Beforeigners

  • Das ist ein grundsätzliches Problem von Fortsetzungen, auch in der Literatur, im Film und anderswo. Und es ist bei horizontal erzählten Stoffen besonders problematisch. Sitcoms, die zwar auch hier und da horizontale Geschichten oder Figurenentwicklungen erzählen, letztlich aber so konzipiert sind, dass jede Folge vor oder nach fast jeder anderen Folge laufen könnte, leiden unter diesem Problem weniger. Je intensiver und bahnbrechender und vereinnahmender etwas gemacht ist, das fortlaufend erzählt wird, umso schneller nutzt es sich ab. Ich mag z.B. die Dramaserie "This Is Us" ausgesprochen gerne, weil der Erzählansatz, die Besetzung und die gesellschaftliche Einbettung nahezu genial sind, aber der Wunsch, dass Geschichten enden, wird natürlich unterwegs nur selten befriedigt (vor allem über Nebenfiguren). Deshalb hängt es selbst bei dieser Serie so zwischen Staffel 3 und 5 ein wenig durch. Am wenigsten unter diesem Effekt leiden Serien, die beides stark mischen, also episodisch und horizontal erzählen - etwa Krimi- oder Krankenhausserien. Da hat man einerseits die Fälle, die immer innerhalb einer Folge abgeschlossen werden, und andererseits die Figuren mit ihren forterzählten Geschichten. Diese Kombination kann man über Jahre und Jahrzehnte dehnen. Die Story von DesFred aber muss irgendwann enden, und weil sie das nicht tut, wird "The Handmaid's Tale" bei aller Genialität zwischendrin immer wieder ein bisschen langweilig.

  • Hallo Tom,


    mal kurz weg von den Filmen, weil Du eben auch die Literatur und da vor allem die Krimis angesprochen hast: Ich oute mich mal als Jo-Nesbö-Fan. Wer die Krimis um seinen Ermittler Harry Hole mitverfolgt, hat bestimmt auch schon festgestellt, dass Nesbö seinen Helden schon mehrmals fast gekillt hätte. Aber eben nur fast. Er hat mal in einem Interview auf Englisch in etwa gesagt, wenn es vorbei sei, dann sei es vorbei, es werde keine "Auferstehung" geben.

    Nur ist Harry Hole vermutlich seine beste Einnahmequelle. Ab und zu schreibt er andere Einzelromane, aber ich habe den Eindruck, dass er mit denen primär Erfolg hat, weil man eben Bücher kauft, auf deren Cover sein Name steht.

    Mit anderen Worten: Harry Hole lebt noch immer! Das hat schon mal fast Dallas-hafte Züge angenommen, wenn sich im Folgeband herausgestellt hat, dass der Herr Ermittler nur scheinbar ermordet wurde, in Wirklichkeit aber vor der Öffentlichkeit verborgen zunächst im Koma lag, um dann ab der Mitte des (Folge)Romans genesen und in alter Form weiterzumachen :).

    Nesbö hat seinen elften Roman schon selbstironisch "Nummer elf von zehn" genannt und spielt damit auf eine Tradition an, derzufolge skandinavische Krimireihen grundsätzlich nur zehn Bände umfassen. Ich glaube, mittlerweile ist er bei Band 13, und inzwischen lässt er jeden Band so enden, dass sich auch die Entwicklung des Helden grundsätzlich noch weiterspinnen ließe.


    Schon faszinierend mitzuerleben, wie ein Autor seine beste Geldquelle sicherheitshalber nicht endgültig umbringt. Und bisher ist ihm die Weiterentwicklung seiner Figur sogar immer halbwegs glaubhaft gelungen.


    P.S.: Ich denke immer mehr über Netflix nach. Nur schauen wir an sich sowieso eher wenig fern, das nimmt zu viel Zeit weg, die man anders genauso gut oder besser verbringen könnte. Bin mir nicht sicher, ob sich die Investition lohnt. Und WENN sie sich lohnt, ist das auch nicht unbedingt das Nonplusultra:).


    Gute Mini-Serien sind übrigens auch die Verfilmungen der Tetralogie ("Meine geniale Freundin") von Elena Ferrante. Leider sind bisher nur die ersten beiden Bände verfilmt, jeweils als 8-teilige Serien. Aktuell gibts die bei Amazon Streaming, allerdings auch nicht gratis.

  • Die Story von DesFred aber muss irgendwann enden, und weil sie das nicht tut, wird "The Handmaid's Tale" bei aller Genialität zwischendrin immer wieder ein bisschen langweilig.

    Da ist es offenbar dem Erfolg eines Formates geschuldet, wenn ein Stoff ausgequetscht wird bis zum Gehtnichtmehr. Ich habe 3 Staffeln gesehen. Wenn es jetzt im Endeffekt 6 geben soll (mindestens?), freut mich das nun auch nicht nur. Dann besser aufhören, bevor die Luft raus ist.

  • Es gibt - mal weg von TV-Serien, hin zu Romanen - auch den Fall, dass der zweite schon eine Katastrophe ist: nach „Rosemarys Baby“ kam - 30 Jahre später! - „Rosemarys Sohn“. Gruselig schlecht 🤭 (Wobei Ira Levin ansonsten oft Volltreffer gelandet hat; nicht nur mit dem vorgenannten Roman, sondern auch mit (ebenfalls verfilmten) Stoffen wie „Stepford Wives“, „Sliver“ etc.).

