Wie komme ich an einen Verlagsvertrag?

  • Diese Frage bewegt sicher jede, die schreibt. Viele fühlen sich zwar dem Schreiben, nicht aber dem "Verkaufen des Geschriebenen" gewachsen, weshalb es als ideale Wunschvorstellung gilt, einen Agenten, eine Agentin oder eine Agentur zu bekommen. Man muss sich dann nicht mehr um das Verkaufen kümmern, sondern nur noch um das Schreiben. In dieser Vorstellung liegt ein Missverständnis. Literaturagenturen leben davon, dass ihre Autorinnen und Autoren gut verkäufliche Manuskripte liefern. Dass sie unbesehen alles abnehmen, was die fleißige Autorin und der rege Autor abliefern, ist eher die Ausnahme, denn die Regel. Es kommt auch bei renommierten Autoren vor, dass ein Manuskriptvorschlag zurückgewiesen wird, weil die Agentin ihn nicht für verkaufbar hält. Außerdem ist es auch nicht leicht als Neuling eine Agentur zu finden. Das Klinkenputzen kostet Zeit und das Wandern von einer Agentur zur nächsten Absage ebenfalls, so dass bereits fertig geschriebene Manuskripte anfangen zu schimmeln.


    Ich meine, es ist sinnvoll dann bei Literaturagenturen vorstellig zu werden, wenn man für Genres und Literaturgattungen schreibt, die sich gut verkaufen und wenn man etwas anzubieten hat, das massentauglich ist. Wer für kleinere Zielgruppen schreibt (etwa im Bereich Science Fiction oder Fantasy) sollte besser selbst auf Verlagssuche gehen. Da man – anders als bei Agenturen – sein Manuskript auch gleichzeitig mehreren Verlagen anbieten kann, spart man unter Umständen Zeit und kommt schneller zum Erfolg (oder schneller zu der Einsicht, dass das Manuskript doch wohl eher nicht gebraucht wird). Auch dabei gilt, dass größere Publikumsverlage eher mit marktgängigen Titeln und Themen angegangen werden können. Nicht unterschätzt werden dürfen aber die kleinen und die mittleren Verlage. Die Chance dort zu einer Veröffentlichung zu kommen, ist gerinfügig größer. Auch über die Verkaufszahlen sollte man sich keine zu großen Illusionen machen. Die Frage ist nur, welcher "kleine" Verlag kommt in Frage? In Buchhandlungen stöbern bringt selten einen guten Überblick. Der jährlich erscheinende Katalog der Kurt-Wolff-Stiftung ist da schon eine bessere Alternative. Eine andere Möglichkeit ist das Magazin schöne bücher. In beiden Fällen gibt es jeweils einen knappen Fokus auf den Verlag, so dass man schnell weiß, ob sich ein Manuskriptangebot dort lohnt oder auch nicht.


    Diese persönlichen Anmerkungen bleiben hoffentlich nicht einsam und allein stehen. Ergänzungen sind nicht nur willkommen, sondern auch erwünscht.

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    Horst-Dieter Radke: Sagen und Legenden aus Baden

    ASIN/ISBN: 3955403823


    Wir haben sogar Bücher zuzm Totlachen aufzuweisen, von denen ich wünschte, dass die Verfasser die erste Probe an sich gemacht hätten!.
    Carl Julius Weber

    aus: Demokritos


  • Hallo Horst-Dieter,


    danke für diesen wichtigen Beitrag.


    Ich stimme dir da zu. Es reicht nicht aus, "gut" zu schreiben, wenn man in der oberen Liga mitspielen will. Das Manuskript muss vor allem verkäuflich sein. Das ist eine bittere Erkenntnis, die ich jetzt nach einigen Jahren gewonnen habe. "Stil" und "Handwerk" sind die eine Sache, "Geschichte" bzw. "Genre" eine andere. Es gibt Trends in der Literatur, und wer damit nicht vertraut ist oder sie ignoriert, hat schwere Karten.


    Dabei sind die Agenturen auch gar nicht mal der Schlüssel zum Erfolg. Ich kenne mindestens ein halbes Dutzend Debüt-Autorinnen, die seit Monaten über Agenturen versuchen, an einen Verlagsvertrag zu kommen, wobei die Ansprüche mit der Zeit immer kleiner werden. Die Euphorie, die diese Kolleginnen am Anfang hatten, ist einem bitteren Zynismus gewichen. Viele fühlen sich von ihren Agenturen verarscht, im Stich gelassen oder nicht für voll genommen.


