Beiträge von Tom

    Wobei ich mich über den Begriff "Honorar" in jedem Verlagsvertrag ein klein wenig ärgere. Es findet tatsächlich ein Rechteerwerb bzw. eine Rechteübertragung statt, die, das ist durchaus richtig, honoriert wird, aber im wirtschaftssprachlichen Gebrauch ist ein Honorar eine Vergütung für die Ausführung eines Auftrags. Das Honorar gemäß Verlagsvertrag wird allerdings sowohl für die Rechteeinräumung, als auch für die von Horst-Dieter erwähnten Tätigkeiten (etwa die Korrektur und Durchsicht des Umbruchs), die die Autoren und -innen weiterhin zu erbringen haben, vereinbart.

    Ein Verlag oder Verlagslektor darf keine eigenmächtigen Änderungen an einem Manuskript vornehmen, vor allem nicht solche, die über reine Korrekturen (oder Kürzungen, das aber nur bei Adaptionen) hinausgehen - das wäre eine Verletzung des Urheberrechts. Wenn Änderungen an einem Manuskript gewünscht sind, geht das nur in Rücksprache mit den Autoren und -innen. Und obwohl Verlage Manuskripte kaufen, aus denen sie Bücher machen möchten, heißt das nicht notwendigerweise, dass das direkt geschehen soll. Es gibt tatsächlich Autoren, die sich Lektorat verbitten (und trotzdem veröffentlicht werden), aber die Erkenntnis, dass die Betriebsblindheit der Schaffenden zuweilen Auswirkungen hat, die Verbesserungsbedarf generieren, ist eigentlich unter der Autorenschaft sinnvollerweise weit verbreitet. Und das ist ja auch das schöne bei unserer Art von Kunst - Texte sind vorerst nicht in Stein gemeißelt, wie etwa Skulpturen, an denen man nachträglich nur wenig machen kann. Zusammen mit Profis können wir aus unseren ohnehin guten Texten sehr gute Texte machen. Das ist auch eine ziemlich bewährte Herangehensweise.


    Wenn "Bewerbungsschreiben" herumgereicht werden, also Fundstücke und Stilblüten, die auf Lektorentischen gelandet sind, finden sich immer wieder Formulierungen wie "Der Text ist fertig und kann sofort gedruckt werden" darin. Ich fürchte, die meisten Projekte, die mit solchen Begleitschreiben angeboten werden, schaffen es nie von dort auf einem Neuerscheinungentisch.

    Mein erster Verlagslektor, mit dem ich immer noch befreundet bin, den ich allerdings viel zu selten treffe, hat nach fünf gemeinsamen Romanen das Haus gewechselt, und ich war zu Tode betrübt. Wir haben wirklich intensiv zusammen an meinem Zeug gearbeitet, das er zudem sehr gemocht hat, was nicht immer so ist. Beim fünften Roman waren wir so eingespielt, dass die Arbeit immer weniger wurde, aber immer mehr Spaß gemacht hat. Er war der Ideengeber für zwei Romane und hat mich damals auch bei allem anderen begleitet, was die Kommunikation mit dem Verlag anbetraf. Das war wirklich sensationell, und ich vermisse es immer noch. Ich habe darüber nachgedacht, ihm zu folgen, was aus verschiedenen Gründen nicht ging. Nicht zuletzt hätte ich einfach nicht ins Programm des neuen Arbeitgebers gepasst, außerdem habe ich mich bei seinem alten Arbeitgeber sehr, sehr wohl gefühlt.


    Andererseits wächst man mit der Zeit auch in diese Aufgabe und ihre pragmatischen Anforderungen hinein, und das Lektorat wird zu einer Phase, die dazugehört, aber Bedeutungsschwankungen unterliegt. Wie sehr das der Fall ist, hängt aber auch von jedem einzelnen Projekt ab. Wenn man Genre schreibt, und die Kontinuität zur Arbeit gehört, ist es anders als wenn man sich mit jedem Roman ein klein wenig neu erfindet und letztlich eine diffuse Zielgruppe hat.


