Acht Gründe, warum ich froh bin, kein Schriftsteller zu sein

  • Angeregt durch die Diskussion nebenan, was ein Schriftsteller ist oder nicht, bin ich auf einen Blog namens Buchrevier gestoßen, der acht Gründe anführt, warum jemand froh sein kann, kein Schriftsteller zu sein. Habe diesen Beitrag durchaus mit Erheiterung gelesen.

    Wenn ein Schriftsteller nur noch sich selbst kopiert, hört er auf, ein Künstler zu sein.

    (Xaver Bayer)

  • Danke für den Link, Wally.


    Ich habe die 8 Gründe, warum ich froh bin, kein Schriftsteller zu sein, nun ja, nicht nur mit Erheiterung gelesen, sondern allenfalls mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Denn ausschließlich zur Erheiterung taugt das, was der Blogger Tobias Nazemi da resümierend an Gründen zusammenträgt, nicht, ist das alles zu dicht an der Realität, nein, es ist die Realität.


    Auch die Diskussionen in den beiden Nachbarthreads Über die Transformation von Erfahrungen in Literatur sowie Heiteres Beruferaten - oder - Haben Akademiker bessere Voraussetzungen Romane zu veröffentlichen als Nicht-Akademiker? fand ich recht spannend, ist für mich dadurch einiges deutlicher geworden, habe ich ein paar Antworten gefunden und noch mehr Fragen oder vielmehr stellen sich einige Fragen jetzt anders, zum Teil auch dringlicher, insbesondere die Frage danach, warum wir überhaupt schreiben.


    Darüber würde ich gerne mal diskutieren. Nicht darüber, dass wir schon schreiben wollten, seit wir einen Griffel halten können. Das trifft auf grob geschätzte 99,37% von uns zu. Und dass wir, ermutigt vom überwältigenden Zuspruch unserer Familien und all unserer Freunde ... Geschenkt. Aber dass wir im Grunde oder in erster Linie nur für uns selbst schreiben. Wer soll das glauben? Ich jedenfalls nicht. Wer schreibt, will gelesen, will gehört werden. In dem Punkt lege ich mich fest. Und dass Schreiben immer auch etwas fürs Ego ist. Wer wollte daran ernsthaft zweifeln?


    Ich würde zusammen mit ein paar anderen gerne etwas tiefer graben, auch wenn das bedeutet, an Schichten zu kommen, die uns möglicherweise mit einer nicht anders zu benennenden Unaufrichtigkeit konfrontieren, zumindest aber mit einer Inkonsistenz unseres Denkens und einer daraus folgenden Inkonsequenz unseres Handelns.

    Was dann zuletzt auch zu der Frage führt, was gerade am Schreiben so anders, so einzigartig ist, dass im Hinblick auf eine angestrebte Veröffentlichung nicht wenige von uns offenbar bereit sind, nie endende Frustrationen, zermürbende Selbstzweifel, Ablehnung und Zurückweisung, sogar (Selbst)Erniedrigung auszuhalten, immer und immer wieder ... manchmal bis über die Schmerzgrenze hinaus und bis hin zur Selbstverleugnung.


    Also, Interessierte ... Freiwillige ... Unerschrockene ... :) Wer hat Lust, darüber in einem gesonderten Thread zu diskutieren?

  • Hallo, Jürgen.


