. Auch möglich. :)

    Wohl kaum. Die Gefahr zu übertreiben, würde ich allenfalls dann als Möglichkeit in Betracht ziehen, wenn wir nicht in immer kürzeren Abständen mit dieser Thematik konfrontiert würden.

    Okay, dann anders gefragt: Wie geht man mit dem Vorwurf um, man hätte sich - möglicherweise aus Sicht des Kritikers in unangemessener Weise - einer Thematik genähert, von der man besser die Finger gelassen hätte?

    Ich weiß es nicht. Oder vielmehr bin ich mir noch nicht schlüssig, wie auf einer konkreten Ebene mit einem solchen Vorwurf am besten umzugehen wäre. Vermutlich gibt es auch hier nur schlechte, zumindest aber unbefriedigende Antworten.

    Der Vorwurf, eine bestimmte Gruppe zu diskreditieren, nur weil ein Autor „ein vermeintliches Mitglied dieser Gruppe mit negativen Eigenschaften ausgestattet hat, die - je nach Auslegung - u.U. gängige Vorurteile befördern“, ist, nun ja ... schwer nachvollziehbar. Ich dachte, beim Sensitivity-Reading ginge es gerade darum, schreibenden Nichtmitgliedern einer Minoritäten-Community ein realistischeres Bild dieser Community zu vermitteln. Der erhobene Vorwurf suggeriert aber, dass entweder alle Mitglieder einer solchen Community frei von jeglichem menschlichen Makel wären oder aber, dass es nur Angehörigen der betreffenden Community zustände, einen etwaigen Makel zu benennen.

    Wie weiter oben zitiert - einige meinen sogar, man solle als Autor "die Bühne räumen", um jenen Chancen zu eröffnen, die "ein Recht darauf haben, dass ihre Geschichten erzählt werden", denen das aber bislang nicht gelingt, weil die Privilegierten die Kanäle verstopfen. Das ist nahe an einer (sehr komplexen) Quotenforderung. Und zwar eine, die Autoren, aber auch Thematiken und Protagonisten umfasst.

    Zum einen ist während der vergangenen Jahre die Zahl veröffentlichter Romane aus der Feder von Angehörigen diverser Minoritätengruppen deutlich gewachsen, mit weiter steigender Tendenz. Zum anderen wüsste ich nicht, dass es bestimmten Bürgerinnen und Bürgern dieses Landes verwehrt würde, ein Buch zu schreiben, über welches Thema auch immer. Jeder, dem danach ist, darf das tun und das unabhängig von der Frage, ob er der sogenannten und vielleicht einer auch nur vermuteten Mehrheitsgesellschaft angehört oder einer Minorität. Beide stehen am Ende vor derselben Hürde: Reicht die literarische Qualität ihrer Texte für eine Veröffentlichung aus und welche Marktchancen sieht ein Verlag für diese? Die an die vermeintlich privilegierten Autorinnen und Autoren außerhalb ihrer Communities gerichtete Aufforderung, die Bühne zu räumen, geht angesichts dessen an der Realität vorbei.

    Und wie geht die Aufforderung, die Bühne zu räumen, mit der von Mitgliedern derselben Gruppen artikulierten Forderung nach einer größeren Diversität des Personals in den von jenen „privilegierten“ Autorinnen und Autoren geschriebenen Romanen zusammen?

    Wir fragmentieren die Kunst nach identitätspolitischen Kategorien. Schluss mit dem Universalismus, mit der Empathie, mit Kunst als intersozialer Kommunikation, mit Standpunkten, mit Gesellschaftskritik. Her mit den Arche- und Stereotypen, mit Gruppendenken, mit Abschottung; weg mit der kulturellen wie sozialen Gemeinsamkeit. Und bestätigen wir die Behauptung, man würde immer auch für die Gruppe sprechen, der man zufällig angehört - und für keine andere. Das ist das Gegenteil von Inklusion. Das ist Spaltung. Und es ist anmaßend jedem Künstler, jedem Menschen gegenüber, denn es verneint Elementares.

    Das stimmt mich pessimistisch.


    Die Frage danach, welche Autorin, welcher Autor sich welche Themen aneignen darf und welche nicht, eröffnet eine weitere Front und das ausgerechnet zwischen Menschen, die im Grunde natürliche Verbündete sind, dies zumindest in der aktuellen Situation sein sollten. Der Erfolg der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung der Sechzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts war nur möglich wegen des Schulterschlusses zwischen Afroamerikanern, der jüdischen Community, linken Gewerkschaftern und den politisch liberal eingestellten Bürgerinnen und Bürgern der damaligen weißen amerikanischen Mehrheitsgesellschaft, trotz der zum Teil recht unterschiedlichen Interessen all dieser Gruppen.