    Der größte Schock war der Wechsel in ein sehr, sehr großes Haus, wo das Lektorat eingetaktet ist, wo es zum Workflow bei der Buchproduktion gehört. Das verhindert zwar zuweilen sehr intensive Beziehungen und Zusammenarbeit nicht, aber es hat eine andere Qualität, und wenn die Leute hundert Bücher im Monat raustun, von denen Du alle zwei Jahre eines geschrieben hast, dann ist das einfach anders als wenn Du einer von vierzig Titeln im Jahr bist.


    Aber, wie oben gesagt. Das mit dem Generalisieren, meine ich.

    Das lässt sich nicht generalisieren.


    Ich mag es am liebsten, wenn das Lektorat begleitend stattfindet, wenn also nicht erst nach Abgabe des fertigen Manuskripts gemeinsam daran gearbeitet wird, sondern schon vorher, am allerbesten bereits in der Projektierungsphase. Das ist allerdings selten. Mein letzter und immerhin schon elfter Roman kam als rote Flut vom Lektor zurück. Das war die erste Zusammenarbeit mit einem Außenlektor - mit Heiko Arntz, dem ehemaligen Cheflektor von Wagenbach. Ich war zuerst schockiert, aber dann wurde mir klar, was die Absicht dahinter war. Ich bin allerdings grundsätzlich extrem vorschlagsaffin - ich winke meistens mehr als neunzig Prozent der Sachen durch, die man mir vorschlägt. Ich will ja niemanden vor den Kopf stoßen. ;) Außerdem hasse ich Überarbeitung. Wie die Pest und Cholera und Corona, mindestens. 8)


    Ich habe auch schon Verlagslektorate erlebt, die aus wenigen Korrekturen bestanden haben, und im Nachhinein hätte ich mir gewünscht, es wäre intensiver an und um den Text gegangen, der, wie ich bei Lesungen gemerkt habe, doch noch einige Längen hatte. Und ich habe die Zwischentöne erlebt. Ich habe auch schon mit einer Lektorin tagelang um ein einziges Wort gestritten, und dann wieder achtzig Seiten lang "Änderungen annehmen" geklickt.


    Die Zusammenarbeit mit dem Lektorat ist sehr wichtig, aber mit der Zeit versteht man auch, worum es geht, und schreibt dann halt so, wie es sein muss. Dachte ich. Dann wechselt die Zusammenarbeit und man fängt wieder von vorne an.


    Das lässt sich nicht generalisieren.

    Beeindruckend, aber nicht Duves größter Wurf


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    Seit ihrem irrwitzigen „Regenroman“ (1999), der mir, um Herrndorf zu zitieren, damals echt den Stecker gezogen hat, habe ich hin und wieder geschaut, was die Duve so macht, deren Werk zu folgen in etwa so leicht ist wie eine bestimmte, einzelne Fliege in einem Pferdestall zu fangen. Nachdem sie im Jahr 1996 den „Gratwanderpreis“ des feministischen Kampfblatts „Playboy“ gewonnen hat, gab es von ihr neben vielen anderen Veröffentlichungen politische Essays, Sachen wie das ironische Märchen „Die entführte Prinzessin“, Romane wie „Taxi“ und das hinreißende „Dies ist kein Liebeslied“, das Selbstversuchs-Tagebuch „Anständig essen“ und zuletzt den historischen Roman „Fräulein Nettes letzter Sommer“ über Annette von Droste-Hülshoff. Duves im Jahr 2016 publizierter Langtext „Macht“ ging dabei fast an mir vorbei, aber nur fast.


