Pseudonym trifft auf Autorenvita

  • Das Pseudonym von Elena Ferrante ist im Oktober 2016 von einem Journalisten "enthüllt" worden.


    Wenn ein Pseudonym bzw. ein Künstlername im Personalausweis eingetragen ist, hat, vom Finanzamt und Einwohnermeldeamt abgesehen, niemand das Recht, den damit verbundenen bürgerlichen Namen zu erfahren. Man darf nahezu jede Art von Rechtsgeschäft unter diesem Namen tätigen. Verlag und/oder Agentur haben keinen Anspruch darauf, zu erfahren, dass der Name ein Pseudonym bzw. ein Künstlername ist. Die Verfolgbarkeit der Person ist durch die Eintragung gewährleistet; sollte also eine Straftat begangen werden, auch im Zusammenhang mit der Veröffentlichung, dann haben die Behörden die Möglichkeit, die dahinterstehende bürgerliche Identität zu ermitteln. Man kann also in fast jeder Hinsicht unter dem Pseudonym auftreten, und nicht wenige Künstler machen das auch. Es ist kein persönlicher Kontakt nötig, um Verlags- oder Agenturverträge abzuschließen, oder um Tantiemen zu kassieren. Es prüft ohnehin kein Verlag die Identität der Autoren etwa durch Kontrolle der Ausweise. Man kann unter dem Künstlernamen auch Bankkonten eröffnen oder Autos anmelden. Wie gesagt, vom Finanzamt und den Einwohnerämtern abgesehen, kann man das wasserdicht gestalten. Nur bei Auftritten in der Öffentlichkeit wird das natürlich ggf. schwierig. Es gibt aber nicht wenige Autoren, die nie auf Partys oder Lesungen erscheinen. Die Impressumspflicht für Website und sonstige Publikationen ist auch kein Hindernis.


    Edit: Der einzige Haken besteht darin, dass man das Pseudonym erst eingetragen bekommt, wenn man nachweisen kann, dass man unter diesem Pseudonym in nennenswerter Form erfolgreich aktiv ist. Mehr dazu auch hier.

  • Die "Ermittlungen" von Claudio Gatti sind nie verifiziert worden, das stimmt. Glücklicherweise haben sich auch nur wenige Medien weiter auf dieses Thema eingelassen.


    Und noch einmal kurz zur Ausgangsfrage: Mit "Autorenvita" bei Literatur- und Agenturkontakt sind die weiter oben genannten Punkte (Veröffentlichungen, Preise, Stipendien) gemeint, und alles darüber hinaus ist fakultativ.

  • Ach so: Das, was ich in Nachricht #62 geschrieben habe, gilt nicht, wenn man einfach nur ein Pseudonym wählt, ob das nun als Marke eingetragen ist oder nicht. Die Marke hat hier keine namensrechtliche Wirkung und ist in diesem Zusammenhang völlig irrelevant. Man kann unter einem Pseudonym veröffentlichen, das nicht eingetragen ist, aber die natürliche Person dahinter muss z.B. über Impressum, den Verlag oder ähnliche(s) eben als veröffentlichungsverantwortliche Person bzw. Urheber ermittelbar sein. Das ist bei einem eingetragenen Künstlernamen anders. Aber man kann nur einen Künstlernamen eintragen lassen, während man unter beliebig vielen Pseudonymen veröffentlichen kann. Auch, wenn man einen eingetragenen Künstlernamen hat. ;)

  • Das Pseudonym von Elena Ferrante ist im Oktober 2016 von einem Journalisten "enthüllt" worden.

    Man muss Margarethe Stokowski wohl Recht geben. Allerdings wiederholt sie in Ihrem Spiegel-Artikel viele der "Enthüllungen" und sorgt damit (wiewohl eher unabsichtlich) für ihre weitere Verbreitung. War das wirklich eine so gute Idee von Frau Stokowski?

  • lyrx: Die Medien, die Gattis Rechercheergebnisse damals veröffentlicht haben, haben viel Dresche dafür bekommen, aber ein kulturell relevanter Vorgang ist nun einmal ein kulturell relevanter Vorgang (im öffentlichen Interesse, siehe unten), und die vermeintliche Enthüllung des Pseudonyms einer Bestsellerautorin, die vorher angekündigt hat, sie würde das Veröffentlichen aufgeben, wenn ihr Pseudonym enthüllt wird, gehört wohl dazu. Aber es ist relativ schnell wieder Ruhe eingekehrt, und spätere Versuche, das weiter zu thematisieren, sind eher versandet. Da wollte sich keiner mehr die Finger verbrennen, nehme ich an.