    Wir haben ja in einem anderen Thread, den Du auch erwähnst, u.a. über die Berufsbezeichnungen und Eigentitel gesprochen, und Ingrid hat angemerkt, dass sich ihrer Überzeugung/Erfahrung nach als einzige Zunft die der Schreibenden solche Gedanken über diese Etikettierungen macht. Das mag so sein (ich würde zustimmen, habe aber zu wenige Erfahrungen z.B. mit Malern, allerdings mit Musikern und Darstellern, und die reden tatsächlich erst nach mehreren Engagements davon, Profis bzw. Schauspieler, Musiker oder Komiker zu sein), und es liegt nach meinem Dafürhalten daran, dass einerseits der Einstieg in dieses Metier sehr viel einfacher ist als bei allen anderen Künsten, für die man überwiegend etwas erlernen, oder, wichtiger, nachweisen muss, das im Gegensatz zur Schriftsprache nicht zum Standardrüstzeug gehört, und dass es zugleich und andererseits eine Menge Abstufungen dessen gibt, was man erreichen kann, wenn man sich erzählend betätigt. Ich kenne jemanden, der in seiner Jugend für die etwas jüngere Schwester Geschichten geschrieben hat, und zwar hunderte, und den das erfüllt und unfassbar glücklich gemacht hat (von der Schwester ganz zu schweigen), der aber nicht von selbst auf die Idee gekommen wäre, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Ich habe einige dieser Geschichten gelesen, und sie sind schlicht zum Niederknien schön. Womit wir zum zweiten Aspekt kommen: Der fehlenden Qualitätskontrolle (wofür das gerade ein Negativbeispiel war). Das ist zwar bei bildenden Künsten so ähnlich, anders als etwa bei Tanz, Gesang, Musik allgemein und sogar bei der Schauspielerei, aber da es auch nur sehr wenige wirklich respektable Kontrollinstanzen gibt, jedoch absolut keine, die für jedermann zugänglich wäre, bleibt das Qualitätsurteil oft für sehr, sehr lange Zeit ungefällt. Mit anderen, aber schon oft gesagten Worten: Man kann sehr lange glauben, dass man zur Schriftstellerei taugt, ohne dass das jemand falsifiziert. Und selbst wenn es eine Ahnung davon gibt, dass die meisten anderen sehr viel besser schreiben und erzählen können, redet man sich die eigenen Fähigkeiten doch irgendwie schön, etwa durch Ausnahmeerfolge oder dadurch, dass es ganz andere Aspekte gäbe, die die eigene Qualität ausmachen. Eine andere Lüge, die gerne in der eigenen Tasche landet, ist die davon, dass die Konkurrenz so unfassbar groß ist, dass man schon aus statistischen Gründen keine Chancen hat, dass Promis den Literaturmarkt verstopfen und ähnliches.


    Aber Du hast gefragt, warum man sich das überhaupt gibt, und dann auch noch so lange, teilweise über Jahre und Jahrzehnte. Wir haben hier Leute im Forum, die schreiben seit Jahren an ihrem ersten und bisher einzigen Roman. Es gibt andere, die tun großartige Kurzgeschichten raus, verrecken aber regelmäßig an Langtexten. Es gibt einige, die sind saisonal aktiv, andere sind unermüdlich und stecken jede freie Sekunde in die Schreiberei. Eine Klischeefigur in vielen amerikanischen Filmen ist der arbeitslose Schauspieler, der in NY oder LA kellnert. Im Gegensatz zu dem (oder der, ich bin generisch unterwegs), der unaufhörlich zu Castings marschiert und tausende von Dollars in Workshops und Ausbildungen investiert, sitzt unsereins einfach da und schreibt (manchmal). Man muss nicht einmal besonderes Werkzeug kaufen, und auch wenn die letzte gute Story, unter die man "ENDE" geschrieben hat, schon ein paar Monate auf dem Buckel hat, bleibt das Gefühl, schriftstellerisch unterwegs zu sein. Das hört sich gut an, schadet keinem, und es wertet das Tinder-Profil auf.


    Aber ich rede drumherum, ich will jetzt auf Deine Frage antworten. Als ich ernsthaft beschlossen habe, dass ich Schriftsteller sein will, habe ich es gemacht. Ich habe hart (und mit Unterstützung einiger Leute, die 42er waren oder noch sind) an meinen Langtexten gearbeitet, die ich veröffentlicht sehen wollte, ich habe mir eine Agentur gesucht, ich habe damit angefangen, strukturiert zu arbeiten, ich habe mir Ziele gesetzt. Ich hätte das Hobby "Schreiben" auch noch weiter betreiben können, denn das war es so ungefähr bis zum Ende der Neunziger für mich. Hier und da mal eine Story raustun, Notizen sammeln, Romanfragmente anhäufen, oder furiose Anfänge mit geilen Zitaten vorweg. Auf diesem Status befinden sich sehr, sehr viele Menschen. Auch für mich war das lange befriedigend genug, zumal ich überhaupt keine Zeit hatte, mehr zu investieren. Aber als ich dann beschlossen habe, es ernsthaft anzugehen, habe ich genau das auch getan, und hätte es nicht funktioniert, hätte ich aufgehört. Ich würde heute nicht mehr schreiben.


