Mal kein "Hallihallo, ich bin der (oder die) und der (oder die)", sondern ein Branchenthema

  • Petra: Ich habe nichts gegen das Verreißen eines Buches an sich, sondern lediglich gegen manche dafür gewählten Mittel, wie ich hoffentlich klar gemacht habe.

    Ja, sehe ich auch so. Verreißen auf unterstem Niveau finde ich unprofessionell. Man kann Kritik auch anders äußern und deutlich machen, dass einem ein Buch, ein Musikstück etc. nicht zusagt.


    Eine Kritik wie »›Ein Fitzek‹ ist eine literarische Maßeinheit, die die größte anzunehmende literarische Peinlichkeit auf kleinstem Raum markiert« (Quelle) hätte ich eher einem neidischen Thrillerautor zugeordnet, der selbst keinen Erfolg hat und es einem erfolgreichen Autor mit seiner vernichtenden Kritik mal so richtig zeigen will. Dass so eine Kritik von einem Literaturkritiker kommt, finde ich peinlich.

    Und so eine Kritik wünsche ich auch keinem Autor. Aber sicherlich feiern einige "Konkurrenten" derart vernichtende Kritiken, weil erfolgreiche Autoren mal so richtig einen auf den Sack kriegen. Blöd nur, wenn dann auch mal das eigene Buch dran glauben muss.

  • Huhu, Kiana.


    Sebastian Fitzek ist (einer) der Dieter Bohlen(s) der Unterhaltungsliteratur. Es ist, mit Verlaub, gequirlte, sogar mehrfach wiedergekäute Kacke, was die beiden machen, aber das Massenpublikum liebt es. Oder will es (manchmal) einfach nicht besser haben. Aus literarischer bzw. musikalischer Sicht ist es für mich ganz persönlich reine Folter. Die drei oder vier Leseproben, die ich von Fitzek zur Kenntnis genommen habe, haben bei mir Fremdscham ausgelöst. Da sind Formulierungen enthalten, die ich nur unter Gewaltandrohung von mir geben würde, es strotzt vor Stereotypen, Klischees und Banalitäten, vermengt in aller Regel mit drastischen Gewaltdarstellungen. Es ist reine Effekthascherei, sprachlich dicht am Grauen, und es ist abseits des Effekts vollständig belanglos. Ich teile Schecks Urteil, aber nicht aus Neid oder Missgunst. Und ich finde es okay, dass es solches Zeug gibt und dass es gelesen wird, weil jeder Mensch das Recht hat, sein Unterhaltungserleben so zu gestalten, wie er möchte, aber literarisch fällt es in keine mir bekannte Kategorie. Wer sich Literaturkritik antut und zugleich Fitzek mag, und solche Leute gibt es, der muss dann eben damit leben, ein solches Urteil zu hören. Es gibt auch andere, und Fitzek hat eine gewaltige Fangemeinde, die längst nicht nur aus mental eher linear aufgestellten Adrenalinjunkies besteht, aber so ist das eben bei der Wahrnehmung von etwas, das sich nicht in konkreten Kategorien messen lässt.


    Edit: Ich verstehe den ablehnenden Reflex aber auch. Man möchte nicht, dass sich Leute so etwas über ihre Arbeit anhören müssen, und man möchte nicht, dass man sich irgendwann selbst so etwas über die eigene Arbeit anhören muss. Es ist tatsächlich auch unwahrscheinlich, dass das geschieht, weil die bekannten Kritiker vielleicht zwanzig, dreißig Bücher im Jahr besprechen, zu deren Autoren man ziemlich sicher nicht gehören wird, aber selbst wenn es passiert, wird man damit leben müssen, denn man stellt ein Produkt her und wirft es auf den Markt, stellt es dem Geschmacksurteil (!). Damit wird es zum Gegenstand der Meinungsäußerung, die ja auch einen Zweck hat. Und übrigens ist, wie auch MRR fand, Literaturkritik auch Kritik an sich selbst, sie ist ihrerseits Kunst und kritikfähig, vor allem aber ist sie frei. Schon Lessing, der hierzulande als Schöpfer der Literaturkritik gilt, sagte: "Der wahre Kunstrichter folgert keine Regeln aus seinem Geschmack, sondern hat seinen Geschmack nach den Regeln gebildet, welche die Natur der Sache erfordert." Die Kritik folgt dem Werk direkt.


