Recherche und korrekte Darstellung in Roman, Erzählung

  • … E bietet dem Leser auch ein U, aber U kein E. 😎

    Ja, da geht es schon los mit den Plattheiten.


    Lieber Jürgen, das ist genauso Blödsinn wie der, dass es kriterienlos ist, nicht an diesen Schablonen festzuhalten.

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Sagen & Legenden aus Franken

    ASIN/ISBN: 3955403602


    Mit Büchern können Sie meistens nicht viel verdienen. Aber ich komme in Kontakt mit anderen Menschen, und Buchveranstaltungen sind sehr viel besser als Rockfestivals.


    Billy Bragg (* 1957)

    Süddeutsche Zeitung Nr. 281 – 4. Dezember 2020, S. 26

  • Ohne "platte Schablonen" ist Literatur nur graue Soße, denn ohne Begriffe ist die Anschauung blind (Kant). :)

    ASIN/ISBN: 395494104X


    "... wat mi wedder insetten kunn in de Welt, dat was de Leiw'..."
    (Fritz Reuter: Ut mine Festungstid (Olle Kamellen II) (1861)


    Erzählen heißt: "auf dem hohen Meer den Versuch zu wiederholen, das Leben mit einem Fingerhut ausschöpfen zu wollen!"
    (Wilhelm Raabe: Stopfkuchen. Eine See- und Mordgeschichte. 1891)

  • Ohne "platte Schablonen" ist Literatur nur graue Soße, denn ohne Begriffe ist die Anschauung blind (Kant). :)

    Ja, das kann man machen, zur Argumentation Hinz, Kunz und Kant zitieren. Es passt hier nur nicht. Eine Einteilung in E- und U (und damit auch eine Wertung) lässt sich nicht mit Kants Aussage belegen. Literatur bleibt ja auch ohne diese Einteilugn Literatur. Außerdem lassen sich andere Kriterien (und Begriffe) finden.


    Solche überholten und unnützen Kategorisierungen lassen sich weder durch Kant noch durch andere Persönlichkeiten edeln. Die drehen sich vermutlich auch im Grabe - rotieren wohl schon - weil sie so missbraucht werden.

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  • Ja, das kann man machen, zur Argumentation Hinz, Kunz und Kant zitieren. Es passt hier nur nicht. Eine Einteilung in E- und U (und damit auch eine Wertung) lässt sich nicht mit Kants Aussage belegen. Literatur bleibt ja auch ohne diese Einteilugn Literatur. Außerdem lassen sich andere Kriterien (und Begriffe) finden.


    Solche überholten und unnützen Kategorisierungen lassen sich weder durch Kant noch durch andere Persönlichkeiten edeln. Die drehen sich vermutlich auch im Grabe - rotieren wohl schon - weil sie so missbraucht werden.

    Guten Morgen liebe Leute. Irgendwie kommt die Diskussion jetzt aber vom Ursprungsthema ab und kriegt 'n Drall in die falsche Richtung.

  • Hallo Jürgen und HD,


    ich habe immer wieder den Eindruck, dass die strikte Unterteilung in U und E vor allem etwas für den deutschsprachigen Raum Typisches ist. Ich lese recht gerne Literatur aus Island, und da erscheinen mir die Grenzen viel fließender zu sein.

    Und dann möchte ich tatsächlich mal wieder meinen Lieblingsautor ins Feld führen: E.T.A. Hoffmann hat zu seiner Zeit Unterhaltungsliteratur geschrieben, und er hat sich, um damit Geld zu verdienen, auch sämtlicher Muster der Trivialliteratur bedient. Heute zählt er zu den Großen der Literaturgeschichte und damit wohl zugleich auch zur E-Literatur.