    Der Roman spielt im Jahr 2031 und verdichtet sozusagen die Sachtexte „Anständig essen“ (2011) und „Warum die Sache schiefgeht“ (2014) zu einer fiktiven Geschichte. Im Mittelpunkt steht der Ich-Erzähler Sebastian Bürger, der in einem erfundenen Hamburger Vorort mehr oder weniger allein in einem ganz normalen Einfamilienhaus lebt. Mehr oder weniger, weil er im Keller seine Ex-Frau gefangen hält, die ihn verlassen hat und Ministerin in Berlin wurde. Bei einem Besuch hat er sie überwältigt und eingekerkert.

    Der Klimawandel hat inzwischen ordentlich zugeschlagen, die halbe Welt ist verwüstet, invasive Pflanzenarten verdrängen alles andere, und die Stürme, die über die Republik fegen, sind so stark, dass sich kaum jemand noch eine Gebäudeversicherung leisten kann. Für Fleischkonsum und Energie muss man rare CO2-Wertepunkte eintauschen. Das Land wird von einer feministischen Regierung verwaltet, geführt jedoch von einem Kanzler Olaf Scholz, und ganz allgemein gibt man dem, was vom Planeten übrig ist, noch höchstens eine Dekade. Andererseits: Die frei erhältliche Arznei „Ephebo“ erlaubt es, sich drastisch zu verjüngen, also beispielsweise wie Sebastian, der eigentlich in den Siebzigern ist, wie ein Spätdreißiger auszusehen und durchzugehen. Das Mittelchen hat allerdings einen Pferdefuß: Je jünger man sich damit macht, umso stärker wächst das Krebsrisiko. Und wenn man „Ephebo“ absetzt, wechselt man schnell vom Bio-Alter ins Chrono-Alter zurück.


    Unterm Strich geht es Sebastian richtig prima, der im „Demokratiezentrum“ arbeitet, wo die Kandidaten für das inzwischen drastisch eingeschränkte passive Wahlrecht auf Eignung getestet werden. Die Kinder kommen nur selten zu Besuch, und im Keller wartet Christine, die dort angekettet ist und alle denkbaren Erniedrigungen hinnehmen muss. Sebastian foltert, drangsaliert und vergewaltigt sie. All ihre Fluchtversuche enden böse für sie.

    Aber dann begegnet Sebastian auf einem Klassentreffen seinem Jugendschwarm Elli, und zu seiner Überraschung fängt Elli mit ihm eine leidenschaftliche Affäre an. Was das Arrangement mit der Ex im Keller eigentlich überflüssig macht ...


    Anfangs habe ich mit dem Text ganz schön kämpfen müssen, weil Sebastian ohne jeden Zweifel ein präzise skizzierter, widerlicher Drecksack ist, zugleich nach meinem Geschmack ein bisschen zu klug für die egoistischen, misogynen und in jeder anderen Hinsicht verachtenden Tiraden, die er so von sich gibt (und die Karen Duve übrigens ausnahmslos in Foren und Chats eingesammelt hat, in denen sich Männer treffen, die sich von Frauen unterdrückt fühlen) oder in die Praxis umsetzt, aber vielleicht wollte ich’s auch einfach nicht wahrhaben. Lässt man sich jedoch auf diese Konstellation ein, wird „Macht“ zu einer extrem originellen, oft amüsanten, zynischen, bösartigen, verblüffenden und nicht selten spannenden Dystopie, in deren Mittelpunkt die, äh, Kritik an patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen steht, um es möglichst nett zu sagen. Plakativer und direkter ausgedrückt erklärt der Roman, dass die Welt ohne die Hampel-Männer eine deutlich bessere wäre, und dass es vor allem die körperliche Überlegenheit ist, die dieses Ungleichgewicht und seine längst irreparablen Folgen aufrechterhält. Um das zu unterstreichen, zieht Duve wirklich alle Register, doch der fundamentale Kunstgriff besteht darin, die Argumentation der frauenfürchtenden Honks gegen sich selbst zu richten.

