Y. N. Harari, Eine kurze Geschichte der Menschheit

  • ASIN/ISBN: 3570552691


    Yuval Noah Harari ist Historiker. Geforscht hat er zur Militärgeschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Vielleicht war ihm das auf Dauer zu trocken. Jedenfalls hat er sich irgendwann den ganz großen Fragestellungen zugewandt und angefangen, populärwissenschaftliche Sachbücher mit makrohistorischer Perspektive zu schreiben. Die liegen derzeit in jeder Buchhandlung herum: Eine kurze Geschichte der Menschheit (2011), Homo Deus (2015), 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert (2018).


    Harari schreibt eine grandiose Sachbuchprosa. (Das kann man sicher auch dann vermuten, wenn man in Rechnung stellt, dass die deutsche Fassung von Eine kurze Geschichte der Menschheit eine Übersetzung aus dem Amerikanischen ist, die wiederum aus dem Hebräischen übersetzt ist.) Sein Stil ist wunderbar klar und lesbar, unterhaltsam, auch mal mit einer feinen Prise Ironie, und niemals professoral. Er jongliert nicht mit Namen, nennt die meisten nicht mal, ruft beim Leser nie dieses Gefühl wach, dass er schon wieder was nicht gewusst hat. Stattdessen erklärt er die kompliziertesten Dinge auf einfache, nachvollziehbare Weise, zeigt die großen Linien der menschlichen Geschichte, die wirklich wichtigen Strukturen, und vermittelt einem das Gefühl, dass man das nicht nur verstehen kann, sondern dass es auch was mit der Gegenwart zu tun hat. Dabei erzeugt er sogar eine gewisse Spannung. Man meint ja die Geschichte irgendwie zu kennen, aber bei diesem Historiker hat man den Eindruck, man erfährt etwas ganz Neues und will unbedingt wissen, worauf das hinausläuft. Spannung zu erzeugen mit so einem Thema, und das, obwohl man über Strukturen schreibt und eher wenig Anekdoten erzählt, das ist herausragend.


    So ungefähr könnte man es sagen, wenn man das Buch toll findet. Ich finde es bisher nicht so toll. Die Schreibweise ist mir viel zu suggestiv. Harari kommt weitgehend ohne Zweifel aus, ohne Abstufungen, allzufeine Differenzierungen, ohne Unklarheiten, ohne Belege natürlich auch (die erste Anmerkung auf S.23, die zweite auf S.36), ohne all das verwirrende Zeug, das Wissenschaft so schwer verdaulich macht. Das Warum ist stets geklärt, oder es wird einfach ignoriert. Bei ihm erfährt man endlich, wie es wirklich gewesen ist, damals, er löst den uneinlösbaren Anspruch der Geschichtswissenschaft einfach mal ein. Sogar die Evolution erzählt er als Geschichte. Er könnte sofort beim Spiegel anfangen.


    Was mir trotzdem gefällt, ist die Denkweise. Harari versucht modern zu denken. Der ganze Ansatz, Geschichte und Gegenwart im Horizont der Evolution zu sehen, das Allzuselbstverständliche in unseren Annahmen und Werten in Frage zu stellen, das ist gut.


    Nach diesem kleinen Vorgeplänkel jetzt zur Sache. Das hier soll ja keine Rezension werden, nur ein paar Anmerkungen zur Lektüre. (Ich bin übrigens jetzt auf S. 322.)


    ich habe nur die ersten sieben Kapitel hinter mir, bin auf S. 168. Ich fand die Ansicht originell, dass die Sesshaftwerdung des Homo Sapiens ein Rückschritt des individuellen Lebensglücks gewesen sei. Als Jäger und Beuter habe die Gattung nicht so zahlreich überleben können wie als Bauern, aber die "Work-Life-Balance" sei für den einzelnen Nomaden viel besser gewesen.