    Die Fragmentierung der Kunst nach identitätspolitischen Kategorien, die faktische Verneinung des Primats des Universalismus, das im verlinkten Kommentar so benannte Empathieverbot für „Kulturfremde“, die Absage an jede Form sprachlicher Verständigung, wie es der Autor des Kommentars formuliert ... All das sehe auch ich mit wachsender Sorge. Es befördert die Erosion des Zusammenhalts unserer Gesellschaft. Das permanente oder situationsbedingte Insistieren auf der eigenen Besonderheit ebnet letztendlich denen den Weg, die eine völlig andere Gesellschaft wollen. Und die Abwertung des Gemeinsamen zugunsten einer Hervorhebung der eigenen Identität ist in der Tat nur schwer vereinbar mit der berechtigten Forderung nach Inklusion, die ja erst dann vollständig erreicht ist, wenn Hautfarbe, Religion, sexuelle Präferenz et cetera eben keine Kriterien mehr in der Wahrnehmung eines anderen Menschen darstellen.


    Herzliche Grüße,


    Jürgen

    Cordula

    An keiner Stelle habe ich behauptet, dass Kunst alles darf. Das ist eine andere Frage als die Frage danach, ob ich mir als Autor jedes Thema aneignen darf oder nicht. Aber allein um diese Frage ging es in dem von Tom verlinkten Artikel und nur auf diese Frage bezogen habe ich hier versucht, einige meiner Gedanken zu formulieren.

    Und eine Diskussion im Keim ersticken zu wollen, wäre das Letzte, was ich möchte. Das gilt für diese Diskussion wie für jede andere Diskussion.?(


    Wer will und wer kann sich anmaßen, darüber zu entscheiden, über welches Thema eine Autorin oder ein Autor schreiben darf und worüber nicht und vor allen Dingen, von welcher Prämisse ausgehend könnte er das mit Fug und Recht tun? Und das Wort dürfen habe nicht ich in die Diskussion eingeführt.


    Selbstverständlich darf ich auch tun, was ich nicht kann. Ich muss allerdings dann auch die Konsequenzen tragen, die aus diesem Tun folgen.

    Konsequenzen muss ich auch dann tragen, wenn ich etwas tue, das ich kann. Es wird immer jemanden geben, der die Arbeit eines anderen Menschen kritisiert oder gar in den Schmutz zieht. Davor sind noch nicht einmal Meisterwerke sicher.:)

    Ich empfinde die um dieses Thema kreisenden Diskussionen zunehmend als aberwitzig, nicht zuletzt auch wegen ihrer Häufung. Primär geht es dabei immer um die Frage, wer worüber was mit welcher Berechtigung schreiben darf. Aber diese Frage ist nicht einmal einer Antwort wert. Sie ist einfach nur lächerlich.

    Anders verhält es sich mit der Frage danach, inwieweit wir überhaupt in der Lage sind, über ein bestimmtes Thema angemessen schreiben zu können. Zum Teil wurde darüber ja auch hier in diesem Thread diskutiert. Wobei wir dann natürlich wieder darüber streiten könnten, was als angemessen gelten kann.

    Aber in dem von Tom verlinkten Kommentar ging es ja hauptsächlich um das Dürfen. Eine der für mich wichtigsten Schlussfolgerungen aus diesem Kommentar ist die, dass wir uns zu nützlichen Idioten der Wirtschaftseliten machen, solange wir uns auf das konzentrieren, was Menschen voneinander unterscheidet, anstatt den Fokus auf das Gemeinsame zu richten.


    Wenn aus den der Autorin Jeanine Cummins gemachten Vorwürfen allgemein anerkannte Maßregeln abgeleitet werden, sieht es für die meisten Kulturschaffenden in der Tat schon bald zappenduster aus.

    Um das anhand eines prominenten Beispiels zu verdeutlichen: Der englische Filmemacher Ken Loach thematisiert in seinen Filmen vorwiegend soziale Missstände. Immer geht es dabei um Menschen, denen elementare Menschenrechte vorenthalten werden und deren Würde mit Füssen getreten wird. Aber er macht diese Themen nie aus prinzipiellen Erwägungen heraus an der Hautfarbe, der Religion, am Geschlecht oder an der sexuellen Orientierung der Betroffenen fest. Häufig sind die Protagonisten seiner Filme Angehörige der weißen englischen, schottischen und irischen Unterschicht, aber in anderen Filmen geht es um polnische und ukrainische Leiharbeiter oder generell um „illegale“ Arbeitsmigranten oder um eine „illegale“ mexikanische Migrantin in Los Angeles oder um eine vor der Gewalt in ihrer Heimat Nicaragua nach Großbritannien geflohene Musikerin. Aber will deshalb jemand allen Ernstes behaupten, Ken Loach hätte als weißer Mann und Bürger einer einstigen Kolonialmacht Filme wie Riff-Raff, It’s a Free World, Just a Kiss, Carla’s Song oder Bread and Roses niemals drehen dürfen?