    Es ist okay, wenn man sagt: Dieses Urteil, diese Art von Urteil gefällt mir nicht, und ich gebe deshalb weder auf dieses Urteil, noch den Urteilenden etwas. Aber das ändert nichts am Recht und möglicherweise einer wie auch immer gearteten (ggf. selbstauferlegten) Pflicht des Urteilenden, so zu urteilen.

  • Es ist okay, wenn man sagt: Dieses Urteil, diese Art von Urteil gefällt mir nicht, und ich gebe deshalb weder auf dieses Urteil, noch den Urteilenden etwas. Aber das ändert nichts am Recht und möglicherweise einer wie auch immer gearteten (ggf. selbstauferlegten) Pflicht des Urteilenden, so zu urteilen.

    Das kann er ja auch machen. Ist ja auch gut, dass ihm das niemand verbieten kann.

    Aber professionell finde ich es trotzdem nicht. Aber das ist einfach Ansichtssache.


    Mir ist auch bewusst, dass jeder veröffentlichte Autor mit miesen Kritiken leben muss, aber wenn Kritik kommt, dann wäre es schon schön, wenn man aus der wenigstens was lernen kann. Ja klar, völlig unrealistisch, aber schön wäre es trotzdem.


    Ich habe noch nichts von Fitzek gelesen. Ich mag zwar Thriller, aber nicht jeden Thriller. Manche Titel von Fitzek bzw. Inhaltsangaben klingen mir zu gruselig. Einen Film habe ich allerdings gesehen, aber von dem kann man ja nicht wirklich auf das Buch schließen. Es gibt großartige Bücher, aber wenn man dann den Film dazu sieht, ist man eher enttäuscht.


    Das sagt mein Mann (nebenberuflich Komponist) über Dieter Bohlen auch, aber er sagt auch, dass Bohlen damit eben einen Nerv getroffen hat und viele Menschen erreicht. Mein Mann hat sich gegen den Mainstream entschieden, aber dann verdient man damit eben nur nebenbei ein wenig Geld und macht hauptberuflich was anderes. ;)

  • Mir ist auch bewusst, dass jeder veröffentlichte Autor mit miesen Kritiken leben muss, aber wenn Kritik kommt, dann wäre es schon schön, wenn man aus der wenigstens was lernen kann. Ja klar, völlig unrealistisch, aber schön wäre es trotzdem.


    Ich habe noch nichts von Fitzek gelesen. Ich mag zwar Thriller, aber nicht jeden Thriller. Manche Titel von Fitzek bzw. Inhaltsangaben klingen mir zu gruselig. Einen Film habe ich allerdings gesehen, aber von dem kann man ja nicht wirklich auf das Buch schließen. Es gibt großartige Bücher, aber wenn man dann den Film dazu sieht, ist man eher enttäuscht.

    Wen meinst Du mit „man“ (der etwas lernen soll aus Kritik)? Den veröffentlichten (!) Autor oder den Leser?

    Ich kann bei beidem nicht folgen. Der Leser wird sich nicht umstellen wollen, wenn er die kritisierten Bücher gut findet, und wenn der Autor Erfolg mit dem bewährten Strickmuster hat: Warum sollte der „etwas lernen“?


    Bücher und deren Verfilmung: Ich halte das für zwei Formen, die, außer, dass der Film auf dem Stoff des Buches fußt (wenn ein erfolgreicher Film zuerst da war, auch umgekehrt), nicht unbedingt viel miteinander zu tun haben müssen, weil anderes „Handwerk“ gefordert ist. Man kann aus einem mittelmäßigen Buch einen guten Film und aus einem großartigen Buch, wenn’s dumm läuft, auch einen mittelmäßigen Film machen.

    Wobei: Ich habe bis heute „Babylon Berlin“ nicht gesehen, weil ich keinen Zugang zu den Romanen gefunden habe. Das ist aber wieder eine andere Geschichte, weil es auch kritische Stimmen zu der ansonsten hochgelobten Serie gibt. Die Romane sind Bestseller, aber: trotzdem nicht mein‘s.

  • Wen meinst Du mit „man“ (der etwas lernen soll aus Kritik)? Den veröffentlichten (!) Autor oder den Leser?

    Ich kann bei beidem nicht folgen. Der Leser wird sich nicht umstellen wollen, wenn er die kritisierten Bücher gut findet, und wenn der Autor Erfolg mit dem bewährten Strickmuster hat: Warum sollte der „etwas lernen“?