    Ob ausgerechnet diese Ansicht originell ist, kann ich nicht beurteilen, aber ich habe Zweifel. Gibt es nicht in den Bereichen Fitness, Ernährung, Work-Life-Balance eine Menge Ratgeber und Gurus, die sich auf irgendwelche fantasierten Ur- oder Vorzeiten berufen? Ich habe immer den Eindruck, dass das einer der größeren Trends ist heutzutage. Hararis Steinzeitidylle kann da problemlos andocken.


    Er schreibt:

    Das Leben der Jäger und Sammler konnte sich je nach Region und Jahreszeit ganz erheblich unterscheiden, doch im Großen und Ganzen bekommt man den Eindruck, dass sie ein sehr viel angenehmeres Leben führten als die meisten Bauern, Schäfer, Landarbeiter und Büroangestellten, die ihnen folgten. (S.69)

    Und weiter:

    Die Kost, die sie sammelten und jagten, war ideal. (...) Das Erfolgsgeheimnis der Jäger und Sammler, das sie vor Hungertod und Mangelernährung bewahrte, war ihre vielseitige Ernährung. (...) Wenn eines ihrer Grundnahrungsmittel ausfiel, konnten sie einfach eine andere Pflanze sammeln, ein anderes Tier jagen oder in eine weniger stark betroffene Gegend ausweichen. (S.70f)


    Außerdem litten sie weniger unter ansteckenden Krankheiten, waren fit wie Marathonläufer, viel beweglicher als wir, konnten besser sitzen, gehen, laufen und hatten nicht nur ein besseres Verständnis ihrer Umwelt als wir, sondern auch ihrer Innenwelt.


    Das alles berichtet Harari ohne einen nennenswerten Unterton des Zweifels. Interessanterweise schreibt er ein paar Seiten vorher: Leider gibt es kaum gesicherte Erkenntnisse über das Leben unserer steinzeitlichen Vorfahren. (S.60)


    Vor- und Frühgeschichtler machen gerne mal eine lustige Bemerkung über solche Dinge, Work-Life-Balance bei Jägern und Sammlern. Bei Harari ist die Steinzeitidylle kein joke. Da frage ich mich schon: Soll ich das ernst nehmen?


    Soweit erst mal für heute.

  • Hallo Enno,

    Ob ausgerechnet diese Ansicht originell ist, kann ich nicht beurteilen, aber ich habe Zweifel. Gibt es nicht in den Bereichen Fitness, Ernährung, Work-Life-Balance eine Menge Ratgeber und Gurus, die sich auf irgendwelche fantasierten Ur- oder Vorzeiten berufen? Ich habe immer den Eindruck, dass das einer der größeren Trends ist heutzutage. Hararis Steinzeitidylle kann da problemlos andocken.

    Diese Berufung von Gurus der Work-Life-Balance auf die Steinzeit kenne ich wiederum nicht. Ich weiß nur, dass dies gemeinhin als großer Fortschritt gesehen wird: Der Mensch wird sesshaft und betreibt Landwirtschaft. Das ist nach meinem Empfinde die allgemeine Vorstellung. Harari weicht davon ab, und das empfinde ich als originell. Seine Vorstellung ist: Die Art des Homo sapiens kann ab der landwirtschaftlichen Revolution zwar zahlreicher überleben, aber das Leben des Einzelnen war besser in der Nomaden-Phase.

    Das alles berichtet Harari ohne einen nennenswerten Unterton des Zweifels.

    "Wer das Falsche verteidigen will, hat alle Ursache, leise aufzutreten und sich zu einer feinen Lebensart zu bekennen. Wer das Recht auf seiner Seite fühlt, muss derb auftreten: ein höfliches Recht will gar nichts heißen." (Goethe) ;-) (Ist in diesem Zusammenhang nur flapsig gemeint.)


    Herr Harari ist zwar von seiner Sichtweise überzeugt, aber er macht deutlich, dass er eine Mindermeinung vertritt. Mir reicht das.


