Der Perfektionist

  • Nun sitze ich seit geschlagenen 2 Wochen vor meinem ersten Roman, der eigentlich fertig war. Ich habe ihn jetzt das fünfte Mal überarbeitet, Szenen zusammengestrichen, andere Details hervorgehoben oder gar komplette Charaktere verbannt.


    Und dennoch meldet sich nach jedem neuen Anlauf der Perfektionist in mir zu Wort und fragt, ob wir nicht doch zu wenig ins Detail gegangen sind.


    Bin ich der einzige mit dem Problem, oder nehme ich diese "Stimme" einfach zu ernst ?

  • Hi, Basti,


    meine Antwort auf deine Frage ist: Nein, nicht der/die einzige. Und nein, ich glaube nicht, dass du diese Stimme zu ernst nimmst. Es hört sich eher so an, als seist du noch vage unzufrieden, noch nicht restlos begeistert von dem, was du bisher geschaffen hast. Aus eigener Erfahrung würde ich sagen, dass wir uns in der Regel auf dieses Gefühl verlassen können, und es braucht eine fast übermenschliche Abgebrühhtheit ;), mit kühlem, analytischen Kopf an das Problem zu gehen und nicht "blindwütig" zu verschlimmbessern.


    Mir fiel eben, als ich deine Frage las, ein Artikel von Andreas Eschbach ein, der mich lange Zeit beunruhigt hat. Eschbach, genau, das ist der Mann mit den wunderbaren Schreibtipps. Wenn du Lust hast, schau mal rein.


    Was ist "fertig"? (andreaseschbach.de)

  • Das ist vielleicht nicht hilfreich/aufmunternd, aber ich bastele seit JAHREN an meinem Roman. Langsam habe ich das Gefühl, dass er in die Richtung rutscht, in der ich ihn haben will, aber perfekt wird er eh niemals sein. Ich werde auch nie damit zufrieden sein, aber ich glaube, irgendwann kommt der Punkt, da muss ich mir eingestehen, dass ich ihn jetzt selbst nicht weiter verbessern kann. Und dann ist er entweder bereit für die Bühne, oder er kommt für immer in die Schublade.

    Um das etwas auszuführen: "Fertig" war ich mit dem Buch 2012. Ich habe das alte Skript immer noch und schaue ab und zu rein, um mich über mich selbst zu amüsieren - das erhellt den ein oder anderen düsteren Nachmittag. Meine "Überarbeitung" kannst du dir so vorstellen (ohne dass ich mich hier mit genannten Künstlern vergleichen will): Nimm "Die Geburt der Venus" von Botticelli, reiß sie in klitzekleine Fetzen und dann mach "Ein Sonntagnachmittag auf der Insel La Grande Jatte" von Seurat daraus.

    Was ich damit sagen will: Was ich am Anfang hatte, hat nichts mehr mit dem zutun, was ich jetzt habe. Und ich bin noch lange nicht "fertig".


    Ich kann mich da auch Kirstin anschließen. Du MUSST sogar auf diese Stimme hören, denn obwohl ich noch nicht einmal mein Manuskript irgendwo hin geschickt habe, ist mir bei der Suche nach Agenturen schon eine ganz wichtige Sache aufgefallen: Wenn DU schon nicht 100% überzeugt bist, kannst du damit auch niemanden überzeugen. DAS ist für mich seit etwa anderthalb Jahren der Knackpunkt. Und was nach meinem BT dazukam: Jeder Satz muss sitzen. Wenn du schon selbst stolperst, wird es andere aus der Bahn werfen.

    So, genug geschwafelt :saint:

    PS: Bei mir ist diese Stimme ganz laut und lacht etwas irre.

  • Was wären wir ohne Selbstzweifel und Eigenkritik? Oh, ich weiß - wir wären diese traurigen Gestalten, die sich selbst nach 18 Staffeln noch vor Dieter Bohlen stellen und ihr schräges Liedchen trällern. Nein, natürlich müssen wir mit uns selbst hart ins Gericht gehen, um das absolut allerbeste Ergebnis zu erzielen.