    Mit "man" meinte ich den Autor. Ich lerne gerne dazu und wenn Leser (insbesondere auch Leser der Zielgruppe) Kritik äußern würden (insbesondere Kritik, die mehrfach geäußert wird), fände ich das schon einen Blick wert, ob man sich da noch was rausziehen kann, selbst dann, wenn man bereits erfolgreich ist. Auch erfolgreiche Menschen können immer noch was lernen.


    Wer nicht mehr dazu lernen will, lässt es halt bleiben. Scheint in manchen Branchen ja kein Hindernis zu sein, erfolgreich zu bleiben ...

  • Mittlerweile habe ich den Artikel im Literaturcafé inklusive der Kommentare gelesen und mir auch zwei der Anti-Kanon-Clips von Denis Scheck zu Gemüte geführt (Fitzek und Coelho). Zu Fitzek kann ich nichts sagen, da ich noch nichts von ihm gelesen habe, und mit dem, was Scheck zu Coelhos Alchimist sagt, spricht er mir aus der Seele. Trotzdem bin ich in meinem Urteil gespalten.

    Was den Artikel angeht sowie einige der Reaktionen sowohl auf den Artikel wie auf Denis Scheck selbst, wirkt das auf mich eher wie ein Sturm im Wasserglas. Viel Lärm ... nun ja, nicht um nichts, aber um wenig. Überdies sind die Hauptakteure Profis und werden wohl wissen, worauf sie sich eingelassen haben. Hier ein paar gewollte Provokationen in Erwartung der vorhersehbaren Reaktionen, kalkulierter Shitstorm inklusive, dort eine bisweilen künstlich wirkende Aufregung.

    Was mich viel mehr interessiert, sind ein paar grundsätzliche Fragen im Zusammenhang mit Kunstkritik im Allgemeinen und mit Literaturkritik im Besonderen.

    Weil oft genug - und manche sagen sogar: meistens - Spott und Hohn verdient, was im Kultur- und Unterhaltungsbetrieb auf den Markt geworfen wird.

    Selbst wenn es so wäre: Lässt sich daraus eine Zwangsläufigkeit ableiten, Spott und Hohn dann auch tatsächlich über denjenigen ausgießen zu müssen, die meiner Meinung nach beides verdienen? Würde es nicht reichen, den ganzen unbestrittenen Mist geräuschlos zu ignorieren? Aber, klar, Krach bringt die bessere Quote und mehr Klicks.

    Dennoch tue ich mich schwer damit, Spott und Hohn als Kernkompetenzen von Literaturkritikern zu akzeptieren.

    Für mich gibt es einen fundamentalen Unterschied zwischen Ehrfurcht und Sachlichkeit. Ich finde Ehrfurcht genauso unangebracht wie Häme.

    Und wie "sachliche" Kunstkritik aussehen soll, das würde ich gerne mal sehen. Habe ich nämlich noch nie. Das geht auch gar nicht. Und, nicht falsch verstehen: Kunstkritik ist nicht dafür da, den Künstlern zu helfen, um besser zu werden oder bessere Lebensentscheidungen zu treffen, sondern sie ist als extrem subjektive Orientierung für die Konsumenten gedacht. Und zur Unterhaltung.

    Ja, vermutlich ist es so, dass eine sachliche Kunstkritik eine Mission impossible ist. Aber vielleicht liegt das ja an der Art und Weise, wie wir das Wort „Kritik“ definieren. Kritik, wenn diese denn als solche ernstgenommen werden will, ernstgenommen im Sinne von beachtenswert, impliziert für mich immer auch das Bemühen um Sachlichkeit, hat zumindest den erkennbaren Versuch einzuschließen, die eigene Meinung mit Argumenten zu unterfüttern. Dass Kritik gleichzeitig auch die eigene Meinung transportiert, ist so unbestritten wie unvermeidbar und etwas anderes wäre vielleicht nicht einmal wünschenswert.

    Pointierte Formulierungen sehr gerne und auch gegen Provokation ist nichts einzuwenden, solange sie nicht um ihrer selbst willen geschieht. Aber für meinen Geschmack haben sowohl Denis Scheck als auch einige seiner Kritiker hier und da Grenzen überschritten.