    Ich bilde mir zumindest ein, Migranten in der Regel mit großer Empathie zu begegnen, wohingegen sich mein Empathievermögen für einen pädophilen Priester zunächst einmal in Grenzen hält. Aber gemäß der oben genannten Maßregeln stünde es mir zwar frei, über Letzteren einen Roman zu schreiben, Migrantenschicksale zu thematisieren hingegen nicht? Und das, obwohl ich mich, anders als im Falle der Pädophilengeschichte, bei den Migrantenschicksalen auf Informationen aus erster Hand stützen kann und die aktuellen Lebensumstände etlicher dieser sehr unterschiedlichen und aus sehr unterschiedlichen Herkunftsländern (Nordafrika, Westafrika, Naher Osten, Pakistan, Brasilien) stammenden Menschen aus eigener Anschauung kenne?


    Kopfschüttelnde Grüße,


    Jürgen

    Wie homogen sind denn eigentlich die Gruppen von Menschen, um die es in all diesen Diskussionen geht? Wie viel hat zum Beispiel ein syrischer Kriegsflüchtling mit einem Afrikaner gemeinsam, der sich auf der Suche nach einer besseren Lebensperspektive auf den Weg nach Europa gemacht hat? Oder der nigerianische Student der Elektrotechnik mit seinem Landsmann, der seit Jahren mit anderen dieser vergessenen Unglücklichen in einer römischen Industrieruine haust? Sie alle sind Migranten. Und falls sie sich über ihr eigenes Schicksal hinausgehend schreibend dem Thema Migration zu nähern versuchen: Ist dann ihre Verantwortung, kein falsches Bild weiterzugeben von jeder Gruppe, über die sie schreiben, einschließlich ihrer eigenen, nicht exakt dieselbe wie die von Autorinnen und Autoren, die in den Genuss einer privilegierten weißen Sozialisierung gekommen sind, die überdies, nur weil sie „weiß“ ist, nicht schon zwangsläufig privilegiert gewesen sein muss?

    Aus Sicht der/aller Angehörigen irgendeiner Gruppe wird es ohnehin kaum möglich sein, mit jeder künstlerischen Annäherung deren Interessen gerecht zu werde

    So ist es. Das ist die Krux mit allen fiktiven Geschichten, die im Namen einer Gruppe oder über eine Gruppe erzählt werden: Sie werden der Gruppe in ihrer Gesamtheit niemals gerecht. Es ist unmöglich. Selbst die beste Absicht vermag daran nichts zu ändern. Und das gilt auch dann, wenn Autorin und Autor Angehörige der Gruppe sind, über die sie schreiben.

    Ergänzung: Es schwingt bei alledem die - m.E. mitunter böswillige - Unterstellung mit, man würde immer die Gruppe mitmeinen, wenn man über jemanden spricht oder schreibt, der irgendeiner Gruppe angehört. Ich halte das für einen paradigmatischen Fehler. Und einen Neckbreaker für die innergesellschaftliche Kommunikation. Und die Kunst sowieso.

    Und diese intellektuelle Unredlichkeit killt irgendwann jede Diskussion über dieses Thema.


    Herzliche Grüße,


    Jürgen

    Wir sollten sowieso nur noch Tagebuch schreiben. Und Bücher mit fiktiven Personen gehören verboten. Wo kämen wir denn hin, wenn Arztsöhne und Professorentöchter über Hartz IV-Empfänger schreiben würden? Oder Lebende über Tote?

    Aber mal ganz im Ernst gefragt: Muss ich jetzt erst jemanden umbringen, bevor ich einen Krimi schreiben darf?


    Ein Empathievermögen deutlich über Normalpegel zählt für mich zu den wichtigsten Qualitäten eines Autors. Und eine besonders gründliche Recherche in allen Fällen, in denen ein Autor über Menschen schreibt, die einem anderen Kulturkreis oder einem anderen sozialen Milieu angehören, oder was auch immer ihn von diesen Menschen unterscheiden mag, setze ich als selbstverständlich voraus. Unter diesen Voraussetzungen darf dann sogar ein alter, weißer Mann über Menschen jenseits seines Stammtischs schreiben.:evil

    Was mich an diesen unsäglichen Debatten besonders nervt, ist das, was der Autor des Artikels an dessen Ende herausstellt, indem er Steve Bannon zitiert, dass es dabei fast immer nur um Rasse und Identität geht. Dieser Tunnelblick nervt nicht nur, nein, er beunruhigt mich zutiefst, und zwar aus denselben Gründen, die auch der Autor in seinem Kommentar benennt. Wenn es für einen Mann vom Kaliber eines Steve Bannon gar nicht genug solcher Debatten geben kann, dann sollte vielleicht jeder, der sich politisch eher links verortet, der sich selbst als weltoffenen Humanisten wahrnimmt, zuerst einmal ganz tief in sich gehen, bevor er die nächste Debatte über dieses Thema vom Zaun bricht.


    Guter Artikel. Danke für den Link, Tom.

    Und von mir noch verpätetere;), aber deshalb nicht weniger herzliche Glückwünsche, Cordula! Bei mir war da etwas mit dem Buchtrailer zu Spurlos im Schnee durcheinandergeraten. Hab’s einfach nicht gecheckt.

    Deshalb noch einmal: Glückwunsch und viel Erfolg mit Spuren der Zeit!:blume