    Doch ich finde, es gibt auch einen Punkt, wo man anfangen muss, sich von etwas zu lösen. Wo die Beziehung, die man zu dem Text aufgebaut hat, beginnt, toxisch zu werden. So als klammerten sich die Worte an einen und wollten einen nicht mehr loslassen. Da ist es dann schon zu spät. Man muss früher bereits Distanz schaffen. Klare Grenzen ziehen. Es vielleicht auch mal unter wirtschaftlichen Aspekten sehen. Ab welchem Punkt ist es einfach nicht mehr sinnvoll, sich noch um dieses oder jenes Detail zu sorgen?


    Testleser helfen meiner Meinung nach, diese Distanz zu schaffen. Ich gebe den Text ab, lasse ihn seine ersten Gehversuche in freier Wildbahn machen. Wie eine liebevolle Mutter stopfe ich Etui, Notizblock und Pausenbrot in die Tasche und schicke ihn los, damit er seine eigenen Erfahrungen machen kann. Was ich dadurch zurückbekomme, ist viel mehr wert als alles, was ich mir selbst in meinem stillen Kämmerlein zusammenreimen kann. Ich nutze das Feedback, bearbeite den Text ein letztes Mal und dann sage ich: "Du bist fertig. Besser geht es erstmal nicht. Vielleicht in drei Jahren, wenn ich noch mehr gelernt habe, aber momentan nicht. Ich überlasse dich jetzt deinem Schicksal, mach was draus!"


    Das ist auch Selbstschutz. Denn ich will ab einem gewissen Punkt auch weiterziehen. Ich will lernen, Geschichten von Anfang bis Ende zu schreiben. Das geht nur, wenn ich meine Zeit darauf verwende, Geschichten von Anfang bis Ende zu schreiben und nicht bis in alle Ewigkeit an fertigen oder vermeintlich fertigen Texten herum zu klamüsern.


    Natürlich warte ich immer noch darauf, dass ich überhaupt eine Agentur finde. Aber ohne Zuversicht, dass dies eines Tages eintreffen wird, hätte ich den Text wohl nie in die Welt geworfen.

  • Wenn man ein Perfektionist ist, weil man einen Text immer wieder überarbeitet, dann unterstellt das, man wäre dazu in der Lage, auf diese Weise eine perfekte Version herzustellen, denn nichts anderes versucht ein Perfektionist. Möglicherweise leidet man aber einfach nur an chronischer Betriebsblindheit. Ich teile die Einschätzung, dass das unaufhörliche Überarbeiten eher ein Symptom von Unzufriedenheit und Selbstzweifeln ist. Die hören aber nicht auf, wenn man zigmal überarbeitet, aber es kann einem passieren, dass die Überarbeitung zum Daseinszweck gerät, dass man viel mehr Erfüllung darin findet, am Text zu schrauben, statt neue Texte zu schreiben. Man bleibt in diesem Zwischenbereich, muss sich auch nicht stellen, nicht loslassen, nicht mit sich zufrieden sein. Das ähnelt der kindlichen Hoffnung, man wäre unsichtbar, wenn man die Augen schließt. Ich bin Autor, wenn ich geschrieben, aber es noch niemandem gezeigt habe, weil es ja noch nicht fertig ist.

    Und vielleicht auch nie sein wird.


    Wenn ein Text unfassbar oft und intensiv be- und überarbeitet werden muss, damit er reift, gibt es möglicherweise (ich würde sogar behaupten: sehr wahrscheinlich) ein grundlegendes Problem. Anders gesagt: Wenn die erste, zweite, dritte Fassung eines Textes immer noch nicht gut genug ist, um sie zu präsentieren, dann ist denkbar, dass dieses Ziel nie erreicht werden kann. Mit diesem Gedanken sollte man sich auseinandersetzen.