    Ist es unser besonders Zeitalter der Epidemien, Kriege und Rohstoffknappheiten? Oder ist es die Fehleinschätzung dieser Agenturen? Keine Ahnung.


    Jedenfalls, nicht jeder Agenturvertrag führt gleich zwangsläufig zu einem Verlagsvertrag bei einem der großen Publikumsverlage.


    Ich bin mittlerweile sehr froh, dass ich bei einem der kleineren Verlage untergekommen bin. Das ist ein Fuß in der Tür. Darauf kann man aufbauen. Eine Veröffentlichung vorzuweisen hat meiner Ansicht nach mehr Vorteile, als jahrelang mit einem Manuskript hausieren zu gehen in der Hoffnung, es ganz oben platzieren zu können.


    Ich schaue nicht aufs Geld. Ich mache es nicht fürs Geld. Es wäre schön, damit etwas zu verdienen, aber das ist nicht mein Fokus.


    Ich kann jedem nur raten, nicht gleich zu den Sternen zu greifen, sondern sich erstmal etwas aufzubauen. Wenn man gute Qualität auf den Markt bringt, stetig und verlässlich, werden mit der Zeit auch andere auf einen aufmerksam bzw. sie sind eher dazu geneigt, einem Gehör zu schenken.


    VG, Silke

  • Wenn Agenten auch nur sich die besten Rosinen herauspicken, wozu braucht man sie dann noch? Dann kann man seine gut verkäuflichen, massentauglichen Proto-Bestseller doch gleich den Verlagen andrehen und spart sich die Zeit und das Geld.

    Der einzige Grund für mich einen Agenten zu beschäftigen, wäre, wenn er mir die Kommunikation mit den Verlagen ersparte, so daß ich nur einen einzigen Ansprechpartner hätte, und nicht mehrere, mit denen ich mich auseinandersetzen und Zeit vergeuden müßte. Aber da das eher unwahrscheinlich ist, und angesichts der Tatsache, daß die meisten Agenten wohl nur mit großen Verlagen verhandeln, und man die kleineren dann doch noch selber abklappern muß (aber erst wenn der Agenturvertrag beendet ist), man also mindesttens 1-1,5 Jahre vergeudet, bietet das keinen echten Anreiz.

    Etwas anderes freilich wäre es, wenn man eine Art Impresario oder Agenten hätte, der einem die lästige Suche nach Agenturen und Verhandlung mit selbigen abnähme... :/

  • Ich kann jedem nur raten, nicht gleich zu den Sternen zu greifen, sondern sich erstmal etwas aufzubauen.

    Ich möchte bitte unbedingt den genau gegenteiligen Rat aussprechen.


    Und darum bitten, die Situation zu differenzieren.


    Es ist kein Griff nach den Sternen, wenn man mit einem sehr guten Langtext bei einem halbwegs nennenswerten Publikumsvertrag debütieren möchte. Es ist auch, bei allem Respekt, kein "Sichaufbauen", wenn man solche Texte schließlich zu Klein- oder Kleinstverlagen gibt, von wo aus sie schließlich in ein paar regionalen Buchhandlungen und auf einem achtstelligen Verkaufsrang bei Amazon landen, weil sie auch noch unschön ausgestattet und schwachsinnig betitelt worden sind, es vor allem aber nicht das geringste Marketing gibt. Ein solcher Text ist verbrannt, nachgerade verfeuert, und wir alle wissen, dass die lebenslange Kreativitätskurve nicht einer ballistischen Flugbahn entspricht, sondern eher dem Logarithmus zur Basis 1/2 (ein Halb). Wir sind am Beginn unserer Karrieren oft sehr viel kreativer und schillernder als im späteren Verlauf. Roman #2 oder #3 sind meistens unsere besten. Ausnahme bestätigen das nur.


    Ja, es ist zutreffend, dass es einige Genres und Textarten gibt, die bei den großen Verlagen lieber gesehen werden als andere. Das ist aber schon immer so. Es ist aber auch schon immer so, dass sehr gute Texte auch originell und abweichend sein dürfen, wobei hier, unter uns, sowieso kein Peter Handke oder Rainald Goetz zu finden sein dürfte. Die meisten hier liefern klassisches Material, Standard-Masterplots, sind mal ein bisschen ulkiger und eigenwilliger unterwegs, mal stromlinienförmiger, aber grundsätzlich passt das schon.


