Show, don't tell - gilt das eigentlich immer?

  • Die Links sind beide wirklich schön. Darum liebe ich Schreibregeln und Schulen und Creative-Writing-Zeug. Diese Sachen sind lustig und inspirierend.

    So etwas zu schreiben ist für sich selbst schon eine Kunst.


    Insbesondere der Blogeintrag von (dem übrigens auch von mir verehrten) Richard Morgan ist einfach großartig und liest sich fast wie ein Auszug aus einem seiner Bücher - stark, provokativ, Gegenkultur. Scheiß auf die Regeln. Während der Lektüre hat es mich bestimmt zehn Mal in den Fingern gejuckt, Auszüge mit copy und paste hier reinzukopieren und irgendwas zu schreiben wie "Ist das nicht super?"

    Und dieses Hinterfragen aller Regeln ist auch ungeheuer befreiend. Wenn du es schreibst und es klingt gut, dann ist es richtig.

    Man, sometimes it takes you a long time to sound like yourself. Das ist von Miles Davis und das ist wohl das Wichtigste.


    Trotzdem - war klar, dass das jetzt kommen muss - empfinde ich Regeln wie "Show, don't tell" als sinnvoll. Als Richtlinien. Wenn ich mich frage, warum mein Text nicht funktioniert, dann ist die Chance groß, dass da zu viel "Tell" drin ist, oder zumindest dass das "Tell", was da drinnen ist, nicht gut genug ist. Richard Morgan kann auf eine Weise erzählen, dass ich mir von ihm wahrscheinlich auch mit Genuss erklären lassen könnte, wie eine Kaffeemaschine funktioniert.


    Ich kann das so nicht. Ich übe noch 8)

    “Life presents us with enough fucked up opportunities to be evaluated, graded, and all the rest. Don’t do that in your hobby. Don’t attach your self worth to that shit. Michael Seguin

    Einmal editiert, zuletzt von Marvin ()

  • Wie heißt es doch so schön: Halte Dich an keine Schreibregel, die Du nicht selbst aufgestellt hast! ;-)


    Meine bisherigen Favoriten sind (ich habe nur bis Atwood gelesen, Rest kommt später)_



    Vor Regel #4 von Margret Atwood warne ich. Nichts ist flüchtiger als ein Speicherstick. Die Dinger können kaputt gehen (selten, aber doch), verloren gehen (häufiger) oder geklaut werden (immer dann, wenn ganz was wichtiges drauf ist).

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Sagen und Legenden aus Baden

    ASIN/ISBN: 3955403823


    Im Inneren eines Menschen existiert ein Kern, der von Fragen wie Staatsbürgerschaft oder sozialer Herkunft völlig unberührt ist. Dafür sollte sich die Kunst interessieren.
    Marina Davydova

    SZ Nr. 289, 15.12.2022, S. 11


  • Marvin: Richard Morgan ist auf vielen Ebenen inspirierend. Und, klar, es liegt oft am Ungleichgewicht zwischen Show und Tell, wenn Texte einfach nicht fließen wollen, aber nicht nur, nicht immer, nicht in allen Bereichen, und es gibt eben auch andere Wege aus Dilemmata, als Regeln auf Texte zu stülpen. Die man, fraglos, kennen muss, also die Regeln.


    Die beiden Links hat übrigens Maarten D. bei den Büchereulen gepostet. Maarten war früher auch mal bei den 42ern aktiv, das war ungefähr im viktorianischen Zeitalter. ;)

  • Und noch ein paar weitere (Anti-)Regeln, die mir gefallen:


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    Horst-Dieter Radke: Sagen und Legenden aus Baden

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  • Und noch eine Auslese:


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    Horst-Dieter Radke: Sagen und Legenden aus Baden

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    Im Inneren eines Menschen existiert ein Kern, der von Fragen wie Staatsbürgerschaft oder sozialer Herkunft völlig unberührt ist. Dafür sollte sich die Kunst interessieren.
    Marina Davydova

    SZ Nr. 289, 15.12.2022, S. 11


  • Drei Bücher an beliebigen Stellen aufgeschlagen:

    1. Der Baron gewann mit Leichtigkeit sein Vertrauen. Eine halbe Stunde bloß, und er hatte dieses heiße, und unruhig zuckende Herz in der Hand. Es ist ja so unsäglich leicht, Kinder zu betrügen, diese Arglosen, um deren Liebe so selten geworben wird. Er brauchte sich selbst nur in die Vergangenheit zu vergessen, und so natürlich, so ungezwungen wurde ihm das kindliche Gespräch, daß der Bub ihn ganz als seinesgleichen empfand und nach wenigen Minuten jedes Distanzgefühl verlor. Er war nur selig von Glück, hier in diesem einsamen Ort plötzlich eine Freund gefunden zu haben.