    Besides all that. Nach meiner ganz persönlichen Erfahrung sollte man nach der Fensterkreuz mal Pi zweiten bis fünften (gottogott) Überarbeitung damit aufhören, das allein bzw. ohne valides Feedback zu tun. Und übrigens ist es sehr, sehr viel sinnvoller, gleich, also beim ersten Mal, eine brauchbare Fassung herzustellen. Ich habe ein Bild von Bauarbeitern vor dem geistigen Auge, die einfach Steine, Mörtel und so Zeug auf ein Grundstück kippen, sich dann irritiert anschauen, bis einer sagt: "Das ist aber noch kein sehr schönes Haus, lasst es uns noch einmal überarbeiten."


    Andererseits, ja, gibt es auch Berichte von großen, großen, großen Autoren, die im ganzen Leben nur einen einzigen Roman verfasst haben, den sie zwischen ihrem elften und neunzigsten Lebensjahr unaufhörlich überarbeitet haben, um quasi auf dem Totenbett den LitNob dafür zu bekommen, während die Erben schon händereibend auf die Tantiemenschecks warten. 8)

  • Stimme Tom zu: Im Idealfall sollte schon im ersten Guss ein möglichst gutes Produkt hinlegen.


    Mein erstes "Werk", das ich nach etlichen Überarbeitungen an eine einzige Agentur geschickt habe und das dann nach voller Begutachtung abgelehnt wurde, war einfach noch nicht reif. Das habe ich durch das Feedback der Agentur erkannt und zähneknirschend eingesehen.


    Nun hatte ich die Wahl: Daran herum feilen, bis es "perfekt" ist und erneut an Agenturen schicken, oder mir die schlechte Basis eingestehen und meine Schlüsse daraus ziehen.


    Jetzt schreibe ich die Geschichte von Grund auf neu. Das fühlt sich natürlich viel mehr an wie Arbeit, weil ich ja schon einmal durch die Geschichte gegangen bin, und dahinter steckt auch mehr Mühe, als hier und da eine Satzstruktur zu ändern oder eine Szene zu bearbeiten. Ich übernehme nur vereinzelt Ideen und Szenen, habe etliche Charaktere gestrichen, neue hinzugefügt, und einen Spannungsbogen von vorn bis hinten geplant. Die Geschichte ist dadurch viel besser, um nicht zu sagen: perfekter als die Erstversion es jemals hätte sein können, ganz gleich, wie viel ich daran herum gedoktert hätte.


    Es sind also ein paar grundlegende Fragen, die der Perfektionist sich stellen muss. Geht es wirklich noch besser oder mache ich mir da was vor? Warum kann ich nicht zufrieden sein mit dem, was ich geleistet habe? Fürchte ich mich vielleicht davor, diesen Text loszulassen und der Kritik auszusetzen? Inwiefern ist es besser bzw. sinnvoller, hier noch zu feilen anstatt mich einem neuen oder alten Projekt zuzuwenden?

  • Chronisch betriebsblind bin ich bei fast jedem Buchprojekt. Wenn ich es abgebe denke ich, dass ich das nicht wirklich hinbekommen habe, ich es noch einmal von grund auf neu schreiben müsste, dass mir das Manuskript um die Ohren gehauen wird und der Verlag den Vertrag kündigt. Ich bin dann immer überrascht wenn plötzlich das lektorierte Manuskript kommt mit der Bitte, es durchzusehen und irgendwann das Layout zur Druckfreigabe vorliegt. Ich dachte, das wird mit der Zeit besser. Tut es nicht! Das geht jedesmal von neuem los und ich bin nicht in der Lage, das irgendwie zu beeinflussen. Der Verstand hat dann plötzlich keinen Zugriff mehr auf die ganze Angelegenheit bis ich das Buch in den Händen halte.

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Sagen und Legenden aus Baden

    ASIN/ISBN: 3955403823


    Wir haben sogar Bücher zuzm Totlachen aufzuweisen, von denen ich wünschte, dass die Verfasser die erste Probe an sich gemacht hätten!.
    Carl Julius Weber

    aus: Demokritos


  • Guten Abend und erstmal vielen Dank für euer Feedback,


    der Text lag mehrere Jahre in meiner Schublade, gemeinsam mit ein paar Kurzgeschichten die ich zur Übung verfasst habe. Anfang des Jahres hat er so laut geschrien, dass ich ihn fertig stellen musste.