    „Sebastian Fitzek markiert den geistigen Ground Zero dessen, was in Deutschland derzeit geschrieben und veröffentlicht wird.“

    „Paulo Coelho, dieser aus dem protoliterarischen Urschleim gekrochene Einzeller der Erbauungsliteratur, steht für alles, was ich in der Literatur hasse.“


    Mann oh Mann! Das ist für mich keine Kritik mehr, sondern da berauscht sich einer an seiner eigenen Sprachschöpfung. Sowas kann er meinetwegen nach dem achten Bier am Kritikerstammtisch von sich geben, aber wenn er die ihm zur Verfügung stehenden Plattformen nutzt, um die Erwartungshaltung zumindest von Teilen eines breiten Publikums zu bedienen, das Spott und Hohn offensichtlich als selbstverständlichen Bestandteil von Kritik begreift, dann ist das genauso danebengegriffen wie die Anmerkungen einiger seiner Kritiker, die sich nicht auf Inhaltliches beziehen, sondern zum Beispiel auf das Äußere von Denis Scheck. Oder sind Literaturkritik und die Kritik an den Kritikern jetzt Programmpunkt im Circus Maximus?


    Und falls Kunstkritik als „extrem subjektive Orientierung für Konsumenten“ gedacht ist, stellt sich für mich sofort die Frage, welchen Wert sie dann hat. Wie hoch kann der Informationsgehalt einer Meinung sein? Warum sollte ich der Meinung von Erika Mustermann oder meinetwegen auch der eines Denis Scheck mehr trauen als meinem eigenen Urteilsvermögen?

    Und warum ich fünf bis zehn Minuten meiner Lebenszeit dafür hergeben soll, um mich davon überzeugen zu lassen, ein bestimmtes Buch nicht zu kaufen, will sich mir auch nicht so recht erschließen, ein Buch, das ich mir, wenn ich Denis Schecks Anti-Kanon-Auswahl anschaue, wohl eh nicht gekauft hätte. Wie dem auch sei.


    Wenn also Kunstkritik ausschließlich oder überwiegend in der Äußerung einer Meinung besteht, hat sie für mich keinen erkennbaren Nutzen mehr und das Wort „Kunstkritiker“ ist ein ausgemachter Etikettenschwindel. „Meinungsventilator“ würde besser passen. Und wenn sich so ein Meinungsventilator in erster Linie tatsächlich als Unterhaltungskünstler versteht, was unterscheidet ihn dann noch von einem Zirkusclown? Um Spektakel also geht es?

    So verstandene Kunstkritik hat für die Kunst dieselbe Bedeutung wie der Taubenschiss fürs Kirchdach.


    Ich bin mir nicht sicher, aber möglicherweise bin ich gegenüber Kunstkritikern ein wenig voreingenommen. Und das hat dann vermutlich mit meinem Vater zu tun. Der war Orchestermusiker, und diese sich regelmäßig wiederholende Szene hat sich in meine Erinnerungen eingebrannt, wenn er jedes Mal nach einer Opernpremiere oder einem Konzert, besonders nach solchen, in deren Verlauf er längere Solopassagen zu meistern hatte, zwei Tage später noch vor dem Morgenkaffee mit zitternden Händen die Zeitung aufschlug, um die Konzertkritik zu lesen, geschrieben von einem Menschen, der nicht annähernd über das Talent und die Fertigkeiten eines Profimusikers verfügte und der ebenso wenig zu ermessen vermochte, was es bedeutete, manchmal eine halbe Stunde oder noch länger vor tausend Konzertbesuchern zu stehen und eine Höchstleistung abzuliefern, ungeachtet dessen, was diesen Menschen sonst noch bewegte, gesundheitliche Probleme, ein Todesfall in der Familie oder was auch immer.

    Es mag also mit diesen Erinnerungen zusammenhängen, mit dem, was es mit meinem Vater und seinen Musikerkollegen machte, dass ich es schon seit jeher als fragwürdig empfunden habe, wenn Menschen ihren Lebensunterhalt damit verdienen, die Arbeit anderer Menschen vor aller Welt mit einer oftmals unerträglichen Arroganz herabzuwürdigen und sich dabei nicht selten auch an der Person des Künstlers oder dem Urheber eines Kunstwerks abarbeiten. Denn ein Punkt kommt mir in Diskussionen wie dieser hier häufig zu kurz, falls er überhaupt Erwähnung findet: Es geht bei alldem auch um berufliche Existenzen.


