A. J. Gnuse: Girl in the Walls

  • Vorab: Ich bin ein miserabler Rezi-Schreiber, sprich, ich kann das gar nicht und mache das deshalb auch nie. Trotzdem habe ich das Bedürfnis, dieses Buch zu bewerben. Es ist eines der zehn Bücher, die ich auf die Insel mitnehmen würde - und da hat es wahrlich viel Konkurrenz. Also hier mein unkompetentes Gequatsche:

    Elise ist elf, bei einem Autounfall verliert sie ihre Eltern. Um ihnen so nahe wie möglich zu sein, "zieht" sie in das Haus, in dem sie bis vor wenigen Monaten seit ihrer Geburt gelebt haben und dessen noch so versteckte Ecken, Winkel und Räume zwischen Wänden sie bestens kennt. Heimlich ist ihr Einzug, denn jetzt wohnt eine andere Familie dort. Elise lässt Essen mitgehen, benutzt die Toilette heimlich, schläft in einem ihr von früher bekannten Hohlraum unter den Bodenbrettern im Dachboden. Nur tagsüber, wenn die Eltern zur Arbeit und die beiden Söhne in der Schule sind, hat sie Bewegungsfreiheit, kann herumtanzen, fernsehen, sich mit Wasser und Essen für die Nacht versorgen - immer auf der Hut, falls einer der Nachbarn, die ein Stück entfernt wohnen, oder der Postbote vorbei kommt. Elise ist wie ein Geist, die beiden Jungs der Familie haben das Gefühl, dass jemand anderes da ist, während die Eltern ihre Bedenken abwiegeln. Und dann nehmen die Eltern sich eine Auszeit für ihren Hochzeitstag, um eine Nacht in einem Hotel zusammen zu verbringen. Und die Jungs laden einen Geisterjäger ein...

    "Girl in the Walls" ist ein unglaublich spannender Roman über die Not, am Verlorenen festzuhalten, über Einsamkeit und über das Überwinden tief sitzender Ängste durch Tapferkeit vor unerwarteten Bedrohungen.

    Das ist aber noch nicht der Grund, warum es mich so beeindruckt hat. Es ist ein GANZ ANDERES Buch, die Geschichte, die Bedrängnisse, die Bedürnisse, die Probleme, die persönlichen Beziehungen - all das ist hier sowas von anders dargestellt und interpretiert, dass ich nur mit den Ohren geschlackert habe.

    Puh!

    Das Cover ist übrigens richtig gut.

  • Eigentlich hätte ich das nicht machen sollen, mit dem Verlinken. Dafür, dass einem der Mund wässerig gemacht wird auf wieder eine neue Lektüre, sollte man keine Gefälligkeiten erweisen. Und das hast Du gemacht, mich unglaublich neugierig auf den Ausgang der Geschichte, nämlich mit diesem Satz:

    …Und dann nehmen die Eltern sich eine Auszeit für ihren Hochzeitstag, um eine Nacht in einem Hotel zusammen zu verbringen. Und die Jungs laden einen Geisterjäger ein...

    Ist doch klar, dass ich jetzt wissen will, wie das ausgeht, zumal die Rahmengeschichte - das heimlliche Mitleben in dem Haus - schon interessant genug klingt.

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Sagen und Legenden aus Baden

    ASIN/ISBN: 3955403823


    Im Inneren eines Menschen existiert ein Kern, der von Fragen wie Staatsbürgerschaft oder sozialer Herkunft völlig unberührt ist. Dafür sollte sich die Kunst interessieren.
    Marina Davydova

    SZ Nr. 289, 15.12.2022, S. 11


    Einmal editiert, zuletzt von Horst-Dieter ()

  • Nicht nur mit dem Geisterjäger wird das Buch gut - damit wird es nur wahnsinnig dramatisch und spannend. Es ist einfach eine sowas von andere Geschichte, man muss es selbst lesen. Ich bin gespannt, wie andere das Buch finden!

  • Ich würde das Buch nicht auf eine einsame Insel mitnehmen, selbst wenn ich die Hälfte meiner Bücherregale mitschleppen dürfte, und, nein, liebe Karen, das ist kein Geisterjäger, den die Jungs rufen. Übrigens heißt der Autor A. J. Gnuse, und nicht A. N. Gnuse (Threadtitel). Hier ist mein Eindruck:


    Leben in der Zwischenwelt


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    Ein elfjähriges Mädchen wird traumatisiert, als es bei einem Verkehrsunfall den Tod der eigenen Eltern miterleben muss. Es kommt zu einer Pflegefamilie, reißt aber gleich wieder aus - und kehrt in das Haus zurück, in dem ihre Familie vor einiger Zeit gelebt hat: Ein großes, verwinkeltes, gleichsam verbautes Haus, nicht weit entfernt vom Deich, der die Bewohner vor dem Mississippi schützt. Da dieses Haus aber inzwischen von anderen Leuten bewohnt wird, versteckt sich Elise, baut sich ein Nest unter den Sperrholzdielen im Dachboden und nutzt die Zwischenräume der Wände, um von einem Stockwerk ins andere zu gelangen, aber auch, um die Bewohner zu beobachten. Wenn die Familie - der dreizehnjährige Eddie, sein drei Jahre älterer Bruder Marshall und die Eltern - aus dem Haus ist, übernimmt sie das Gebäude, aber sie ist gut darin, keine Spuren zu hinterlassen. Und auch nachts, etwa, wenn sie heimlich auf die Toilette geht, bleibt sie unbemerkt.

    Beinahe jedenfalls.