    2. Ich weiß - nach dem, was ich gesehen, gehört oder erfahren habe - von drei Arten und Wegen, einem Konzentrationslager zu entkommen. Ich selbst lebte mit der ersten und, von mir aus, bescheidendsten Möglichkeit - doch nun: es gibt Bereiche unserer Natur, die ihr, so hatte ich es auch gelernt, ein für allemal unveräußerlich angehören. Tatsache ist: unser Vorstellungsvermögen bleibt auch in der Gefangenschaft frei. Ich brachte es z.B. so weit, während meine Hände mit Schaufel oder Hacke beschäftigt waren - mit sparsam eingeteilten, stets nur auf das Allernotwendigste beschränkten Bewegungen -, einfach gar nicht zugegen zu sein.


    3. Irgendwie verschlug es ihn in Hedwigs Zimmer. Die Tür stand offen. Sie saß vor ihrer Frisiertoilette und schminkte sich die Augen.

    "Komm rein", rief sie, "steh nicht so herum."

    "Ihre Augen sehen so altmodisch aus."

    "Herr Floppl hat angeregt, daß alle Damen sich anziehen wie damals, 1904. Dabei war ich 1904 noch gar nicht geboren." Sie kicherte. "Ich dürfte eigentlich gar nichts anziehen." Sie seufzte. "Zuerst der Ärger, die Augenbrauen auszuzupfen, damit man aussieht wie die Dietrich. Und jetzt muß ich sie mir wieder aufmalen, große dunkle Bögen, die an den Enden schmal auslaufen - man braucht so viel Schminke..." Sie spitzte die Lippen. "Bete, daß mit keiner das Herze bricht, Kurt, denn Tränen würden diese oldfashioned Augen ruinieren."


    Welche Regeln werden beachtet? Welche verletzt?

  • Ich habe erst geschrieben (schon sehr lange, schon als Kind), dann irgendwann angefangen, Schreibratgeber zu lesen. Ja, genau die Dinger, die so nach "Malen nach Zahlen" klingen. Anhand dieser so oft verschrienen Lektüre ist mir noch einiges klargeworden, was mir bis dahin nie so bewusst war.


    Das ist allerdings meiner Ansicht nach nur ein erster Schritt. Und diese Bücher machen auch längst noch keinen Schriftsteller, auch wenn sie das suggerieren.


    Denn dann hatte ich meinen ersten Roman fertig, war sehr zufrieden mit mir, habe den ausgedruckt, um zu sehen, wie super ich das jetzt hinbekommen hatte. --- Und habe mich dermaßen gelangweilt beim Lesen. Irgendwas hat gefehlt.


    Dann habe ich mich noch mal auf das zurückbesonnen, was ich mir an Wissen angelesen hatte. Und habe mir meinen eigenen Text sehr, sehr kritisch noch einmal vorgenommen. Und plötzlich, ich kann gar nicht sagen, wie das kam, war mir klar, warum der so schleppend und so wenig ansprechend war. Ob das nun das Ergebnis meiner Lektüre war oder einfach eine ganz eigene Erkenntnis, kann ich nachträglich gar nicht mehr sagen.


    Ich glaube aber, dass es gut und richtig ist, die wesentlichen Regeln (etwa die zur Dialogführung) zu kennen. Anwenden muss man sie dann aber eben doch noch selber. Und ob einem das gelingt oder nicht, ich glaube, das kann man weder durch die Lektüre dutzender Bücher lernen noch in einem Schreibkurs.

    Ich habe mal Ballett gemacht, konnte auch die ganzen Schritte, wir konnten die alle. Und dann sagte die Lehrerin dazu: So, und jetzt das Ganze noch mal GETANZT.

    Das ist für mich der Unterschied zwischen dem Kennen der Regeln und auch ihrer korrekten Anwendung und zwischen dem Schreiben selber.


    Nicht alles, was da zur Regel gemacht wird, ist zwingend notwendig, ich würde aber vieles als Handwerkszeug betrachten, ohne das es oft genug auch nicht wirklich funktioniert.