    Fitzek und Coelho wird es nicht jucken. Wie Petra unter #15 in diesem Thread geschrieben hat, wird sich vermutlich auch ein Verriss positiv auf die Verkaufszahlen ihrer Bücher auswirken. Eine schlechte PR ist auch PR.

    Aber gilt das auch für all diejenigen, die sich abmühen, im Geschäft zu bleiben oder für einen Debütanten, der gerade versucht, überhaupt erst einen Fuß in die Tür zu bekommen? Wohl kaum. Denn Verrisse sind ja nun mal keine Spezialität von Starkritikern, die sich zur eigenen Ergötzung und zur Gaudi des Publikums Starautoren vorknöpfen. Rezensionen in Zeitungen und Zeitschriften oder in Buchblogs sind da oft nicht besser und die treffen dann auch die Autorinnen und Autoren, die auflagenmäßig in der zweiten oder dritten Liga spielen.

    Ich weiß, ich wiederhole mich, aber es ist mir nun mal sehr wichtig: Eine Meinung, die eben nur das ist, eine Meinung, ist das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt ist, oder den Sendeplatz, den auch ich mit meinen Rundfunkgebühren mitfinanziere, obwohl ich noch nie einen Fernseher besessen habe und in diesem Leben auch nicht mehr besitzen werde.


    Vielleicht habe ich auch nur etwas missverstanden, wollte es möglicherweise missverstehen. Vielleicht geht es ja tatsächlich nur noch um Spektakel, sind wir – Leserinnen und Leser, Autorinnen und Autoren, Agenten, Verleger, Lektoren, Literaturkritiker und die Kritiker der Kritiker – vielleicht also sind wir ja alle nichts weiter als Akteure und Zuschauer im Circus Maximus der Kunstindustrie und nur so unverbesserliche Romantiker oder Naivlinge, wie ich wohl einer bin, wollten das bislang nicht wahrhaben.


    Aber dann will ich mir auch das nicht verkneifen: Warum halten diejenigen, die vorgeben, alles darüber zu wissen, was einen genialen Roman auszeichnet, nicht einfach mal die Klappe, bleiben stattdessen acht oder neun Monate auf ihrem Hintern sitzen und schreiben ihn endlich, diesen genialen Roman, auf den Millionen Leserinnen und Leser sehnsüchtig warten?


    Herzliche Grüße,:)


    Jürgen

  • Ich würde deinen Beitrag gern doppelt und dreifach liken, geht aber nicht, deswegen hier nochmal: Daumen hoch. Alle beide, und die großen Zehen auch noch!


    PS: Es gibt ja dieses schöne Lied „Der Musikkritiker“ von Georg Kreisler.

  • Für mich ist das halt keine Frage mehr von Lernwillen oder -unwillen, wenn wir von erfolgreichen Autoren sprechen. Sie erstellen ein Produkt, das Produkt ist erfolgreich, warum sollte man dieses Produkt dann verändern?

    Wenn der Roman bereits erschienen ist, wird man an diesem sicherlich nichts mehr ändern.

    Für zukünftige Projekte kann man trotzdem was lernen.

    Ich bin sehr irritiert über deine Einstellung, die ich aus deinen Beiträgen herauslese: Jemand hat schon erfolgreich veröffentlicht und braucht sich nie wieder weiterentwickeln, sondern ist "fertig".

  • Da liest Du etwas heraus, das da nicht steht. Natürlich können sich auch veröffentlichte Autoren weiterentwickeln, wenn sie denn wollen. Die Frage ist aber doch die: Was für Dich „weiterentwickeln“ bedeutet, muss doch nicht für erfolgreiche, etablierte Autoren dasselbe bedeuten. Entwickelt sich eine Fastfood-Kette weiter, wenn einer hinginge und vorschlüge, man möge sich doch bitte ein Beispiel am Sternekoch xy nehmen? Die Fitzeks und Coelhos wissen doch, was funktioniert. Wenn man es so will: Sie müssen nichts mehr lernen (so sie denn nicht den Wunsch haben, literarische Lorbeeren zu ernten), denn das, wofür sie stehen, können sie schon.

  • Zitat von Jürgen P.