    Was ich sagen will: Es ist m.E. auch sehr, sehr wichtig, möglichst viel Energie in den ersten angebotsfähigen Langtext zu stecken, denn es ist wahrscheinlich, dass der schon zu unseren besten Texten gehören wird. Ja, man sollte sich einen Schmerzgrenzentermin setzen, aber auch nicht zu früh anbieten, oder den ersten vielleicht überhaupt nicht, sondern erst den zweiten, wenn wir uns uns selbst genähert haben, die Stimme und den Rhythmus gefunden haben, wenn das wirklich gut ist, was wir da raustun. Oder, oder, oder. Jedenfalls sollte man nicht dem grundlegenden Rat folgen, klein anzufangen, so funktioniert das in der Literatur, in der Kunst nicht. Wer gleich etwas Großes hat und sich vermutlich danach eher verkleinern wird, wie das nicht selten der Fall ist, muss gleich am Anfang Höhe gewinnen, damit der gebremste Fall - um den es immer geht - länger dauert.


    Wenn man meint, das Handwerk draufzuhaben und auch etwas zu sagen zu haben, sehe ich keinen Grund dafür, das in der zweiten, dritten, vierten Reihe zu verheizen. Verlagsverträge bei Publikumsverlagen sind keine Lottogewinne. Das gilt in jeder Hinsicht. Denn selbst wenn man an einen kommt, heißt das noch längst nicht, dass der Drops im positiven Sinne gelutscht ist.


    Aber, um jetzt alles zu relativieren. Das mit den Agenturen stimmt schon, aber es gibt auch da sone und solche. Einige haben wirklich gute Connections, werden gehört und respektiert, sind stark vernetzt und reputiert, während andere schlicht Vermittlerdienste anbieten und auch so auftreten. Es gibt auch hier sehr viele Unterscheidungen, und man kann nichts von all diesen Themen über einen Kamm scheren. Weshalb allgemeine Ratschläge zu meiden sind.

  • Und darum bitten, die Situation zu differenzieren.

    Immer. Ich spreche hier nur aus meiner eigenen, persönlichen Erfahrungen. Ich würde mir niemals anmaßen, einen Rundumschlag zu machen, von dem ich behaupten würde, dass der Allgemeingültigkeit besitzt.

    Es ist kein Griff nach den Sternen, wenn man mit einem sehr guten Langtext bei einem halbwegs nennenswerten Publikumsvertrag debütieren möchte.

    Wirklich nicht? Ich schaue mir das jetzt seit ein paar Jahren an und könnte auf Anhieb niemanden nennen, der es so einfach geschafft hat. Gerade im historischen Bereich fallen mir gleich zwei Mittelalterdebüts im letzten Jahr ein, von denen ich mich frage, wie die dahin gekommen sind. Sorry, besonders gut waren sie nämlich nicht, und das sage ich jetzt nicht aus Neid. Und dann forscht man ein wenig nach und stellt fest: Vitamin B. Über Empfehlungen und Beziehungen. Das war sehr ernüchternd.

    Ich sage ja nicht, dass es unmöglich ist, aber ich denke, es ist sehr hoch gepokert. Das heißt nicht, dass man es nicht versuchen sollte.

    Jedenfalls sollte man nicht dem grundlegenden Rat folgen, klein anzufangen, so funktioniert das in der Literatur, in der Kunst nicht. Wer gleich etwas Großes hat und sich vermutlich danach eher verkleinern wird, wie das nicht selten der Fall ist, muss gleich am Anfang Höhe gewinnen, damit der gebremste Fall - um den es immer geht - länger dauert.

    Mein Rat war nicht, gleich schon klein anzufangen. Was ich eigentlich damit ausdrücken wollte, war, seine Erwartungen nicht zu hoch zu setzen. Und nicht zu zögern, sich neu zu orientieren, wenn die Zeit dazu gekommen ist.


    Manche verfassen ein Manuskript, machen damit die Agenturrunde und werden nicht genommen. Dann legen sie den Text geknickt in die Schublade und bieten nach zwei Jahren das nächste Manuskript an, usw. In der Zeit haben sie nichts gewonnen. Da ist es besser, man kann den Text anderswo platzieren. Nicht bei Verlag Tante Erna - das meinte ich nicht. Sondern bei den seriösen mittelständischen oder spartenspezifischen Verlagen, die nicht nur über Agenturen an ihre Manuskripte gelangen.


    Viele Jungautoren haben ja keine Latte an Veröffentlichungen vorzuweisen. Noch nicht einmal Kurzgeschichten oder ähnliches. Was sieht denn da besser aus? Etwas in der Bibliografie auflisten zu können (natürlich kein SP, DKZV oder Verlag Tante Erna - s.o.) oder ein weißes Blatt Papier?