    Es wird wohl Zeit, endlich einen Schlussstrich zu ziehen. Die Geschichte ist nun "plan geschliffen" , ich werde mein Erstlingswerk durch die BT Runde bewerten lassen, mit allen Konsequenzen.


    Das hat beim letzten Mal gut geklappt. (Naja, zumindest war das eigene Ego eine Weile beschäftigt)


    Jetzt habe ich endlich wieder Zeit zum Schreiben, ihr werdet wohl oder übel noch ein paar meiner Texte lesen dürfen ;)


    Viele Grüße


    Basti

  • Ich drucke jede Seite mindestens zehn Mal aus und korrigiere auf dem Papier und beim Eintippen auf dem Bildschirm. Die endgültige Fassung hat mit der ersten nicht mehr viel zu tun. Die besten Ideen entstehen erst beim Überarbeiten, wenn der Flow einsetzt und ich, ohne zu überlegen, nur noch das aufschreibe, was sich mir diktiert.

  • Die besten Ideen entstehen erst beim Überarbeiten, wenn der Flow einsetzt und ich, ohne zu überlegen, nur noch das aufschreibe, was sich mir diktiert.

    Das habe ich in meinem Fall jetzt auch bemerkt. Weniger überarbeiten, zwei Mal ist ausreichend. Was Mist ist, fliegt raus und wird mit spontanen Einfällen aufgefüllt. Jetzt habe ich zwei lesbare Texte vor mir liegen, ihr dürft in Kürze einen Blick über meine nächsten Versuche werfen.

  • Hallo Basti,


    wenn ich Dir einen Tipp geben kann, dann den: Lies Dir Toms Beitrag noch mal gründlich durch. Die Selbstzweifel, die er dort anspricht, und vor allem diese Form von "Selbstbetrug", dass man so lange in der Illusion leben kann, ein Schriftsteller zu sein, bis man seinen Roman das erste Mal rausgeschickt hat, finde ich sehr wichtig.


    Ich denke auch, das Beste ist es, wenn Du den Text jetzt von anderen gegenlesen lässt.


    Tom: Ich gebe Dir insofern recht, als man im Stande sein sollte, bereits eine erste Fassung zu schreiben, die halbwegs druckreif ist. Aber mit Betonung auf "halbwegs". Ich bin selber eine große Überarbeiterin und mache das tatsächlich auch gerne. Allerdings habe ich mir da inzwischen ein Limit von maximal drei Überarbeitungsgängen gesetzt, danach wird es in der Regel nicht mehr besser, sondern höchstens noch anders.


    Bei Sachbüchern fällt es mir übrigens viel leichter, sie rauszuschicken, als bei fiktionalen Texten. Ich glaube, das hat damit zu tun, dass man selber eine völlig ungenaue Vorstellung vom sogenannten perfekten Text hat. Nur eben: Was macht einen Text "perfekt"? Das hat man sich dabei meisten selber gar nicht genau definiert, und damit jagt man einem unerreichbaren Ziel nach und kann in der Endlosschleife steckenbleiben.

  • Hallo Anja,


    das mit der Illusion kann ich so auf jeden Fall bestätigen. Für mich war es bisher immer mit sehr viel Überwindung verbunden, einen meiner Texte "frei zu lassen", als Schriftsteller würde ich mich ohne nennenswerte Erfolge ohnehin nicht bezeichnen. Wenn einer fragt heißt es derzeit „Ich schreibe zum eigenen Vergnügen, der Rest ist noch nicht spruchreif“


    Das mag zum einen an mangelnder Erfahrung und zum anderen auch am eigenen Streben nach Perfektion liegen.


    Ich habe zur Übung zwei kleine Texte verfasst und jeweils einmal überarbeitet. Das Ergebnis war für mich selbst sehr überraschend. Die Texte, welche für mich total unfertig Aussahen, wurden von den Testlesern besser bewertet, als die mehrfach überarbeiteten Versionen davor.


    Weniger ist manchmal eben doch mehr.