Recherche und korrekte Darstellung in Roman, Erzählung

  • Die Frage nach immer absonderlichen Methoden der Ermittlung und Analyse, <übertreiben modus an>das man im Splitter eines Fußnagels noch die Revolverkugel bestimmen und bei einer 99 jährigen vollständig zu Staub zerfallenen Leiche noch das Gift herausfiltern kann <übertreiben modus aus> zeigt m.E. deutlich, dass die heutigen Krimischreiber mehr auf Mikrodetails achten, denn auf eine gute Geschichte.

    Nun, das war im konkreten Fall etwas anders. Ich hatte ein Buch zur Rezension, in dem die Rede von einer Leiche war, die nach 25 Jahren in einem Betonfundament entdeckt wurde. Der Autor schrieb von Kleidungsresten und die Gerichtsmedizinerin erklärte ihm, anhand des gebrochenen Zungenbeins und Kehlkopfes könne man von erdrosseln als Todesursache ausgehen.

    Ich wollte nun einfach wissen: Was bleibt von einer Leiche nach 25 Jahren Betonsarg und kann der Kehlkopf, der ja hauptsächlich aus Knorpel besteht, brechen und ist er nach 25 Jahren überhaupt noch erhalten.


    Andererseits, lieber Horst-Dieter, sind diese Mikrodetails nichts neues. Auf die hat schon Sherlock Holmes großen Wert gelegt.

  • Andererseits, lieber Horst-Dieter, sind diese Mikrodetails nichts neues. Auf die hat schon Sherlock Holmes großen Wert gelegt.

    Conan Doyle hat das aber in der Regel mit einer guten Geschichte verbunden. Ich nehme aber wahr (auch in anderen Zusammenhängen), dass diese Mikrodetails, die Suche nach einer möglichst perfiden Mordmethode oder die Entdeckung durch ungewöhnlichste Details im Vordergrund steht, und nicht die Geschichte an sich.

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Sagen & Legenden aus Franken

    ASIN/ISBN: 3955403602


    Mit Büchern können Sie meistens nicht viel verdienen. Aber ich komme in Kontakt mit anderen Menschen, und Buchveranstaltungen sind sehr viel besser als Rockfestivals.


    Billy Bragg (* 1957)

    Süddeutsche Zeitung Nr. 281 – 4. Dezember 2020, S. 26

  • Mikrodetails? In echt? 8)


    Ja, Akribie kann schnell zum Selbstzweck werden, oder sich als Ablenkungsmanöver entpuppen, aber grundsätzlich schlecht muss sowas nicht sein.


    Im Übrigen sei darauf hingewiesen, dass gute Sachbücher weitaus ausführlicher, (mikro-)detailreicher und fundierter sind als so gut wie alle Online-Quellen. Als Beispiel sei dieses Buch empfohlen, das vermutlich nicht wenige Kriminalromanautoren als hilfreich empfinden (würden). Eine befreundete Kriminalkommissarin, die auch mal Autorin war, empfiehlt es dringend, selbst für die Profis. Es ist sicher auch ... äh ... anregend:


    ASIN/ISBN: 3804732011

  • Mikrodetails? In echt? 8)

    Mir fiel keine schlimmere Bezeichnung dafür ein, dass sich Autorinnen und Autoren in der Suche nach der exakten möglichst abstrusen Todesvariante und/oder der extremsten Spurensuche versteigen, sich aber um die eigentlich Geschichte, deren Logik und Aufbau wenig kümmern.


    Keineswegs meine ich, dass man die Recherche im Detail vernachlässigen soll, ich finde aber, dass ist bei Belletristik nicht die Hauptsache, sondern nachgelagert.

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    Horst-Dieter Radke: Sagen & Legenden aus Franken

    ASIN/ISBN: 3955403602


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    Billy Bragg (* 1957)

    Süddeutsche Zeitung Nr. 281 – 4. Dezember 2020, S. 26