    Wenn das gerade nicht so rüberkam, dann tut es mir leid.

  • Ich würde mir niemals anmaßen, einen Rundumschlag zu machen, von dem ich behaupten würde, dass der Allgemeingültigkeit besitzt.

    Genau das hast Du aber getan: "Ich würde jedem raten, nicht gleich nach den Sternen zu greifen." ;)

    Ich schaue mir das jetzt seit ein paar Jahren an und könnte auf Anhieb niemanden nennen, der es so einfach geschafft hat.

    Und ich ziemlich viele. Ich gehöre selbst in gewisser Weise dazu, denn meinen ersten angebotenen Langtext habe ich vor fast zwanzig Jahren auch gleich in einem größeren Verlag veröffentlicht. Andere haben auch größer anfangen, darunter 42er, wenn auch überwiegend ehemalige (ich denke an Iris Kammerer, Susanne Gerdom und ein paar andere), und ich kann gerne eine sehr, sehr lange Liste mit bekannten Namen liefern, denen es so erging. Aber, nein, "einfach so" schafft das (fast) niemand, das stimmt zweifelsohne. Ich habe sehr, sehr lange an meinen ersten Langtexten gearbeitet (und mehrere weggeworfen), bin (übrigens mit anderen 42ern) in harte Klausur gegangen, habe viel ausprobiert, aber nicht, indem ich es den Verlagskläusen geschickt habe. Ich habe an Literaturwettbewerben teilgenommen und journalistische Texte verfasst, ohne jede Ausbildung. Ich habe Erfahrungen gesammelt, aber nicht mit schwachbrüstigen, halbgaren Romanen, die ich in Provinzverlagen untergebracht habe, sondern Erfahrungen, die nötig waren, um beim Schreiben belletristischer Texte so gut zu werden, dass auf mein Anklopfen hin auch Türen aufgingen. Und nicht etwa die von Hundehütten.


    Möglicherweise ist das mit dem "Sich etwas aufbauen" auch Selbstbetrug, weil man weiß, dass man nie dort ankommen wird, wovon man träumt. Das meine ich nicht persönlich, also in Bezug auf Dich oder irgendwen hier, aber ich habe auch viele Autorinnen und Autoren erlebt, die diese Art der Erfolgsprokrastination im Bewusstsein der Tatsache zu betreiben scheinen, dass sie sowieso niemals viel weiter kommen werden. Oder die jahre- und jahrzehntelang an einem Roman schreiben, unter den sie einfach nicht "Ende" schreiben, weil er sowieso nichts taugt - und sie das nicht wahrhaben wollen. Oder, oder, oder.


    Der nicht ganz so große Verlag kann eine Stufe der Erfolgsleiter sein, nicht selten ist er es. Aber es gibt tausende unterschiedliche Erfolgsleitern, und bei den meisten anderen sehen die ersten Stufen eben anders aus.

  • Zitat

    Genau das hast Du aber getan: "Ich würde jedem raten, nicht gleich nach den Sternen zu greifen."

    Ja, das war unglücklich formuliert. Ich spreche nur aus meiner Erfahrung und wollte die Lehre teilen, die ich daraus gezogen habe. Jeder natürlich so, wie er mag.

    Ich gehöre selbst in gewisser Weise dazu, denn meinen ersten angebotenen Langtext habe ich vor fast zwanzig Jahren auch gleich in einem größeren Verlag veröffentlicht.

    Mit Verlaub, Tom, du bist ja auch ein alter Hase :) Ich erinnere mich, wie ich vor 20 Jahren im Germanistischen Seminar saß und wir eine Literaturagentin zu Besuch hatte, und die uns nicht nur erklären musste, was sie eigentlich so tat, sondern sich dafür auch rechtfertigen musste. Die Zeiten haben sich ein wenig gewandelt, würde ich mal wagen zu behaupten. Vielleicht ist der Eintritt heute ein wenig schwieriger, vielleicht auch wegen der eingangs erwähnten zeitgeschichtlichen Umstände, in denen wir uns derzeit befinden.

    Möglicherweise ist das mit dem "Sich etwas aufbauen" auch Selbstbetrug, weil man weiß, dass man nie dort ankommen wird, wovon man träumt.

    Ich denke, ich weiß, was du damit sagen willst. Diese Art von Autor kenne ich auch. Das war ebenfalls nicht, was ich meinte - verheize deine Stoffe, denn mehr wert sind sie nicht.