    Das funktioniert oft, aber nicht immer. Als erzählerisches Experiment ist „Macht“ durchaus beeindruckend, als Vision jedoch an zu vielen Stellen mit zu heißer Nadel und zu dünnem Faden gestrickt, zu sehr entlang der Prämisse, in Sebastian Bürger alle Spielarten toxischer Männlichkeit vereinen zu wollen, bis hin zu Figuren wie Josef Fritzl oder Wolfgang Přiklopil. Damit wird die Hauptfigur allerdings überfordert, dadurch knirscht das Konstrukt viel zu oft, aber ohne diese Überspanntheit wäre „Macht“ vermutlich nicht so irre lesbar, wie es das nun einmal ist, obwohl es in literarischer Hinsicht nicht zu den größten Würfen von Karen Duve gehört - und die Geschichte ein weniger schlichtes Ende verdient gehabt hätte.


    ASIN/ISBN: 3442472660

    Ich finde gerade das an Foren sehr schön. Dass auch so alte Diskussionen wiederbelebt werden können, dass man ein jahrealtes Gespräch einfach mit langer Unterbrechung weiterführen kann. Ich finde das überhaupt nicht lächerlich. Und man kann auch die eigen Entwicklung beobachten.

    Das Beiläufige kann man allerdings auch anders - showender - verpacken. Indem etwa leiser gefragt wird, oder er den Kopf wegdreht, während er fragt, er murmelt oder nuschelt oder so. Oder dabei rot wird. Er seine Hände verknotet. Solche Sachen, die darauf hinweisen - zeigen -, dass es ihn Mut kostet, die Frage zu stellen.

    Nein, das ist kein Tell. Wenn man es weglässt, oder auf "fragte er" (was nicht überflüssig ist, wenn der Dialog inzwischen etwas unübersichtlich geworden ist, sonst durchaus) reduziert, nimmt man als Leser oder -in Konnotation und Stimmung des restlichen Dialogs an, sozusagen Szenennormalität. Wenn er "beiläufig" fragt (bitte nicht "wie beiläufig", das erinnert an diese bescheuerte Reizdarmmedikamentewerbung, bei der die unglücklichen Werbeträger behaupten, ihre Beschwerden seien "wie weg" - aber was das (oder "wie beiläufig") sein soll, lässt sich kaum erklären), also mit einer Betonung oder Modulation, die nicht dringlich ist, oder so in die Situation eingebettet, dass es weniger Aufmerksamkeit fordert, quasi durchrutschen kann, dann ist das möglicherweise eine wichtige Information, und wenn das so ist, dann sollte es da auch stehen. Man zeigt, was geschieht, nämlich, dass er etwas wissen will, sich aber kaum zu fragen traut. Das ist kein Tell. Wobei das ohnehin keine disjunkten Mengen sind (Show vs. Tell, jede in ihrer Ecke des Boxrings), sondern ineinander übergehende, sich oft ergänzende Mechanismen.

    Ich denke, ich weiß, was hier passiert.

    Das ist die eine Variante dessen, was passiert. Die andere Ursache für diese Überbemühungen, auf jeden Fall "People of Color" oder offenkundig nichtheterosexuelle Menschen oder in irgendeiner anderen Hinsicht vom gesellschaftlichen Mainstream abweichendes Personal zu zeigen, sind wütende Shitstorms, die sich Firmen und Agenturen dafür einfangen, eine statistisch wahrscheinlichere, aber nicht übermäßig diverse Zusammensetzung ihrer Werbeträger gewählt zu haben. Angefangen hat das meiner Erinnerung nach vor einigen Jahren mit einer Kampagne der Deutschen Bahn, die schließlich abgeblasen werden musste (nein, nicht die, gegen die Boris Palmer agitiert hat, sondern eine frühere).