    Ich finde, dass es in dieser Frage kein eindeutiges Richtig oder Falsch gibt. Ich kann die Argumente verstehen und nachvollziehen, die Frau Stokowski anführt, und es ist wirklich fragwürdig, was nicht nur von Gatti alles angestellt wurde, um dieses Geheimnis zu lüften, aber ich verstehe auch das Bedürfnis von Lesern, den Menschen als Menschen zu sehen, der das gemacht hat, was sie gerne lesen. Und es gibt meines Wissens kein Recht darauf, aktiv zu verhindern, dass jemand herauszufinden versucht, wer ich bin, wenn ich unter einem Pseudonym veröffentliche. Was ich verhindern kann, das ist die Preisgabe von Informationen über mein reales Privatleben. So, wie das z.B. der Komiker "Atze Schröder" schon seit Jahren sehr erfolgreich praktiziert, nicht zuletzt gegen Wikipedia. Allerdings attestieren die Gerichte regelmäßig eben auch, dass es ein öffentliches Interesse an der Offenlegung solcher Pseudonyme und Anonymitäten gibt, und das ist dann ggf. gegen Personenrechte abzuwägen.

  • Wer als prominenter Autor wirklich anonym bleiben will, sollte nicht versuchen, sich zu verstecken, sondern der Öffentlichkeit einen Doppelgänger anbieten, der absolut langweilig und uninteressant ist. Geheimnisse sind interessant und wollen ergründet werden.

    Und wenn man teuere Immobilien kauft, sollte man schon so gescheit sein, das nicht auf den eigenen Namen zu tun, sondern über eine Briefkastenfirma, am besten im Ausland. Offiziell ist man nur Mieter. Das spart erst noch Ärger mit der Steuer. ;)

  • Hmmm … als Journalist, der ich bin, sage ich mal so: Wer versucht, sich zu verstecken, lockt natürlich auch diejenigen an, die versuchen werden, dich aufzuspüren. Und die Journalistenschelte von Margarete Stokowski hört sich für mich fast schon neidvoll an, als missgönne sie dem italienischen Kollegen seinen durch Beharrlichkeit erreichten Erfolg.

    Ich weiß nicht, wie es in Italien juristisch gehalten wird. Aber zumindest in Deutschland wäre die Autorin eine relative Person der Zeitgeschichte, deren Persönlichkeit durch ihre Arbeit in der Öffentlichkeit auch besonderem Interesse durch die Medien unterliegt. Zu den relativen Personen der Zeitgeschichte zähle ich auch Journalisten im Zusammenhang mit ihrer öffentlichen Tätigkeit.

    Insofern ist es für mich durchaus legitim, auch einer seit vielen Jahren erfolgreichen (im Sinn von viel gelesenen und dadurch einer breiten Öffentlichkeit bekannten) Autorin hinterher zu recherchieren.

    Wer das grundsätzlich verhindern möchte, darf sich nicht in die Öffentlichkeit begeben.


    Hätte sich Frau Stokowski ebenso über Gerd Heidemann aufgeregt? Nein, nicht der Hitler-Tagebücher wegen, sondern wegen seiner Recherchereise über B. Traven Jahre zuvor? Auch Traven wollte unerkannt bleiben, dennoch versuchten viele, sein wahres Ich zu erkunden. Aufgeregt hat sich keiner. Gelauert, wer's sein könnte, haben … nun ja … viele.

  • … als missgönne sie dem italienischen Kollegen seinen durch Beharrlichkeit erreichten Erfolg.

    So könnte sich jeder Paparazzo herausreden.


    Andererseits implementiert jedes Verstecken auch das Entdecken. Wer nicht gesehen werden will und sich doch in irgendeine Art von Öffentlichkeit begibt, kann sich nicht auf ein "Recht, ungesehen zu bleiben" berufen. Dieses Recht gibt es schlicht nicht. Insofern ist die "Enthüllung eines Pseudonyms" allein nicht verwerfelich, die Methoden, die angewandt wurden, unter Umständen jedoch durchaus.

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Sagen des Mittelalters

    ASIN/ISBN: 3955402630


    Der Leser oder Zuhörer von Serien ist ein Getriebener, ein Hase aus freien Stücken.


    Heinrich Steinfest (*1961)

    Süddeutsche Zeitung Nr. 92 – 18./19. April .2019

  • So könnte sich jeder Paparazzo herausreden.