    Aber es gibt tausende unterschiedliche Erfolgsleitern, und bei den meisten anderen sehen die ersten Stufen eben anders aus.

    Ok, Touché! ;)

  • Mit Verlaub, Tom, du bist ja auch ein alter Hase

    Ich bevorzuge den Terminus älterer Hase. Und ich habe als jüngerer Hase angefangen. 8)


    Und, Silke, Du musst Dich (bei mir) nicht für Deine Position entschuldigen oder rechtfertigen. Sie ist doch (in Deinem Kontext) richtig, und sie folgt Deiner Überzeugung. So, wie es bei mir ja auch ist. Nur ist, wie wir beide festgestellt haben, nichts davon allgemeingültig.

  • Wenn man meint, das Handwerk draufzuhaben und auch etwas zu sagen zu haben, sehe ich keinen Grund dafür, das in der zweiten, dritten, vierten Reihe zu verheizen.

    Danke für diesen Einwurf.

    Es gibt ja einige hier, die sich regelrecht eine Karriere aufbauen und auch wirtschaftliche Interessen mit dem Schreiben verfolgen. Das ist zwar ein Berufsweg, zu dem ich meinen Kindern eher nicht raten würde, aber ich verstehe, dass man unter solchen Voraussetzungen zu Kompromissen bereit ist. Ich glaube zwischen "verheizen" und "sich etwas aufbauen" ist ein weites Feld.


    Ich befinde mich selbst ja durchaus auch in einer Situation, in der ich über diese Kleinverlagsgeschichte nachdenken könnte. Ich habe sogar kurz gedacht, Horst-Dieter hätte das extra meinetwegen hier eingestellt. Ich habe mich dementsprechend durch die Seiten geklickt und hier und da hereingelesen und bin zu dem Schluss gekommen, dass das für mich eher nichts ist. Da sind gute Sachen dabei, verrückte wie seriöse. Aber ich fühle mich trotzdem bei dem Gedanken nicht wohl, da dazwischen zu stehen. Vielleicht, weil ich mir finanziell und auch sonst erlauben kann, für immer in Warteposition zu bleiben, wenn es sein muss.

    Ob ich peinlich bin oder genial, das entscheidet sowieso entweder die Zukunft oder ich selbst. Am ehesten beides. Und beides8)


    Und dann muss ich noch was loswerden zu der Frage, ob die ersten Sachen, die man schreibt, die besten sind. Ich habe da ein Zitat aus den Meistersingern, das mir nicht aus dem Kopf gehen will und das geht so:


    Vielleicht ist das etwas tröstlich für die Älteren hier.

    “Life presents us with enough fucked up opportunities to be evaluated, graded, and all the rest. Don’t do that in your hobby. Don’t attach your self worth to that shit. Michael Seguin

    Einmal editiert, zuletzt von Nils ()

  • Vielleicht ist das etwas tröstlich für die Älteren hier.

    Auch das mit der logarithmischen Lebenskreativitätskurve war natürlich nicht vollständig verallgemeinerbar. Aber die Beobachtung sagt, dass viele Autorinnen und Autoren (genau wie Musiker und andere schaffende Künstler) am Anfang genial vorlegen und dann davon zehren. Nur wenige schaffen es, sich aus der Drangzeit weiterzuentwickeln. Ich versuche genau das gerade, habe schon mit meinen zwei letzten Romanen damit begonnen und gehe mit dem kommenden ein paar Schritte weiter, aber ob es gelingen wird, weiß ich nicht.


    Gerade bei Musikern finde ich das nämlich oft total frustrierend, dieses Suhlen im eigenen, alten Saft, und ich habe echtes Mitleid, wenn ich eine Band sehen muss, die seit 30 Jahren und mehr unaufhörlich und ausnahmslos genau das gleiche macht, aber eigentlich nur die Dekoration zum Erfolg von vor dreißig Jahren - und das sind ja keineswegs die Ausnahmen.


    Aber wir haben am Anfang natürlich mehr Power, Verve, Mitteilungsdrang, sind rebellischer, kreativer - das steht für mich außer Frage. Das spätere Werk wird dann ... anders. Das kann man sogar bei Genreautoren beobachten, wie die immer mehr ausdünnen. Und lediglich ihre eigenen Versatzstücke rochieren.