    Ich bin gerade auf S . 241. Kurz vorher bin ich über Hararis Ausführungen zu Imperien gestolpert. Er sieht nur zwei Eigenschaften: Herrschaft über verschiedene Völker und flexible Grenzen mit potentiell grenzenlosem Appetit - kulturelle Vielfalt und flexibles Herrschaftsgebiet (S. 233f.).


    Zu diesem Punkt möchte ich ganz eitel mich selbst zitieren (aus den "römischen Kaisern"): "Langlebigen Imperien gelingt es, im Interesse ihrer Bürger politische, ökonomische, militärische und ideologische Macht auszubalancieren. Ein Imperium muss daher weit mehr sein als eine Militärmacht. Augustus schafft etwas viel Größeres als eine Militärmonarchie. Nach seinem Machtantritt sichert er die Pax Romana für das Reich, die zugleich eine Pax Augusta ist. Dies ist laut Münkler ein Paradebeispiel für die Entstehung eines Imperiums, nämlich die augusteische Schwelle: Das Römische Reich wird in die Phase der geordneten Dauer überführt, des lange währenden Bestandes. Dem Steppenreich der Mongolen oder den Seereichen der Spanier und Portugiesen gelinge dieser Übergang nicht, weil es an einer langfristigen Konzeption fehle (Münkler, S. 112ff.). Ob ein Staat die augusteische Schwelle überschreiten und zum Imperium werden kann, das hängt hiernach entscheidend davon ab, ob das Zentrum der Macht seiner Peripherie zivilisatorisch überlegen ist. Denn sonst ist dieses Machtzentrum permanent zu Gewaltandrohung, militärischer Dauerpräsenz oder Militärzügen genötigt, um seine Herrschaft aufrechtzuerhalten. So eine Dauer-Überforderung steht einem langlebigen Imperium im Weg." (Das zitierte Werk ist: Münkler, Herfried: Imperien. Die Logik der Weltherrschaft – vom Alten Rom bis zu den Vereinigten Staaten, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 2007)

    Es gibt drei Regeln, wie man einen Roman schreibt. Unglücklicherweise weiß niemand, wie sie lauten. (William Somerset Maugham)

  • Seine Vorstellung ist: Die Art des Homo sapiens kann ab der landwirtschaftlichen Revolution zwar zahlreicher überleben, aber das Leben des Einzelnen war besser in der Nomaden-Phas

    Originell ist diese Ansicht sicherlich, aber eben auch leicht durchschaubar. Es ist die Sicht aus der heutigen Befindlichkeit zurück in eine ganz ferne Vergangenheit. Außerdem werden, so meine ich, die anderen Lebensumstände dabei außer Acht gelassen.

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Sagen und Legenden aus Baden

    ASIN/ISBN: 3955403823


    Im Inneren eines Menschen existiert ein Kern, der von Fragen wie Staatsbürgerschaft oder sozialer Herkunft völlig unberührt ist. Dafür sollte sich die Kunst interessieren.
    Marina Davydova

    SZ Nr. 289, 15.12.2022, S. 11


  • @HD: So bringt das nichts. Man kann nicht über angebliche Hintergründe und Absichten reden und die Argumente selbst außer Acht lassen. Harari formuliert auf S. 104: "Die landwirtschaftliche Revolution läutete auch keine Ära des angenehmen Lebens ein, ganz im Gegenteil, der Alltag der Bauern war härter und weniger befriedigend als der ihrer Vorfahren. Die Jäger und Sammler ernährten sich gesünder, arbeiteten weniger, gingen interessanteren Tätigkeiten nach und litten weniger unter Hunger und Krankheiten." Das begründet er im Folgenden. Dieser These kann man gern Fakten entgegenhalten, aber es bringt nichts, eine vorgebliche Haltung dahinter zu kritisieren.