    Und dann noch ein ganz anderer Aspekt: Ich fürchte, als Autoren können wir diese Grenzen ja gerne ablehnen, solange wir wollen. Die Verlage lehnen sie nicht ab, vielmehr pressen sie uns oft schon vorm Schreiben in Genre-Schubladen, sie wollen sortieren, katalogisieren und machen dazu oft sehr genaue Vorgaben über die Struktur von Texten. Wer einen leichten Unterhaltungsstil hat (wurde mir schon öfter für meine Texte bestätigt), der "darf" damit keine "ernsthaften" Geschichten erzählen, das passt dann in keine Rubrik. Dabei wäre das für mich persönlich die ganz große Kunst (vielleicht auch ein Grund, warum ich Hoffmann so liebe): Unterhaltsam und leicht lesbar eine anspruchsvolle Geschichte zu erzählen. Ich will damit nicht sagen, dass ausgerechnet ich Talent genug habe, das zu schaffen. Aber für mich ist das, wo immer es gelingt, großartige Literatur.


    Angeblich sollen es ja die Buchhändler sein, die besonders dringend wissen müssen, in welches Regal sie ein Buch stellen sollen:). Kristin, stimmt das?


    @Ben: Tut mir leid, dass auch ich beim Vom-Thema-Abweichen mitmache. Vielleicht kann ja jemand einen Teil dieses Threads abschneiden und daraus einen neuen machen. Wäre wahrscheinlich gut, denn die Diskussion an sich ist ja interessant, nur hier tatsächlich am falschen Ort.

  • Anja

    :blume


    Gegen Kategorien habe ich gar nichts einzuwenden, insbesondere dann, wenn Sie nicht gleich wertend sind. Ob etwas Krimi, Historisch, SF, Liebe oder was auch immer ist, sagt ja zunächst nichts darüber aus, wie gut diese Literatur ist. Diese Kategorisierung ist auch nicht elitär.


    @Ben

    Es stimmt schon, ein wenig weicht dieser Streit um die Henne und das Ei ;) vom Ausgangsthema ab, doch nicht ganz so weit, wie es scheint. Die Frage, wie weit Recherche für Belletristik gehen muss/darf (?) hängt ja auch damit zusammen, was und für wen man schreibt. Satire darf sich fast alles erlauben. In SF können "Fakten" genannt werden, die es noch gar nicht gibt (vermutlich auch nie geben wird) und im Krimi leben wir mit "Realitäten", die es real nie gab und nicht gibt. Aber gerade unter den Krimis, die echte Polizeiarbeit kaum vernünftig abbilden, gibt es ausgesprochen gute Romane. Die von Arjouni zum Beispiel, oder von Friedrich Ani (ich muss jetzt aufhören, sonst wird die Liste zu lang). Das Einsortieren solcher "unterhaltenden" Belletristik in die Schublade U finde ich jedoch ausgesprochen ********* ")", insbesondere weil es in diesen beiden Schubladen (E und U) gehörig muffelt - die Mottenkugeln sind dort schon seit Jahrzehnten nicht wieder ausgetauscht worden.

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  • Hallo Tom,


    aber wo würdest Du dann etwa jemanden wie Peter Handke oder Thomas Bernhard einordnen? Für mich wäre das schon nicht mehr gehobene Belletristik. Ob man es deshalb als "ernste" Literatur einordnen muss, ist noch etwas anderes. Aber Belletristik, auch gehobene ...? ich weiß nicht.

    Am ehesten nennt man es wohl "zeitgenössische Literatur", da wird aber das Wort "Literatur" in Abgrenzung zu "Unterhaltungsroman" verwendet, was auch nicht so weit weg ist von der Klassifizierung als E.

  • Ob nun "E-Literatur" oder "anspruchsvolle Belletristik": Das sind verschiedene Worte, die für den gleichen gedanklichen Inhalt stehen und Literatur als Kunstform auffassen. Es gibt einen Unterschied zwischen Heftchenroman und Epopöe, aber wenn man den nur in einem Geschmacksurteil sehen will, wäre jedes weitere Wort Verschwendung, denn über Geschmack kann man bekanntlich nicht streiten (weil er gemäß Kant der Sinnlichkeit und nicht der Vernunft zugeordnet ist). Wenn man aber zu einem begründeten Unterscheidungsurteil kommen will, führt kein Weg am Nachdenken vorbei: Literatur als besondere Kunstform muss reflektiert und auf den Begriff gebracht werden. Kant unterscheidet sehr wohl scharf zwischen Alltag, Wissenschaft, Kunst, Religion etc. Die Kunst fasst er als etwas, das "interesseloses Wohlgefallen" stiftet, das heißt, dass es weder vorrangig die Sinne und Triebe anregt und befriedigt noch Ausdruck hoher moralischer Werte ist. Von da ausgehend müsste nachgedacht werden, durch welche konkreten Formen "anspruchsvolle Belletristik" gekennzeichnet ist. Ob "unterhaltsam und leicht lesbar" als Junktim dazugehören? Wer hat überhaupt die bescheuerte Vorstellung in die Welt gesetzt, dass sich anstrengen, abmühen, kämpfen etc. partout nicht zum Unterhalten gehören???:evil