  • Das stimmt auf jeden Fall. Sogar Richard Wagner hat schon gewusst, wie viel mühsamer es ist, kreativ zu sein, wenn man .. ähm ... erwachsen ist. Für Dinge, die mit Rebellion, Energie und Saft und Kraft zu tun haben, kann es mit zunehmendem Lebensalter nur bergab gehen. Aber dafür ist es in jungen Jahren schwer, glaubwürdig weise Sentenzen von sich zu geben.

    Manche Dinge werden eben auch erst mit zunehmendem Alter gut. Ich gebe zu, das sind nur wenige Dinge. Aber man muss sich ja irgendwodran festhalten wenn man die - nun - sagen wir mal - die dreißig überschritten hat.

    Zitat

    Sie stehn an jeder Ecke aber nicht bei mir
    denn das Gedudel dieser Säcke steht mir echt bis hier
    denn jede Sau kennt sie aus dem TV und aus dem Radio und so
    dringt ihr Gelall und ihre Show kurz überall
    umgeben sie Dich umzingeln Dich berieseln und umringen Dich
    die alten Sachen fand ich ja ganz gut die neuen nicht

    Das haben die in den 90ern geschrieben.

    Und jetzt sind sie selber so.

    So vergeht der Ruhm der Welt.

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  • Nils: Das ist nicht nur eine Altersfrage. Es gibt ja auch diese Binsenweisheit/Behauptung/Mär von der genau einen Geschichte, die jeder von uns erzählt (also jeder seine eigene genau eine), und die wir immer nur variieren, bis es entweder perfekt gelingt oder keiner mehr zuhört. Wobei "Geschichte" unterschiedlich weit gefasst werden kann, von einer sehr konkreten Geschichte bis zu einem mehr oder weniger konkreten Thema. Ich bin nicht sicher, ob das stimmt, oder ob es für mich ganz persönlich zutrifft, aber es läuft ja alles auf dasselbe hinaus: Kreativität ist endlich. Und deshalb hat man wahrscheinlich nicht unendlich viele Versuche, um seinen Platz zu finden.


    Die Fanta4 sind tatsächlich selbst ein gutes Beispiel für diesen Effekt. Aber die künstlerische Hauptleistung bestand ja auch darin, erst einmal zu Fanta4 zu werden.

  • Nils

    Nein, ich habe nicht deinetwegen diese Diskussion begonnen. Der Anstoß kam durch einige AutorInnenbegegnungen außerhalb von Verein und Forum. Außerdem will ich keineswegs den Eindruck erwecken, dass es nicht gut ist, in größeren Dimensionen zu denken. Wer gut schreiben kann und auch bereits ein halbwegs brauchbares Manuskript vorlegen kann, tut durchaus gut daran, sich nach einer Agentur umzusehen. Die nehmen den Autoren zwar nicht alles ab, aber doch sehr viel und können manche Tür öffnen. Aber für Randbereiche der Literatur ist das möglicherweise vergebliche Mühe. Kaum eine Agentur kümmert sich heutzutage um kürzere Prosatexte oder sucht Nischen für abseitige Genres. Da ist dann die direkte Ansprache bei einem kleinen oder mittelgroßen Verlag (kein Kleinstverlag!) manchmal die bessere Lösung. Meine ich. Das hier auch andere Meinungen auftauchen und disktuiert werden, finde ich richtig und gut.

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    aus: Demokritos


  • Kaum eine Agentur kümmert sich heutzutage um kürzere Prosatexte oder sucht Nischen für abseitige Genres. Da ist dann die direkte Ansprache bei einem kleinen oder mittelgroßen Verlag (kein Kleinstverlag!) manchmal die bessere Lösung.

    Ja, das sehe ich ganz genauso. Bei Kleinverlagen oder Literaturliebhabern, die in Eigenregie kleine Sammlerstücke herausbringen (z.B. Neuauflagen von Phantastik um 1900 oder entsprechende Übersetzungen ...) ist der Umgang ja ohnehin sehr familiär, ich denke, da fiele ein Agent sogar unangenehm auf.


    In einem anderen Forum las ich von einer Hobbyschreiberin, die eine Agentin hat, damit sie ihre Kurzgeschichten u.a. in Literaturmagazinen unterkriegt. Das finde ich nun wirklich albern, zumal sie leichte Unterhaltungsliteratur sprich Mainstream schreibt.