    Es gibt drei Regeln, wie man einen Roman schreibt. Unglücklicherweise weiß niemand, wie sie lauten. (William Somerset Maugham)

  • Spannende Diskussion. Work-Life-Balance bei den Paläos. Das wäre vielleicht auch ein cooler Ansatz für Kreativseminare. Dino erschlagen, Beeren sammeln, Nachbardorf ordentlich durchschänden und dann etwas entspannende Aquarellmalerei. Allemal besser als dieses Bauernzeug. Die töpfern höchstens und bemalen Schränke.

  • @HD: So bringt das nichts. Man kann nicht über angebliche Hintergründe und Absichten reden und die Argumente selbst außer Acht lassen. Harari formuliert auf S. 104: "Die landwirtschaftliche Revolution läutete auch keine Ära des angenehmen Lebens ein, ganz im Gegenteil, der Alltag der Bauern war härter und weniger befriedigend als der ihrer Vorfahren. Die Jäger und Sammler ernährten sich gesünder, arbeiteten weniger, gingen interessanteren Tätigkeiten nach und litten weniger unter Hunger und Krankheiten." Das begründet er im Folgenden. Dieser These kann man gern Fakten entgegenhalten, aber es bringt nichts, eine vorgebliche Haltung dahinter zu kritisieren.

    Im Grunde hast du Recht, Alexander. Aber auch nicht ganz, denn was "befriedigend oder weniger begriedigend" für die betroffenen Vorfahren bleibt Spekulation, egal wie begründet.

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  • Ich mach' mal den Enno - das ist positiv gemeint, Enno. :) Ähnlich wie bei der Diskussion über Gender-Sprache zeigen sich hier Elemente, die typisch sind für ganze Gesellschaften: Ein Politiker, Wissenschaftler, Künstler ... sagt etwas, worüber eine Kontroverse entsteht. Die Kontroverse entsteht aber nicht über die Aussage, sondern über die Ausschnitte und Interpretationen, wie sie in den Medien stehen. Bin ich einer abwegigen Auffassung, wenn ich meine, man sollte ein Buch gelesen haben, bevor man sich darüber eine Meinung bildet? Talkshows und "soziale Netzwerke" sind voll von Beispielen, in denen über Bücher geredet wird, die kaum jemand gelesen hat.


    Ich beziehe zu Hararis These keine Stellung. Allerdings begründet er seine Ansicht in vielerlei Hinsicht. Eine von vielen Stellen ist diese (und sie ist der Grund, warum ich auf das Schlagwort "Work-Life-Balance" kam): "Während die Menschen in den heutigen Wohlstandsgesellschaften zwischen 40 und 45 Stunden pro Woche arbeiten, und in den Ländern der Dritten Welt sogar zwischen 60 und 80, kommen die Wildbeuter (von heute, icke) selbst in den unwirtlichsten Gegenden der Welt - zum Beispiel der Kalahari-Wüste - im Durchschnitt auf nur 35 bis 40 Arbeitsstunden pro Woche. Sie jagen höchstens jeden dritten Tag und die Sammeltätigkeit nimmt pro Tag lediglich drei bis sechs Stunden in Anspruch. (...) Es ist sehr wahrscheinlich, dass die steinzeitichen Jäger und Sammlerin fruchtbaren Regionen deutlich weniger Zeit benötigten, um Nahrung und Rohstoffe herbeizuschaffen. (...)" (S. 69f.)


    Das ist ein kleiner Ausschnitt von sehr vielen Bausteinen der Argumentation. Wer den Film kennt, möge hier an "Die Götter müssen verrückt sein" denken. Darin geht es um die moderne Zivilisation und die Buschmänner der Kalahari. Hararis Position ist jedenfalls zu komplex, um sie einfach so abzutun.

