• Langsam kommt bei meiner ersten Veröffentlichung Fahrt in die Sache. Der Verlag will wissen, was meine Konditionen für Lesungen sind, damit sie das in ihren Katalog schreiben können.


    Ich muss zugeben, ich habe null Erfahrung und null Plan. Ich bin mir noch nicht mal sicher, ob ich eine Lesung veranstalten möchte. Kurbelt das denn wirklich so sehr den Verkauf an, dass es die Mühe wert ist? Ich kann mir das kaum vorstellen ... wenn man Glück hat, kommen eine Handvoll Leute, die Hälfte hat das Buch wahrscheinlich schon längst, der Rest ist einfach nur gelangweilt und stürzt sich auf jeder Veranstaltung in seinem Kaff.


    Ich war in meinem Leben erst bei zwei Lesungen. Eine war eine amerikanische Romanautorin, die auf Lesereise in Australien war. Es fand in einem Veranstaltungssaal mit Glasdach über einem Café statt. Sie las aus dem neuesten Roman eine Passage, erklärte ein wenig zur Entstehung und beantwortete Fragen. Ich weiß leider nicht mehr, in welcher Reihenfolge. Dann wurde signiert. Ich war natürlich total geflasht, die Autoren, deren Werk ich zu dem Zeitpunkt sehr schätzte, in Fleisch und Blut sehen zu dürfen. Wie ein Popstar. (Australien ist so abgelegen, dass man immer dankbar sein musste, wenn IRGENDEIN Künstler den Weg dorthin fand) Das signierte Buch habe ich noch heute.


    Das andere war eine Lesung der Treehouse-Reihe für Kinder in einer Buchhandlung. Das lief natürlich ganz anders ab. Der Autor ging toll auf die Kinder ein, sie durften Fragen stellen, und er hatte lustige Antworten parat. Dann wurde signiert.


    Der Verlag fragt, ob man noch mehr machen kann außer lesen. Da fallen mir spontan nur Powerpoint-Präsentationen ein - es ist ja ein historischer Roman, der an echten Schauplätzen spielt, die ich zeigen und erklären kann. Aber ist das nicht ein wenig oberlehrerhaft und langweilig? Ich habe zwar ordentlich recherchiert, aber ich bin keine Historikerin und kann keine Rede-und-Antwort stehen wie ein Histo-Prof. Was könnte man sonst tun?


    Und: Wäre es zulässig, auch aus einem Fremdwerk zu lesen? Ich denke da an Fontane.


    Und überhaupt: Wie bereitet man sich auf so etwas vor?


    :help

  • Hallo, Silke.


    Wenn Du für eine Lesung engagiert wirst, solltest Du nicht aus Werken anderer Autoren lesen, es sei denn, es handelt sich um irgendwas mit Bezug zu Deinem Stoff, dann aber möglichst kurz. Die Leute kommen, um Dich zu sehen und zu hören, so eigenartig sich das anhört und anfühlt. Aber das ist genau das Mantra, das man sich vorbeten sollte: Sie kommen meinetwegen. Ich störe oder nerve oder langweile sie nicht. Sie wollen mich sehen.


    Nein, es kurbelt den Verkauf nicht an, dafür macht man Lesungen auch nicht in erster Linie, sondern als Event, als kulturelles Erlebnis. Buchhandlungen zahlen dabei meistens drauf, die Bibliotheken haben Budgets. Trotzdem sollte man sich nicht unter Wert verkaufen. Der VS empfiehlt ein Honorar von 300 € plus Spesen mindestens.


    Vorbereitung: Vorlesungsgeeignete Textstellen heraussuchen (schön, wenn es amüsante Passagen gibt!), proben. Anmerkungen und Hinweise stichwortartig notieren. Vielleicht eine kleine Dramaturgie bauen. Erzählen, was man ausgelassen hat. Die Leute wollen hören, was einem das bedeutet, wie es entstanden ist, wo die Ideen und Figuren herkommen, wie man recherchiert hat usw. - das macht Lesungen aus. Aber natürlich nicht alles verraten.


    Eine PP-Präsentation ist nicht schlecht, wenn Du Material findest, aber Du musst aufpassen, dass Du Dich nicht verzettelst und zu viel machst (da bräuchtest Du auch Laptop & Beamer). Lesungen sind Lesungen - Leute wollen Autoren dabei zuhören, wie sie aus ihren Werken lesen und darüber erzählen, wie sie (also die Werke, gerne aber auch die Autoren) entstanden sind.

  • Danke Tom,


    ich frage explizit nach Fontane, weil ich mich beim ihm großzügig bedient habe und man da einen gewissen Textvergleich anstrengen könnte. Und die Leute in Brandenburg LIEBEN Fontane. Allerdings soll das ja auch keine Unilesung werden. Vielleicht würde es auch einfach nur reichen zu sagen, dass man in den "Wanderungen" viele Hinweise findet, die sich mit meiner Geschichte decken. Andererseits könnte sowas das Ganze irgendwie auflockern.