    Kurze Zwischenfrage, weil ich das so bislang noch nicht unterschieden gesehen hab:

    Wo ziehst du (oder zieht ihr, hier im Forum) die Linie zwischen Klein- und Kleinstverlag? Hast du da ein paar Beispiele zu besseren Einordnung? Kleinstverlage - falls ich da mit meiner vermuteten Einordnung richtig liege - sehe ich übrigens nicht als Problem, wenn man Genretexte schreibt. Worauf genau beziehst du z.B. deine 'Warnung' vor Kleinstverlagen?

    Manche winzigen Verlage haben Kultstatus, da geht die Anerkennung nicht über die Anzahl verkaufter Exemplare, sondern eine Art In-Group-Status, der einem - wie gesagt, auf Genreliteratur bezogen - tatsächlich weiterhilft.


    Zu der Diskussion an sich: Das ist ein wirklich wichtiges Thema.

    Ich hab im vergangenen Jahr Erfahrungen als Herausgeberin in einem Kleinverlag gemacht (Genreliteratur Phantastik, Output pro Jahr: über 200 Print-Titel), und dort eben den Vertrag umfassend geändert. Nämlich angeglichen an die Anthologien-Vorlage von verdi. Grad Kleinverleger sind nicht so bewandert, was die Bedeutung (und Konsequenzen) des genauen Vertragswortlautes angeht. Ich habe meinen Vertragsentwurf in mehreren Emails ausführlich dargelegt und am Wortlaut direkt erklärt und er wurde ohne jegliche Änderung angenommen.


    Das hat mich auch ein paar schlaflose Nächte gekostet, weil ich - wie ihr oben auch teils geschrieben hattet - durchaus Befürchtung hatte, mein Projekt würde vielleicht gecancelt. Der Austausch war aber extrem angenehm, ohne den Hauch von Streit, und ich bin heilfroh, dass ich meinen Entwurf verteidigt habe. Jetzt ist dieser für all meine Projekte angenommen, was auch - es ging um alleinige Verwertungsrechte vs einfaches Nutzungsrecht - nicht nur mir, sondern auch meinen Autoren zugute kommt.


    Daher meine ich: Man kann sich auch als kleines Licht (es betraf mein erstes Projekt dort, und die kannten mich letztlich kaum) durchsetzen, wenn man das ganz diplomatisch und freundlich tut.

  • Manche winzigen Verlage haben Kultstatus, da geht die Anerkennung nicht über die Anzahl verkaufter Exemplare, sondern eine Art In-Group-Status, der einem - wie gesagt, auf Genreliteratur bezogen - tatsächlich weiterhilft.

    Ok. Das ist nochmal ein Aspekt, der hier bisher nicht besprochen worden ist. Wobei die Frage ist, was das dann bedeutet, "weiterhilft". Für echte Paradiesvögel ist eine Veröffentlichung in einem Spezialverlag vielleicht auch einfach ein Erfolg an sich.


    Wurdack zB ist ja sogar mir ein Begriff, obwohl ich ein ziemlicher Spießer bin.

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  • Wobei die Frage ist, was das dann bedeutet, "weiterhilft".

    Ein paar weitere Stufen sind vielleicht weniger hoch. Damit meine ich wie gesagt auf keinem Fall, dass einem das bei einem riesigen Publikumsverlag helfen wird. Es ist einfach ein Aspekt, den ich mal ansprechen wollte.

    Wurdack zB ist ja sogar mir ein Begriff, obwohl ich ein ziemlicher Spießer bin.

    :nick Hehe, klasse, das freut mich zu hören.

  • Zitat

    In einem anderen Forum las ich von einer Hobbyschreiberin, die eine Agentin hat, damit sie ihre Kurzgeschichten u.a. in Literaturmagazinen unterkriegt.

    Mein allererster Agent - Reinhold Stecher, AVA - hat genau das bei/mit mir auch gemacht. Er hatte mich nach dem Sieg beim Playboy-Wettbewerb kontaktiert und im Nachgang relativ viele Short Storys von mir vermittelt, vor allem in thematische Anthologieprojekte, für die bei ihm von diversen größeren Verlagen (Heyne, Lübbe usw.) Beiträge angefragt wurden. Und ich hatte sonst noch nichts, ich hatte keinen brauchbaren Roman (was Stecher auch wusste, aber es war okay für ihn). Ich weiß nicht, ob die Verlage das heute immer noch machen oder ob sie sich ausschließlich bei Hausautoren bedienen, aber Stecher war sich damals nicht zu schade dafür, Kurzgeschichten von mir anzubieten, und ich hätte diese Chance selbst überhaupt nicht gehabt. Okay, das ist auch 30 Jahre her, aber irgendwas ist ja immer. ;)


    Vor allem ist eben kaum etwas generalisierbar. Jeder baut sich seine Karriere selbst. Aber es ist interessant und wichtig, sich die Erfahrungen anzuhören und nicht gleich zu verteufeln, was bei irgendwem geklappt hat. Oder es unreflektiert nachzuahmen.