    Es gefällt mir außerordentlich, wenn in Unterhaltung und Werbung versucht wird, darauf hinzuweisen, dass die Gesellschaft nicht nur aus weißheterochristlichem Mittelstand besteht. Und bei diesem auch noch aus der Teilgruppe der besonders attraktiven Menschen. Aber ich glaube ebenso wie Du, Silke, dass dieses deutliche Übers-Ziel-Hinausschießen eher etwas mit Ängsten und Bedürfnissen der Macher und -innen zu tun hat als mit dem Wunsch, die Vielfalt als Normalität zu verkaufen (die sie tatsächlich auch längst noch nicht ist), für Toleranz und Akzeptanz und Respekt zu werben (was als ständige Motivation sowieso irritierend und unglaubwürdig ist). Und, ja, es sind sehr oft gutaussehende, nicht übermäßig schwarzhäutige, durch irgendein Merkmal (Frisur) auch noch ethnisch-kulturell leicht verortbare Menschen, die besetzt werden, um diese Rollen zu übernehmen - also quasi "die Anderen" zu spielen. Asien, der Nahe Osten, überhaupt alles östlich der Oder, aber auch viele andere Regionen spielen als Irgendwann-Herkunftsländer fast keine Rolle.


    All das ist oft bigott und nicht selten ziemlich scheinheilig. Aber es zeigt auch das Problem, vor dem als Abgrund gerade die gesamte amerikanische Unterhaltungsindustrie steht: Es ist vollständig unmöglich, in jeder Gruppe jederzeit alle denkbaren Formen von Diversität zu zeigen und authentisch abzubilden (bzw. abbilden zu müssen). Und das ist nur der Anfang des Problems. Die, die man besetzt, und zwar erkennbar aus solchen Gründen, nehmen eine besondere Position ein, weil sie umso mehr für "ihre Gruppe" stehen, und jede dramaturgische Entscheidung ist zugleich eine für oder gegen diese Gruppe.


    Andererseits sind natürlich Werbung und Unterhaltung nie ein Abbild der Gesellschaft. Ganz im Gegenteil. Im Kleinen wie im Großen hat beides mit der Realität oft nahezu nichts zu tun, und es ist manchmal auch dramaturgisch vollkommen unmöglich, auch nur ansatzweise realistisch zu sein (oder es zu wollen). Dieser Ansatz ist in jeder Hinsicht verkehrt, und er erreicht sehr wahrscheinlich auch nicht das, was er zu erreichen als Aufgabe oktroyiert bekommen hat.

    Sorry fürs ungenaue Lesen. Ja, schwappen. Der Tee schwappt hin und her, er kann auch überschwappen. Schönes Wort übrigens.

    Eine Fortsetzung ist nicht das gleiche wie der zweite Band einer Reihe oder einer -logie. Ich habe das eine ums andere Mal darüber nachgedacht, eine Fortsetzung von "Leichtmatrosen" zu schreiben, aber hätte ich die Erzählung von vornherein als Reihe oder -logie geplant, hätte das erste Buch nicht so geendet, wie es das getan hat. Und eine -logie ist auch nicht das gleiche wie eine mehrbändige Erzählung. Bei einer -logie erzählen die einzelnen Romane durchaus ihre eigenen Geschichten, die aber Bestandteil einer Gesamtgeschichte sind. Eine mehrbändige Erzählung - wie etwa die umfangreichen Space Operas von Peter F. Hamilton - ist eine sehr, sehr lange, in sich abgeschlossene Geschichte, die sozusagen räumlich aufgeteilt wurde.

    Wie nennt man es denn dann?

    Es ist eine Geschäftsanbahnung. Du bietest ein Produkt einem Vertrieb an. Das Produkt besteht in erster Linie aus Deinen Texten und in zweiter aus Dir selbst. Man bewirbt sich nicht um einen Programmplatz, man bietet etwas an. Es wird zwar leider immer wieder von Bewerbern gesprochen, zuweilen (aber selten) auch von Seiten der Verlage, aber es handelt sich weder um eine Bewerbung, noch später dann, sollte die Anbahnung von Erfolg gekrönt werden, von einem Verhältnis, das einem Angestelltenverhältnis auch nur entfernt ähneln würde.