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  • Zwischen Heftchenromanen und Handke ist eine ziemlich große Bandbreite. Wo man nun den Schnitt ansetzt, wo man das Ernste von der Unterhaltung trennt, ist noch nicht schlüssig erklärt worden. Auch von Kant nicht und schon gar nicht von denen, die sich auf ihn berufen. Manche Heftchenromane liegen niveaumäßig über gewisser Literatur, die sich zwischen Buchdeckeln versteckt. Von einigen (wenigen) Büchern Handkes habe ich mich durchaus unterhalten gefühlt und es gibt Texte, beispielsweise von Grass, die trivial sind. Literatur ist so schillernd vielfältig, dass eine Klassifizierung lediglich in zwei Kategorien schon von vornherein nicht hilfreich, sondern schädlich ist.

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  • Dieser Streit ist ja schon ganz alt und super-grundsätzlich. Besonders unterhaltsam finde ich ihn hier vorgetragen (ab Minute 2:15) :)


    "Und eh man sich's versieht, ist's eben ein Roman" :)

  • Aber auch hier gilt: "Ernst" als Begriff, der die "hohe" etc. Literatur erfassen will, hat nicht mehr die gleiche Bedeutung wie das normale Wort "ernst", das das Gegenteil von heiter, lustig etc. ist. So lustige Bücher wie Faust, Buddenbrooks, Zettels Traum etc. etc. würden zur E zählen, obwohl sie natürlich nicht "ernst", sondern anspruchsvoll und unterhaltsam (als Junktim!) sind. Und, mal als These: Anspruchsvolle und unterhaltsame E-Werke, die die Wirklichkeit in einer stark verfremdenden Weise auf verschiedenen Ebenen widerspiegeln, sind in hohem Maße "korrekt" und realistisch in ihrer Darstellung des Menschen in der Welt.:)

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    Erzählen heißt: "auf dem hohen Meer den Versuch zu wiederholen, das Leben mit einem Fingerhut ausschöpfen zu wollen!"
    (Wilhelm Raabe: Stopfkuchen. Eine See- und Mordgeschichte. 1891)

  • Diese Einteilung - und das Beharren darauf - geschieht immer aus der Perspektive "E". Schon deshalb ist nicht viel damit anzufangen, sie ist eben elitär und dünkelhaft. Die Frage nach der "Grenzziehung", der "Trennlinie" wurde ja auch nichr beantwortet sondern schön ignoriert. Herr Goethe beispielsweise lobte Autoren wie Scott und Cooper in höchsten Tönen, Autoren also, die schnöde Abenteuerliteratur schrieben. Ob er mit einer Klassifizierung der Literatur in E und U etwas hätte anfangen wollen, bezweifle ich sehr.

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  • Ob er mit einer Klassifizierung der Literatur in E und U etwas hätte anfangen wollen, bezweifle ich sehr.

    Liegt's daran, dass es zu Goethes Zeiten diese Einteilung noch nicht gab? Und schließlich hat Goethe für seine Leser auch Unterhaltungsliteratur geschrieben. Ich unterhalt' mich heute noch köstlich, wenn ich die Geschichte über den Päderasten Faust lese.

  • Sorry, Ben, jetzt sind wir hier richtig auf Tauchgang und haben das Grundthema total verlassen :)


    Für mich ist das Grandiose an der Szene vor der übergroßen Bühnenkiste (außer Gründgens und dem reinen Sprachgenuss natürlich), dass die U/E-Einteilung hauptsächlich im Interesse des Verkäufers scheint. Also das, was Anja oben angesprochen hat.