Das 20-Sekunden-Manuskript

  • Ohne jetzt wirklich ein Experte zu sein, denke ich, dass gewisse Wahrheiten in diesen Thesen stecken.


    Ich kann mich gut in jemanden hineinversetzen, der von dem Schwung von Texten übermüdet ist und die Geduld eines Erstklässlers an den Tag legt. Das ist bestimmt auch Selbstschutz. Sagen wir es mal so: Wenn Anschreiben, die erste Seite und das Expose nicht überzeugen, und da liegt ein Riesenstapel weiterer Kandidaten vor mir, warum weiter gehen? Leider beginnen viele Texte mit üblichen Klischees - der Protagonist wacht auf und schaut erstmal in den Spiegel, usw. Oder es wird über Seiten die Welt erklärt, ohne, dass dabei eine Handlung passiert.


    Doch manches ist auch Blödsinn. Habe selbst den Fehler gemacht, mit "Damen und Herren" anzuschreiben und wurde trotzdem erhört. Habe einen Prolog geschrieben, und es hat mir nicht das Kreuz gebrochen. Danach ging es vorerst zwar nicht mehr weiter für mich, aber immerhin kann ich jetzt sagen, dass man eine reelle Chance hat, wenn man sich bemüht und vernünftig auftritt (und eine spannende Geschichte zu verkaufen hat).


    Ich denke, die Punkte sollen provokativ verstanden werden. Ist ja alles auch schon 14 Jahre alt. Das Einzige, was mich sehr, sehr nervös macht, ist die Einschätzung, wie wenig "unverlangt eingesandte" Manuskripte letztlich verlegt werden. Wenn ich manchmal so sehe, was alles dennoch verlegt wurde, verzweifle ich ein wenig an der Welt.

  • Ich finde das einen ganz süßen Beitrag. Gut - Es ist schnoddrig formuliert und stellt vielleicht etwas gewollt die starke Verhandlungsposition des Lektors heraus. Aber gerade dadurch liest es sich witzig und zählt ein paar grobe Schnitzer als Regeln auf.

    Für Leute, die gerne schreiben und in der wahren, richtigen Realität Lichtjahre von einem Verlagsvertrag weg sind (so wie ich und vermutlich die meisten Leser dieses Artikels) ist es ein schöner Anreiz vom "harten Alltag eines Bestsellerautors" zu träumen.


    Ich empfinde Smilies als zeitgemäße Bereicherung einer sich verändernden Schriftsprache, lehne Zitate und Rückblenden nicht notwendigerweise ab und so weiter. Aber ich verstehe, dass man ein grobes Raster braucht, wenn man hundert Einsendungen täglich beurteilen muss.

    “Life presents us with enough fucked up opportunities to be evaluated, graded, and all the rest. Don’t do that in your hobby. Don’t attach your self worth to that shit.” Michael Seguin

  • An sich kann ich die meisten Punkte des Beitrags nachvollziehen. Zum Beispiel würde auch ich im Anschreiben nicht mal auf die Idee kommen, Smileys zu verwenden; das wirkt auf mich einfach nicht seriös (macht man ja bei einer Job-Bewerbung auch nicht).

    Das mit der Rückblende verstehe ich nicht so ganz. Viele Bücher, gerade Thriller, fangen mit Rückblenden an z.B. mit dem ersten Mord des Killers. Mit den Zitaten ist es das Gleiche. Wenn das Zitat zum Thema des Buches passt, warum dann nicht? Robert Harris' "Vaterland" beginnt mit einem Zitat von Hitler.

    Auch das mit den "Sehr geehrten Damen und Herren" finde ich schwierig, weil nicht jeder Verlag/ jede Agentur den EINEN Lektor angibt, den man anschreiben soll. Wenn es allerdings angegeben ist, sollte man das natürlich machen.

  • Trotzdem nochmal hier.


    Ich finde die Kriterien überzogen, aber ein bisschen Wahrheit enthalten sie ja schon. Ich habe mal ein Praktikum in einem Kleinverlag gemacht und - richtig! - unverlangte Manuskripte vorsortiert. Ist ca. 15 Jahre her, und ich bin in diesen sechs Wochen vom Glauben abgefallen. Was da eingesendet wurde, entsprach dem Tatbestand der ... ja, was eigentlich? Es war unterirdisch!


    Tatsächlich kann man an der äußerlichen Form schon viel erkennen. Aber natürlich sollte das nicht das einzige Kriterium sein. Es genügen dann aber meist anderthalb Minuten Blick in die Leseprobe (eher weniger), und man findet den Ersteindruck in 95 Prozent der Fälle bestätigt. Natürlich kann man sich dabei aber auch mal irren, deshalb würde ich jedes einzelne Kriterium nicht absolut setzen und auch nicht aufaddieren.


