Hartmut Lange: Am Osloer Fjord oder der Fremde

  • ASIN/ISBN: 3257072082


    Der Ich-Erzähler trifft am Osloer Fjord auf einen Fremden, der ihm die Guillotine als eine poetische Form des Untergangs anpreist. Eine Sängerin bekommt zunehmend Probleme mit der Rolle der Mimi in Puccinis Oper, insbesondere in der Sterbeszene. Die Absinthtrinkerin von Degas verschafft einem Betrachter merkwürdige Halluzinationen. Ein alternder Schriftsteller meint in der Bleibtreustraße in Berlin gegenüber von seiner Wohnung, im obersten Stockwerk eines Hauses, die Schatten einer ehemaligen Geliebten im Streit mit jemanden zu erkennen, obwohl die Wohnung leer und unvermietet ist. Eine vermutlich russischstämmige junge Frau kommt immer wieder in dasselbe Berliner Nagelstudio, obwohl diese eine Verletzung am Zeh verursacht haben, die nicht heilen will. Ein Mann glaubt, dass sich eine zur Fällung im Berliner Tiergarten vorgesehene alte Linde langsam auf das Lortzing-Denkmal zubewegt, um es zu zerstören. Ein anderer Mann lässt seine Frau auf eine Reise gehen, die sie sich dringend wünscht, bleibt aber selbst zurück. Die dringend erwartete Rückkehr verläuft anders, als er es sich erhofft. Jemand sieht einen Unbekannten an sich vorbei ziehen, den offensichtlich andere nicht bemerken. Er beobachtet ihn bei einem seltsamen Tun, das viele Frage aufwirft, die nicht beantwortet werden. Und noch einmal am Oslofjord trifft ein Mann auf das lebende Vorbild für Munchs Schrei und gleich darauf eine Frau, die sich als verlassene Verlobte Kierkegaards ausgibt. Sie sei auf der Suche nach ihrem ehemaligen Verlobten.


    Neun kurze Texte, deren Gemeinsamkeit darin besteht, dass das Ende offen ist oder sich dem Leser entzieht. Der letzte Text – Ein Schritt in die Abstraktion – ist ein Essay, der sich mit dem menschlichen Erkenntnisvermögen auseinandersetzt. Unter dem Buchtitel steht »Novellen«. Das lässt mich etwas ratlos zurück. Im klassischen Sinn ist kein Text eine Novelle. Es handelt sich eher um Kurzgeschichten (abgesehen vom letzten Text). Oder, will ich es positiv deuten, um extrem komprimierte Novellen. Kein Text ist länger als acht Buchseiten. Die von Goethe geforderte »unerhörte Begebenheit« ist durchaus in den meisten dieser Texte zu finden, allerdings bleibt es dann dabei. Eine Auflösung, ein Schluss, ein die Begebenheit erklärendes Moment fehlt in jedem Text.


    Hartmut Lange (*1937) ist ein mehrfach ausgezeichneter Schriftsteller, der auch Dramen geschrieben und an Theatern als Regisseur gearbeitet hat. Seit nunmehr fast vierzig Jahren schreibt er hauptsächlich erzählende Prosa in kurzer Form. Die Texte dieses Buches, so kurz sie sind, weisen den Leser immer auf sich selbst zurück. Auch das Essay. Man liest nicht lange daran, doch die Texte klingen nach. Unverständnis, Ratlosigkeit, Freude über eine (wie ich finde) gelungene Formulierung, Ärger, Kopfschütteln, lächeln … das sind ein paar ausgewählte Reaktionen, die ich beim Lesen dieses Buches hatte. Ich weiß nicht, ob ich es empfehlen soll, und möchte es doch tun. Wer ein bisschen Verunsicherung aushält, kann die Lektüre gefahrlos wagen. Andere, die zu sehr dem (vermeintlichen) Realismus verhaftet sind, lassen es besser bleiben.

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    Horst-Dieter Radke: Sagen und Legenden aus Baden

    ASIN/ISBN: 3955403823


    Im Inneren eines Menschen existiert ein Kern, der von Fragen wie Staatsbürgerschaft oder sozialer Herkunft völlig unberührt ist. Dafür sollte sich die Kunst interessieren.
    Marina Davydova

    SZ Nr. 289, 15.12.2022, S. 11


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