    Andererseits implementiert jedes Verstecken auch das Entdecken. Wer nicht gesehen werden will und sich doch in irgendeine Art von Öffentlichkeit begibt, kann sich nicht auf ein "Recht, ungesehen zu bleiben" berufen. Dieses Recht gibt es schlicht nicht. Insofern ist die "Enthüllung eines Pseudonyms" allein nicht verwerfelich, die Methoden, die angewandt wurden, unter Umständen jedoch durchaus.

    Du weißt schon, dass ein Paparazzo ein Fotograf ist? Also mit diesem Vergleich tatsächlich das falsche Bild projiziert wird?

    Und deine Unterstellung, so könne man sich herausreden … nun ja … ich lass das mal unkommentiert.


    Die Methoden, die Gatti angeblich anwendete, sind in dem Artikel nur ansatzweise genannt, entsprechen aber üblichen Recherchemethoden im Journalismus. Dass Frau Stokowski sie in einem Atemzug mit Stalker-Methoden nennt, qualifiziert sie nicht grade.

    Wenn aber im Zuge der Recherchen des Kollegen Gatti herauskam, dass bei besagter Autorin der Verdacht der Steuerhinterziehung aufkam, dann hat er ja sogar noch etwas Positives für die italienische Gesellschaft bewirkt.


    Wenn andererseits ein Günter Wallraff in Verkleidung recherchiert, Missstände aufdeckt und veröffentlicht, wird er gefeiert? Da scheint mir doch in der Meinung so mancher Bigotterie durchzuschimmern.

  • Ben Vart

    Ja, der Vergleich mit einem "Fotografen" hinkt ein wenig, aber nur ein bisschen, weil es sich dabei immer um Fotojournalisten handelt, die etwas an die Öffentlichkeit bringen, was die jeweiligen Personen nicht wollen.


    Wallfraff hingegen ist ein ganz schlechter Vergleich. Er geht für eine begrenzte Zeit anonym los um eben Misstände aufzudecken, gibt das Anonym aber anschließend auf. Das passt überhaupt nicht zu diesem Vergleich.


    Der Artikel von Frau Stokowski ist Spiegeltypisch. Immer ein bisschen (oder manchmal sogar mehr) moralisch angehaucht, weil so etwas die Emotionen beim Leser gezielt kitzeln. Der Spiegel sieht sich ja immer als eine Art Aufklärer. Im politischen Bereich durfte er sich das im letzten Jahrtausend durchaus auf die Fahnen schreiben. Inzwischen ist das weitgehend verloren gegangen. Andere Zeitungen und Medien machen das inzwischen besser. Und im kulturellen Bereich ist der Spiegel ohnehin nicht ernst zu nehmen.

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    ASIN/ISBN: 3955402630


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    Heinrich Steinfest (*1961)

    Süddeutsche Zeitung Nr. 92 – 18./19. April .2019

  • So, zum Abschluss meines erfolgreichen Jahres, klinke ich mich dann doch noch einmal ein, nur um mein angekratztes Ego ruhig zu stellen, aber dazu kommen wir später.


    Es freut mich, welch angeregte Konversationen zu meinen Beiträgen geführt werden, das gibt mir auch das Gefühl, dazu zu gehören. Derzeit lerne ich als "Hobbyautor" viel neues kennen, knüpfe neue Kontakte oder bespreche mich mit Weg Begleitern.


    An dieser Stelle möchte ich mich auch bei meinem besten Freud und Unterstützer Sebastian bedanken, den ich immer als "Stift" bezeichne, ich weiß das er mitließt. Ihm habt ihr auch meine Anwesenheit in diesem Forum zu verdanken, ich wäre von alleine nie auf die Idee gekommen meine Fragen und Ideen in einem öffentlichen Forum zu posten.


    Kommen wir zu meinem angekratzten Ego, ja das tut schon ganz schön weh. Entweder muss ich mich klarer ausdrücken oder ich wurde einfach nur missverstanden...


    Natürlich weiß ich das hier jeder freiwillig und in seiner Freizeit aktiv ist, dass ist bei mir nicht anders. Es war daher nicht in meiner Absicht, irgendwem auf welche Art und Weise auch immer zu nahe zu treten oder gar etwas vor zu werfen.


    Ich ziehe mich in den nächsten Tagen wieder in die Reihen der stillen Mitleser zurück, ich glaube, das ist für alle beteiligten besser :)


    Es grüßt euch herzlich, das namenlose Grünhorn aus den Tiefen des schwarzen Waldes.

