Stewart O'Nan: Abschied von Chautauqua

  • Vom Gefühl, beim Romanlesen Menschen kennenzulernen


    fuenfsterne.gif


    Stewart O'Nan verkörpert eine Eigenschaft, die ich im "normalen Leben", wie man so schön sagt, eher irritierend, fast nervtötend finde: Er ist akribisch. Er ist nicht nur ausführlich, nicht nur präzise, widmet nicht nur jeder Nuance seine Aufmerksamkeit, nein, er geht noch einen Schritt weiter. Merkwürdigerweise hat es hier genau die gegenteilige Wirkung, die der gleiche Versuch bei vielen Nachwuchsautoren hat, die meinen, Geschichten wären nur dann besonders gut, wenn man einfach nichts weglässt, wenn man dem Vollständigkeitsdrang folgt. Diese Leute generieren oft nichts als tödliche Langeweile.


    Aber Stewart O'Nan zieht in den Bann. Er macht es spannend, wenn man so viel erfahren kann, wenn man die Figuren so genau erforschen kann. Denn das Romanpersonal wird und wirkt auf diese Art besonders lebendig. Und das, obwohl eigentlich nicht viel passiert.



    Henry ist gestorben, das ist ungefähr ein Dreivierteljahr her, und jetzt geht es für die Familie zum letzten Mal an den Lake Chautauqua, ins Sommerhaus direkt am See im Nordwesten des Staates New York, nicht weit vom riesigen Eriesee entfernt. Neben Henrys Witwe Emily ist ihre Schwägerin Arlene dabei, außerdem Emilys erwachsene Kinder Kenneth und Margaret, Kens Ehefrau Lisa und insgesamt vier Kinder. Nicht zu vergessen Rufus, der Hund von Emily und Henry, der allmählich selbst in die Jahre kommt.


    O'Nan erzählt von dieser letzten Woche im Haus, das die Familie seit vier Jahrzehnten besitzt. Das Buch ist in acht Abschnitte geteilt, für jeden Tag gibt es einen, auf insgesamt über 600 Seiten. Aus wechselnden Perspektiven geht es aber nicht nur um diese Ferienwoche, um den Abschied vom Sommerhaus, das Emily verkauft hat, um Erinnerungen an den Ehemann, Bruder, Vater und Großvater, sondern auch um eine Bestandsaufnahme, um die Bedeutung von Familie, um Ziele und Wünsche, um Erwartungen und Enttäuschungen, und um die Zukunft. Ken, der Sohn, wäre so gerne ein großartiger Fotograf, aber er fürchtet nicht zu Unrecht, der Mittelmäßigkeit deutlich näher zu sein als der Professionalität, und außerdem ist er notorisch pleite. Margaret, genannt Meg, wurde vom Ehemann verlassen und hat einen Alkoholentzug hinter sich, sie fürchtet um den Respekt ihrer Kinder und um ihre wirtschaftliche Existenz. Lisa, Kens Frau, hat irgendwie alles ein bisschen satt, fühlt sich aber vor allem in Emilys Nähe unwohl. Sam, der Sohn der beiden, leidet unter Kleptomanie, und die unscheinbare Tochter Ella ist in ihre strahlend schöne und selbstbewusste Cousine Sarah verliebt. Die wiederum trauert einem Jungen hinterher, der sich nicht mehr meldet. Justin, ihr Bruder, hat vor zu vielen Dingen Angst, wie er glaubt. Und Emily, die Großmutter, Mutter, Witwe und Schwester muss in ihrer sorgfältigen, wohldurchdachten, vorausschauenden, oft aber auch ziemlich selbstgerechten Art mit einer Situation umgehen, die sich weder planen lässt, noch mit ihren üblichen Strategien bewältigt werden kann.