    Honorar hatte ich auch schon so gehört und werde ich auch in dieser Höhe verlangen. Ich weiß, viele machen das kostenlos, aber die Zeiten, wo ich was kostenlos mache, sind für mich vorbei.


    Was für Textpassagen sind denn vorlesungsgeeignet? Ich schreibe sehr dialoglastig - kann mir kaum vorstellen, dass ich da mit mehreren Stimmen sprechen soll. Meinst du das mit Dramaturgie? Und ich schätze, man müsste erst vorher erklären, wer die Figuren sind und warum es zu dieser Szene kommt ... oder? Wäre der Romananfang nicht besser geeignet?


    Lustig ist so eine Sache - bei mir geht es eher schmutzig und blutrünstig zu, auch wenn es ein paar Stellen gibt, die ich persönlich lustig finde. Aber was, wenn das Publikum das anders sieht?


    An den Beamer hatte ich gar nicht gedacht, Danke für den Hinweis. Vielleicht lieber schön große Abzüge auf hochwertigem Papier und laminiert, die man bei einer Fragerunde rumreichen kann?

  • Hallo Silke,


    wie Du richtig vermutest sind gerade historische Romane wunderbar geeignet, eine Lesung mit Geschichte(n) anzureichern. Das muss überhaupt nicht oberlehrerhaft rüberkommen. Ich mache das immer und wechsle zwischen einer gelesenen Passage und einem kurzen Stück über die Inhalte. Meist kommen erst die Inhalte, dann das, was der Autor draus gemacht hat. In dieser Reihenfolge kann das Publikum den Schaffensprozess nachvollziehen. Allein das ist für viele schon sehr spannend.


    Ich würde allerdings nicht einfach geschichtliche Ereignisse darlegen, sondern auf Kulturgeschichtliches eingehen. Damit haben viele Menschen Berührung. Meinen Roman "Die Bücherjäger" begleitete ich mit der Entwicklung der Schrift und Buchkunst in Europa durch die Jahrhunderte. Mit Beamer, damit die Leute sehen konnte, wie die Schrift, die sie selbst verwenden, seit der römischen Antike entstanden ist. Dazu gibt es so viele Anekdoten und Kuriosa (wo kommt der i-Punkt her, z.B.), dass man allein damit schon einen ganzen Abend füllen könnte. Die Besucher fühlen sich anschließend nicht nur unterhalten, sondern auch mit Wissen bereichert. Wichtig dabei finde ich, dass der Vortragende nicht vom Blatt abliest und mit dem Zeigestock auf die Leinwand tippt, sondern das Ganze im Plauderton präsentiert.


    Zu Deiner Frage, was man liest: Dialoglastige Passage können funktionieren, aber ich würde eher auf ein Prosastück setzen. Und ja: Der Romananfang funktioniert fast immer, der ist ja dazu da, den Leser in die Geschichte hineinzuziehen. Das funktioniert in der Regel auch bei Lesungen. Um Passagen aus der Buchmitte verständlich präsentieren zu können, schiebst Du am besten einige erklärende Sätze ein. Passende Stellen zu finden kann bisweilen schwierig sein. Aber die Mühe lohnt sich.

  • Dann mach. Und iss 'ne Stunde vorher auch noch 'nen Haufen Hülsenfruchtgerichte. Und Knoblauch. Ganz viel davon.


    Spaß beiseite. Beim Vortrag sind Pausen wichtig. Nicht die Pausen, um aufs Klo zu gehen, sondern Atempausen. Nach einigen Sätzen, nach einem Absatz. Dampf rausnehmen. Zwischendrin Blickkontakt mit dem Publikum suchen (es sich nicht nackt vorstellen, das ist ein sehr irreführender Tipp, um Nervosität loszuwerden, der leider immer noch kursiert, aber ganz fürchterlich nach hinten losgehen kann).

  • Ja, da hast du recht. Ich habe zum Glück Erfahrung mit dem öffentlichen Sprechen.


    Das Lesen selbst ist es, was mir Sorge bereitet. Nicht, dass ich nicht lesen könnte, aber man will es ja auch verständlich und anschaulich und spannend machen. Aber ich schätze, das kann man dann ja üben.

  • Interessantes Thema, da ich mich aktuell auch mit der Frage beschäftige, ob ich Lesungen wirklich anbieten möchte. Aktuell tendiere ich eher dazu, das nicht zu machen. Ich war selber auch noch nie auf einer Lesung.


    Silke Da bin ich gespannt, wie du dich entscheidest. Die Lesung mit einer PP-Präsentation zu kombinieren, finde ich interessant.