  • Ich habe 3 Staffeln gesehen. Wenn es jetzt im Endeffekt 6 geben soll (mindestens?), freut mich das nun auch nicht nur. Dann besser aufhören, bevor die Luft raus ist.

    Die vierte Staffel hat u.a. auf "Rotten Tomatoes" auch deutlich schlechter abgeschnitten als die vorigen drei, und ich kann mir eigentlich kaum vorstellen, wie die Geschichte überhaupt weiter gehen soll, aber Margaret Atwood hatte ihre späte Fortsetzung von "Der Report der Magd" mit dem Titel "Die Zeuginnen" auf Basis der Serienfigur Lydia (zum Niederknien gespielt von Ann Dowd) geschrieben, so dass sich die Serie in Staffel 5 oder, heilige Scheiße, Staffel 6 dorthin bewegen kann, denn in "Die Zeuginnen" wird von Lydia und DesFreds Tochter erzählt. So oder so, die Serie folgt keinem dramaturgischen Zwang mehr, sondern den Gesetzen des Medienmarktes. Das ist leider häufig so. "Little Fires Everywhere" soll auch fortgesetzt werden, obwohl die Romanvorlage auserzählt war.


    "Die Zeuginnen" habe ich hier besprochen.

  • auf Basis der Serienfigur Lydia (zum Niederknien gespielt von Ann Dowd)

    Tante Lydia steht auf jeden Fall einer anderen furchteinflößenden litarischen Frauenfigur in nichts nach - da mit mehr Macht ausgestattet, übertrumpft sie sie sogar noch: Schwester Ratched aus "Einer flog übers Kuckucksnest" hat man sogar eine eigene Serie gewidmet ("Ratched").


    Das ist überhaupt ein Phänomen, über das ich staune: Es scheint so ein großer Bedarf an griffigen Stoffen für Film und Fernsehen (oder eher Streaming) zu herrschen, dass lange vorher geschaffene Romanfiguren, wie eben diese Mildred Ratched (Ken Kesey, 1962) jetzt (2020) quasi wiederbelebt bzw. ausgebaut werden.

  • Sehr zu empfehlen, wenn auch vollkommen anderes Genre:
    Big Little Lies

    Heute Abend schauen wir uns die letzte Folge der ersten Staffel an. Ich bin sehr gespannt, welche meiner Vermutungen zutreffen werden. Danke für den Tipp - das ist sensationell gemacht, unfassbar besetzt, ein wirklich großes Vergnügen (obwohl es alles andere als lustig ist). Und ich fürchte, ich werde doch noch ein später Fan von Frau Kidman. 8)

  • Wir haben gestern am Stück die letzten drei Folgen der sieben Folgen umfassenden zweiten Staffel von "Big Little Lies" geschaut. Es ist wirklich nicht sehr überraschend, dass im Vorspann ganze elf Leute genannt werden, die für den Schnitt verantwortlich zeichnen, denn der ist tatsächlich fantastisch und von tragender Bedeutung. Aber mir gefiel die zweite Staffel nach anfänglicher Skepsis sowieso sehr gut, was natürlich vor allem an Meryl Streep liegt, die als Mutter des am Ende der ersten Staffel, äh, gestorbenen Kidman-Gatten Perry eine unvergleichliche Leistung in einer allerdings auch extrem dankbaren Rolle abliefert. Man kann einerseits kaum ertragen, sie zu sehen, und will andererseits nichts Anderes. Das Ende der Staffel ist nicht ganz so überraschend wie das Ende der ersten Staffel, aber trotzdem gut. Ich kann mich der Empfehlung für die Serie mit bestem Gewissen anschließen. Perfekt gemachtes Unterhaltungsfernsehen mit Anspruch, sensationellem Ensemble und einer zeitgemäßen Story.


  • Hallo Tom,


    diese zweite Staffel basiert aber nicht mehr auf dem Roman, richtig? Oder hat sie tatsächlich noch einen Nachfolgeband geschrieben, wenn ja, finde ich den nirgends.

    Ich lese gerade "Die Frau von früher", es gefällt mir nicht ganz so gut wie "Tausend kleine Lügen", allerdings hält es mich trotzdem noch jeden Abend davon ab, so rechtzeitig ins Bett zu gehen, dass ich nicht morgens den Wecker aus dem Fenster werfen will.

  • Anja: Nur die erste Staffel von "Big Little Lies" basierte auf dem gleichnamigen Roman von Liane Moriarty, aber die Autorin hat die zweite Staffel mitproduziert, an den Drehbüchern mitgearbeitet und die Storyline zusammen mit David E. Kelley entwickelt. Die dramaturgische Klammer ist möglicherweise nicht ganz so zwingend wie bei der ersten Staffel, aber es ist auch alles andere als ein überbemühter Versuch, noch etwas aus dem Stoff zu pressen (wie das so oft bei Fortsetzungen erfolgreicher Sachen geschieht) - ganz im Gegenteil ist es ziemlich konsequent, großartig inszeniert und gespielt, und außerdem sehr unterhaltsam. Was, wie ich bereits erwähnt habe, zu einem Gutteil an Meryl Streep liegt, aber längst nicht nur.

  • Hallo Tom,


    wir haben uns gestern die erste Staffel bei Amazon prime gekauft und bereits die erste Folge gesehen, noch ohne Maryl Streep, sie kommt ja im Roman gar nicht vor, soweit ich mich erinnere.

    Der Film ist tatsächlich gut gemacht und bislang auch eng an der Romanvorlage.