    "Sehr geehrte Damen und Herren" hat man z.B. damals als höfliches Anschreiben gelehrt, warum soll das jetzt irgendwas aussagen außer, dass sich hier jemand um Höflichkeit bemüht hat. Smileys hingegen wollen eine Vertraulichkeit herstellen, die noch nicht gegeben ist, auf mich wirken sie deshalb anbiedernd. Ansonsten, falls sie mir erklären wollen, wie ich das Anschreiben zu nehmen habe: Warum macht das der potentielle Kandidat nicht mit Worten? Der will ja schließlich überzeugen, dass er schreiben kann.


    Und was die Formatierung betrifft: Für Vorstellungsgespräche gibt es einen Kleidungs- und Verhaltenskodex. Eine Manuskripteinsendung - erst recht eine unverlangte - ist ein Vorstellungsgespräch. Warum soll ich mich da nicht an Regeln halten, die demjenigen, der die Entscheidungen trifft, die Arbeit erleichtern? Ich breche mir doch keinen Zacken aus der Krone, wenn ich mein Manuskript bzw. die Leseprobe im Normseitenformat anbiete. Ich kann ja vorher den ganzen Roman in ComicSansSerif, 17 pt, rotgold geschrieben und mich daran gefreut haben, wie er stündlich wuchs. Die Umformatierung am Ende sind zwei, drei Kurzbefehle - man sollte doch meinen, dass sich ein angehender Autor mit seinem Arbeitswerkzeug beschäftigt hat. Außerdem lässt das auch Schlüsse auf die spätere (technische) Zusammenarbeit zwischen Lektor und Autor zu, wenn Seiten mit Kommentar- und Überarbeitungsfunktion hin und her gehen sollen.

  • Ich breche mir doch keinen Zacken aus der Krone, wenn ich mein Manuskript bzw. die Leseprobe im Normseitenformat anbiete.

    Ich fände es allenfalls interessant, ob sich diese Konventionen im Lauf der Zeit nicht auch verändern. Der eingangs verlinkte Artikel ist ja inzwischen fünf Jahre alt. Gilt immer noch Normseite? Die Normseite war seinerzeit ja eine Maßeinheit, die sich im Zeitalter der elektronischen Textverarbeitung eigentlich auch auf der Lektorseite erübrigt hat - Die Anzahl der Zeichen und Wörter ist in jedem Dokument sofort und in Echtzeit verfügbar.


    Dass sich Konventionen bei der Geschäftsanbahnung verändern, kenne ich auch gut aus meinem Alltag, ich bin schon in Vorstellungsgesprächen komisch angeguckt worden, eben weil ich einen Anzug getragen habe. Vielleicht war der natürlich auch falsch geschnitten.:evil


    Kann da jemand vielleicht etwas zu sagen, der sich damit auskennt? Erntet man heutzutage mit Normseiten nicht eher ein Stirnrunzeln? Gibt es noch andere Formalien, die sich verändert haben - wirke ich am Ende jetzt total modern, wenn ich ein Anschreiben mit exotischen Smilies garniere?


    :-et:write:dichter:bruell

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  • Gilt immer noch Normseite?

    Das ist äußerst unterschiedlich. Ich verwende sie schon lange nicht mehr; für mich (und die meisten, mit denen ich zu tun habe) ist die einzige relevante Kennzahl die Wörteranzahl, und die zeigt mir die Software ständig an (ab 60.000 ist es ein Roman ;) ). Ich kann nichtproportionale Schriften nicht ertragen, ich finde "Courier (New)" widerlich (wer also mit einem BT bei mir abkacken will, nehme bitte Courier New 12 Pt.), und meistens schreibe ich in einer Open Sans oder so. Das reiche ich dann auch so weiter. Meine Lektorin schießt das in eine Vorlage, die für sie Seitenzahlen einfügt und die Absatzformate ändert, aber nicht die Schriftart, und mein Agent überträgt es, wenn ich mich recht erinnere, tatsächlich noch in die Normseite, kann aber auch der vorige Agent gewesen sein. Es ist, wie Du's sagst, nämlich wurscht - eine Datei ist schnell umformatiert. Sollten allerdings papierne Gesamtmanuskripte angefordert werden, sollte man zumindest die Aufteilung der Normseite verwenden. Und bei der Erstanbahnung würde ich's tatsächlich für die Leseprobe auch immer noch benutzen.

  • Also, der Autor des 20-Sekunden-Manuskripts steht zu seinen Thesen. Ich hab ihn gefragt.

    Und ja, die Normseite hat noch ihre Berechtigung, denn sie erlaubt ja einen groben Überblick über den Gesamtumfang des künftigen Buches.

    Die Mehrzahl der Verlage - und vermutlich auch der Agenturen - haben ja die Voraussetzungen für die Einsendung eines Manuskripts auf ihren Webseiten. Und da steht eben oft, nicht immer, dass die Einsendung als Normseite formatiert sein soll. So wie im angefügten Beispiel der Edition Oberkassel.