  • Und weil es mich ein bisschen nervt, dass ich meine, einen leichten Vorwurf herauszuhören (Wieso gibt es hier sowas nicht, gibt es doch anderswo auch), erwähne ich nur mal, dass wir alle hier ganz freiwillig und ohne Bezahlung oder so tätig sind. Wir helfen uns gegenseitig, und das machen wir alle neben unseren Brotjobs, unseren eigenen Schreibprojekten und den Projekten, die wir für den Verein machen. Ach, und dann haben wir alle noch so etwas wie ein Privatleben. Wir machen das - meistens - gern, aber es ist nichts, was jemand einfordern kann oder sollte. Oder uns einreden, was für ein Wahnsinnsspaß das sein könnte.

    Es liegt mir fern, hier unbekannte Mitmenschen mit Vorwürfen zu überschütten, so war das ganz und gar nicht gemeint. Nein, es war viel mehr Frage und Vorschlag in einem, wenn es aber schon etwas in dieser Art gibt erfreut es mich umso mehr.

  • ich glaube eher, dass die Anonymitätstendenz in der Gegenwart eher etwas mit Journalisten zu tun hat, die haben nämlich ihre BLID-Gründe in den Betten anderer Leute Gerüche schnüffeln zu wollen....

    Hier möchte ich mich, als Vertreter der pauschal genannten Gruppe der Journalisten, dagegen verwahren, dass eine Berufsgruppe in toto diskreditiert wird. Nicht umsonst ist Presse- und Meinungsfreiheit in Deutschland ein Grundrecht. Und wie bei den Autoherstellern, den Rechtsanwälten oder auch den Richtern gibt es auch unter Journalisten schwarze Schafe.

  • Hier möchte ich mich, als Vertreter der pauschal genannten Gruppe der Journalisten, dagegen verwahren, dass eine Berufsgruppe in toto diskreditiert wird. Nicht umsonst ist Presse- und Meinungsfreiheit in Deutschland ein Grundrecht. Und wie bei den Autoherstellern, den Rechtsanwälten oder auch den Richtern gibt es auch unter Journalisten schwarze Schafe.

    in toto hatte ich es nicht gemeint, diskreditierend auch nicht, es war mein Ausdruck, meine Meinung zu einer Tendenz.... Journalisten haben zum Beispiel auch viele Privilegien, berufliche Sonderrechte, die Schriftsteller zum Beispiel nicht haben und man erfährt von Niemanden ob sie mit diesen Privilegien überhaupt angemessen umgehen können... Und freilich Ben Vart, kann ich dich persönlich gar nicht gemeint haben....


    freundlichen Gruß

  • Hallo, Ben.


    Da gab es mal diesen Typen, der als Strafe der Götter einen Stein immer wieder denselben Hang hochrollen musste. Weil alle Hänge bebaut sind und alle Steine der entsprechenden Größenordnung zu Andenken umgemeißelt, besteht die Aufgabe jetzt darin, Gespräche mit "Ostelbe Sieben" zu führen. Herzlichen Glückwunsch! :)


    Spaß beiseite. Bevor Du Dich darauf einlässt, zu versuchen, diese Nachrichten zu entschlüsseln, schau Dir doch einfach mal die Beitragshistorie von OE7 an. Das kann Dir eine Menge ersparen. ;)

  • So adhoc return, ist der erste Eintrag der Suchmaschine zum Suchbegriff: Journalistenprivilegien dieser hier...


    Und dass mit dem einfallslosen Männlein das den Unterschied vom Obelisk und Kopernikus nicht kennen konnte, kann man in Gesprächen zu einem ernst zu nehmenden Problem aufhäufen, man kann es freilich auch sein lassen und sich mit der Frage beschäftigen was nun zuerst da war, die Sonne oder der Berg, oder vielleicht die Sonne und der Berg, oder vielleicht die Sonne, der Berg und Kopernikus, oder die Sonne, der Obelisk und Kopernikus, oder, oder, oder. Von Tom besagtes Männlein gibt es jedenfalls nicht, ist eine Erfindung ;)

  • Was ist an dem, was in deinem Link steht besonders? Das sind keine Sonderrechte für Journalisten, vielmehr wird dieses Recht Verlagen und Sendern zugestanden und von diesen auf ihre Vertreter, eben die Journalisten, übertragen.


    Lies einfach mal das Grundgesetz, Artikel 5


    "(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

    (2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.

    (3) Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung."


    Da steht eindeutig: Jeder hat das Recht … aus allgemein zugänglichen Quellen …


    und es steht da auch: "Kunst und Wissenschaft, Forschung Lehre sind frei. Darunter fallen auch Autoren. Und wenn ein Autor für ein Buch recherchiert, ist eine Pressestelle die letzte, die ihn abweist.