    Aber dann will ich mir auch das nicht verkneifen: Warum halten diejenigen, die vorgeben, alles darüber zu wissen, was einen genialen Roman auszeichnet, nicht einfach mal die Klappe, bleiben stattdessen acht oder neun Monate auf ihrem Hintern sitzen und schreiben ihn endlich, diesen genialen Roman, auf den Millionen Leserinnen und Leser sehnsüchtig warten?

    Das ist in meinen Augen der grundsätzlich falsche Ansatz. Um zu wissen, wie es ginge, muss ich es nicht können. Kritik ist eine eigene Disziplin, ist eigene Kunst.

    Umgekehrt verlangt ja auch niemand, dass Bestsellerautoren gute Kritiken zu schreiben in der Lage sind (und nur berechtigt sein können! Zensur!). Jeder weiß, dass ein ehemaliger Torschützenkönig nicht auch der beste Moderator oder Trainer sein muss, warum sollte das denn in der Literatur oder Musikszene anders sein?

  • Um zu wissen, wie es ginge, muss ich es nicht können.

    Seltsam. Aber so erklären sich natürlich auch die 80 Millionen Fußballtrainer, die sich hierzulande zu jeder EM oder WM outen. Ich finde, um zu wissen, wie es ginge, muss man es zumindest mal probiert haben. Und wenn man dabei gescheitert ist, weiß man zumindest, dass es ganz so einfach wohl doch nicht ist und kann dem Tun der Anderen ein Mindestmaß an Wertschätzung entgegenbringen. Überhaupt ist es ein seltsames Phänomen unserer Gesellschaft (und unseres Bildungswesens), dass angelesenes Wissen gegenüber Erfahrungswissen den höheren Stellenwert innehat.

  • In einem anderen Forum hatte ich mal die Frage gestellt, ob - und wenn ja, welche - Unterschiede es eigentlich zwischen Rezension und Besprechung eines Buches gibt. Und worunter dann "Kritik" fällt.


    Sowie die Frage, wozu Besprechungen, Kritiken, Rezensionen eigentlich gut sind. Da gibt es ja mehrere Möglichkeiten, z.B.:

    • Vorstellung einer Neuheit auf dem Markt
    • Abgabe der eigenen Meinung zu einem Werk
    • Entscheidungshilfe beim Kauf
    • Pushing eines Produkts im Wust der vielen Angebote
    • Selbstprofilierung des Rezensenten/Kritikers

    Und sicher noch weitere.


    Abhängig davon, ob jemand für ein Feuilleton oder für Amazon rezensiert, mögen die Beweggründe und Intentionen völlig andere sein. Fatal wird es aber, wenn das eine mit dem anderen verwechselt wird, wenn man im Feuilleton Dinge liest wie "... fand ich doof, denn ich mag keine ... deshalb einen Stern Abzug ...". Etwas gestelzter ausgedrückt natürlich: "Ein Fitzek ist eine literarische Maßeinheit, die die größte anzunehmende literarische Peinlichkeit auf kleinstem Raum markiert." (Nur zur Erklärung: Ich selbst kann Fitzek nichts abgewinnen, ich hab zwei Bücher von ihm versucht und beide nicht zu Ende gelesen, weil sie mich abstießen.)


    Bei einer Literaturkritik, wie sie Denis Scheck abgibt, würde ich nun - ganz persönlich - folgende Minimalstandards anlegen (und das gilt m.E. für alle Kritiker, die sich über das Niveau von Amazonrezensionen heben wollen.

    • Sie müssen den persönlichen Geschmack außen vor lassen und sich auf die Einschätzung des Handwerks beschränken.
    • Sie müssen zusätzlich eine Auseinandersetzung mit den Themen des Buches bieten, also die Inhalte diskutieren.

    Eventuell erfolgt daraus dann eine Kaufempfehlung (oder ein Abraten).


    Edit: Sorry für das mehrmalige Editieren, da waren Schreibfehler und ich muss noch was hinzufügen: Natürlich darf ein Kritiker auch schreiben, ob das Buch seinen Geschmack traf oder nicht, ob es ihm gefiel oder nicht und aus welchem Grund. Der Punkt ist, dass er das bitte mit einem Mindestmaß an Feingefühl tun sollte - meiner Meinung nach.

  • Oje, jetzt kommt auch noch "Erfahrungswissen" und im nächsten Kommentar wohl Tradition.