    Es gibt drei Regeln, wie man einen Roman schreibt. Unglücklicherweise weiß niemand, wie sie lauten. (William Somerset Maugham)

    Einmal editiert, zuletzt von Alexander R. () aus folgendem Grund: Tippfehler, Fundstelle

  • … Ein Politiker, Wissenschaftler, Künstler ... sagt etwas, worüber eine Kontroverse entsteht. Die Kontroverse entsteht aber nicht über die Aussage, sondern über die Ausschnitte und Interpretationen, wie sie in den Medien stehen. Bin ich einer abwegigen Auffassung, wenn ich meine, man sollte ein Buch gelesen haben, bevor man sich darüber eine Meinung bildet? T

    Da sind wir einer Meinung, Alexander. Wenn ich mir eine Meinung über das Buch gestatten würde, dann sollte ich es lesen. Tue ich aber nicht. Ich greife eine Aussage auf, die Du aus dem Buch wiedergibst. Duzu erlaube ich mri einen kleinen Zweifel. Dafür muss ich das Buch nicht gelesen haben.

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  • Die Steinzeitnomaden hatten eine bessere Work-Life-Balance und mehr individuelles Lebensglück als wir (und vor allem als ihre unmittelbaren Nachfolger, die Ackerbauern und Viehzüchter): Ist diese These originell oder nicht?


    Vielleicht ist die spezielle These von Harari originell, ich kann das nicht beurteilen, mit Ur- und Frühgeschichte kenne ich mich nicht besonders aus. Nicht sehr originell ist der Ansatz, in eine zurückliegende Zeit eigene Wünsche nach z. B, nichtentfremdeter Arbeit, einem Leben mit schön viel Outdoor-Aktivität usw. zu projizieren. Der Verdacht, dass Harari etwas in der Art macht, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Geht mir jedenfalls so bei der Lektüre. Btw: Dass Horst-Dieter auch ohne eigene Lektüre auf diese Vermutung kam, beweist möglicherweise seinen guten Riecher. ^^


    Die These von Harari ist trotzdem nicht uninteressant. Vielleicht ist ja was dran. Das Dumme ist, wir werden es nie so richtig wissen. Aber das muss uns nicht hindern, in der Sache selber zu argumentieren.


    Ich persönlich brauche eine solche These oder Sichtweise nicht. Ich halte die Frage nach dem individuellen Lebensglück von Steinzeitmenschen nicht für so bedeutsam. Harari braucht sie, glaube ich, für seine Gesamt-Diagnose der menschlichen Entwicklung.


    Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass das alles zu abstrakt bleibt. Daher mache ich mal den Versuch, ins Detail zu gehen. Textanalyse ist bei Sachbüchern nicht weniger interessant als bei Belletristik.


    Ich bleibe dafür mal bei den Steinzeit-Thesen.


    Zitat

    Wegen ihrer ausgewogenen und vielseitigen Kost, ihrer kurzen Arbeitszeiten und ihrer gesunden Lebensweise bezeichnen Historiker die Wildbeuter der Steinzeit gern als »die erste Wohlstandsgesellschaft«. Trotzdem sollten wir das Leben dieser Jäger und Sammler nicht durch eine rosarote Brille sehen. (S.72)


    Ich habe ja irgendwo oben schon gesagt, dass Historiker gern mal scherzhaft von solchen Dingen sprechen. Erste Wohlstandsgesellschaft. In seriösen Fachpublikationen hält man sich mit solchen Dingen zurück. Weil solche Bewertungen viel zu weit gehen. In der Wissenschaft hütet man sich davor, Aussagen zu machen, die zwar lustig klingen, aber nicht belegbar sind.


    Harari braucht das aber an dieser Stelle, die Behauptung, Historiker würden die Steinzeitgesellschaft gern so bezeichnen. Es geht um das gern. Dadurch kann er im nächsten Satz als derjenige in Erscheinung treten, der diese etwas zu enthusiastischen Forscher auf den Boden der Tatsachen holt. Bitte mal die rosarote Brille absetzen.


    Er inszeniert das also so, dass (einige? viele?) Historiker gern die rosarote Brille aufhaben, und er nicht, im Gegenteil, er behält den Durchblick. Er ist seriös.


    In Wirklichkeit hat er selbst das so dargestellt, niemand sonst. Und die rosarote Brille haben nicht irgendwelche Historiker auf, sondern seine Leser, und zwar deshalb, weil er sie ihnen vorher aufgesetzt hat. Jetzt möchte er, dass sie sie abnehmen.