    Sie grillen, sie fahren mit dem Boot auf dem See, sie baden, sie essen, sie spielen Gameboy, sie schauen sich Filme an, sie fahren Fahrrad, sie machen Ausflüge, sie golfen, sie kaufen Nippes, sie reden. Es gibt ein Problem mit Ameisen im Briefkasten und die Notwendigkeit, sich für Dinge aus dem Haus zu entscheiden, die mitgenommen werden könnten. Was in dieser Woche am Lake Chautauqua geschieht, ist, von der vermeintlichen Entführung einer Tankstellenmitarbeiterin abgesehen, deren Zeuge Ken beinahe wurde, alles andere als spektakulär, und selbst dieser Nebenstrang meidet jede Klimax.



    Diese - wie alle Romane von Stewart O'Nan - bemerkenswerte, im Jahr 2003 erschienene Erzählung hat inzwischen zwei großartige Nachfolger, nämlich "Emily, allein" und "Henry, persönlich", die man durchaus lesen kann, ohne den Vorgänger zu kennen, aber "Abschied von Chautauqua" verfügt über eine Dichte und Wahrhaftigkeit, die unvergleichlich ist. Dieser Sommer am See mit seiner nostalgischen Melancholie, seiner Vergänglichkeit, seiner Fokussiertheit, seiner Sorgenträchtigkeit, seiner kleinen oder größeren Katharsis für alle Beteiligten, das liest sich und fühlt sich an, als wäre man dabei gewesen, als hätte man aus dem Nachbarhaus der Lerners, die in diesem Sommer nicht am See sind und deren Alarmanlage ständig losgeht, heimlich alles beobachtet und belauscht, und dabei auch in die Köpfe hineingeschaut. Dieses Kunststück ist umso beeindruckender, da O'Nan hier drei Generationen versammelt, und ob er nun die zaghafte Arlene oder den schüchternen Justin erzählen lässt - es gelingt einfach.



    Die Bücher von Stewart O'Nan sind sicher nichts für Leser, die steile Spannungsbögen, angsteinflößende Cliffhanger oder reißerische Hooks erwarten. Für die anderen aber sind sie ein Genuss, und "Chautauqua" ist hierbei so etwas wie der Hauptgang im Sternerestaurant, für das man schon ein Jahr vorher einen Tisch reservieren musste.


    ASIN/ISBN: 3499234912

  • Danke, Tom, für diese wieder sehr umfassende und Lust aufs Lesen auch dieses Buches weckende Rezension. Erst kürzlich hattest du ja Emily, allein von Stewart O'Nan besprochen. Der Stapel ungelesener Bücher wächst immer weiter und die Liste der zu kaufenden Bücher wird immer länger. Und heute hast du es tatsächlich geschafft, die Liste noch um zwei weitere Bücher länger werden zu lassen. :) Irgendetwas stimmt nicht mit meinem Zeitmanagement. :(

    Nochmals danke, nicht nur für diese Rezension. :)

  • Danke für den Hinweis. :) Chautauqua steht auf der Liste und wird zusammen mit Emily in den nächsten Tagen gekauft.

    Und im Vorprogramm der beiden Romane höre ich heute Abend New Chautauqua von Pat Metheny. Nomen est omen. Das war eine der Platten, die ich vor Jahrzehnten nicht oft genug hören konnte.

  • Und im Vorprogramm der beiden Romane höre ich heute Abend New Chautauqua von Pat Metheny. Nomen est omen. Das war eine der Platten, die ich vor Jahrzehnten nicht oft genug hören konnte.

    Das ist eine der Platten, die ich immer wieder mal vorhole und auflege, und bei der ich mich auch nie nach der CD Neuauflage bemüht habe

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Wanderungen für Senioren - Mainfranken

    ASIN/ISBN: 3862466876


    Man darf eine schöne Geschichte nie ganz zu Ende erzählen.


    Hans Dieter Schmidt (1930 - 2005)

    aus: Melusine und schwarze Wasser, Wertheim, 1980)

  • Wunderbar, lieber Tom - beide Bücher von O'Nan werde ich mit in den Urlaub nehmen. Ich habe ihn immer schon gerne gelesen und leider aus den Augen verloren.

    Aber bei dir weiß ich, dass deine Rezis gut und stimmig sind und dass ich begeistert sein werde. Danke.