    Denn Eddie spürt sie, fühlt sich beobachtet, ahnt, dass da jemand ist. Und auch sein großer, ruppiger und unempathischer Bruder hat etwas bemerkt, wie Eddie erfährt, als die Eltern, die ihnen, wie Marshall meint, nicht glauben würden, für ein Wochenende verreisen. Aber Marshall hat sich in Internet-Foren umgehört, ist auf diesen Typen gestoßen, der sich offenbar auskennt, und der jetzt kommen will, um gemeinsam mit ihnen den heimlichen Mitbewohner zu finden und zu verjagen.


    In den Danksagungen erzählt A. J. Gnuse davon, wie er die Idee zu dieser Geschichte hatte, als er auf einen Dachboden geklettert ist, aber ich muss leider feststellen, dass die Idee für mich diesen doch recht seitenmächtigen Roman nicht wirklich trägt. Der Autor will einerseits die Existenz von heimlichen Mitbewohnern ganz unmetaphorisch als Phänomen verkaufen, als etwas, über das sich verschwörerische Communitys austauschen, das aber auch faktisch von Bedeutung ist. Dabei sind die Berichte davon, wie Menschen unbemerkt Häuser mitbewohnt haben (meistens in den Kellern), selbst über einen jahrzehntelangen Zeitraum hinweg an einer Hand abzuzählen. Andererseits bleibt er an vielen dramaturgisch relevanten Stellen Nachvollziehbarkeit schuldig. Die Entscheidung des jungen Mädchens dafür, dieses schwere, einsame, entbehrungsreiche, gefährliche und sehr unglückliche Leben zu führen und, vor allem, durchzuhalten, muss man einfach hinnehmen, und auch wenn recht eindringlich geschildert ist, wie sich dieses Leben darstellt, wird man das Fragezeichen während der gesamten, in der ersten Hälfte ziemlich zäh verlaufenden Erzählung nicht los. Ähnliches gilt für das Verhalten der Brüder.


    Aber das größte Problem hatte ich mit der Art, wie Gnuse diese Geschichte erzählt. Gleichsam fragmentiert, in viele Teile zerhackt, reihen sich Kapitel und Kapitelchen aneinander, die zuweilen nur eine halbe Seite lang sind und mit irritierenden Überschriften daherkommen, die oft naiv und deplatziert wirken. Der Autor springt dabei zwischen den Figuren hin und her, und die einzige, der man Denken und Handeln wirklich abkauft, ist ausgerechnet der Psychopath, den Marshall zur Hilfe ruft.


    „Girl in the Walls“ ist zweifelsohne ein originelles und interessantes Buch, das viele sehr schöne Abschnitte enthält, aber stark darunter leidet, dass es nicht gelingt, das hohe Maß an Unglaubwürdigkeit - man muss Elise einfach abnehmen, dass sie durch dieses Leben in den Wänden die Verbindung zu ihren toten Eltern aufrechtzuerhalten versucht - durch unkonventionellen Aufbau und die erst im letzten Drittel aufkommende Spannung zu kompensieren. Das schleift dann auch Motive und Themen wie Einsamkeit, Traumata, Heimatverbundenheit, Trauer, Verlust und Vertrauen. Tatsächlich habe ich mich beim Lesen das eine ums andere Mal dabei erwischt, wie ich an Joscha Sauers Cartoonfigur „Der Mann in der Wand“ („Nichtlustig“) denken musste, und dann geschmunzelt habe, obwohl etwas vermeintlich Dramatisches passierte. Was sich gegen Ende tatsächlich so sehr steigert, dass „Girl in the Walls“ vorübergehend zum Pageturner wird, mit allerdings nur mäßig gelungenem Ausgang.

    In einer Short Story oder in einem Kurzroman hätte die Idee vermutlich besser funktioniert. Hier scheitert sie daran, dass ihr Personal sie nicht glaubhaft zu vermitteln vermag.

  • Karen

    Hat den Titel des Themas von „A. N. Gnuse: Girl in the Walls“ zu „A. J. Gnuse: Girl in the Walls“ geändert.
  • Ich bitte um Vergebung für die etwas knurrige Antwort gestern. <3


    Du hast mit dieser Anmerkung, die Du ohne Verweis auf mögliche Metaphorik noch einmal wiederholt hast, und auch im kurzen Dialog mit Horst-Dieter den Eindruck erweckt und verstärkt, es gäbe irgendwie eine paranormale Ebene, oder möglicherweise sogar eine humorige, aber beides ist nicht der Fall, darauf wollte ich lediglich hinweisen. Tatsächlich vermuten beide Jungen zu keiner Zeit, dass es irgendwie spuken könnte, und obwohl der Mann, der dann, äh, zur Hilfe kommt, ziemlich fette persönliche Dämonen besitzt, ist auch er keineswegs auf der Jagd nach Geistern. "Geisterjäger" ist Venkman-Stantz-Spengler-Zeddemore-mäßig besetzt, aber der Eindruck, es könne in diesem Buch auch nur ansatzweise in diese Richtung gehen, könnte falscher nicht sein.

  • Stimmt. Für mich hatte das Wort allerdings auch gar keine Venkman-Stantz-Spengler-Zeddemore-mäßige Besetzung, schon weil ich gar nicht weiß, wovon Du redest :rofl. Und eine andere widernatürliche auch nicht. Naja, jetzt haben wir das ja geklärt. Und ja, der Typ jagt seine eigenen "Geister", das spielte auch bei meiner Wortwahl mit (war aber für Außenstehende nicht zu verstehen).:blume