    Das ist Rhetorik vom Feinsten. Aber warum eigentlich? Wozu macht er das? Nur um sich selbst als seriös darzustellen? Ich denke, es gibt noch einen wichtigeren Grund. Das pseudoseriöse Absetzen der rosa Brille ist die Einleitung zu etwas, um das er leider nicht herumkommt. Er muss da etwas zur Sprache bringen, was nicht so schön ist. Und er muss das tun, weil es wirklich auffällig wäre, wenn er das ausspart. Also versucht er es wenigstens geschickt anzukündigen. Also, was kommt da jetzt?


    Zitat

    Sie lebten zwar besser als die meisten Menschen in Agrar- und Industriegesellschaften, doch ihre Welt konnte hart und erbarmungslos sein. Zeiten der Entbehrung waren nicht selten, die Kindersterblichkeit war hoch, und ein Unfall, etwa ein Sturz von einem Baum, konnte einem Todesurteil gleichkommen. Die meisten Menschen genossen vermutlich die Intimität der umherziehenden Gruppe, doch die Unglücklichen, die sich die Feindschaft oder den Spott der anderen zuzogen, hätten Sartre beigepflichtet, als er sagte, »die Hölle, das sind die anderen«. Auch heute lassen Jäger und Sammler ihre Alten und Kranken oft zurück oder töten sie, weil sie nicht mehr mit der Gruppe mithalten können. Unerwünschte Neugeborene und Kleinkinder werden getötet, und gelegentlich kommt es auch zu religiösen Menschenopfern. (S.72)


    Hart und erbarmungslos. Besonders interessant finde ich den Satz mit den Unglücklichen, die sich die Feindschaft oder den Spott der anderen zuzogen. Das heißt ja wohl, dass alle möglichen Formen von Abweichung, von Anderssein hart und erbarmungslos sanktioniert wurden. Oder pardon, werden konnten. Ich muss sagen, das gefällt mir nicht so. Aber schauen wir mal weiter. Da kommt ja noch mehr. Am Beispiel der Aché (einer indigenen Ethnie in Südamerika) versucht Harari ein Bild zu skizzieren, was das Steinzeitleben so an Unannehmlichkeiten geboten haben könnte. (Die archäologisch ausgerichtete Ur- und Frühgeschichtsforschung bezieht seit einiger Zeit auch Forschungsergebnisse der Anthropologie mit ein.)


    Zitat

    Wenn alte Frauen der Gruppe zur Last fielen, schlich sich ein junger Mann von hinten an sie heran und erschlug sie mit einer Axt. Einer der Männer erzählte den neugierigen Anthropologen von seinen besten Jahren im Urwald. »Ich habe immer die alten Frauen umgebracht. Ich habe meine Tanten erschlagen … Die Frauen hatten Angst vor mir … Hier, bei den Weißen, bin ich schwach geworden. Ich habe viele alte Frauen umgebracht.« Kinder, die ohne Haare zur Welt kamen, galten als unterentwickelt und wurden sofort getötet. Eine Frau erinnerte sich, dass ihr erstes Baby umgebracht wurde, weil die Männer der Gruppe keine Mädchen mehr wollten. Bei einer anderen Gelegenheit erschlug ein Mann einen kleinen Jungen, »weil er immer schlecht gelaunt war und oft weinte«. Ein anderes Kind wurde lebendig begraben, »weil es komisch aussah und die anderen Kinder es gehänselt haben«.

    Trotzdem sollten wir nicht vorschnell über die Aché urteilen. (…) Für sie war die Tötung von Kindern, Kranken und Alten nichts anderes als für uns Abtreibung oder Sterbehilfe. (S.73)


    Uff. Jetzt wäre ein bisschen rosarot gar nicht so schlecht. Aber wir sollen ja nicht vorschnell urteilen. Gewalt ist nun mal ein kniffliges Thema. Mit dem wir auch immer noch nicht fertig sind.