    Man muss unterscheiden zwischen "Das bietet sich für eine Fortsetzung an" (wie etwa "Die Dienstagsfrauen" von Monika Peetz, woraus aufgrund des Erfolgs eine Reihe geworden ist) und einer Erzählung, die auf mehrere Bände angelegt ist, die also nach dem ersten Ende nicht oder nicht vollständig endet. Es gibt aber sicher auch Hybridformen.


    Nein, die Verlage schrecken vor Mehrbändern nicht zurück - wenn der erste Band okay läuft oder sogar ein Longseller wird, sind die Folgebände ganz im Gegenteil ziemlich sichere Banken. Aber das Risiko ist beim ersten Band nahezu gleich klein oder groß wie bei einem in sich abgeschlossenen Band - entweder, es läuft, oder es läuft nicht. Wenn aber gleich alle drei bis zehn Bücher eingekauft werden, ist das Risiko aus Verlagssicht natürlich ein bisschen höher. Aber da wird es bei Debütanten eher auf ein Optionskonzept hinauslaufen - also ein Vorkaufsrecht, das man sich mit einer geringen Garantiesumme einkauft.


    Ja, man sollte erwähnen, wenn etwas als Einteiler funktionieren würde, aber als Mehrteiler geplant ist.


    Aber, nein. ES. IST. KEINE. BEWERBUNG. :cursing:

    Nein, Auftragsarbeiten sind das meistens nicht. Es gibt aber auch Projekte, an denen mehrere Autoren arbeiten, oder bei denen Verlage die Reihenrechte gekauft haben und neue Autoren hinzuziehen. Aber das ist eher die Ausnahme.


    Wenn der erste Teil einer Reihe okay lief, dann steigen die Nachfolgebände fast automatisch hoch ein, weil sehr viele Leute, die den ersten Teil über eine längere Zeit gekauft und gelesen haben, schnell zum zweiten Teil greifen. Deshalb findet man in den Bestenlisten auch häufiger Folgebände als erste Teile.


    Man bringt das so an den Verlag, wie man auch in sich abgeschlossene Romane an den Verlag bringt - man baut ein (dann möglichst alle Teile umfassendes) Exposé, skizziert die wichtigsten Abschnitte, die Positionierung und die Zielgruppe, und liefert eine Hammer-Leseprobe aus dem ersten Teil. Ich denke, ergänzend sollte erklärt werden, wie sich die Teile voneinander entscheiden (möglichst sogar noch, wie sie heißen werden usw.), oder man bietet das als Option an. Ich mache das auch gerade mit einem Stoff, von dem ich denke, er würde sich für zwei Teile lohnen, aber ich habe zugleich avisiert, dass ich das auch in einem Buch schaffen würde.


    Ob der Verlag gleich alle Bände sehen will oder mit dem ersten zufrieden ist, hängt von Deiner Erfahrung ab, aber wenn Du mit noch wenig Erfahrung gleich einen überzeugenden ersten Band lieferst, würde auch das vermutlich klappen.

    Großartig


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    Noch so ein Buch, das irrtümlich lange im Regal mit ungelesener Lektüre lagern musste, bis der Bereich so stark ausgedünnt war, dass ich keine Wahl mehr hatte. Dabei hatte ich Ann Patchetts unglücklich betiteltes „Die Taufe“ (OT „Commonwealth“) ungeheuer gerne gelesen, aber „Das Holländerhaus“ mit dem eigenartigen, nach Historienschwarte klingenden Titel und diesem merkwürdigen, nostalgisch-verklärenden Gemälde auf dem Cover, das hielt mich quasi antimagnetisch von sich fern.

    Dabei ist der Roman absolut hinreißend. Und er ist weder historisch, jedenfalls nicht im Sinne von „Die Päpstin“ oder „Die Wanderhure“ oder ähnlichem Gequirle, noch ist er nostalgisch-verklärend. „Das Holländerhaus“ ist eine „great american novel“, eine amerikanische Familiengeschichte, eingebettet in die amerikanische Geschichte. Und zwar eine großartig erzählte.


