Günther Emigs Literatur-Betrieb

  • Buchhandlungen werden geschlossen (nicht überall), Verlage fahren ihre Programme zurück oder verschieben sie – dabei haben wir selten so viel Zeit zum Lesen gehabt. Zwischenmenschlich dürfen wir nur auf einmeterfünfzig Abstand, aber das Buch (oder den Reader) dürfen wir ganz nah ans Gesicht halten. Die großen Publikumsverlage werden wohl besser davon kommen als die Kleinen, deshalb wäre es als Leser nicht verkehrt, gerade diese ein wenig zu stützen in dieser virenbelasteten Zeit. Möglichst durch Direktbestellungen, denn da bleibt mehr für die Verlage hängen, als wenn es durch die Buchhandelsketten oder gar durch den Regenwald geht.


    Hier mein erster Tipp: Günther Emigs Literatur-Betrieb. Als erstes empfehle ich schon mal die Jahrbücher von "Hammer und Veilchen". Darin sind Kurzgeschichten und Kurzprosa vom Feinsten zu finden (u.a. von Tanja Dückers) und zwar aus den letzten sechs Jahren. Insbesondere für die Leserinnen und Leser interessant, die noch meinen, die deutsche Kurzgeschichte wäre in den 1950er Jahren entstanden und in den 1960ern gestorben. Wer Kurz nicht mag, kann es auch ganz lang haben, nämlich das "Kätchen von Heilbronn". Wem Kleist dazu einfällt, liegt nicht falsch, in diesem Fall aber total daneben. Günther Emig hat nämlich einen 3200 Seiten langen Kolportageroman wieder aufgelegt, allerdings nur als E-Book. Und auch sonst lohnt sich, im Angebot dieses Kleinstverlages zu stöbern, da ist noch manches andere interessante zu finden.


    Meine Güte - statt den x-ten Fantasyroman mit dem immer gleichen Personal, dem hundertundelften Thriller um die Weltverschwörung oder die abermillionenste Liebesschmonzette - lest doch mal was anderes!

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Erlebnis-Wanderungen Odenwald

    ASIN/ISBN: 386246752X


    "In der industriellen Tierhaltung ist jegliche Empathie für die sogenannten Nutztiere verloren gegangen."


    Rupert Ebner

    SZ Nr. 78, 6.4.2021, S. 15

  • Ganz ehrlich - ich habe von Beginn der Krise an gedacht, dass das jetzt eigentlich wieder DIE Chance für den Buchmarkt sein müsste! Wie du schon sagst... wo man soziale Kontakte meiden muss, haben Bücher doch wieder eine riesige Chance!
    Davon abgesehen können Bücher ohne soziale Kontakte geschrieben und lektoriert werden... eigentlich müssten Verlage doch jetzt richtig Gas geben anstatt ihre Programme runter zu fahren..??

  • Hallo, Bettina.


    Nunwohl, das große A bestellt im Moment keine Bücher bei den Verlagen bzw. Barsortimentern nach, und nach eigenen Aussagen tut es das, um die Lager für relevantere Artikel freizuhalten. Aber auch Bücher, die noch auf Lager sind, werden mit einer Woche Lieferzeit versendet, während man Vibratoren oder Staubsaugerroboter morgen, spätestens übermorgen daheim hätte, bräuchte man derlei. Die Strategie dahinter ist klar: Weil eBooks und natürlich auch eBook-Reader umgehend zur Verfügung stehen, werden mehr Kunden in diese Richtung gelockt. Wer erstmal einen Kindle mit seiner exklusiven Anbindung an Amazon zu Hause hat, wird es sich zweimal überlegen, ob er erstens zusätzlich einen offenen Reader und zweitens noch in nennenswerter Menge Papierbücher kauft.


    Der stationäre Handel ist gerade lahmgelegt, und der Buchversandhandel wird - wurde - vom großen A beherrscht. Aus Sicht der Verlage hat es an dieser Stelle wenig Sinn, im Moment neue Programme zu pushen. Es gibt keine Lesetouren, es gibt keine Buchpräsentationen, es gibt vor allem keine Buchhandlungen. Auch wenn viele kleine Buchhandlungen versuchen, eine Art Lieferservice anzubieten, und auch wenn A-freie Bestelldienste wie Genialokal.de derzeit eine etwas höhere Nachfrage verzeichnen, ist doch unterm Strich der stationäre Handel komplett weg und der größte Versandhändler hat aussortiert. Es würde mehr schaden als nutzen, jetzt auch noch die Programme durchzuziehen. Das große A - das ja auch als Mitbewerber im Verlagswesen unterwegs ist - freut sich, würde ich meinen. Das ist eine perfide Strategie von Trump'scher Qualität. Aber auch ohne die A-Verweigerung wäre es im Moment ohne den stationären Buchhandel sinnlos, das Geschäft wie normal zu betreiben. Einige größere Verlage haben Kurzarbeit angemeldet oder die Büros vorübergehend komplett geschlossen. Ich weiß auch noch nicht, wann mein nächster Roman erscheinen wird, der ja eigentlich ab Ende Mai ausgeliefert werden sollte. Vermutlich geht auch Rowohlt mit dem restlichen Frühjahr in den Herbst.