    Zitat

    Und dann ist da noch die heikle Frage nach dem Krieg. Einige Wissenschaftler beschreiben die Welt der Jäger und Sammler als Paradies und behaupten, Krieg und Frieden begannen erst mit der landwirtschaftlichen Revolution, als die Menschen anfingen, Privatbesitz anzuhäufen. Andere Wissenschaftler beschreiben die steinzeitliche Welt dagegen als ausgesprochen grausam und blutig. Beide Theorien sind Luftschlösser, die auf mageren archäologischen Funden und der Beobachtung moderner Jäger und Sammler errichtet werden. (S. 80)

    Einige Wissenschaftler sagen dies. Andere sagen das. Ich sage: Luftschlösser. Die können das doch gar nicht beweisen.


    Das ist ganz hohe Kunst. Was macht man, wenn das, was man behaupten möchte, weniger gut belegt ist als das, was einem nicht so in den Kram passt? Gar nicht so einfach.


    Erste Maßnahme: Man geht ein paar Schritte zurück, reckt den Daumen hoch und sagt Pi. Das Ergebnis ist ein bisschen verschwommen, und das soll es auch sein. Einige Wissenschaftler? Wer? Egal. Braucht niemand zu wissen.


    Zweite Maßnahme: Es handelt sich ja um zwei konkurrierende Thesen. Im Prinzip sind die doch gleichwertig, wenn man keine so richtig beweisen kann, oder? Beides Luftschlösser. Voilà – Problem gelöst.


    Meine These: Hararis Rhetorik ist viel subtiler, als man das bei normaler Lektüre so merkt. Der Mann hätte Prediger werden sollen. Aber vielleicht ist er das ja.


    Morgen (oder falls ich es zeitlich nicht schaffe, übermorgen) setze ich das noch ein bisschen fort. Zum Thema Gewalt ist hiermit nämlich noch nicht alles gesagt.

  • Ich bin gerade auf S . 241. Kurz vorher bin ich über Hararis Ausführungen zu Imperien gestolpert. Er sieht nur zwei Eigenschaften: Herrschaft über verschiedene Völker und flexible Grenzen mit potentiell grenzenlosem Appetit - kulturelle Vielfalt und flexibles Herrschaftsgebiet (S. 233f.).

    Hararis Vorgehensweise: Er vereinfacht so stark, dass jeder, der sich mit einem der abgehandelten Bereiche ein wenig auskennt, sofort ein paar Einwände hat. Du offenbar auch.


    Nun muss man natürlich vereinfachen, zumal, wenn man ein Büchlein über die letzten 100.000 Jahre schreibt. Aber was taugen die Aussagen am Ende dann noch? Das ist nicht so ganz leicht zu entscheiden. Im Zweifelsfall taugen sie auch unterschiedlich viel. Für mich als normalen Leser ist das vollkommen undurchsichtig.


    Hararis Position ist jedenfalls zu komplex, um sie einfach so abzutun.


    Da stimme ich zu. Ich würde seine Position(en) auch nicht einfach so abtun, ebenso wenig wie du. Andererseits: angesichts der Fachwissenschaft wirkt seine Schreibweise zum Teil wieder stark unterkomplex.


    Das ist wie beim Badminton. Zwischen Federball und Weltrangliste gibt es mehr als drei verschiedene Spielniveaus. Von der Fachwissenschaft bis herunter zum Stammtisch gibt es auch mehr als drei Niveaustufen. Wo ist dieses Buch da anzusiedeln?


    Und: Was ist das eigentlich für ein Sachbuch? Was für eine Textform? Als Wissenschaftsvermittlung würde ich es nicht bezeichnen.

  • Spannende Diskussion. Work-Life-Balance bei den Paläos. Das wäre vielleicht auch ein cooler Ansatz für Kreativseminare. Dino erschlagen, Beeren sammeln, Nachbardorf ordentlich durchschänden und dann etwas entspannende Aquarellmalerei. Allemal besser als dieses Bauernzeug. Die töpfern höchstens und bemalen Schränke.