    Deshalb finde ich es irritierend, wenn Leute jahrelang herumschrauben, nach außen behaupten, sie wären Autorinnen und Autoren, aber einfach nichts zustandebringen. Es liegt nicht am Markt, an der Situation, am Druck oder am Wetter - es liegt an ihnen. Sie geben sich nicht etwas, um es mit Deinen Worten zu sagen, sondern sie verschließen sich etwas. Ich mutmaße, dass es daran liegt, dass man sich den Traum bewahren, dass man sich dem Urteil nicht stellen will, dass man nicht scheitern möchte, aber es wird tatsächlich deutlich vielschichtiger sein. Aber. Wenn man ernsthaft Schriftsteller sein will, dann soll man es bitteschön tun.

  • Ich musste bei meinem kurzen Mittagsspaziergang eben an diesen Thread denken, denn ich bin an einem Trödelladen vorbeigegangen, vor dem solche Kisten stehen:


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    Die Bilder sind nach Formaten sortiert, ganz unterschiedlich ausgeführt und unterschiedlich gut gelungen, was ich aber nur sehr eingeschränkt beurteilen kann. Jedenfalls haben Leute das Malen für sich entdeckt und es praktiziert, und auch wenn anzunehmen ist, dass einige dieser Bilder direkt aus dem jeweiligen Nachlass stammen, also vorher nie die Ateliers verlassen hatten, mag es andere geben, die einen längeren Weg in diese Kisten genommen haben. Vielen aber wird gemein sein, dass sie im Bemühen entstanden sind, Kunst zu machen, Künstler zu werden und zu sein, Maler oder -in. Und da stehen sie nun, im beginnenden Grieselschneefall, und für fünf Tacken kann man sie mitnehmen, oder ein halbes Dutzend für einen Zwanni, je nach Feilschlaune des Trödlers.


    Bilder oder Skulpturen oder so haben immerhin den Vorteil, dass sie bemerkbar bleiben, wahrnehmbar, nachdem man sie hergestellt hat, weil sie an Wänden hängen, in Regalen oder Vitrinen stehen, oder irgendwo aufgestapelt sind, während Texte nach ihrer Fertigstellung sofort und nahezu vollständig aus dem Blick verschwinden. Im Gegensatz zu Bildern und Skulpturen kann man auf Texte auch keinen flüchtigen Blick werfen, sondern man muss sie von Anfang bis Ende aufmerksam lesen, um sie ihnen nähern zu können, und man sollte währenddessen nichts Anderes tun. Was ich damit sagen will: Wenn wir für die Schublade schreiben, dann ist das Schreiben wirklich auf den Schreibprozess reduziert. Es gibt dann nichts darüber hinaus, und wenn man sich das gibt, endet das Geben mit dem Speichern der fertigen Textdatei. Danach verschwindet die Geschichte, nicht selten für immer. Schreiben ist wirklich sehr, sehr einsam. Und auch aus dem Nachlass wird nicht mehr viel werden, nicht einmal fünf Euro pro Story. Die Festplatten werden zusammen mit den veralteten Rechnern ins Recycling gegeben, die USB-Sticks ebenso, der Clouddienst wird einfach abgeschaltet.


    Was ich sagen will. Wenn einem der Prozess schon so viel gibt, dass das ausreicht, dann ist das fein. Aber für mich sind Schreiben und Erzählen Eins-zu-N-Verhältnisse. Es geht dabei um Kommunikation, Mitteilung, Sendung. Ohne die Empfänger ist das nicht gegeben. Eine Geschichte wird erst lebendig, wenn sie jemand liest, bevorzugt auch noch gerne. Ohne das besteht eine Geschichte nur aus toten Daten mit ungewissem Schicksal. Und das würde ich auf Dauer nicht aushalten. Hätte ich auf Dauer nicht ausgehalten. Und hier liegt eben auch ein Unterschied zu den vielen anderen Künsten, die man auch als Hobbys ausüben kann: Für die Geschichten bekommen die Erben nicht einmal 5 € pro Stück, wenn man ins Gras gebissen hat.

  • Danke, Tom, für deine ausführliche Antwort!:)

    Aber für mich sind Schreiben und Erzählen Eins-zu-N-Verhältnisse. Es geht dabei um Kommunikation, Mitteilung, Sendung. Ohne die Empfänger ist das nicht gegeben. Eine Geschichte wird erst lebendig, wenn sie jemand liest, bevorzugt auch noch gerne. Ohne das besteht eine Geschichte nur aus toten Daten mit ungewissem Schicksal. Und das würde ich auf Dauer nicht aushalten. Hätte ich auf Dauer nicht ausgehalten.