    Aber halbwegs grundsätzlich ist natürlich richtig, dass man bei niederschwelligeren/sehr kleinen Verlagen eigentlich keine Agentur braucht, oder sie sogar unangenehm auffiele. Aber auch dafür gibt es Gegenbeispiele. Schon vertrackt, das ganze. 8)

  • Kurze Zwischenfrage, weil ich das so bislang noch nicht unterschieden gesehen hab:

    Wo ziehst du (oder zieht ihr, hier im Forum) die Linie zwischen Klein- und Kleinstverlag? Hast du da ein paar Beispiele zu besseren Einordnung? Kleinstverlage - falls ich da mit meiner vermuteten Einordnung richtig liege - sehe ich übrigens nicht als Problem, wenn man Genretexte schreibt. Worauf genau beziehst du z.B. deine 'Warnung' vor Kleinstverlagen?

    Manche winzigen Verlage haben Kultstatus, da geht die Anerkennung nicht über die Anzahl verkaufter Exemplare, sondern eine Art In-Group-Status, der einem - wie gesagt, auf Genreliteratur bezogen - tatsächlich weiterhilft.

    Ein Kleinstverlag ist so klein, dass eine weitere Reduzierung ihn zum Verschwinden bringen würde: Außer dem Verleger/Inhaber ist sonst niemand dort fest angestellt. Die Reichweite solcher Verlage ist oft sehr gering, kann im Einzelfall aber auch abweichen. Ich selbst habe bei einem Kleinstverlag dieser Art veröffentlicht (vermittelt übrigens durch einen Agenten). Bevor ich den ersten Vertrag unterschrieben habe bin ich hingefahren um den Verleger kennen zu lernen, was zu einer positiven Einschätzung führte. Die Umsätze waren von Anfang an nicht schlecht, weil der Verleger ein gutes Vertriebskonzept hatte und mit freien Buchhandelsvertretern zusammen arbeitete. Trotzdem passierte dann das, was solchen kleinen wirtschaftlichen Betrieben passieren kann, er ging in Insolvenz, weil die finanziellen Mittel nicht mehr ausreichten. Glücklicherweise kaufte ein anderer Kleinverlag diesen auf und rettete ihn damit. Inzwischen ist es also ein Kleinverlag. Der alte Verleger arbeitet weiter im neuen Verlag mit, in dem es nun auch andere Mitarbeiter gibt. Ein Buchprojekt in einem anderen Kleinstverlag, für das es sogar schon Coverentwürfe gab und das Manuskript ans Lektorat weitergeleitet war, wurde im ersten Corona-Jahr gestrichen. Die Verlegerin hatte Angst bekommen. Ich kann sie zwar verstehen, enttäuscht war ich trotzdem. Von einem Autor, der bei einem großen Publikumsverlag veröffentlicht hatte, habe ich letztens gehört, dass ihn der Verlag ausgemustert hat, weil die Buchumsätze nur im unteren fünfstelligen Bereich lagen. Als AutorIn sollte man also besser mit Enttäuschungen leben lernen.


    Es stimmt, Kleinverlag muss nicht schlecht sein, insbesondere wenn ein guter Ruf geschaffen wurde (oder anders gesagt Kultstatus erlangt wurde). Der Maro-Verlag hält sich seit mehr als einem halben Jahrhundert als unabhängiger Kleinverlag. Blumenbar hat es nicht einmal ein Jahrzehnt geschafft, wird aber immerhin nun von Aufbau als Imprint weitergeführt. Der Wurdack-Verlag hat sich einen guten Ruf unter SF- und Phantastik-Lesern geschaffen und ist m.W.n. im zweiten Jahrzehnt seines Bestehens. Ob es ein Kleinst- oder Kleinverlag ist kann ich nicht beurteilen, da ich die Verhältnisse innerhalb des Verlags nicht kenne. Wer innerhalb dieses Genres veröffentlichen will, ist mit diesem Verlag jedenfalls nicht schlecht beraten (falls das Manuskript dort genommen wird). Rufschädigend ist das jedenfalls nicht.

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    Wir haben sogar Bücher zuzm Totlachen aufzuweisen, von denen ich wünschte, dass die Verfasser die erste Probe an sich gemacht hätten!.
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