    Dass die Dinos damals schon eine Weile ausgestorben waren, ist dir aber bewusst, oder?")" Naja, egal. Soll ja ein Kreativseminar sein.

  • Hararis Vorgehensweise: Er vereinfacht so stark, dass jeder, der sich mit einem der abgehandelten Bereiche ein wenig auskennt, sofort ein paar Einwände hat. Du offenbar auch.

    Ich war vorschnell. Harari geht später ausführlich auf den Zusammenhang von Imperium und Zivilisation ein, versteht diesen Punkt nur nicht als Teil der Definition eines Imperiums.

    Es gibt drei Regeln, wie man einen Roman schreibt. Unglücklicherweise weiß niemand, wie sie lauten. (William Somerset Maugham)

  • Dinos sind ausgestorben? :heul

    Nicht wirklich. Sie ziehen sich heutzutage nur anders an. :brille

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    Horst-Dieter Radke: Sagen und Legenden aus Baden

    ASIN/ISBN: 3955403823


    Im Inneren eines Menschen existiert ein Kern, der von Fragen wie Staatsbürgerschaft oder sozialer Herkunft völlig unberührt ist. Dafür sollte sich die Kunst interessieren.
    Marina Davydova

    SZ Nr. 289, 15.12.2022, S. 11


  • Wie schon angedroht, noch mal etwas zum Thema Gewalt in der Steinzeit. Ich machs auch kurz.


    Zitat

    Aber was entspricht denn nun der Welt der steinzeitlichen Jäger und Sammler: die friedlichen Skelette aus Israel und Portugal oder die Schlachthöfe von Jebel Sahaba und der Ofnethöhlen? Die Antwort lautet: Weder das eine noch das andere. Genau wie sich die Jäger und Sammler hinsichtlich ihrer Religionen und gesellschaftlichen Strukturen erheblich unterschieden, gab es offenbar auch große Differenzen bei der Gewalt. Einige Regionen scheinen in Frieden und Harmonie gelebt zu haben, andere scheinen von blutigen Konflikten heimgesucht worden zu sein. (Harari S.83)


    Das klingt differenziert und vernünftig. Mir kommt es trotzdem vor wie eine Vernebelung des eigentlichen Problems. Das ich darin sehe, dass die Steinzeitmenschen in puncto Gewalt vermutlich ein ausgesprochen stressiges Leben hatten. Und zwar alle Steinzeitmenschen, mehr oder weniger. Es geht um etwas so Fundamentales wie das Sicherheitsgefühl. Sich sicher fühlen zu können vor Gewalt, Totschlag, Überfall. Ein ziemlich großer Faktor, wenn man sich so etwas wie individuelles Lebensglück ausmalt.


    Natürlich ist meine Vermutung wacklig. Immerhin wird sie ein bisschen gestützt, wenn man Eine andere Geschichte der Menschheit zu Rate zieht: so der Untertitel von Steven Pinkers Buch über Gewalt. (Auch 2011 erschienen.) Im zweiten Kapitel geht es dort u. a. um die Jäger und Sammler, sowohl die der Steinzeit als auch die heute lebenden. Pinkers These ist, dass die Gewalt im Lauf der Menschheitsgeschichte dramatisch abgenommen hat und dass der erste Schritt zur Befriedung die soziale Organisationsform war (und ist), die wir als Staat kennen. Das heißt dann auch: Nirgendwo mehr Gewalt als in der Steinzeit. Er versucht das zahlenmäßig zu belegen. Und schreibt übrigens auch ausgesprochen suggestiv.


    Nicht dass ich überzeugt bin, dass Pinkers Diagramme und Belege jeder Nachprüfung standhalten würden. Aber auf mich wirken sie trotz einiger Vorbehalte glaubwürdiger als Hararis Abwiegeln.