    Das meinte ich ja, als ich weiter oben schrieb: „Wer schreibt, will gelesen, will gehört werden.“ Und in dem anderen Thread: „Natürlich wird der kreative Prozess auf Seiten des Autors immer ungleich umfassender sein als auf Seiten der Leserinnen und Leser. Aber auch dort findet er statt oder vielmehr findet er seine Fortsetzung und seine Vollendung.“

    Um Resonanz geht es. Ohne diese Resonanz fühle ich mich unvollständig, nicht wirklich lebendig, so als wäre ich ein Geist. Ich weiß, das hört sich seltsam an. Aber so in etwa empfinde ich. Und ja, das ist auf Dauer schwer auszuhalten. Es kostet Kraft ohne Ende. Und es ist ein kaum lösbares Dilemma. Denn der Impuls zu schreiben, lässt sich ja nicht einfach abdrehen wie ein laufender Wasserhahn. Aber je unrealistischer die Hoffnung auf Resonanz wird, desto quälender, zermürbender wird das Schreiben, werden die Momente der Euphorie, die Phasen unbändiger Freude beim Schreiben seltener, wird der Tanz immer öfter zu einem Kampf.

    Es hilft dann auch nicht unbedingt weiter, wenn man von professioneller Seite hier und da ein Zuckerl fürs Ego bekommt, wenn zum Beispiel die Absage einer namhaften Agentur mit der Aufforderung endet, sich mit dem nächsten Projekt doch bitte noch einmal vorzustellen oder wenn mir die Autorin, die ich für eine Zusammenarbeit gewinnen konnte, um meinen zweiten beendeten Langtext zur Präsentationsreife zu bringen, sagt, dass dieses Manuskript noch wenige Jahre zuvor mit allergrößter Wahrscheinlichkeit einen (Publikums)Verlag gefunden hätte.


    Hinzu kommt ein Gefühl der Scham im Rückblick auf Fehlentscheidungen, die ich gleich mehrfach getroffen habe, das falsche Setzen von Prioritäten und mehr als alles andere das Eingeständnis einer erschreckenden Naivität, mit der ich die Sache ursprünglich angegangen bin. Neben vielem Hoffnung Machenden hat mir besagte Autorin auch sofort unmissverständlich klar gemacht, wie der Markt funktioniert, auf was ich mich da einlasse, auch und gerade im Falle einer Veröffentlichung, und dass es auch nach mehreren Veröffentlichungen nicht aufhört. Das alles war für mich im ersten Moment wie ein Schock und ich habe mehrere Wochen gebraucht, bis ich mir das nötige Einverständnis abgerungen hatte, um zu sagen: „Okay. So und nicht anders lauten die Bedingungen. Die gilt es zu akzeptieren oder ich lasse es bleiben.“ Nur, und das ist das Problem, hatte ich bis heute noch nicht ein einziges Mal das Gefühl, eine Wahl zu haben.


    Zu erfahren, wie andere mit diesem Dilemma umgehen oder umgegangen sind, interessiert mich deshalb brennend. Denn: Schreiben, so betrieben, hat etwas Pathologisches.


    Herzliche Grüße,


    Jürgen

  • Angeregt durch die Diskussion nebenan, was ein Schriftsteller ist oder nicht, bin ich auf einen Blog namens Buchrevier gestoßen, der acht Gründe anführt, warum jemand froh sein kann, kein Schriftsteller zu sein. Habe diesen Beitrag durchaus mit Erheiterung gelesen.

    Danke fürs Teilen. :)

    Bei mir tut sich was bzgl. Verlag wie es aussieht, und zugegeben – bzgl. Punkt 4. "Rezensionen" denke ich auch, dass man sicherlich ein sehr dickes Fell braucht. Eine Reihe von Alexey Pehov, die ich derzeit mit Begeisterung lese, bekommt von manch einem Leser nur einen Stern bei amazon (es ist die Minderheit, aber da sieht man halt, dass man es nie allen recht machen kann).


    Interessant ist aber auch, dass viele, die nicht schreiben und sich somit auch nicht mit der Branche beschäftigen, oft denken, man wird mit dem Veröffentlichen eines Buches "reich". Als ich einer Freundin erzählt hatte, dass ich nun bei einer Agentur unter Vertrag bin, hat sie mich gefragt, ob ich dann jetzt meinen Job kündige. !oo-) Ähm ... NEIN!