  • Hier ein paar Dinge, die mir dazu einfallen


    1. Schreiben ist Kunst und unterwirft sich daher von Natur aus keinen Regeln, aber –

    2. Schreiben ist auch Handwerk und folgt bestimmten Regeln, auf die wir uns kulturell geeinigt haben und die nachweislich funktionieren

    3. Wer für den Leser schreibt, muss berücksichtigen, was der Leser will, ansonsten schreibt er für sich (was auch ok ist, aber dann darf man sich nicht wundern)

    4. In unserer digitalisierten Welt hat der Leser die Aufmerksamkeitsspanne eines Goldfischs, weshalb Regeln wie "Show don't tell" in Anlehnung an unsere modernen Sehgewohnheiten sinnvoll sind

    5. Der Leser ist mündig und in der Lage, aus dem Text seine eigenen Schlüsse zu ziehen; das macht Texte interaktiv

    6. Wer alle Regeln kennt, versteht und anzuwenden weiß, der darf sie auch brechen

    7. Wie überall im Leben ist das Extrem in die eine oder in die andere Richtung unsinnig; der Autor muss selbst herausfinden, was funktioniert

    8. Die wenigsten von uns sind Tolkien, King, Hemingway und co. Diese Autoren haben bereits einen Vertrauensvorschuss; man kauft ihre Bücher, weil sie von einem bekannten Namen stammen. Es ist daher unsinnig, sich an ihren Werken zu orientieren und die dort angewandten Techniken oder das Fehlen von Technik als Nonplusultra anzusehen

  • Ich wiederspreche Punk 3., denn dieser Punkt negaiert die Aussage in 1. Als Autorin und Autor muss man sich nicht zwangsweise dem Diktat der Leser unterwerfen, sondern darf auch etwas schreiben, was die Leser nicht wollen (soweit das überhaupt zweifelsfrei feststellbar ist). Wenn 5. stimmt, kommen Leserin und Leser mit so etwas auch klar.


    6. kann nicht stimmen. Man kann niemals ALLES kennen. Um eine Regel zu brechen, muss man genau diese Regel kennen und nicht noch alle anderen dazu.

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Sagen und Legenden aus Baden

    ASIN/ISBN: 3955403823


    Im Inneren eines Menschen existiert ein Kern, der von Fragen wie Staatsbürgerschaft oder sozialer Herkunft völlig unberührt ist. Dafür sollte sich die Kunst interessieren.
    Marina Davydova

    SZ Nr. 289, 15.12.2022, S. 11


  • Der "Maria Stuart"-Roman (1934) von Stefan Zweig besteht fast nur aus Tell:

    Zitat


    Die Leidenschaft Maria Stuarts zu Bothwell gehört zu den denkwürdigsten der Geschichte; kaum die antiken und sprichwörtlich gewordenen übertreffen sie an Wildheit und Wucht. Wie eine jähe Stichflamme schießt sie empor, bis in die pupurnen Zonen der Ekstase, bis in die nachtdunklen des Verbrechens schleudert sie ihre rasende Glut. (...) Leidenschaften wie Krankheiten kann man weder anklagen noch entschuldigen: man kann sie nur beschreiben mit jenem immer neuen Erstaunen, dem ein leises Grauen sich beimengt vor der Urkraft des Elementaren, das manchmal in der Natur, manchmal in einem Menschen gewitterhaft zum Ausbruch gelangt.

    So geht es auf über 300 Seiten: Gefühle, Seelenzustände, Befindlichkeiten etc. werden von außen beschrieben, sie werden nicht als sie selbst, in einer Show gezeigt, sondern gefiltert durch das Milchglas des Erzählens. Entscheidend ist nicht die Show-statt-Tell-Regel, die dieses Erzählen tatsächlich "bricht", sondern die tieferliegende Erzählgesetzmäßigkeit, dass modernes (nachklassisches) Erzählen ein Erzählen der radikalen Subjektivität ist: In "Maria Stuart" finden wir die Anfänge dessen, was wir heute etwas vereinfachend "personalen Erzähler" nennen, erkennbar daran, dass aus der Perspektive eines Erzählsubjekts erzählt wird, das sein "leises Grauen" vor den erzählten Leidenschaften zeigt, und damit, nun ja, gewissermaßen auch seine Show abzieht. Das heißt also, dass die Show-don't-tell-Regel 1. nicht schon "immer" galt, sondern erst in der Moderne, 2. nicht beliebig gebrochen werden kann, sondern die Regel des personalen Erzählens voraussetzt.

    Denn natürlich gelten auch für die Kunst Regeln :)