    Was soll denn diese unsinnige Unterstellung? Tradition ist das Gegenteil von Erfahrung, denn da wird die Einhaltung von etwas gefordert, von dem meist keiner mehr weiß, was es heute noch soll, außer dass man es "schon immer so gemacht hat". Erfahrung ist lebendig und misst sich - immer - an der Gegenwart.


    Nochmal: Literaturkritik ist ein eigenes Genre.

    Streitet ja keiner ab. Es ist aber gleichzeitig auch alles, was Jürgen oben geschrieben hat, bis hin zur Vernichtung von Existenzen, wenn es hart auf hart kommt. Deshalb darf man da schon erwarten, dass sich Kritiker ihrer Verantwortung bewusst sind, genauso wie Ärzte oder Busfahrer. Denn ihre Berufsausübung hat massive Auswirkungen auf andere Menschen bis hin zu existentiellen.

    Nochmal: Literaturkritiken werden nicht für die Autoren der Werke verfasst.

    Würde ich dir zustimmen, siehe mein Posting darüber.

  • Zitat von Kerstin

    Sie müssen den persönlichen Geschmack außen vor lassen und sich auf die Einschätzung des Handwerks beschränken.

    Sie müssen zusätzlich eine Auseinandersetzung mit den Themen des Buches bieten, also die Inhalte diskutieren.

    Nein, nein und nochmals nein. Sie müssen hoffentlich gar nichts (ist das ein Gesetzesvorschlag für die Viktor Orban Regierung? Und alles andere wird gelöscht und verboten?)

    Sie müssen mich, den breiten Leser, unterhalten, bestenfalls. Gelingt dies nicht, haben sie es weniger gut gemacht. Darum geht es, um Unterhaltung und nicht um Existensförderung oder um ein Schreibhandwerksdossier. Und natürlich gibt es in dem Genre auch Rezipientengeschmäcker von Bild bis -beinahe hätte ich Spiegel geschrieben- ...

  • ... ist das ein Gesetzesvorschlag für die Viktor Orban Regierung? Und alles andere wird gelöscht und verboten?

    Okay. An der Stelle steig ich aus. Ich dachte, ich hätte es hier mit einem Erwachsenen zu tun. Vielleicht liest du mein Posting einfach nochmal. Dort steht:

    ... würde ich nun - ganz persönlich - folgende Minimalstandards anlegen ...

    Jetzt sichtbar?

  • Es ist zwar schön, wenn im öffentlichen Bereich dieses Forums endlich wieder mehr zu lesen steht als Buchempfehlungen oder diverse Glückwünsche, aber muss dieses "Mehr" unbedingt ins Persönliche ausarten?

    Rezensionen sind wie Literaturpreisverleihungen etwas durch und durch Subjektives. Sie spiegeln so gut wie immer (auch) die persönlichen Vorlieben des Rezensenten, sowohl inhaltlich als auch stilistisch. Darum kommt niemand herum. Auch Marcel Reich-Ranicki gelang dies nicht, wenn ich an so manches Literarische Quartett denke. Dennoch sollte auch die härteste Kritik ohne Denunzierung der Person des Autors auskommen. Man kann über Fitzeks Schreibe denken, was man will, aber:

    Zitat

    Ein Fitzek ist eine literarische Maßeinheit, die die größte anzunehmende literarische Peinlichkeit auf kleinstem Raum markiert."


    derartige Statements zeugen eher von Selbstüberhöhung des Rezensenten als von nüchterner, sachlicher Betrachtung.

    Dieser Mann hat in den letzten 20 Jahren weit über ein Dutzend Thriller verfasst, allesamt Bestseller, seine Werke wurden bisher in 24 Sprachen übersetzt, er hat weltweit Millionen Bücher verkauft. Beleidigt man diesen Autor als Stümper, beleidigt man damit auch seine Leserschaft als Banausen. Wem steht das zu, wer wirft den ersten Stein?

    Es mag schmerzhaft sein, mitzuerleben, wie weitgehend anspruchslose Kunst Millionengewinne einfährt und anspruchsvolle Künstler von der Sozialhilfe leben müssen, und nein, ich mag Fitzek-Thriller auch nicht. Aber ich mag auch keine Autorenkritik, die ins Persönliche abdriftet. Nicht mal, wenn sie Dieter Bohlen betrifft, dessen Verkaufszahlen - es darf erwähnt werden - nicht annähernd von irgendeinem anderen Deutschen Musiker erreicht wurden. ;)