    Es beginnt in den späten Sechzigerjahren. Die Geschwister Maeve und Danny leben in einem noblen Vorort von Philadelphia. Der Vater ist Immobilienunternehmer, und der junge Danny, der als Ich-Erzähler auftritt, darf ihn samstags begleiten, um die Mieten zu kassieren - damals noch in bar, und so ganz verschwunden ist das bis heute noch nicht aus dem amerikanischen System - und alle Zahlungen ins große Hauptbuch einzutragen, die Gespräche und Ausreden mitanzuhören, und das oft altruistische Verhalten des Vaters zu erleben. Die Mutter ist zu diesem Zeitpunkt längst verschwunden, angeblich ist sie eines Nachts einfach nach Indien aufgebrochen, sagen jedenfalls Sandy und Jocelyn und Fluffy, die Hausbediensteten. Weil sie es im Haus nicht mehr ausgehalten hätte. Im Holländerhaus, durch dessen Erdgeschoss man hindurchblicken kann, und das im zweiten Stock sogar einen Ballsaal hat.


    Das beeindruckende und auf seine Art wunderschöne, originelle Haus haben reiche Kaufleute gebaut, nach denen nicht nur das Gebäude, sondern auch die Straße benannt ist, in der es steht, es ist wirklich ein Juwel, und sehr ungewöhnlich, verwinkelt, immer ein bisschen zu kalt, riesengroß, voller Geheimnisse, aber auch wertvoller Möbel, Intarsien und Kunstwerke. Der Vater hatte es seiner Frau zum Geschenk gemacht, vom ersten größeren Profit, den er erwirtschaften konnte, aber die Frau konnte darin nicht glücklich werden. Und auch für den Rest der Familie steht es nicht zum Guten. Der Mann heiratet schließlich eine neue Frau, die willensstarke, egoistische Andrea, die kurz nach seinem Tod - vier Jahre später - seine Kinder kurzerhand vor die Tür setzt. Aber die nicht weniger starke Maeve und der kluge Danny haben einander, und so überstehen sie das. Davon erzählt der Roman genau genommen: Dass sich Maeve und Danny haben, und dass sie so alles überstehen.


    Fortan und über die Jahrzehnte - Ann Patchett erzählt in diesem Roman fast die ganze Lebensgeschichte der beiden - treffen sich die Geschwister, die einander alles bedeuten, manchmal an Freitagabenden und betrachten das Haus von der anderen Straßenseite aus, Danny kommt dafür extra aus New York, und dann sitzen sie im Auto, rauchen, reden, und haben ein bisschen Angst davor, dass Andrea herauskommt, aber das geschieht nie. Maeve - die übrigens auf dem Gemälde zu sehen ist, das das Cover des Buches ziert - hat ihr Studium abgeschlossen und einen einfachen, aber guten Job gefunden, der sie sehr ausfüllt, ihr aber genug Raum lässt, um sich um den kleinen Bruder zu kümmern. Danny wird von ihr genötigt, Arzt zu werden, um das einzige, was ihnen geblieben ist, nämlich einen Ausbildungsfonds, von dem auch Andreas Kinder etwas hätten, wenn noch etwas bliebe, maximal zu schröpfen. Er schließt mit Bestnoten ab, dabei würde er lieber Immobilienunternehmer sein, wie der Vater. Er heiratet, bekommt Kinder, aber die Verbindung zu Maeve bleibt jederzeit intensiv.


    Ann Patchetts große Erzählung ist selbst wie dieses Haus - verwinkelt, komplex, verschachtelt, überraschend. Vor allem aber ist „Das Holländerhaus“ wirklich wunderschön, obwohl es oft tragisch, selten einfach und oft herausfordernd ist. Ein starker, fesselnder Roman über die Liebe, über Familie, über Selbstverwirklichung, Tapferkeit, die Schatten der Vergangenheit und die Verantwortung - für andere, aber auch für sich selbst.

    ASIN/ISBN: 3827014174