    Normseite.jpg

  • … Ich kann nichtproportionale Schriften nicht ertragen, ich finde "Courier (New)" widerlich (wer also mit einem BT bei mir abkacken will, nehme bitte Courier New 12 Pt.), …

    Ich schreibe inzwischen auch nur noch aus Versehen mit einer Courier-Schriftart. Nötig ist das nämlich auch bei einer Normseite nicht mehr. KEIN Verlag zählt mehr Zeilen aus, wie das noch zu Zeiten war, als man mit Schreibmaschine geschriebene Manuskripte bekam. Programme wie Papyrus Autor bieten inzwischen auch zwei Varianten von Normseiten an: Klassische Normseiten mit Courier und Moderne Normeseiten mit Times. Man braucht aber solche Programme nicht zwingend. Jede Textverarbeitung, die Standardformate erzeugt, ist nutzbar. Aus Gründen, die Tom schon erwähnt hat. Wenn man sich an ein paar Regeln hält (keine manuellen Zeilenumbrüche innerhalb eines Absatzes, kein Formatieren mit Leerzeichen u.ä.), ist die Konvertierung in ein dem Agenten und/oder Lektor genehmes Format möglich. Für den Buchsatz gibt es dann noch ein paar Anforderungen mehr, aber das ist keine Sache, um die sich der Autor kümmern muss. Es sei denn, der Verlag verlangt es, doch das ist erst ein Thema nach Vertragsabschluss.

    Dateien

    • Normseite.jpg

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    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Sagen des Mittelalters

    ASIN/ISBN: 3955402630


    Man muss den Krimi wieder dahin zurückbringen, wo er hingehört. In den Dreck.


    Matthias Wittekindt (*1958)

    Süddeutsche Zeitung Nr. 250, 29.10.2020

  • Ich verstehe ehrlich gesagt das Problem nicht. Ich stelle mir vor, ich kriege jeden Tag dreißig Leseproben auf den Tisch. Mein Auge ist an ein Normformat gewöhnt und kann das auch schnell einschätzen, das ist wie bei Handschriften. Warum muss da der geneigte Autor, der ja erst einer werden will - jedenfalls ein verlegter -, seinen eigenen Stiefel durchziehen und kann sich nicht an eine so einfache Vorgabe halten?


    Das für meine Begriffe ein reines Egoproblem. Wenn ich dann bekannt bin und meine Kontakte habe, bleibt es mir ja überlassen, ob ich meine Exposés auf Büttenpapier einreiche oder als japanische Kalligraphie. Ja, die Normseite kommt aus der Zeit der guten alten Schreibmaschine. Aber die ganze Diskussion hier zeigt mir, dass das Problem nicht klar ist: Es ist eine Bewerbung! Kurz, knapp, präzise, und ich denke für den Lektor mit, denn ich will was von ihm, nicht umgekehrt.


    Ich schreibe meine Heftromanmanuskripte auch in Times Roman. Und ein anderer Verlag, für den ich schreibe, arbeitet mit einer Masterdatei, Arial 12 pt und einzeilig (!). Das war eine heftige Umgewöhnung, aber nur für mich, im Verlag kommen sie damit klar. Warum muss ich mich also dagegen sperren, wenn ich, wie gesagt, erst am Ende meines eigenen Schreibprozesses in das jeweils gewünschte Format umzuformatieren brauche?


    Klar ist die Formatierung schnell getätigt, aber warum muss ich sie dem Lektor zumuten, der das dann dreißigmal am Tag zu tun hätte, ich hingegen ein einziges Mal?

  • Wenn ich Übersetzungen für einen Verlag anfertige, dann wird in Normseiten abgerechnet. Diese errechnen sich aus Anschlägen mit Leerzeichen durch 1800. Da findet es also sehr wohl noch Verwendung. Zur besseren Lesbarkeit sehen meine Seiten auch mehr oder weniger wie Normseiten aus (so ganz kommt es nie hin, deshalb die Kalkulation wie oben beschrieben).

  • Bei allem, was per Mail oder Filetransfer ausgetauscht wird, reicht ein Blick auf die Statuszeile des Textverarbeitungsprogramm. Da stehen die Wörterzahl, die Zeichen- und die Seitenzahl, spätestens nach einem Doppelklick auf das fragliche Icon.


    Aber wenn auf einer Verlagsseite darum gebeten wird, in/als Normseite formatiert einzureichen, dann würde ich das auch tun. Es ist ja kein Aufwand. Und man macht sicher nichts falsch, wenn man das standardmäßig tut.


    Aus eigener Erfahrung: Mein erstes Romanmanuskript, das dann auch veröffentlicht wurde, war so formatiert, danach dann nichts mehr, kein einziger Text, auch nicht für Magazine oder Anthologien oder so.

  • Wenn ich Übersetzungen für einen Verlag anfertige, dann wird in Normseiten abgerechnet. Diese errechnen sich aus Anschlägen mit Leerzeichen durch 1800. …

    Gut für den Verlag, schlecht für die Übersetzerin. Es gibt kaum Seiten, die mit 1800 Zeichen gefüllt sind. Das ist errechnet aus 30 Zeilen mal 60 Zeichen. Nicht jede Zeile enthält aber 60 Zeichen und nicht jede Seite ist mit 30 Zeilen gefüllt.

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